Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Sowjetunion

Die Arbeiterklasse und die wirtschaftlichen Reformen

Inprekorr Nr. 33, 15. Mai 1975 · S. 25-30 · 4.032 Wörter

Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie Jugend und Studenten

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

ERIC LAURENT & M. I. HOLUBENKO

Die Durchführung verschiedener Reformen in der UdSSR hat die Arbeiterklassen scheinbar ziemlich weich ui der seher deutesken vormit der Burokratie, die zu keinem Augenblick Maßnahmen ergriffen hat, die von der Arbeiterklasse als direkter Anriff hätten angesehen werden können, wie dies im Dezember 1970 in Polen der Fall war mit der plötzlichen und bedeutenden Preiserhöhung für die wichtigsten Konsumgüter, Dies erklärt sich auch, und vor allem, dadurch, daß 40 Jahre Stalinismus nicht an der Arbeiterklasse vorübergegangen sind, ohne tiefe Spuren zu hinterlassen, Besonders strebt die ganze Politik der Bürokratie über die Transmissionsriemen Partei und ihre Massenorganisationen danach, die Gesamtheit der Gesellschatt zu atomiieren, und in erster Linie die Arbeiterklasse, Jeguche Form der Regruppierung oder kollektiver Aktionen außerhalb des Rahmens der ottiziellen Kanale zu verhindern. In der Tat ist seit dem Tod von Stalin die Arbeiterklasse niemals auf die politische Bühne getreten mit ihren eigenen Forderungen, um ihre Klasseninteressen gegenüber der Bürokratie zu verteidigen. Auch ist die Arbeiterklasse vollkommen außerhalb der Bewegung der demokratischen Opposition während der sechziger Arbeiterklasse.

Unter diesen Bedingungen kommt die Opposition der Arbeiterklasse gegen die Bürokratie hauptsächlích in individuellen Akten zum Ausdruck, Sabotage der Produktion, sehr langsames Arbeitstempo, mangeindes Interesse für die Qualität der Produkte, sehr oher Prozentsatz von Arbeitern, die der Arbeitsstelle öfters ferbleiben, beträchtliche Mobilität der Arbeitskräfte oder sogar Rowdytum und Alkoholismus. Dinge, über die die offizielle Presse berichtet in Ausdrucken wie "Abweichung", von bzw. 'Nichtan die "kommunistische" Gesellschaft. Die Trinksucht drückt am massivsten das Gefüh der sozialen Frustration aus; sie hat solche Dimensionen angenommen, daß die Bürokratie 1972 eine ganze Reihen von Sonderverordnungen verfügen mußte, um gegen den Alkoholismus zu kämpfen, Wenn der Alkoholismus unter Stalin zugleich ein wichtiges Mittel zur Kontrolle der Arbeiterklasse und eine wichtige Einnahmequelle war -- an den Toren der Fabriken wurden Wodka-Kioske organisiert -so fügt sich die heutige offizielle Kampagne gegen den Alkoholismus ein in das svstematische Bemühen ein, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen. Diese Kampagne scheint jedoch keine bedeutenden Erfolge errungen zu haben, weil eben der Alkoho- Lismus aufgrund eines tiefen Gefühls sozialer Unzufriedenheit entsteht.

Wir verharren nicht weiter bei dem Problem des indi viduellen Widerstandes und der Verzweiflung der Arbeiterklasse, das relativ bekannt ist. Wir wenden uns vielmehr im wesentlichen folgendem Problem zu: inwieweit hat die Einführung der verschiedenen Reformen seit 1965 die Situation der Arbeiterklasse ändern können? Und, soweit das möglich ist: welche Reaktionen hat es von Seiten der Arbeiterklasse darauf gegeben?

Die Reform von 1965 Die Reform von 1965 versuchte vor allem, das System der Betriebsführung zu modifizieren; sie wurde eingeführt, obwohl die Arbeiterklasse ihr vollkommen gleichgültig oder oft sogar unwissend gegenüberstand. Im Rahmen einer Umfrage im Jahre 1967 hat man 400 Arbeiter einer Fabrik in Lugansk gefragt, was die Reform ihrer Meinung nach gebracht habe. Zum einen der Produktion und zum anderen ihnen persönlich( Löhne und Prämien).

ERHÖHUNG DER PRODUKTION: (2)

ja ein wenig •überhaupt nicht oder weiß nicht 111 43 221 ERHÖHUNG DER LÖHNE ODER PRÄMIEN:

ja wenig oder uber- weiß nicht haupt nicht 94 130 181 Selbst wenn es unmöglich ist, aus einer so beschränkten Stichprobe allgemeine Schlußfolgerungen zu ziehen, so ist doch die beträchtliche Prozentzahl der gleichgültigen oder der negativen Antworten(besonders was die zweite Frage angeht) relativ aufschlußreich, 1973 erklärten 78% der Arbeiter in einer Fabrik in Worochilovgrad, nichts von einer Wirtschaftsreform zu wissen, die lanciert worden war "um die Effektivität der Produktion zu stärken und die Löhne zu erhöhen".

In der Tat waren die Auswirkungen der Wirtschaftsreform für die Arbeiterklasse besonders minimal. Die Wünsche verschiedener liberaler Wirtschaftler wie Birman oder Anasenkov nach einer stärkeren Beteiligung der Arbeiter an der Führung des Betriebes blieben toter Buchstabe. Was die materiellen Anreize angeht, so waren die Hauptnutznießer davon die leitenden Angestellten im Betrieb; besonders die aus Spezialfonds herrührenden Prämien kamen allein den Ingenieuren, Technikern und Kadern zugute. Wenn man darüberhinausıweiß,

Seite 26

SOWJETUNION daß im Durchschnitt nur 20% der Arbeiter Prämien aus dem Fonds bekommen, so versteht man besser die Gleichgültigkeit oder die offene Unwissenheit der befragten Arbeiter. Die Auffächerung der Benutzung des Fonds für materielle Anreize auf verschiedene Betriebe und auf verschiedene Industriebranchen bewirkte, daß es sehr deutliche Unterschiede bei den Löhnen für dieselbe Arbeit gat (vgl, Maximov: Premirovanie rabocikh... Moskva, 1971).

Dies erlaubt auch eine Erklärung für die Untahigkeit der Reform von 1965, die Haltung der Arbeiterklasse gegenüber der Produktion zu verändern (weiterhin ist die spontane Mobilität sehr stark, ebenso das Fernbleiben von der Arbeit, sowie das relativ langsame Wachstum der Produktivität). Seit Anfang del siebziger Jahre hat die Bürokratie, während sie erneut Reformen lancierte, alle ihre Anstrengungen auf den "rationaleren" Einsatz der Arbeitskräfte konzentriert. Die Studien und die "Erfahrungen" diesbezüglich sind zahlreich. Aber auf diesem Gebiet scheint die Bürokratie ein Problem angehen zu wollen, für das die Arbeiterklasse sehr ansprechbar ist: das Problem der Arbeitsplätze, oder genauer der Sicherheit der Arbeitsplätze (3). Die Bürokratie ist sich übriens mehr oder weniger darüber im klaren daß sie sich damit auf ein heißes Pflaster wagt und legt deshalb eine sehr große Vorsicht an den Tag. In diesem Rahmen hat die Erfahrung von Schekino einer Testwert, denn sie scheint eine rasche Entwicklung der Produktivität auf der Basis einer bedeutenden Rationalisierung der beschäftigten Arbeitskräfte zu ermöglichen (in fünf Jahren wurden 1 300 Arbeitsplätze wegrationalisiert). Zahlreiche Studien wurden diesem Experiment gewidmet, aber die Reaktionen der Arbeiter auf die verschiedenen Maßnahmen, fanden in diesen Studien kaum jemals einen Niederschlag. Obwohl einige Artikel eine gewisse Unzufriedenheit durchschimmern lassen; so erklärt der Sekretär des Parteikomitees des Kombinats, daß er eine ganze Reihe von "psycholoischen Vorsichtsmaßnahmen" treffen mußte un laß man es vor allem unterließ "von Entlassunger zu sprechen und von der Befreiung von Arbeitskraftreserven sprach". Die Arbeiter von Schekino haben auch gegenüber Diensten wie der wissenschaftlichen Organisation der Arbeit und dem genormten Forschungslaboratorium ihre Feindschalt ausgedrückt, da diese Dienste begriffen wurden als Urheber der Entlassungen des Personals;es wurden auch Fälle von kollektiven Widerstand auf der Ebene einer Abteilung gegenüber den geplanten Rationalisierungsmaßnahmen registriert. Wenn man auch die Bedeutung dieser Reaktionen nicht übertreiben darf, so sind sie doch bezeichnend, vor allem, wenn man bedenkt, daß das Experiment von Schekino in einer gewissermaßen "keimfreien" Umgebung durchgeführt wurde, in einer Situation von relativen Arbeitskräftemangel, wo das Problem der Wiedereinstellung keine allzugroßen Schwierigkeiten aufwarf -- ein Journalist spricht in einem dem Experiment von Schekino gewidmeten Werk von der Anwesenheit von Rekrutierungsagenten an den Toren des Betriebes, die darauf aus sind, die Arbeiter für andere Betriebe anziwerben. Aber die Öffentlichkeit, mit der die Bürokratie dieses Experiment versehen hat, sowie andere Experimente des gleichen Typs soll der Arbeiterklasse auch eine Warnung geben: sie soll ihre Haltung gegenüber der Arbeit ändern, denn bald werden nur noch die qualifiziertesten und die "produktivsten" eine gute Arbeitsstelle finden können. Und in der Tat würde die Verallgemeinerung solcher Maßnahmen auf eine große Anzahl von Betrieben das Problem der Entlassungen und der Wiedereinstellungen in einer vollkommen anderen Weise stellen. Man ist noch nicht soweit, aber bereits heute wurden eine ganze Reihe von Maßnahmen ergriffen, die in diese Richtung gehen: besonders die Schaffung eines Staatskomitees zur Nutzung der Arbeitskraftreserven, mit lokalen Verästelungen, deren wesentliche Aufgabe darin besteht, die einen Arbeitsplatz suchenden Arbeiter zu organisieren und zu kontrollieren; augenblicklich spielt dieses Komitee nur eine zweitrangige Rolle, denn 90% der Arbeiter ziehen es vor, selbst einen Arbeitsplatz zu finden. Im Rahmen einer Ausweitung der Maßnahmen vom Typ derer von Schekino könnte dieses Komitee eine viel bedeutendere Rolle und Autorität bekommen auf dem Gebiet der Vermittlung von Arbeitskräften, gemäß den Bedürfnissen der Wirtschaft, die •-mindestens solange die Bürokraten die einziger Richter darüber sind -- nicht mit den Bedürtnisser der Arbeiter übereinstimmen.

Bisher waren die legalen Möglichkeiten eines Fabrikdirektors, Arbeiter zu entlassen infolge einer Reduzierung der Belegschaftsstärke stark beschränkt; vor allem war er verpflichtet die Wiedereinstellung des Personals zu sichern:

"Das Nichtvorhandensein von Arbeitsstellen im Betrieb bzw. in der Abteilung, auf die die Arbeiter oder Angestellten, die aufgrund einer Verringerung der Belegschaftsstärke entlassen werden sollen, verlegt werden könnten, entbindet die Verwaltung nicht von der Verpflichtung, dafür zu sorgen, daß die so Entlassenen in anderen Betrieben oder Arbeitsstellen der gleichen Region einen neuen Arbeitsplatz finden."(4) Darüberhinaus muß der Betrieb den Lohn des entlassenen Arbeiters weiterzahlen bis dieser einen anderen Arbeitsplatz gefunden hat, sowie, gegebenenfalls, dessen Lohneinbuße.

Die Betriebsdirektoren üben einen sehr starken Druck Komitees zur Nutzung der Arbeitskraftressourceniwird: "Im Verlauf von Diskussionen mit dem Autor (es handelt sich um einen sowjetischen Wirtschaftswissenschaftler) haben eine große Anzahl von Betriebsdirektoren in Moskau, Wolgagrad, Kuibychew, Saratow, Tcheljabinsk und anderen Städten vollkommen zurecht das Problem der Freisetzung von Arbeitskräften (immer wieder dieselbe euphemistische Ausdrucksweise für Entlassung!) verbunden mit der Entwicklung und der Vertiefung der Wirtschaftsreform. Sie haben dabei betont, daß die Reduzierung der Zahl der Arbeiter und Angestellten beträchtlich erleichtert würde durch die Anwendung folgender Maßnahmen: Ausweitung der Rechte des Betriebes, besonders durch die Übertragung des Rechts, über die gesamte Lohnsumme voll- ' ständig verfügen zu können, bedeutende Vergrösserung der individuellen materiellen Anreize für das Personal (besonders was die hohen Gehälter angeht, sowie die den qualifiziertesten Individuen zugestandenen Prämien, die nicht nur ihre eigenen Verpflichtungen erfolgreich erfüllen, sondern auch noch dazu die Funktionen der entlassenen Personen): Abschaffung der Verpflichtung für die Betriebe, entlassenen Arbeiter anderswo unterzubringen und ihnen Entschädigungen zu zahlen für die Dauer der Periode, in der sie eine neue Arbeitsstelle suchen."(5)

Seite 27

Man könnte die Interessen der technokratischen Schichten in Bezug auf die Reform nicht klarer ausdrücken. Aber die Anwendung der Gesamtheit dieser Maßnahmen wäre gleichbedeutend mit einem Frontalangriff gegen die Arbeiterklasse, was die Bürokratie aut jeden Fall vermeiden will. Von daher auch die Pufferrolle, die die Bürokratie gezwungenermaßen spielen muß zwischen den Strömungen, die Anhänger einer "Rationalisierung" um jeden Preis sind, das heißt im wesentlichen auf Kosten der Arbeiterklasse, und der Arbeiterklasse, die sicher nicht bereit ist, eine der hauptsächlichen Errungenschaften, die ihr von der Revolution von 1917 noch übriggeblieben sind, kampflos in Frage stellen zu lassen: die Sicherheit des Arbeitsplatzes. So haben dann auch Ausweitung des Experiments von Schekino auf eine zu große Zahl von Betrieben zu bremsen. Produktivität und Löhne

Da das Problem der Produktivitätssteigerung heute das zentrale Problem ist, hat die Bürokratie versucht, Lohnerhöhungen mit Produktivitätssteigerungen immer enger miteinander zu verbinden, und.• zwar indem sie die automatischen Lohnerhöhungen mehr und mehr beschrankte. So wird in einem offiziellen Bericht betont: "Im laufenden Fünf-Jahresplan wird nur die Hälfte der Lohnerhöhungen herrühren aus der Einführung von neuen Lohntarifen, Gehältern oder anderen Bezahlungsarten, die andere Hallte wird von den Arbeitern und Angestellten auf dem Gebiet der Produktionserfolge errungen werden.

Dieser Wille, das Wachstum der Löhne in großem Maße dem Wachstum der Produktivität unterzuordnen -- deshalb besteht eines der Ziele der Bürokratie darin, gegen die inflationistischen Tendenzen zu kämpfen, die sich Ende der sechziger Jahre infolge von unkontrollierten Lohnerhöhungen in gewissen Brachen bemerkbar gemacht hatten. -- hat bereits im ersten Jahr des gegenwärtigen Fünf-Jahresplans eine eindeutige Verlangsamung des Wachstums der Arbeiterlöhne hervorgerufen. Wenn die Erhöhung der Löhne in der Periode zwischen 1965 und 1970 fast im gleichen Rhythmus erfolgte wie die der Produktivität (5% gegenüber 5, 7%), so stieg die Produktivitat 1970 um 7, 7%, während die Löhne nur um 4, 4% angehoben wurden, 1971 erhielt der Arbeiter in Rubeln ausgezahlt für 1% Produktivitätssteigerung nur noch ein Drittel von dem mehr. was er 1968 mehr bekommen hatte und 1972 die Hälfte, 1973 erhöhte sich der durchschnittliche Arbeiterlohn um 3, 7%. Aber diese Erhöhung des Durchschnittslohns rührt zum rosen Teil her aus einer Anhebung des monatichen Mindestlohnes von 60 auf 62 Rubel unc von Sonderprämien für den Großen Norden und Sibirien. Für 1974 sah der Plan nur eine Erhöhung von 3, 6% vor. Diese Lohnpolitik scheint in der Arbeiterklasse eine wachsende Unzufriedenheit hervorgerufen zu haben. Die "Izvestia" brachte dies Anfang dieses Jahres teilweise zum Ausdruck als sie die Resultate einer Umfrage in einer Lokomotivenfabrik in Worochilovgrad veröffentlichte. Das Interessante an dieser Umfrage ist, daß sie die Antworten der Arbeiter vergleicht mit denen einer ähnlichen Umfrage im Jahre 1968. 1974 sind mit ihrem Lohn (1968 waren es 54%), die erklären 15% der Arbeiter, daß sie unzufrieden schwachen Wachstum der Konsumgüterproduk- Mehrheit zeigt sich unzufrieden mit dem ion, die Zahl der Arbeiter, die sich über die schlechten Arbeitsbedingungen beschwerten stieg gegenüber 1968 um 65%.

Im Winter 1973/74 gab es in Moskau mehrere Streiks, besonders in der Bauindustrie, um höhere Löhne und Prämien.

Ein anderes Mittel zur Senkung der Löhne und zur Erhöhung der Produktivität -- dieses Mittel existierte bereits vor der Reform -- ist die Erhöhung der Normen, was oft zu Lohnverringerungen führt. Bei dem gegenwärtigen Lohnzahlungssystem beträgt der Grundlohn (der Tarif) nur 62, 4% des realen Gesamtlohns, in zahlreichen Betrieben liegt er sogar unter 46,1% Ein wichtiger Teil des restlichen Lohnes setzt sich zusammen aus Prämien aus dem Lohnfond, Und die Auszahlung der Prämien ist gebunden an die Erfüllung oder Ubererfüllung des Planes. Daher führt jede Revision der Produktionsnormen zu einer spürbaren Senkung des Normallohnes aufgrund der Rolle, die die Prämien selbst bei dessen Zustandekommen spielen. Im Falle der Ingenieure und Techniker enthält der "Normal"-Lohn keine Prämien, deren Auszahlung gebunden ist an die Erfüllung bzw. Ubererfüllung des Planes. Die Prämien, die den Ingenieuren und Technikern ausgezahlt werden kommen aus dem Fonds für materielle Anreize oder aus Spezialfonds. Dies erklärt, daß die brutale Erhöhung der Produktionsnormen die Ursache für zahlreiche Streiks gewesen ist.

So führte 1969 der Übergang einer Kautschukfabrik in Swerdlowsk zur Fünf-Tage- Woche, gefolgt von einer brutalen Revision der Normen, zu einer Lohnsenkung von un- Seristre Dierend der Daro de Während der Direktor und die , lokalen Autoritäten Anhänger einer "energischen "Antwort waren -- Einsatz der Miliz in einer system wurde wieder eingeführt und der Direktor des Betriebes wurde "entlassen" • um einige Zeit später einen verantwortlichen Posten in einem Ministerium in Moskau zu erhalten. Erst daraufhin macht sich der KGB auf die Suche nach den "Anführern".

Diese zunächst zögernde Haltung von Seiten der Bürokratie ist ziemlich charakteristisch. Zu ähnlichen Streiks kam es in Betrieben von Witebsk, Kopceisk usw.

Polizisten und Psychologen in der Fabrik

Gegenüber den zahlreichen Spannungen in den Betrieben besteht die erste Antwort der Bürokratie in einer "Verstärkung und Straffung der Disziplin" Dies kommt in der Presse immer häufiger zum Ausdruck, indem die Notwendigkeit der Anwesenheit von Vertretern des Innenministeriums in den Betrieben betont wird, In einem Artikel aus der "Izvestia" vom 9. Juli 1972 erklärt der Direktor eines Moskauer Betriebes, daß "die Polizeibeamten systematisch den Betrieb besuchen, Sie führen Untersuchungen durch, wo es zu Verletzungen der legalen Ordnung in unserem Betrieb gekommen ist. " In einem anderen Artikel kann man lesen: "Die Dienststelle des Generalstaatsanwalts des Distrikts von Swerdlowsk haben den Zustand der Arbeitsdisziplin in

Seite 28

SOWJETUNION unserem Betrieb untersucht, Sie haben der Direk- Dieses Phänomen muß gesehen werden im Zution einen Bericht über die Verletzungen der Ar- sammenhang mit dem Ende der Ara der extrem beitsdisziplin präsentiert, sowie einen Bericht über roßen vertikalen sozialen Mobilität in der Sowdie Verstöße gegen die öffentliche Ordnung durch jetunion, die ein Charakteristikum der erster die Arbeiter des Betriebes. " Man könnte dutzende jahrzehnte des sowjetischen Regimes gewesen ist, von Zitaten anführen, in denen die immer enger Ils die Nachfrage nach Kadern auf allen Ebener Zusammenarbeit zwischen der Polizei und in allen Sektoren beträchtlich war. Heute und den Betriebsdirektoren zum Ausdruck kommt. sind die Chancen des sozialen Aufstiegs -- von Parallel dazu entdeckt die Bürokratie mit Verwun- dem Lande in die Industrie, von der Arbeiterderung die Tugenden der amerikanischen Arbeits- klasse zur Schicht der Kader -- beträchtlich gepsycho-soziologie als Vorbeugemittel gegen sozia- sunken, le Kontlikte. In der Ausgabe der'Pravda" vom 28. August 1971 heißt es: "Warum versieht man die Eine Zahl ist in dieser Hinsicht besonders auf- Belegschait der großen Betriebe nicht mit einem schlußreich: der Prozentsatz der Jugendlichen, Arzt der Psychologie? In enger Zusammenarbeit die nach dem Abschluß ihrer Schulausbildung mit den sozialen Organisationen könnte er einen ein Studium an einer Universität oder an demwertvollen Beitrag zur Verhinderung von Konflikten entsprechenden Instituten aufnehmen. " Ein weiteres Zitat aus der "Litteraturnaya Gazeta" vom 21. Mai 1972: "Man muß die Kunst verstehen, die Untergebenen sprechen zu lassen. Ein schweigsamer Arbeiter ist immer em Rätsel und ein schwieriges Problem für die Direktion. Aber es ist nicht weniger wich- 1951 1958 1965 tig, rechtzeitig einen Untergebenen zu stoppen, der mehr spricht als nötig ist. " 72% 13% 29% Die Polizisten und die Psychologen in der Fabrik, die Bürokratie erfindet auf diesem Gebiet nichts neues, Dies zeugt einmal mehr von ihrer Unfähigkeit, eines der zentralen Probleme, mit dem sie konfrontiert ist, zu lösen: das Mißtrauen und der 1966 traten 1,2 Mio Jugendliche unmittelbar immer deutlicher werdende Widerstand der Ar- nach dem Abschluß ihrer Schulausbildung in beiterklasse gegenüber einem system, das ihr die Produktion ein. Dieses Phänomen hat vor total fremd ist -- trotz aller offizieller Erklärun- allem eine wichtige Auswirkung: die Arbeiter- Klasse wächst immer weniger dadurch, daß neue Schichten in ihre Reihen strömen. Eine immer größere Zahl von Arbeitern stammt Die Unzufriedenheit der Jugend bereits aus Arbeiterfamilien. Die sowjetische Presse berichtet in den letzten Jahren immer häufiger von der wachsenden Un- Es bestelt ein ziemlich deutlicher Zusammenzutriedenheit der Jugend mit den Perspektiven, hang zwischen der sozialen Situation der Eltern die ilmen von ihrer Gesellschaft angeboten wer- und der Verwirklichung der beruflichen Wünsche den, besonders was ihre Berufsperspektiven der Juge ıdlichen. Die folgenden zwei Tabellen betrifft. zeigen cies:(6)

DIE VERWIRKLICHUNG DER PLÄNE DER JUGENDI CHEN, DIE IHR STUDIUM FORTSETZEN WOLLEN 1. Tabelle nach dem Einkommen der Eltern: Familieneinkommen Verwirklichung der pro Kopf und Monat Pläne

Arbeit Arbeit+Stud. Stud.

bis 50 Rubel 17,6 13,6 65,4 50 bis 70 Rubel 15,5 13,9 70, 6 70 bis 90 Rubel 14,7 14 71,3 mehr als 90 Rubel 5,1 6,1 88,8 Eine Untersuchung bei 10 000 Arbeiterfamilien in Leningrad im Jahre 1963 hat gezeigt, daß 40% dieser Familien über ein Einkommen verfügen, das geringer als 50 Rubel pro Kopf und Monat ist.

2. Tabelle nach dem kulturéllen Niveau der Eltern Studiendauer (Eltern) Verwirklichung der Pläne bis zur 6. Klasse Arbeit Arb. +Stud. Stud. 7. bist, Klasse 41,2 27,8 31 mittlere Studien 33, 6 13,3 53,1 höheres Stud, 21 13,8 65 9, 81,6

Seite 29

verschiedene lokale Untersuchungen haben gezeigt, laß die große Mehrzahl der Jugendlichen, die vor Beendigung ihres Studiums in die Produktion eintreten, aus Arbeiter- und Bauerntamilien mit geringem Einkommensniveau stammen.

Ein zweiter Punkt von Spannungen ist das auffallige Mißverhältnis zwischen dem allgemeinen Bildungsniveau der Jugendlichen und der Berufsausbildung, lie man ihnen gibt (ein großer Teil von ihnen hat einen Abschluß auf der Oberschule): augenblicklich werden etwa 90% der jungen Arbeiter direkt im Betrieb ausgebildet, und zwar innerhalb einer sehr kurzen Zeit und auf einer rein praktischen und auf unmittelbare Verwertbarkeit ausgerichteten Ebene. Das erklärt die Unzufriedenheit der jungen Arbeiter mit ihrer Berufssituation, was sich in einer spontanen und sehr großen Mobilität ausdrückt und in einer weniger großen Gefügigkeit der jungen Arbeiter, über die sich die sich die Fabrikdirektoren so hautig beklagen, die nicht verstehen wollen, daß die jungen Arbeiter immer weniger bereit sind, die Rolle eines einfachen "Planungsobjektes" zu akzeptieren, die man sie spielen lassen will.

Wie drückte sich doch jener Bürokrat in etwas zynischer Weise aus? "Man kann die Leute nicht glücklich machen, wenn man ohne sie entsche1let... Es ist nicht nur wichtig, was geplant wird, sondern auch wer plant, und das erste hängt in großem Maße vom zweitem ab. Es ist dringend notwendig, daß man sich abstimmt, um zu erfahren, ob das Betriebskollektiv nur ein Objekt der Planung ist oder ob es nicht auch das Subjekt der Planung ist. " Man kann nur hoffen, daß die sowjetische Arbeiterklasse diesem ängstlichen Bürokraten eine klare Antwort geben wird, (7) Zusammenfassung

Die Durchführung der Reformen in der Sowjetunion war von zahlreichen Schwankungen begleiet. Dies zeigt, daß der Manövrierspielraum der Bürokraten eng ist. Einerseits ist selbst den abgestumpftesten durchaus klar, daß ein reformistischer Prozess, der sich zu einer Lawine in Richtung Restauration des Kapitalismus auswachsen sollte, ihre Privilegien als Kaste zerstören würde, denn nur ein geringerer Teil von ihnen wäre in der Lage, sich in kapitalistische "Manager" zu verwandeln. Andererseits haben die Bürokraten durchaus Anlaß, im Falle eines Frontalangriffes gegen die Errungenschaften der Arbeiterklasse (Erhöhung des Arbeitstempos, Infragestellung der Sicherheit der Arbeitsplätze usw.), eine heftige Reaktion von Seiten der Arbeiter zu befürchten. Aber diese zögernde Haltung rührt auch daher, daß die Sowjetunion eine Schlüsselstellung einnimmt gegenüber den anderen bürokratisierten Ländern. Wenn eine der anderen Bürokratien eine gefährliche sozio-politische Dynamik entwickelt, indem sie sich zu weit in ihren Reformen vorwagt, muß die Sowjetunion immer in der Lage sein, ihrer "internationalen Verantwortung" erecht zu werden, indem sie Panzer schickt He Stahiität die sie dafiir hon%hat. kann nur erreicht werden mithilfe einer größeren Vorsicht auf der Ebene der Innenpolitik.

Reformen immer zum Scheitern verurteilt sein Es ist jedoch schwierig, zu beweisen, daß die werden. Die Frage ist politische wichtig, denn von der Antwort, die wir auf sie geben, hängt der wahrscheinliche Rahmen ab, innerhalb dessen die Aktivierung und die Politisierung der Arbeierklasse stattfinden wird, Im Kampf gegen die gesamte Bürokratie und ihre Privilegien oder in einem Kampf gegen den Prozess der kapitalistischen Restauration und gegen denjenigen Flügel der Bürokratie, die deren Motor werden könnte. Die Antwort darf nicht vereinfachend sein. Die Elemente, die die Bürokratie drängen, sich das Problem der Wirtschaftsreform zu stellen, leiten sich ab von den allgemeinen Merkmalen der stalinistischen Periode, das heißt von der allgemeinen Krise und von dem Niedergang des bürokratischen Regimes. Die Bürokratie wird, aufgrund der Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums und der immer größeren Bürokratisierung der Wirtschalt, periodisch wahrscheinlich immer wieder aut len Weg von Reformen gestoßen. Die Gründe jedoch, die wir aufgedeckt haben, werden wahrscheinlich ebenso periodisch diese Reformanstrengungen blockieren, Diese Situation könnte sich nur unter dem massiven Druck des internationalen Kapitalismus ändern, im Rahmen einer viel weitergehenden wirtschaftlichen und ›olitischen Zusammenarbeit als dies bisher der Fall ist. Dies könnte in der Tat dazu führen, daß im Innern des Landes sich ein Flügel der Bürokratie um ein Restaurationsprogramm herum kristallisiert, das durchzusetzen man aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Wege einer sehr "radikalen" Reform versuden würde, Aber augenblicklich ist diese Hypothese nur eine theoretische Möglichkeit. Die wahrscheinlichste Variante ist die Verschärfung des Verfaulungsprozesses des Regimes, unter den Bedingungen des Fehlens einerseits einer Beschleunigung der Zusammenarbeit mit den USA und einer raschen Politisierung der Arbeiterklasse andererseits.

ANMERKUNGEN:

(1) Der Kampf für die demokratischen Freiheiten --Presse-, Rede- und Versammlungstreiheit -hat nur die Mobilisierung der Intelligenz für ihre eigenen Interessen als soziale Schicht zum Ausdruck gebracht. Das Programm der Liberalen vom Schlage Sacharows verteidigt im wesentlichen die Forderungen der Technokratie gegenüber den unfähigen Bürokraten. Medwedew, der sich auf den Marxismus beruft, räumt in seinem Buch "Über die sozialistische Demokratie" den Problemen und der Rolle der Arbeiterklasse im Kampf für den wirklichen Sozialismus nur sehr wenig Platz ein. Was die Mehrzahl der aus der Intelligenz hervorgegangenen oppositionellen Strömungen charakterisiert, ist die Angst vor der"Unordnung" , die nach ihrer Meinung hervorgerufen würde, wenn sich die sowjetischen Massen gegen die Bürokratie mobilisieren.

(2) zitiert durch A. Birman: Sut' reformy, Novyj mir, 12, 1968, S. 186 (5) Ein sowjetischer Arbeiter soll folgende Bemerkung gemacht haben: "Sie können Kampagnen lancieren und alles machen, was sie wollen, aber sie können uns nicht härter arbeiten lassen. Das Recht nicht hart arbeiten zu müssen, ist wahrscheinlich unser einziges Recht.

(4) in: Kommentare zur Arbeitsgesetzgebung, Moskau, 1967, S. 88 (5), in: Osnovnye problemy racional' nogo izpolzovanija trudovykh ressursov USSR Moskva, 1971, S. 17 (6) in: Social• nye problemy truda i proizvodstva, 1969, S. 53 (7) Erklärung des ersten Sekretärs der Partei von Tambov, zitiert nach Novyj mir, 5, 1972, S. 197

Seite 30

ÄGYPTEN