Einleitung
Am 13. April dankte der Vorsitzende des ägyp- Sicherheit die Wirtschaftspolitik der Hegazi-Regietischen Ministerrats, Abdel Aziz Hegazi ab. Drei rung fortsetzen, und dies wahrscheinlich in eine Tage später stellte Präsident Anwar el-Sadat die noch repressiveren Variante. Angesichts der Verschärfünfte Regierung seit dem Tode Nassers vor. Hega- fung der Wirtschaftskrise und des Wiederanischwungs zi wurde durch Mamdoul Salem, einem Karriere- der Arbeiterkämpfe hat Sadat keine Alternative: er ist polizisten, ersetzt, der zuvor Vizepremierminister gezwungen, zu brutaler Repression Zufluclit zu nehmen. und Innenminister unter der Hegazi-Regierung ge- In der westlichen Presse wurden die Demonstratiowesen war. nen vom Januar weitgehend als spontane und unpo- Litische Zusammenrottungen dargestellt. Des unten Diese Regierungsumbildung war die Antwort Sadats wiedergegebene Interview zeigt deutlich, daß die auf die Wirtschaftskrise und die zunehmende Stär- Wirklichkeit anders aussah. Tatsächlich benutzen kung der Arbeiterbewegung. Das Erwachen der die ägyptischen Arbeiter immer meit Kampimethoägyptischen Arbeiterbewegung, der größten und den, wie sie in den führenden imperialistischen selbstsichersten der arabischen Welt, erschütterte Ländern Westeuropas vorherrschen. Und diese Tendas Regime bereits zum zweitenmal seit Jahres- denz wird sich fortsetzen, wenn die ägyptischen beginn: Anfang Januar war es zu Streikwellen Arbeiter nun wieder ihre Rolle als Avantgarde der m Norden Agyptens gekommen; sie konzentrier revolutionären Bewegung in der arabischen Welt en sich auf Kairo und waren von Demonstrationer übernehmen:
begleitet; im März schließlich brachen Streiks in Das folgende Interview wurde Anfang Februar mit den Fabriken von Mahalla el-Kubra aus. Die Haupt- einem Genossen der Revolutionär-Kommunistiforderung bei den Arbeiterdemonstrationen war die schen Gruppe "Mustafa Khamis" durchgeführt. Diese Abdankung Hegazis, der als rührender Exponent gilt für Sadats wirtschaftliche Öffnung" und für Organisation hat sich kürzlich in Agypten gebildet (Sie- he engl. und frz. Ausgabe von "Inprecor" Nr. 14/15 dessen Hinwendung zum amerikanischen Imperialis- vom 12, Dezember 1974). Das Interview wurde zumus. erst in der Zeitung der Revolutionär-Kommunistischen
Gruppe "El Munadel" in der Ausgabe vom März/ Durch die Absetzung Hegazis erhoffte sich Sadat, April 1975 veröffentlicht. Die Revolutionär-Kommunis die Arbeiter würden dies als Einverständnis seiner- tische Gruppe ist eine sympathisierende Organisation seits mit ihnen ansehen. Salem jedoch wird mit der IV. Internationale.
FRAG E: Kannst Du die Umstände beschreiben, die zu den Ereignissen im Januar 1975 geführt haben? ANTWORT: Natürlich. Vor allem ist es wichtig zu unterstreichen, daß die Demonstrationen vom Januar keine spontanen, durch die Krise des städtischen Verkehrswesens hervorgerufene Explosion waren, wie es im Ausland dargestellt wurde. Im Gegenteil. Die Demonstration am 1. Januar war eine organisierte Aktion, die den Kulminationspunkt einer explosiven situation innerhalb der Arbeiterklasse markierte, sich über mehrere Monate erstreckt hatte. Im letzten Herbst gab es eine Reihe von Streiks -- die rößten im September 1974 --, die die Regierung erfolgreich zwangen, einen Monatslohn aus den zuvor aus den Arbeitern herausgepressten Zwangsersparnissen an diese zurückzuzahlen. Die Arbeiter jedoch verlangten volle Rückzahlung all dieser Zwangsersparnisse und zusätzlich eine Lohnerhöhung, um zumindest einen Teil der enormen Preiserhöhungen aufzufangen. Die Arbeiterbewegung setzte den Kampf um diese Forderungen fort, und unsere Genossen, Fextilarbeiter in Heluan, druckten Flugblätter mit diesen Forderungen, die sie auch bei den Arbeitern anderer Betriebe verteilten. Die Flugblätter wurden in Shubra, El-Mahalla und Alexandria verteilt, sowie in anderen Zentren der Arbeiterbewegung. Dies führte natürlich zum Eingreifen des Repressionsapparates: drei Arbeiter der Fabrik El-Sharq in Almbaba wurden verhaftet und gefoltert, um sie dadurch zur Aussage zu zwingen. Die Opposition der Arbeiter jedoch breitete sich aus und vertiefte sich. Im Dezember organisierten die Arbeiter von Shubra Versammlungen innerhalb der Fabrik und forderten eine Lohnerhöhung sowie die Zurückzahlung der Zwangsersparnisse. Daraufhin wählten sie Arbeiterräte, die sich in den Büroräumen der Textilgewerkschaft einrichteten und dort praktisch täglich über einen Zeitraum von zehn Tagen arbeiteschaftsräume, um zu verhindern, daß dort weitere Versammlungen stattfinden.
Als Protest gegen diese Manöver, die von der Gewerkschaftsbürokratie unterstützt wurden, forderten die Arbeiter von Heluan den Austritt ihrer Gewerkschaft aus dem. zentralen Gewerkschaftsbund. Als der Arbeitsminister von dieser Forderung erfuhr ordnete er eine Untersuchung über fünf der bekanntesten Gewerkschaftler in der Textilfabrik von Misr- Heluan an. Er wagte jedoch nicht, den Befehl zur Verhaftung dieser Arbeiter zu geben, weil die Belegschaft drohte, dann die Fabrik sofort niederzubrennen. Die Arbeiter von Heluan gingen sogar noch veiter: in einer geheimen Abstimmung stimmter ile für einen Streik zur Durchsetzung ihrer Fordérungen. Die wichtigsten Arbeiterzentren in Heluan stahlwerk, Gießereien, chemische Betriebe, Minensektor) solidarisierten sich mit dieser Entscheidung. Das Datum für den Streik wurde auf den 1. Januar festgelegt.
An diesem Tag versammelten sich die Arbeiter vor dem Bahnhof Bab El-Loq in Kairo (von dort fahren die Züge nach Heluan ab), um von da aus durch die Straßen Kairos zu demonstrieren mit Parolen, die sich auf ihre Lebensbedingungen bezogen. Diese Parolen waren nicht nur gegen die Regierung, sondern gegen das Regime als ganzes gerichtet. Diese Demonstration von mehreren tausend Arbeitern kam sehr schnell in Konfrontation mit den Polizeieinheiten. Es begann ein intensiver Kampf, bei dem von Seiten der Polizei Schlagstöcke und Tränengas eingesetzt wurden, von Seiten der Arbeiter Steine. Die Demonstranten liefen in verschiedene Richtungen auseinander und begannen damit, bürgerliche Läden, einige Polizeiautos und Busse zu demolieren. Es gab sehr viele Verhaftungen.
Am folgenden Tag traten die Arbeiter von Shubr in den Streik; dabei wurden vor allem die Arbeite der Fabrik Misr-Heluan in Shubra erneut von der Repression betroffen. Eine Welle der Empörung und der Wut erfaßte daraufhin die Arbeiterbewegung. Am 3. Januar 1975 entschlossen sich die Stahlarbeiter von Misr in einen Solidaritätsstreik mit den Arbeitern von Heluan zu treten. Die Sicherheitsstreitkräfte umstelllten jedoch den Betrieb mit 200 Polizeifahrzeugen. Sie ließen keinen Arbeiter aus der Fabrik heraus und versuchten damit die Produktion aufrechtzuerhalten. Trotzdem weigerten sich die Arbeiter fünf Stunden lang, • die Produktion wiederaufzunehmen und erst unter großem Druck kehrten sie an ihre Arbeitsplätze zurück. In der folgenden Nacht begann man damit, die Arbeiter aus ihren Häusern heraus zu verhaften.
FRAGE: Gab es parallel dazu Mobilisierungen in den Universitäten?
ANTWORT: Aber sicher, Im Dezember gab es Mobilisierungen an der Universität von Kairo. An den Mauern erschienen Plakate, deren Inhalt sich gegen das Regime richteten und die sich konzentrierten auf die Frage der steigenden Lebenshaltungskosten und der zunehmenden Annäherung des Regimes an den amerikanischen Imperialismus. Mitte Dezember 1974 wurden neun Studenten direkt von der Straße weg verhaftet. Dies führte zu einer Studentenversammlung, welche die Freilassung der verhafteteten Studenten und die Beendigung der Folterungen durch die Polizei forderten. Die Versammlung forderte ebenfalls die Auflösung der "Universitatspolizei", die nach der Studentenmobilisierung im Jahre 1972 wieder gebildet worden war (nachdem sie 1968 erstmals aufgelöst wurde). Die Versammlung forderte außerdem Examensdiplome für 100 Studenten der Kunsthochschule, die mit einem Fehlpunkt durchgefallen waren, während Sadats Tochter im Jahr zuvor das Examen bestanden hat, obwohl sie fünt Fehlpunkte hatte.
Diese Vorfälle wurden zum Zeitpunkt der Demonstration am 1. Januar bekannt. Am 2. Januar gaben die Studenten bekannt, daß sie streiken werden. Der Streik dauerte fünf Tage. Dann umstellte die Polizei die Universität. Aber seitdem gab es immer wieder Versammlungen, Diskussionen, Konferenzen und Lautsprecherverkündungen, wo die Gewährung demokrafischer Rechte und die Freilassung der Verhatteten gefordert wurden.
FRAGE: Kannst du uns etwas über den Umfang der Verhaftungen sagen?
ANTWORT: Die Verhaftungswelle war groß und umfaßte bisher mehr als 250 Menschen, nicht eingeschlossen diejenigen, die fliehen konnten und von der Polizei gesucht werden. Die Verhafteten stammen aus vollkommen unterschiedlichen sozialen Schich- ===== S. 17 | Inprekorr_19750515_033_017.jpg ===== ÄGYPTEN ten und politischen Strömungen. Unter ihnen befin- und sicherlich gewaltsamer Aktionen. Es ist der Weg des den sich 2. B. Rashad el-Jabali, Sayid Fayid und Muham- revolutionären Aufschwungs, der die bürgerliche Regiemed Rastan, alles Gewerkschaffler. Und Muhammed rung stürzen wird, um die Regierung der Arbeiter und el-Shadli, Fikri el- Kholi, Muhammed Mutafa, Muham- armen Bauern zu errichten. med el-Manshawi und Najati Abdel Hamid, alles Arbeiter. Hamdi el-Hinawi, Muhammed Fahmi, Muhammed Khalid, Sidqi el-Qasir, Abdel Oasir und Ibrahim Im Augenblick gibt es eine zunehmende Mobilisierung Fathi sind Angestelite. innerhalb der Arbeiterklasse und unter den Studenten, Issa, Zaki Murad, Adil Kamel und Abdullah el-Zaghbi die die Freilassung der politischen Gefangenen fordert. sind Rechtsanwalte, Saas el-Saai ist Lehrer und Mukh- Es gibt eine zunehmende Koordinierung. tar el-Sayid ist Arzt. Adliyah Michail, Ahmed el- verstärkt werden. Bezüglich der Zukunit des revolu- Shadhili und Sayid Ashmawi sind Studenten. Und dies tionären Kampfes in Agypten sind wir sehr optimissind nur einige der Verhafteten. Nachrichten über Folterungen erreichen uns dauernd, und viele Menschen mußten ins Krankenhaus gebracht werden. Die Verhafteten haben folgende drei Hauptanklagepunkte: Sabota- Wir fordern die Revolutionäre in allen arabischen Länge, Errichitung von Organisationen zum Sturz des Re- dern und die gesamte internationale revolutionäre Begimes und Aufnahme von Kontakten mit anderen wegung auf, sich mit den Opfern des repressiven Sa- Lander (gemeint sind die Sowjetunion und osteuropa- dat-Regimes zu solidarisieren. Es ist wohl nicht nötig, zu unterstreichen, wie wichtig es ist, daß das Regime durch die Aktionen der arabischen und internationalen Solidaritat in Schwierigkeiten gebracht wird, FRAGE: Was sind Deiner Meinung nach die Perspek- um dadurch zu verhindern, daß es seine abscheuti ven? liche Repression fortsetzt. Dies ist von außerordentiich rober Bedeutung tur unsere arabischen Genossen, die durch die Organisierung der Solidarität mit dem Kampi der Arbeiter und Studenten in Ägypten den Weg in die ANTWORT: Eines ist sicher, Die Ereignisse im Ja- Zukunft der revolutionären Kämpfe in der arabischen nuar sind der Beginn einer langen Reihe von ähnlichen Welt zeigen können. was tun ERSCHEINT VIERZEHNTÄGIG Abonnement: WAS TUN erscheint vierzehntagig (Monate Juli und August monatlich). Preis pro Einzelexemplar 0,50 DM. Jahresabonnement fur VAS TUN, Zeitung der Gruppe Internationale 22 Nummern einschl, Porto: 20. - DM. Marxisten (GIM), deutsche Sektion der Vierten Förderabonnement: 30, - DM und mehr Intemationale (Herausg.)
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