I1. DER SIEG DER PERONISTEN
Die Ergebnisse der letzten Wahlen stellen einen unwiderruflichen Schiffbruch in der politischen Linie der argentinischen Militärs dar, insbesondere der, die seit der Regierungsübernahme von General Lanusse verfolgt wurde. Die argentinischen Generalse schienen, als sie Peron provozierten und ihn zur Rückkehr nach Buenos Aires zwangen, einen wichtigen taktischen Erfolg davongetragen zu haben. Peron verließ seinen Madrider Podest und war endlich gezwungen, präzis Stellung zu nehmen zu ihrer Wahltaktik und dem Platz, den sie dabei der peronistischen Bewegung zuwiesen.
Aber statt sich in dem 'Großen Nationalen Einheitsbündnis' (Gran Acuerdo Nacional), der vom Innenminister der Diktatur Mor Roig erfunden und von der Armee protegiert worden war, zu integrieren, machte sich Peron damals daran, seine eigene breitestmögliche Front um seine Person und seine Bewegung herum zu bilden. So entstand die "Frejuli" ( Frente Justicialista de Liberacion), die bei den letzten Wohlen nahezu die absolute Mehrheit gewann. Gleichzei-tig wurde direkter Kontakt mit den anderen politischen Kräften aufgenommen, insbesondere mit der Radikalen Partei, dem Erbfeind. Dadurch isolierte Peron die Militärs und machte überall ihr Projekt der 'Großen Nationalen Linheit' zunichte.
Über dies nimmt Peron, ausgehend •on dieser yunstigen Position, wieder Verbindung mit industriellen Sektoren der argentinischen Bourgeone auf, mit Sektoren, die er während seiner Regierungszeit nach dem II. Weltkrieg hesonders gefordert hatte. Die Aufgabe fällt ihm nicht schwer. Die peronistische Burokratie, die die argentinische Gewerkschaftsbewegung beherrscht, hat immer Verbindung mit diesen Sektoren in Rohmen ihrer kollaborationistischen Politik gehalten. Sie hat sogar vor ein paar Moraten eine Art von Programm zur Modernisierung und Neustrukturierung der argentinischen Wirtschaft mit dem Unternehmerverband CGE abgeschlossen, das sehr wohl zum künftigen peronistischen Regierungsprogramm werden kann... Die Verbindungen werden umso leichter geknüpft, als Peron nicht mit leeren Händen kommt. Er unterhält konkrete Beziehungen zu gewissen großen europäischen Monopolen, die bereit sind, zu investieren oder, wenn sie schon in Argentinien sind, mehr zu investieren. Vor allem aber haben die enthusiastischen Demonstrationen anläßlich seiner Rückkehr sein Prestige unter den argentinischen Massen, und zwar sowohl unter den Arbeitern als auch - was zum Teil neu ist - unter den Kleinbürgern, bestätigt. Kann es für die argentinischen Kapitalisten einen besseren Garanten für den sozialen Frieden geben als diesen Einfluß, kombiniert mit dem Gewicht einer Gewerkschaftsbürokratie, die hinter dem historischen Chef wieder ihre Einheit findet?
Sicher, als Peron nach einem Monat Argentinien wieder verließ, hatte er den Militärs wichtige Konzessionen gemacht: Er wird nicht Präsidentschaftskandidat der Republik sein: das macht ein Strohmann von ihm, ein Getreuer der ersten Stunde, Hector Campora. Aber dafür hat Peron das Projekt der 'Großen Nationalen Einheit' zunichte gemacht, die Einheit der peronistischen Bewegung konsolidiert insbesondere dadurch, daß er die bewaffneten peronistischen Gruppen zur - bedingungslosen - Unterstützung seiner Politik gewann, und vor allem hat er sich die Unterstützung eines wichtigen Teils der großen Bourgeoisie • gesichert... Durch die Wahlen sind diese Errungenschaften nur spektakulär bestätigt worden.
Aber im Wahlergebnis traten auch offen die Zwiespältigkeiten, Widersprüche und Schwächen des Peronismus vor der argentinischen Krise zutage. Die massive Stimmabgabe der Arbeiterklasse und bedeutender Teile der städtischen Kleinbourgeoisie für die peronistischen Kandidaten ist natürlich im weitesten Sinn ein Votum gegen die Militärdiktatur, gegen ihre Politik und ihre Methoden. Aber noch mehr drückt dieses Votum, ein Reflex der tiefen und rapiden Radikalisierung der argentinischen Massen seit dem ersten "cordobazo' erter Weise den revolutionären Willen wichtiger Teile der argentinischen Massen aus.
Übrigens hat die Unterstützung, die Peron von einem Teil des argentinischen Großkapitals und von einem großen Teil seiner europäischen Herren bekommt, eine klar konterrevolutionäre Bedeutung. Peron und der Peronismus bilden durch die Bindungen, die sie mit den Massen unterhalten, die besten Schutzwälle gegen die Ungeduld dieser Massen. Im gegenwärtigen politischen Kontext Argentiniens ist es völlig unmöglich, derart gegensätzliche Bestrebungen und Funktionen zu vereinen.