Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Sackgasse

Inprekorr Nr. 25, 1. April 1973 · S. 12-13 · 619 Wörter

Argentinien

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Konjunkturell werden in den kommenden zwei oder drei Jahren die traditionellen Exportgüter Argentiniens, insbesondere Rindfleisch, eine außergewöhnlich günstige Situation kennen. Der Fleischmangel auf den europäischen Märkten eröffnet ihnen bedeutende Exportmöglichkeiten zu hohen Preisen. Durch den Sieg der Volksunion in Chile vor zwei Wochen wurde ein Regime konsolidiert, das seine Käufe von Industrie- und Landwirtschaftsgütern auf dem argenfinischen Markt sehr gesteigert hat, um die Desorganisation seines Binnenmarktes auszugleichen. All das hängt aber in der Luft, wenn man bedenkt, daß der Welthandel mit seinen Problemen in Zusammenhang mit der Krise des internationalen Währungssystems nur am Rande der tiefen Strukturkrise der argentinischen Wirtschaft steht; aufgrund ihrer Strukturkrise ist sie wenig wettbewerbsfähig auf dem Weltmarkt, insbesondere gegenüber den Produkten der Jedes Regime, das sich in den bürgerlichen Rahmen fügt, wird also in der kommenden Periode nur beschränkten Bewegungsraum haben, selbst wenn es weniger schwach ist als das gegenwär tige. Die Konzessionen, die es den Massen machen kann, sind gegenüber deren Forderungen und Zielen äußerst begrenzt. Die Illusionen werden sich sehr bald verflüchtigen. So sieht der schmale Pfad aus, den die Peronisten nach dem 25. Mai, dem Tag ihrer Regierungsübernahme, Werden ihnen die Militärs nach ihrer Niederlag die Muße dazu lassen? Am Abend nach den Wahlen machte Lanusse auf den argentinischen Fernsehschirmen mißgelauntes Gesicht. Trotzdem erkannte er den Sieg Camporas an und bestätigte, daß die Entscheidung der Wahlurnen respektiert werde. Aber kann Lanusse nach seiner Niederlage noch behaupten, die wesentlichen Kräfte der Armee zu repräsentieren? Drei Tendenzen werden sich wieder gegenüberstehen, und es ist heute noch schwer, ihr jeweiliges Gewicht einzuschätzen. Die Befürworter eines Staatsstreiches nach brasilianischer Art, entschlossene Antiperonisten, werden sich wieder rühren. Aber die eklatante Niederlage der extremen Re chten - der "Nueva Fuerza' = Neue Kraft die erhebliche Summen in die Wahlkampagne gesteckt hatte, gibt ihnen keinen neuen Schwung. Sie haben die besten Gelegenheiten, einen Putsch zu unternehmen, vor den Wahlen vorbeistreichen lassen. Jetzt dürfte ihnen das sehr viel schwerer fallen, obwohl die zwei Monate Interregnum bis zur Regierungsübernahme für sie nicht ungünstig sind... und sogar eben INDDEKADD 72

Seite 13

dafür vorgesehen waren. Aber das hieße , ein großes Risiko auf sich zu nehmen, nämlich das eines Zusammenstosses großen Ausmaßes mit den Massen, die an ihrei Sieg glauben.

Das Hieße ebenfalls, das Risiko einzugehen, daß die Einheit der Armee endgültig zerbricht. Trotz der Säuberungen existieren darin nach wie vor peronistische Stijmungen. Uberdies haben etliche Teile der Militärs, die direkt mit der argentinischen Großindustrie zusammenarbeiten, mit dieser die Kurve genommen und sind nun bereit, das Experiment Peron zu versuchen.

Bleibt die von Lanusse repräsentierte Strömung, deren Ziel es sein wird, den Platz der Armee im künftigen Regime auszuhandeln. Darauf werden die Peronisten, die Realisten sind, eingehen. Peron als Militär und Spezialist für Staatsstreiche weiß, daß die Macht der Wahlurne wenig Gewicht hat gegenüber der Macht der Waffen, gegenüber der Macht einer Armee, die die wesentlichen Teile des Staatsapparats kontrolliert. Von diesen Verhandlungen hängen die Natur und der Charakter des künftigen Regimes ab. Die Militärs wollen ihre Kastenautonomie, ihre Kontrolle über den Staatsapparat und ihre Vorrechte auf dem Gebiet der Repression bewahren. Gewisse Sektoren der Peronisten - insbesondere die reaktionärsten der Gewerkschaftsbürokratie - sind dem nicht abgeneigt. .. Wenn die Massenbewegung sie einmal verdrängt, dann kann es günstig sein, wenn die Armee an der Regierung beteiligt ist. Sind diese Verhandlungen erfolgreich, dann entsteht ein reformistisch-populistisches Regime mit den peronistischen Gewerkschaftsbürokraten und der Armee als Rückgrat. Mißlingen sie, so wird es kurzfristig zu einer Auseinandersetzung in der Art eines Staatsstreichversuchs kommen. Diese Wahlen haben also nichts für die Zukunft gelöst. Der eindrucksvolle peronistische Sieg ist eben in erster Linie nicht mehr als ein Pfand gegenüber der argentinischen Bourgeoisie und der immer noch regierenden Armee...