Erfolg für die polnischen Stahlarbeiterinnen Der beispielhafte Kampf im Krakauer Stahlwerk Nowa Huta war ein wichtiger Auslöser für die Protestwelle im Januar. Auch wenn in den letzten Jahren viele ArbeiterInnen in Nowa Huta entlassen worden sind, bleibt sie mit 26.000 Beschäftigten immer noch die größte einzelne Fabrik in Polen.
Doch wenn es nach den Plänen der Regierung zur Verkleinerung der polnischen Stahlindustrie ginge, die die Einstellung der Roheisenproduktion in Nowa Huta vorsehen, würden sofort 6-10.000 ArbeiterInnen entlassen. Weitere 15.000 würden bis zum Abschluß der Umstrukturierung folgen.
JAN SYLVESTROVICZ
D nen Anfang November 1991 und ie Proteste in dem Stahlwerk beganwurden von der örtlichen "Solidarnosc 80" Gewerkschaft geführt. Am siebten September streikten zwei der größten Abteilungen des Werks für drei Tage. Am Ende wurde der Streik von AktivistInnen der "offiziellen" Solidarnose Gewerkschaft sabotiert, deren Führer im Werk, M. Gil, ebenfalls Parlamentsabgeordneter und einer der engsten Vertrauten Lech Walesas ist. Dennoch gab es den ganzen Dezember über immer wieder Arbeitsniederlegungen von ein bis zwei Stunden.
Regierung und Betriebsleitung lehnten jede Diskussion um ihre Pläne rundherausab, worauf sich die Sprecherinnen des Streikko-
mitees am 23. Dezember entschlossen, während und nach den Weihnachtsfeiertagen in den Hungerstreik zu treten - bis zur Zurücknahme der drohenden Massenentlassungen. Die Regierung reagiert nicht Anfänglich gab es keine offizielle Reaktion auf den Hungerstreik, auch wenn mehr und mehr Arbeiterinnen ihn unterstützten. Innerhalb des Stahlwerkes wurde der Hungerstreik durch "rollende" Arbeitsniederlegungen begleitet, wobei wenigstens ein oder zwei Abteilungen pro Schicht die Arbeit verweigerten.
In verschiedenen anderen Fabriken in Krakau gab es Solidaritätsstreiks. Die Entschlossenheit der StahlarbeiterInnen war offensichtlich und als einige der sich im Hungerstreik Befindenden ins Krankenhaus mußten, nahmen andere ArbeiterInnen ihren Platz ein.
Seit Anfang Januar bekam das Streikkomitee Solidaritätsbotschaften aus vielen Teilen des Landes. Gewerkschafterinnen aus anderen polnischen Betrieben besuchten die StahlarbeiterInnen in Nowa Huta. Sie fasteten für zwei oder drei Tage mit, um ihre Sympathie zu bekunden. Ab dem vierten Januar drohten einige Minen und Stahlwerke aus Oberschlesien mit eigenen Arbeitsniederlegungen oder Hungerstreiks, falls die Forderungen der Kolleginnen in Nowa Huta nicht erfüllt würden.
Jetzt bekam es die Regierung mit der Angst zu tun. Premierminister Jan Olszewski traf sich am sechsten Januar mit dem Vorsitzenden von Solidarnosc-80, Marian Jurczyk. Er gab den Hauptforderungen der ArbeiterInnen nach: die Roheisenproduktion in Nowa Huta wird weitergehen und die Regierung wird offizielle Garantien für Kredite zur Modernisierung des Werkes geben. Ein bedeutender Erfolg
Der Erfolg der Stahlarbeiterinnen in Nowa Huta hat enorme Bedeutung. Die Regierung hat hier zum ersten Mal seit Einführung der Marktreformen vor zwei Jahren den Forderungen von Arbeiterinnen nachgegeben.
Der Streik ist auch der erste erfolgreiche Kampf gegen Massenentlassungen, was gerade in der heutigen Situation in Polen von besonderer Bedeutung ist. So verwundert es auch wenig, daß der Streik zu vermehrter Kampfbereitschaft unter den polnischen Arbeiterinnen geführt hat.
Ein Grund für den Erfolg war die demokratische Organisierung des Streiks über alle POLEN
Gewerkschaftsgrenzen hinweg. In den Abteilungen wurden von allen Arbeiterinnen unabhängig von ihrer Gewerkschaftszugehörigkeit - Streikkomitees gewählt. Sowohl Mitglieder der "offiziellen" Solidarnose als auch der OPZZ beteiligten sich an den Arbeitsniederlegungen und dem Hungerstreik, obwohl der Streik von den Bürokratien beider Gewerkschaften verleumdet wurde (so bezeichneten z.B. Solidarnosc-Führer die Streikenden als "Revolutionäre", "Anarchosyndikalisten" usw.).
Auch die Kirchenhierarchie in Krakau wendete sich gegen den Streik und Priester wiesen die Einladung von katholischen Hungerstreikenden zurück, sie über Weihnachten zu besuchen.
Die polnische Gewerkschaftsbewegung sicht sich heute vor der sehr schwierigen Aufgabe, die Militanz und Massendemokratie von Solidarnosc zur Zeit der polnischen Revolution von 1980-81 wiederzuerlangen. Vor diesem Hintergrund war der Kampf in Nowa Huta sehr lehrreich.
In dieser Hinsicht ist es fast schon symbolisch, daß der Vorsitzende der Hungerstreikenden, Andrzej Szewczuwaniec, auch den Streik in Nowa Huta vom Mai 1988 geführt hat, der der Auslöser jener Streikwelle war, die die stalinistische Regierung am Ende dazu brachte, die Runden Tische einzurichten und Solidarnosc wieder zu legalisieren. (Szewczuwaniec ist auch der Krakauer Korrespondent der polnischen trotzkistischen Zeitung "Dalej!").
Jene, die auf Betriebsebene den Kampf für die Anerkennung von Solidarnosc führten, werden jetzt, nach zwei Jahren brutaler Austeritätspolitik durch "Solidarnosc"-Regierungen gegen die alten Führer, die sie verraten haben aktiv.
Arbeiterinnen ziehen Lehren aus dem Streik
Die StahlarbeiterInnen selber zichen Lehren aus dem Streik. Das Streikkomitee wurde aufrechterhalten, um die Einhaltung der Regierungsversprechen zu überwachen und, wenn nötig, neue Aktionen in die Wege zu leiten.
Auch das Streikinfo wird weiter herausgebracht und am 16. Januar zogen im Rahmen eines Aktionstages von Solidarnosc-80 2000 StahlarbeiterInnen von den Fabrikstoren in die Innenstadt. Delegationen der Streikenden von Nowa Huta haben Rundreisen organisiert, um anderen Belegschaften in Polen ihre Erfahrungen mitzuteilen und über die nächsten Schritte der Gewerkschaftsbewegung zu diskutieren.
Marck Kucia, Sprecher der Hungerstreikenden gab in einem Interview mit "Dale)!" folgende Einschätzung des Streiks: "Daß wir zu cinem so dramatischen Kampfmittel gegriffen haben, sollte in einem allgemeineren Zusammenhang geschen werden • unser Kampf war Teil des allgemeinen Kampfes, um die Regierung zu zwingen, ihre arbeiterInnenfeindliche Politik aufzugeben. Wir haben gewonnen und das ist ein Zeichen dafür, daß die polnischen Arbeiterinnen aus der Apathie der letzten zwei Jahre herauskommen."
Ein anderer Hungerstreikender, Krzystof Jez, gab einer Stimmung Ausdruck, die arbeiterinnenfeindliche in Polen sehr verbreitet ist: "In Wirklichkeit hat sich nichts verändert. Die Gespräche am Runden Tisch waren ein Ausverkauf. Es sind dieselben Leute, die das Land regieren mit derselben Politik, die nur ihren eigenen Interessen dient. Sie sind nur Eigentümer geworden. Und statt der CRZZ (der offizielle stalinistische Gewerkschaftsverband vor 1980) haben wir jetzt Solidarnosc."
Zu dem, was getan werden muß, um dem Trend der letzten zwei Jahre entgegenzuwirken sagt Rysuard Majdzinski, Vorsitzender der örtlichen Solidarnosc-80 in Krakau: "Wir müssen an den Anfang zurückgehen und uns von unten nach oben organisieren. Die Arbeiterinnen müssen sich wieder im ganzen Land selber organisieren, um ihre arbeiterinnenfeindliche zu verteidigen."
Jedoch eine Forderung der Streikenden in Nowa Huta blieb unerfüllt. Entgegen früherer Zusagen hat sich die Betriebsleitung geweigert, den Sprecher der Hungerstreikenden, Marek Kucia, wieder einzustellen, der im September 1991 entlassen worden war. Kucia, der seit Ende der 70cr Jahre politisch aktiv ist und sich damals in der demokratischen Opposition vor der arbeiterinnenfeindliche von Solidarnosc engagierte, wurde mitgeteilt, daß er wegen seiner Gewerkschaftsaktivitäten nicht wieder eingestellt werden würde.
Daher droht die Belegschaft seiner Abteilung mit einem neuen Streik. Es ist vor diesem Hintergrund auch wenig verwunderlich, daß die Arbeiterinnen ihre Streikkomitees aufrechterhalten haben und sich auf neue Kämpfe vorbereiten.
KURDISTAN