Am 22. Februar 1902 - vor neunzig Jahren - wurde in Halberstadt Georg Jungclas, von Freunden nur Schorsch genannt, geboren. Sechzig Jahre seines Lebens bis zu seinem Tode 1975 arbeitete er für den revolutionären Marxismus. Nach dem Krieg baute er die deutsche Sektion der IV. Internationale wieder auf. Doch er ist nicht nur Vater des deutschen Trotzkismus: sein Exil in Dänemark nutzte er, um auch dort in schweren Zeiten Revolutionärinnen zu sammeln. Wir bringen daher zu seinem neunzigsten Geburtstag einen Artikel aus dänischer Sicht, der in der Zeitung Klassekampen zu seinem achtzigsten Geburtstag erschien. (d. Red.) Schorsch - ein Name, der jüngeren Revolutionären in Dänemark Militarist und Menschenfreund...Schorsch ist ein strenger Lehrer des kaum etwas sagt, der dafür aber bei älteren Dänen, auch wenn sie sich internationalen Marxismus...Schorsch hat schon einen jungen Halbschon länger von der revolutionären Bewegung entfernt haben, Erin- polen in seinem Schulungsnetz gefangen und paukt ihm den dialektinerungen wachruft. Schorsch, wie sein Vorname ausgesprochen schen Materialismus ein." wurde, war Vater des dänischen Trotzkismus. 60 Jahre seines Lebens So war Schorsch. Niemals ließ er sich eine Gelegenheit entgehen, arbeitete er im Dienst der Revolution. um auszubilden, zu organisieren, zu rekrutieren. Nach dem Krieg Unermüdlich hielt der Werftarbeiter aus Hamburg - wohin er mit brachte er mehrere Jahre damit zu, systematisch Leute in ganz seinen Eltern als Zweijähriger gezogen war - an seiner Arbeit für eine Deutschland zu besuchen. 500 km Reise nur mit der Hoffnung, einen bessere Welt, für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung fest. bestimmten Genossen zu finden, mit der Hoffnung, ihn in die Arbeit Trotz unfaßbarer Niederlagen des deutschen Proletariats stand er fest, einzubeziehen, die mit dem Wiederaufbau einer revolutionären Orgaunerschütterlich in seiner Überzeugung, daß das Proletariat sich nisation bevorstand. Ein ums andere Mal nur um festzustellen, daß wieder erheben wird. Niemals gab er die Hoffnung auf. Er bereitete die wieder ein Genosse aus der Vorkriegszeit demoralisiert, gebrochen Zukunft vor - und er wußte, daß es für dieses Ziel notwendig war, daß war.
das revolutionäre Programm und die revolutionäre Organisation überlebten. So konnte die Fackel an eine neue Generation weitergegeben Berufsrevolutionär werden.
Schorsch war - in des Wortes bester Bedeutung - ein Berufsrevo- "Wertloser Sklave" lutionär nahezu sein gesamtes erwachsenes Leben. 1915 organisierte er sich - in der proletarischen Freidenker-Jugend, einer sozialistischen Viele wurden unter der Naziherrschaft 1933-45 ermordet. Andere Jugendbewegung. 1919 ging er zur KPD. verzweifelten unter dem Eindruck der Niederlage des deutschen Auf der großen Schiffswerft Blohm& Voss in Hamburg konnte er Proletariats. Nicht so Schorsch. Auch nicht, als er 1945 im Bayreuther bis 1921 arbeiten. Im Zuge der abenteuerlichen Offensivtaktik der Gefängnis auf sein Todesurteil wartete. Auf seinen Begleitpapieren KPD ["Märzaktion" 1921] wurde die Werft von KPD-Werftarbeitern stand: "Unverbesserlicher Kommunist - wertloser Sklave - in Ketten besetzt und Aktivisten auf das Betriebsgelände geschmuggelt. - bei Fluchtversuch erschießen". Schorsch war mit dabei, die rote Fahne über der Werft zu hissen. Einen Teil des Weges nach Bayreuth wurde er in einem Lastkahn Danach säuberten die Behörden gründlich aus. verfrachtet mit einer Menge anderer Gefangener. Die Tour war cine Schorsch wurde dann herumreisender Lehrer für die KPD, kam wahre Hölle. Trotzdem berichtete ein Mitgefangener: "Mein Kojen- zurück nach Hamburg und trat in deren Militärapparat ein; er beteiligte nachbar zur Rechten heißt 'Schorsch' und ist ein trotziger Anti- sich am gescheiterten bewaffneten Aufstand 1923 ["Hamburger 22 INPREKORR 245
die Internationale mern wieder aufgebaut hatte. Viele Jahre lang lebte er von fast gar nichts. Er bekam nur eine kleine Rente vom westdeutschen Staat. Nicht die große Rente, die die bekamen, die 1945 freiwillig aus dem Ausland zurückgekehrt waren. Denn er war ja, wie esausgedrückt wurde, eben nicht freiwillig zurückgekehrt. Nein, er war von der Gestapo gebracht worden.
Aufstand"]. Danach arbeitete er in verschiedenen Teilen der KPD, bis er 1928 zusammen mit vielen anderen wegen "Trotzkismus" ausgeschlossen wurde.
Danach war er beim Aufbau der Linken Opposition im Kampf für eine Einheitsfrontpolitik der KPD gegen die Nazigefahr beteiligt. Eine andere wichtige Aufgabe war cs, das Blatt der internationalen Linken Opposition in die Sowjetunion zu schmuggeln. Die "Hamburger Koryphăe" nannte Waffenfabrikant
Trotzki Schorsch, wegen seiner Zeitungstransporte aus dem Hamburger Hafen mit revolutionären Seeleuten, die in die Sowjetunion fuhren. 1954 begann die FLN den bewaffneten kampf, um Frankreich aus Das erste Mal in Kopenhagen war Schorsch 1932, um sich an der Algerien hinauszuwerfen. In der Unterstützung der algerischen Revo- Organisierung einer Reihe von Treffen in Verbindung mit Trotzkis lution war Schorsch eine Schlüsselperson, was auch die französische Besuch zu beteiligen. Trotzki war von sozialdemokratischen Studen- Terrororganisation "Rote Hand" wußte. Sie versuchten verschiedene ten zu einer Rede eingeladen worden. Attentate gegen ihn - ohne Erfolg. 1933 wurde Hitler Reichskanzler in Deutschland. Einige Revolu- Der FLN fehlten nicht die Menschen sondern Waffen. Schorsch tionäre emigrierten, andere stellten sich auf illegale Arbeit um. 1935- stand für den Aufbau einer Waffenfabrik in Marokko an der Grenze zu 36 gelang es der Gestapo, nahezu alle trotzkistischen Widerstands- Algerien. Außer FLN-Mitgliedern waren dort auch ständig 15-20 gruppen zu zerschlagen. Seit 1940 gab es deutsche Trotzkisten prak- Genossen der IV. Internationale beschäftigt. Mehrere Jahre lang, vor tisch nur noch im Ausland. Sehr wenige, etwa 70, verstreut über die allem zwischen 1960 und dem Sieg der FLN 1962, war Schorsch ununterbrochen auf Reisen zwischen Nordafrika und Europa, um die Arbeit in Marokko zu leiten und um die Produktion von Einzelteilen In Dänemark für die Waffen in Europa zu organisieren. Ein Großteil wurde in Dänemark hergestellt.
Einer von ihnen war Schorsch. Die Organisation hatte 1933 Aus Gesundheitsgründen trat er 1967 als Sekretär der deutschen beschlossen, daß er sich in Kopenhagen niederlassen solle. Über die Sektion zurück. Aber er war immer noch in der Leitung, schulte neue Kontakte nach Deutschland und die Arbeit unter deutschen Emigran- Mitglieder, schrieb Artikel, Dokumente, Flugblätter. In der Leitung ten hinaus begann er erstmals mit dem Aufbau einer trotzkistischen der IV. Internationale blieb er bis zum 10. Weltkongreß 1974. Gruppe. Er besuchte alle Menschen, von denen er hörte, daß sie Schorsch war im November 1972 zum letzten Mal in Kopenhagen, Opposition sowohl gegen Stalinisten als auch gegen Sozialdemokra- wo er auf einem internationalen Seminar aus Anlaß des vierzigsten Jahrestags der Kopenhagener Rede Trotzkis sprach.
Als Dänemark [1940] besetzt wurde, verschwanden viele deut- Schorsch schrieb, trotz unzähliger Aufforderungen, nie seine sche Emigranten nach Schweden. Nicht so Schorsch. Er ging in den Erinnerungen. "Ich bin unwichtig", sagte er - mit einer Mischung aus Untergrund und trieb vom ersten Tag an die Organisierung der Bescheidenheit und Humor, die ihn immer prägte, selbst in den Widerstandsarbeit voran, sowohl mit Flugblättern und Zeitungen als schwierigsten Augenblicken. auch mit Waffen und Transporten von Juden nach Schweden. Das ging Wenn das so ist, brauchen wir noch viele solche "unwichtigen" so bis August 1944, als er zusammen mit vielen anderen von der Menschen. Menschen, die wie Schorsch niemals das historische Ziel Gestapo gefaßt wurde. aus den Augen verlieren. Trotz unfaßbarer Schwierigkeiten stand er Er ist der einzige Trotzkist, der von der dänischen Regierung fest auf dem revolutionären Programm und setzte sich ein für eine geehrt wurde. Dies geschah 1946 fürseinen Einsatz in der Widerstand- revolutionäre Partei und eine revolutionäre Internationale. Es ist das Verdienst von Menschen wie Schorsch, daß eine Nichtsdestotrotz sollte er in den 50-er Jahren eine umfassende und revolutionäre Internationale heute lebt und wächst mit cinem revolugeschmacklose Hetze der westdeutschen Stalinisten erleben. In einer tionären sozialistischen Programm für immer umfassendere Kämpfe, Kampagne wurde er der Zusammenarbeit mit den Nazis beschuldigt. die Arbeiter und Bauern überall in der Welt führen für eine Gesell- Gegen diese Hetze traten eine ganze Reihe von Menschen auf, die schaft und Unterdrückung. aktiv in der Widerstandsarbeit in Dänemark gewesen waren, u.a. der später Vorsitzende der Facharbeitergewerkschaft, Knud Ellegaard. Von 1946 bis 1967 war Schorsch Sekretär der deutschen Sektion der IV. Internationale, einer Sektion, die er fast allein aus den Trüm-
Bücherkiste
Wir stellen im Folgenden zwei Bücher vor:
- Robert Kurz: Der Kollaps der Modernisierung, Vom Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie, Eichbornverlag, Frankfurt/M. 289 S.
- Janette Habel:Ruptures a Cuba, Montreuil-sous-Bois (Editions La Breche) 1989.
Bache sogenannten Dritten Welt, der "Zusammenbruchsökonomien" (S. 206). Nun breche aber auch die "Krise der Arbeitsgesellschaft" im entwickelten Kapital- Buchbesprechung Robert Kurz: Der Kollaps der Modernisierung. Vom ismus auf, womit die "bürgerliche Modernisierungsgeschichte in ihre Endkri- Zusammenbruch des Kasernensozialismus zur Krise der Weltökonomie, se cintritt" (S. 52), die "moderne Arbeitsgesellschaft als Ganzes am Ende" sei Eichborn Verlag Frankfurt am Main, 289 Seiten. und damit "ihre Basiskategorien der Waren- und Geldform" (S. 98). In den entwickelten Industrieländern haben sich Arbeitslosigkeit und Fast die ganze Linke versteht die Welt nicht mehr, seit der "reale" Armut ausgebreitet. In der anstehenden Phase würden ganze Industrieregio- Sozialismus zusammenbrach. Das erklärt, warum vicle nach der Arbeit von nen sterben. Da sich dann die reale Kaufkraft weltweit vermindert, verschärfe Kurz greifen, der verspricht, die Ursachen für den Kollaps im Osten darzustel- sich die Konkurrenz unter den Industrieregionen. In diesem Produktivitäts- Ien, aber auch behauptet, der Kapitalismus sci in seine Todeskrise eingetreten. wettlauf würde eine nach der anderen zurückfallen. Gegen die wachsenden Da er überdies marxistisch argumentiert, in ciner Zeit, in der im "Nebelfeld des Spannungen würde auch ein "Notstandsapparat als Bastion der Normalität" in beginnenden geschichtlichen Obergangs..die alten Ideen aufgescheucht hin diesem "letzten Amoklauf des Rentablitätsprinzips" nichts nützen (S. 238und her" irren (Seite 172), ist die allgemeine Neugier begreiflich. 257).
Kurz meint, die Arbeiterbewegung jedweder Strömung habe Marx, der die Unter diesen Bedingungen könne "das westliche Teilsystem den globalen Lohnarbeit aufheben wollte, nie verstanden. Im Gegenteil: "Nirgendwo ist Zusammenbruch nicht überleben", denn es kann nicht "gegen die Mehrheit dieses protestantische Ethos des abstrakten Arbeitsmenschen in einer zur der Weltbevölkerung und gegen eine wachsende Minderheit in seinem eige- Arbeitsmaschine geformten Gesclischaft...inbrünstiger...verwirklicht worden nen Innern" behauptet werden. Der internationale Weltbürgerkrieg sei durch als in der Arbeiterbewegung und in den realsozialistischen Gesellschaftsfor- keine "selbsternannte Planetenpolizei mit UNO-Emblem" mehr zu kontrolliemationen" (S. 11f), in denen geradezu eine "Arbeitvergottung" (S. 15) domi- ren (S. 229-231). Das "unheilbar kranke westliche Marktsystem " wird "lediglich als letzter Teil des globalen Gesamtsystems zusammenbrechen" (S. 249).
Lohn, Preis und Profit, die Kategorien des Marktes, seien nicht beseitigt Damit treten die Menschen "noch vor dem Ende des 20. Jahrhunderts in ein worden (S. 20). Darum sei gar keine wirklich neue Gesellschaft geschaffen dunkles Zeitalter von Chaos und Zerfall" ein, "wie es noch niemals in der worden, sondern der Realsozialismus im "bürgerlichen warenproduzierenden Weltgeschichte dagewesen ist" (S. 256). System" verhaftet geblieben und "lediglich eine andere Entwicklungsstufe Die Marxistinnen hätten Marx* "Kritik der Warenform" nie verstanden innerhalb...derselben Formation", ein "vorbürgerliches, steckengebliebenes und ins "historische Jenseits verbannt" (S. 45). Darum hat "die Linke aller Übergangsregime zur Moderne" (S. 21) entstanden. Die Modernisierung, der Schattierungen...nicht cinmal den Schimmer eines Programms, weil ihr versuchte Anschluß an den entwickelten Kapitalismus habesich nicht an Marx Denken... warenförmig verblendet bleibt" und sich ratlos an westliche Marktorientiert, sondern an - Fichte. Das "Kernprogramm des Rcalsozialismus ist formen anpaßt. "Der gesamte bisherige Marxismus erwcist sich...als integraler tatsächlich idcologischer Merkantilismus" (S.37), nămlich Außenhandelsmo- Bestandteil der bürgerlichen Welt...und gerät dadurch selber in die Krise" (S. nopol, Festlegung der Preise durch die Regierung und Recht auf Arbeit, das 263). Die grundlegende Veränderung der Realität habe sie überhaupt nicht heiße Arbeitspflicht unter Staatsregie.
Die Befreiung vom Kapitalismus sei nur die Entmachtung von Kapitali- Tatsächlich aber hätten sich die Produktivkräfte schon "kommunistisch sten gewesen, an deren Stelle die Partei "als Stellvertreterin der Arbeiterklasse vergesellschaftet"
auf Erden" getreten sei (S. 48), die anstelle der unfähigen Bourgeoisic "cine Rentabilität. so schnell wie möglich bescitigt werden". Das sei nur durch cine nachholende kapitalistische Entwicklung aus dem Boden" stampfte (S. 52), möglich, weil das bestehende "Wahnsystem von seinen Repräsentanten...nicht freiwillig aufgegeben wird. Dazu aber müßte wiederlender Charakter...erzwang ein Regime, das absolutistischer als der um eine Aufhebungsbewegung als gesellschaftliche Kraft überhaupt erst entstehen, und dies geht nur durch das Bewußtsein und somit das Bewußtwer- Diese "militarisierte Kommandowirtschaft" als "Verewigung der Kriegs- den hindurch" (S. 2700).
wirtschaft" war "von allem Anfang an historisch reaktionär und kontrapro- Viele werden sich allein schon an den provokativen Formulierungen duktiv" (S. 67). Erfolgreich war sie nur in der "ersten Phase extensiver ergötzen, noch mehr an seinen einfachen Erklärungen. Das ganze ist gewiß ein Expansion", in der man "fast nichts verkehrt machen konnte" (S. 91). Da das faszierender Wurf - nur sind einige zentrale Aussagen schlicht falsch. Das System nicht verändert, sondern nur die Konkurrenz durch staatliche Kom- sowjetische Wirtschaftssystem bestand eben nicht nur aus dem Außenhanmandos ersetzt wurde, wurde "nicht das Kapital...beseitigt, sondern ihm delsmonopol und Festlegung von Preisen, sondern beruhte auf Planung und nur...die innere Dynamik genommen". Das System erstarrte und lief "dem nicht kapitalistischem Eigentum an den Produktionsmitteln. Es hat die Men- Westen...immer hoffnungsloser hinterher". (S. 94). Faktisch war es schon schen zunächst aus vielen Fesseln befreit. Das Wertgesetz war zwar nicht 1945 gescheitert, als mit "der fordistischen Hochblüte" im Westen sich die außer Kraft gesetzt, aber es bestimmte nicht mehr den Lauf der Wirtschaft. Es "Situation grundlegend" änderte. Es war von nun an unmöglich, mit gleichzu- war kein vorkapitalistisches merkantilistisches, sondern schon ein nachkapitalistisches System.
Das " Arbeitszuchthaus des Kasernensozialismus" (S. 95) mit der "polizei- Der Autor meint, zur stalinistischen Politik habe es keine Alternative staatlich erzwungenen Angstdisziplin" hatte sich nur durch die Illusion halten gegeben, die "marxistischen Zweifler" konnten den "Prozeß nicht einmal können, bei den Problemen handele es sich um Anfangsschwierigkeiten. Mit begrifflich.erfassen", der Trotzkismus habe ohnehin nur auf die "proletariden Illusionen zerbrach auch das System, das tatsächlich nur ein "Scitenzweig sche Revolution" im Westen gesetzt" (S. 48). Das kann nur behaupten, wer die bürgerlicher Modernisierung" gewesen sei und "jetzt ausstirbt wie der Nean- Vorschläge der linken Opposition nicht kennt. Das erklärt sich wohl daraus, dertaler" (S. 160). daß er "demokratische Willensbildung" für "noch illusionărer...(als) bürokra- Die neuen Illusionen in den Wohlfahrtskapitalismus werden freilich tische Kommandos" hält (S. 109), doch warum eigentlich? schnell verfliegen, denn die Industrie werde durch den überlegenen Kapital- Arg wird es dann, wenn dargelegt wird, in der "extensiven Phase" hätte ismus niedergewalzt. Es werde "immer weniger produktive Kaufkraft er- praktisch nichts falsch gemacht werden können. Immerhin sind durch abenzeugt" (S. 240), also immer weniger produziert. Die Folge sei Verelendung teuerliche Politik Stalins Millionen Menschen verhungert, Millionen umgeund das "endlose Grauen der postkatastrophalen Gesellschaften" (S. 227). bracht worden - und es gab katastrophale Einbrüche der Produktion. Die Der reale Sozialismus scheiterte wie vor ihm die Modernisierung der sowjetische Landwirtschaft hat das Jahrzehnte belastet. Wieviel in der Indu- 24 INPREKORR 245
strie falsch gemacht wurde, hat schon Trotzki in sciner "Verratenen Revolution" dargestellt. Wer ihn nicht mag, findet unschwer andere Literatur. Andere Aussagen werden nur schlicht gemacht, nicht aber bewiesen. Vielleicht sind die osteuropäischen Länder gegenüber dem Kapitalismus in den sicbziger Jahren entscheidend zurückgefallen (S. 149 [). Warum aber war damit der "Systemzusammenbruch unvermeidlich" (S. 153) und warum gera. de jetzt? Die Länder der sogenannten Dritten Welt hinken seit langem hinterher und bleiben immer weiter zurück, aber das System bleibt. Lag es nicht cher daran, daß das stalinistische System jede Entwicklungsfähigkeit cingebüßt hatte?
Wieso eigentlich sind die Produktivkräfte heute "kommunistisch vergesellschaft", droht der völlige Zusammenbruch des Systems, noch dazu binnen dieses Jahrzehnts? Wie eigentlich soll die "Aufhebungsbewegung" entstehen, wie sich durchsetzen?
Robert Kurz kennt nur den spontanen Widerstand, den Terrorismus und İslamischen Fundamentalismus, vergißt dabei den christlichen in den USA oder Lateinamerika und vor allem den neuen Faschismus - und erwähnt nicht cinmal mehr die Arbeiterbewegung.
Das alles liegt daran, daß Kurz nicht analysiert, sondern die Vergangenheit thesenförmig beschreibt und über die Zukunft kühn spekuliert. Sein Literaturverzeichnis läßt alle möglichen Interessen erkennen, nur kein schr ausgeprägtes an der Theorie des Stalinismus und seiner Krise oder der Krise des Kapitalismus. Falls Fakten die Thesen untermauern, sind sie überwiegend Zeitungsartikeln entnommen. Der Autor benutzt die Kategorien des "Kapital" von Marx, um die verwirrende Wirklichkeit zu verstehen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber er meint wohl, bisher hätten die Kommunistinnen die Welt falsch verstanden und darum vergeblich verändert. Es komme darauf an, sie neu zu interpretieren. Darum analysiert er nicht, sondern konstruiert ein plausibel erscheinendes Modell und preßt die gesellschaftliche Entwicklung in marxsche Kategorien. Das hat den Erkenntniswert cines Zerrspiegels.
So kann Kurz nichts Neues zum Verständnis des Zusammenbruchs des Stalinismus oder der Krise der Dritten Welt beitragen. Daß jemand heute den Mut hat, den nahen Untergang des Kapitalismus schon für die nächsten Jahre zu prophezeien, verrät provozierende Streitlust und nicht unbodingt tiefere Robert Kurz verstellt sich die Einsicht dadurch, daß er das sozialistische Ziel, Warenwirtschaft und damit Lohnarbeit aufzuheben, nicht als Prozeß längerer Entwicklung versteht. Er geht stillschweigend von der Annahme aus, beides mit der Revolution aufzuheben. So gibt es keine Übergangsphase. Er behauptet, aber beweist nicht, daß diese Bedingungen heute herangereift sind. Was er über "fortgeschrittene Vernetzung" und "stoffliche Vergesellschaftung" schreibt (S. 96 f), ist sogar begrifflich unklar. Aus der Methode erklärt sich, daß es Robert Kurz nicht sehr interessiert, wie eigentlich die "Aufhebungsbewegung" entstehen soll. Auf die Arbeiterbewegung setzt er offenbar nicht, sondern auf die Ausgegrenzten. Soll die Einsicht in die Notwendigkeit spontan entstehen und sich wie ein Flächenbrand verbreiten? Dann können wir abwarten, um uns dann der Bewegung anzuschließen.
Diese Hoffnung trifft sicher ein echtes Bedürfnis. Doch können wir uns damit zufriedengeben?
Hans-Jürgen Schulz
Brüche auf Kuba - die Krise des Castrismus von Janette Habel Die folgende Rezension von Michael Löwy erschien zuerst in "Rouge" vom 4.1.1990.
Francois Maspero schreibt in seinem Vorwort zu dem Buch von Janette Habel, das im Dezember 1989 erschienen ist: "Dies ist seit 20 Jahren das erste buch, das den Problemen auf den Grund geht, indem es sowohl eine umfassende Kenntnis der ökonomischen, sozialen und politischen Sachverhalte (...) als auch die Logik dessen zum Ausgangspunkt nimmt, was die kubanische Revolution gewesen ist und was sie weiterhin zu sein beansprucht." Er schreibt auch: "Eine solche Arbeit war weder innerhalb noch außerhalb Kubas geleistet worden", weil in beiden Fallen meist ausschließlich die Person Fidel Castros, seine Ideen, seine Entscheidungen und seine Persönlichkeit die Aufmerksamkeit der Autorinnen und Autoren auf sich gezogen haben. In dem Buch von Janette Habel werden schwerpunktmäßig die gegenwärtige Situation auf Kuba, die internen Probleme und die schwierige Position in ciner internationalen Umgebung behandelt, die von den Ereignissen in Osteuropa und der UdSSR beherrscht wird. In diesem buch wird, fernab jeglicher Apologie, nicht nur aufgezeigt, daß Fidel Castro nicht mit Ceaucescu oder Honecker auf eine Stufe gestellt werden kann, sondern auch, daß seine Politik nicht die adäquate sozialistische Antwort auf die Herausforderung der Gorbatschowschen Perestroika darstellt.
Die kubanische Wirtschaft befindet sich in einer schwierigen Situation. Der erste Grund hierfür ist das von den USA verhängte Embargo, aber auch die übermäßige Abhängigkeit vom Zucker und von sowjetischer Hilfe. Bei der Suche nach einer Lösung dieser strukturellen Probleme hat die kubanische Führung während der sicbziger und achtziger Jahre cine "neue ökonomische Politik" angewendet, die auf der Entwicklung freier Märkte, der Privatinitiative, monetären Anreizen usw. beruhte. Die Resultate waren ziemlich katastrophal: Zunahme von sozialer Ungleichheit, Korruption, Spekulation und vor allem der Unzufriedenheit im Volk. Hieraus erklärt sich die Binleitung des Prozesses der "Berichtigung der Fehler", der im Dezember 1986 cingeleitet wurde, bei dem die ökonomischen Konzeptionca von Che Guevara rehabilitiert und dem Markt enge Grenzen gezogen wurden.
Das Problem besteht darin, daß diese Kampagne der "Rectification" cine ausschließlich "von oben" (von Fidel Castro und seiner Gruppe) kommende Initiative gewesen ist, die von keiner einzigen Maßnahme realer Demokratisierung begleitet war. Die "Organe der Volksmacht" (poder popular) spiclen bei der Verwaltung auf örtlicher Ebene eine nicht unbedeutende Rolle, reale politische Macht haben sie aber nicht. Alle wichtigen Entscheidungen werden von Fidel Castro und der kleinen Gruppe seiner treuesten Kampfgefährten getroffen, ohne jegliche öffentliche Debatte und ohne jegliche Partizipation des Volkes
Janette Habel geht in ihrer eindringlichen Analyse genau auf die jakobinische (bzw. robespierristische) Komponente in der castristischen Ideologie ein, auf den Glauben an Säuberungen als Mittel zur Sicherung der hehren revolutionären Tugenden. Ein recht tristes Beispiel für diese Haltung ist vor kurzem durch die Hinrichtung mehrerer Revolutionsführer, die der Korrumpierung beschuldigt wurden, geliefert worden.
Der kubanische Castrismus behält eine Machtstruktur bei, die unter der paternalistischen, charismatischen und "pädagogischen" Leitung cines cinzigen Mannes steht. Fidels Kritik an der sowjetischen Peristroika (Rückkehr zum Markt als Regelungsmechanismus) und an der Außenpolitik der Sowjetunion in Lateinamerika (Beendigung der Unterstützung für die Revolution in Mittelamerika) ist legitim. Da er aber die Glasnost zurückweist, d.h. Meinungsfreiheit, politischen Pluralismus, freie Debatte über unterschiedliche Standpunkte, ist er nicht in der Lage, auf die Herausforderung, die Gorbatschow darstellt, eine geeignete Antwort zu geben. Und dadurch, daß er sich für Deng Xiaoping und Erich Honecker ausgesprochen hat, hat er sich mit den rückschrittlichsten bürokratischen Kräften in eine Reihe gestellt. Die sozialen Erfolge der kubanischen Revolution sind beeindruckend, wenn man sich das Erzichungswesen, das Gesundheitswesen, die soziale Sicherheit, das Fehlen von Elend und Arbeitslosigkeit u.ã. betrachtet. Die Revolution konnte überleben, weil sie es verstanden hat, die grundlegenden sozialen Bedürfnisse zu befriedigen und weil sie an die nationale Würde und die antiimperialistischen Empfindungen der Bevölkerung appellierte. Mit wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten, neuen internationalen Rahmenbedingungen, einer unbeweglichen Bürokratie konfrontiert, kann sich die Revolution aber nur durch einen Prozeß radikaler Demokratisierung retten. Janette Habel zeigt, daß es jenseits der falschen Alternative - Marktreform und ökonomische Liberalisierung oder aber zentralisierte und bürokratische Planung - einen dritten Weg gibt, den der Entscheidung über die wichtigsten ökonomischen Optionen durch die Arbeitenden selber. Sozialistische Planung ist nicht einfach ein ökonomischer Mechanismus, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis, das auf realer, demokratischer, politischer Kontrolle der Massen über die grundlegenden ökonomischen Entscheidungen beruht. Janette Habel, Ruptures a Cuba. Le castrisme en crise.
Mit einem Vorwort von Francois Maspero, Montreuil-sous-Bois (Editions La Breche) 1989.
283 S., mit Literaturverzeichnis.
ISBN 2-902524-78-1 Das Bach erscheint demnächst als Übersetzung im ISP-Verlag.
POLEN
Neue Regierung, neue Kämpfe
Der folgende Artikel beschreibt den exemplarischen Kampf gegen Massenentlassungen in Nowa Huta. Dieser Kampf fand vor dem Hintergrund einer katastrophalen wirtschaftlichen und sozialen Situation in Polen nach nur zwei Jahren der vom IWF diktierten Politik statt: die Einkommen sind im Durchschnitt um 40% gefallen, die Industrieproduktion ist praktisch halbiert worden. 2000 Kindergärten und -Tagesstätten sind geschlossen worden, es gibt weniger Unterricht an den Schulen und die Klassen haben sich um 50- 100% vergrößert. Ende Dezember 1991 waren 2.156.000 Menschen arbeitslos (11,5%). Offizielle Schätzungen gehen für Ende 1992 von 3-4 Millionen Arbeitslosen aus. Die mit dem völligen Scheitern der "Marktreformen" konfrontierte neue Regierung von Jan Olszewski hat aber nicht vor, vom sozialen Crashkurs abzulassen. Sie versucht, wie Ihre Vorgänger, sich als Überwinderindes "Kommunismus" hinzustellen und damit Kredit zu gewinnen. In Wirklichkeit werden aber die alten Apparate weitgehend unangetastet gelassen und in ihrem Versuch, nun gemeinsam mit Teilen der Solidarnosc-Bürokratie ein Stück vom marktwirtschaftlichen Kuchen zu bekommen unterstützt. "Aufgeräumt" wird hingegen sowohl mit den wenigen positiven Seiten des stalinistischen Systems (Arbeitsplatzsicherheit usw.) als auch mit Errungenschaften der alten Solidarnosc-Bewegung (Gewerkschaften müssen laut Verfassung vor einschneidenden Preissteigerungen konsultiert werden. Dies geschieht nicht).
Doch die Regierung hat sich verrechnet. Ihre Berufung auf die Massenbewegung der Solidarnosc wird ihr nicht abgenommen. Die Streikwelle von Anfang dieses Jahres- - 8. Januar: einstündiger Streik, der sich auf den Tag ausweitete, in Gdansk - 9. Januar: Lehrerinnenstreiks in vielen Regionen • 13. Januar: Solidarnosc organisiert eintägigen landesweiten Streik • 15. Januar: Streik in allen Flugzeugbetrieben - 16. Januar: Aktionstag von OPZZ und Solidarnosc-80 hat gezeigt, daß die polnischen Arbeiterinnen sich gegen die gemeinsame Bereicherung alter und neuer Bürokraten stellen. Die Aktionen waren oft extrem kämpferisch. So besetzten die Arbeiterinnen einer privaten Textilfabrik nicht nur ihren Betrieb, sondern nahmen den Eigentümer als Geisel für ihre Forderungen.
Zweitens machte die neue Regierung den Fehler, ausgerechnet die arbeiter innenfeindlichsten Maßnahmen ihrer Vorgängerin sofort durchsetzen zu wollen. Alle noch vorhandenen Illusionen zerstörte sie damit gründlich.
Präsident Walesa war einer der wenigen politischen Führer in Polen, der die Streiks kommen gesehen hatte. Er erklärte, daß er an der Spitze dieser Bewegungen "seinen Platz einnehmen" werde. Doch sein politisches Handein war dieser Rhetorik genau entgegengesetzt: schon Ende November 1991 wollte er vom Parlament weitgehende Vollmachten und das Recht per Dekret zu regieren... Umfragen haben jedoch gezeigt, daß diese diktatorischen Ambitionen sehr wohl wahrgenommen werden. Walesa hätte bei Präsidentschaftswahlen heute nur 20% der Stimmen zu erwarten.
Die neu entstehende Arbeiterinnenbewegung hat aufgrund der Desorientierung der letzten zwei Jahre, in denen sich die aus der Arbeiterinnenbewegung kommende Regierung als arbeiterinnenfeindlich entpuppte, noch nicht zu einem politischen Ausdruck gefunden. Sie stellt sich jedoch zunehmend gegen die Privatisierungsprogramme als ganzes. Anknüpfend an die Tradition von 1980-81 werden Streiks geführt, Betriebe besetzt und sogar wieder Streikkomitees gewählt. Wenn es gelingt, diese bisher noch nicht zusammengefaßten neuen Bewegungen zu vereinen und auszuweiten, kann sich die Lage in Polen rasant ändern. Laut Umfragen findet die Idee eines Generalstreiks schon bei 30% der Bevölkerung ein positives Echo.