Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internationale

Trotzki und der demokratische Kampf in der UdSSR

· Inprekorr Nr. 244, Februar 1992 · S. 17-22 · 4.359 Wörter

Trotzki und Geschichte Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie IV. Internationale

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Leo Trotzkis Klassiker "Die verratene Revolution"* streichs in der UdSSR im August 1991 abgeschloswurde 1936 geschrieben. Ähnlich wie das Kommuni- sen. Einige von uns entdeckten in der "Verratenen stische Manifest ist es eine klare Darstellung, die aber Revolution" Passagen, die die Ereignisse fast voraustrotzdem ein immenses Maß an Ideen vermittelt. zusagen schienen. Offensichtlich handelt es sich um Beide Schriften bringen bei mehrmaligem Lesen neue einen der entscheidenden politischen Texte des Einsichten, die oft für die Gegenwart von bestechen- 20sten Jahrhunderts. Wir müssen uns mit diesem der Bedeutung sind. Eine sozialistische Studiengrup- Buch gerade jetzt auseinandersetzen, wenn wir die pe in Pittsburgh, an der ich auch beteiligt war, organi- heutigen Umwälzungen verstehen und zu einer bessierte einen vierteiligen Kurs zu diesem Buch. Wir seren Zukunft beitragen wollen. (Der Artikel erschien hatten ihn gerade zur Zeit des gescheiterten Staats- zuerst im Bulletin in Defense of Marxism, Nov 1991)

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Der kürzlich verstorbene antikommunistische Akademiker Robert betont an vielen Stellen in seinem Buch einen anderen Aspekt des H. McNeal schrieb in seinem einflußreichen und vermeintlich gelehr- internationalen Faktors, nämlich daß die Bolschewiki erfolgreiche ten Aufsatz "Trotzkis Interpretation des Stalinismus", daß Trotzki Revolutionen in anderen Ländern - besonders den fortgeschritteneren "trotz vieler Schriften über den Stalinismus mit der brutalen Ironie Industriestaaten - (auch für die Entwicklung des Sozialismus innernicht zurechtkommen konnte, die sich ihm in Stalins Rußland und der halb der UdSSR) für unabdingbar hielten. Komintern zeigte", weil diese im Widerspruch zu seinem tiefen "Die außerordentliche Verzögerung in der Entwicklung der inter- Glauben "an den menschlichen Fortschritt und besonders die fort- nationalen Revolution, mit deren baldiger Hilfe die Führer der bolschrittliche Rolle seines eigenen Lebens als Revolutionär" stand. schewistischen Partei gerechnet hatten, bereitete der UdSSR einer- (Robert C. Tucker, Hrsg., Stalinism, New York, W.W.Norton, 1977, seits ungeheure Schwierigkeiten, brachte aber andererseits auch au- Berordentliche innere Hilfsquellen und Möglichkeiten zum Vor- Laut Marx und Engels ist der Sozialismus (oder Kommunismus) schein." So Trotzki in der "Verratenen Revolution". Trotzki zählt die die freie Assoziation der ProduzentInnen, in der die freie Entwicklung enormen Erfolge bei der industriellen und kulturellen Entwicklung jedes einzelnen die Vorbedingung für die freie Entwicklung aller ist. auf, die trotz aller schweren Rückschläge durch die Planwirtschaft und Lenin und Trotzki führten im Oktober 1917 die Bolschewiki im die immense idealistische Energie vieler Menschen errungen worden Namen dieser befreienden Vision an die Macht. Doch das Produkt waren und fügt hinzu, daß - selbst wenn die UdSSR zusammenbrechen dieser Revolution war der Stalinismus. " An ihren Früchten sollt ihr sie würde - "die unaustilgbare Tatsache als Pfand für die Zukunft bestehen erkennen." Über das ganze politische Spektrum hinweg - sogar unter bliebe, daß allein dank der proletarischen Revolution ein zurückgejenen, die bereit sind zuzugeben, daß die bolschewistische Revolution bliebenes Land in weniger als zwei Jahrzehnten in der Geschichte eine grundlegende demokratische Bewegung der arbeitenden Bevöl- beispiellos dastehende Erfolge erzielte." (S.8& 10) kerung mit einschloß - wurde diese Argumentationsweise gebraucht, Er bestand aber auch darauf, daß der Sozialismus - der sich ja auf um zu zeigen, daß Stalin Lenins "wahrer Erbe" war und daß die die Möglichkeiten eines technisch entwickelten Landes stützen sollte, bolschewistische Tradition des revolutionären Marxismus logischer- allen Menschen ein würdiges Leben zu sichern, wie auch auf einen weise zum Totalitarismus führen muß. bedeutenden Grad an harmonischer wirtschaftlicher Zusammenarbeit Dies ist cine Frage von höchster Wichtigkeit. Wenn eine bolsche- zwischen den Nationen - in der wirtschaftlich zurückgebliebenen wistische Perspektive anstatt zu einer bürokratischen Diktatur zu UdSSR nicht existiere und nicht existieren könnte, trotz der gegenteieinem Sozialismus von Freiheit und Solidarität führen kann, dann ligen strahlenden Propaganda des Stalinregimes und seiner ausländisollte der Stalinismus auch durch eine bolschewistische Analyse am schen Bewunderer unter der radikalliberalen Intelligenz. Das Recht besten erklärt werden können, d.h. eine Analyse, die sich auf die kann nie höher sein als die ökonomische Gestaltung und dadurch befreienden Konzeptionen im Kommunistischen Manifest und Lenins bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaf!", zitierte er Marx und "Staat und Revolution" bezieht. Aus einer "bolschewistischen" Per- schließt ein anderes Marx-Zitat an: "Die Entwicklung der Produktivspektive ist es sogar absolut notwendig, eine solche Analyse zu kräfte ist eine absolut notwendige praktische Voraussetzung (des erstellen, um die eigene praktische Arbeit zu entwickeln. Dies war Kommunismus), auch darum, weil ohne sie die Not sich verallgemeiauch Trotzkis vorrangiges Ziel in der "Verratenen Revolution", nert und mit der not muß wieder der Kampf um die notwendigen nämlich eine Kritik des Stalinismus und der Natur des sowjetischen Gegenstände beginnen und folglich die ganze alte Leier wiederaufer- Regimes zu entwickeln, die sich sowohl an die Fakten, als auch an das stehen (zurückübersetzt aus dem russischen Text)."(S.53&56) revolutionär-sozialistische Ziel hielt. Gerade diese Verpflichtung dem Wir sehen, daß Trotzki - anders als viele oberflächliche Beobach- Ziel gegenüber war der Schlüssel zu Entwicklung der tiefgreifendsten terInnen auf der Linken - bei seiner Analyse von dem "was schiefge- Analyse - es ist unmöglich, die Dinge zu verstehen, wie sie sind, ohne gangen ist" nicht von den bösen Vorhaben eines Josef Stalin ausging. eine Ahnung davon zu haben, wie sie sein könnten und sollten. Im Gegenteil. Er siedelt die Entwicklung des Problems vor der Verfestigung der stalinistischen Diktatur an. Er schreibt, daß mitten in Trotzkis Zusammenfassung in der einer ausländischen Intervention, im Bürgerkrieg und dem wirtschaft- "Verratenen Revolution" lichen Kollaps, die Demokratie in dem Maße schrumpfte, wie die Schwierigkeiten wuchsen. Ursprünglich wünschte und hoffte die Partei, im Rahmen der Sowjets die Freiheit des politischen Kampfes

Ein auffälliger Zug an Trotzkis Studie ist, daß sie gleich im ersten beizubehalten. Der Bürgerkrieg nahm an diesen Absichten eine harte Abschnitt des ersten Kapitels mit einer Zusammenfassung der Theorie Korrektur vor. Die Oppositionsparteien wurden eine nach der anderen der permanenten Revolution und dem ihr zugrundeliegenden Gesetz verboten. In dieser Maßnahme, die deutlich dem Geist der Sowjetdeder ungleichen und kombinierten Entwicklung beginnt. Diese bietet mokratie widersprach, sahen die Führer des Bolschewismus nicht ein die feste Basis seiner Analyse. Die demokratische Revolution gegen Prinzip, sondern einen episodischen Akt der Selbstverteidigung." das tyrannische Regime des Zaren konnte nur von der ArbeiterInnen- (S.94) Stattdessen, so Trotzki, sei nicht nur die Demokratie innerhalb klasse zuendegeführt werden. Dies würde aber die politische Macht in der Partei selber, wie auch in den Sowjets, bald verlorengegangen, die Hände der ArbeiterInnenklasse legen. Dies würde wiederum der sondern auch in den Gewerkschaften, Kooperativen, kulturellen Politik des neuen Regimes eine sozialistische Dynamik verleihen. Organisationen, etc. "Über jeder einzelnen von ihnen thront eine Auch der internationale Faktor kam sofort ins Spiel. Nicht nur in Form uneingeschränkte Hierarchie von Parteisekretären." Dies alles war der militärischen Aggression der kapitalistischen Regierungen gegen nicht das Ergebnis eines "schicksalhaften Fehlers" im Bolschewismus die junge Sowjetrepublik, sondern auch in Form massiven Drucks von oder den Ideen Lenins, sondern von etwas viel grundlegenderem, das Seiten der kapitalistischen Weltwirtschaft auf das tägliche Leben der sich in der Periode des Bürgerkrieges und den frühen Jahren der NEP Sowjetvölker. Trotzki sah, daß nicht nur die Zukunft des Sozialismus, entwickelte (also seit 1918 bis in die frühen 20er Jahre). In der sondern auch das bloße Überleben des Landes und seiner Bevölkerung folgenden bemerkenswerten Passage verweist Trotzki auf diese es notwendig machten, die fortgeschrittenen Industrienationen in Dynamik:

Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung "einzuholen". Trotzki "Grundlage des bürokratischen Kommandos ist die Armut der 18 INPREKORR 244

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Gesellschaft an Verbrauchsgegenständen mit dem daraus entstehen- 20. Jahrhundert - den Faschismus: "Letzten Endes verdankt der den Kampf aller gegen alle. Wenn genug Waren im Laden sind, Sowjetbonapartismus seine Entstehung der Verspätung der Weltrevokönnen die Käufer kommen, wann sie wollen. Wenn die Waren knapp lution. Dieselbe Ursache aber erzeugte in den kapitalistischen Länsind, müssen die Käufer Schlange stehen. Wenn die Schlange schr dern den Faschismus. Wir gelangen zu einer auf den ersten Blick lang wird, muß ein Polizist für Ordnung sorgen. Das ist der Ausgang- überraschenden, doch in Wirklichkeit unabweislichen Schlußfolgespunkt für die Macht der Sowjetbürokratie. Sie "weiß", wem zu geben, rung: die Erstickung der Sowjetdemokratie durch die allmächtige und wer zu warten hat."(S.109) Bürokratie geht, ebenso wie die Zerschlagung der bürgerlichen Es ist an diesem Ort unmöglich, Trotzkis Analyse in der "Verrate- Demokratie durch den Faschismus, auf ein und dieselbe Ursache nen Revolution" in all ihrer Komplexität wiederzugeben. Es lohnt sich zurück: die Verzögerung des Weltproletariats bei der Lösung der ihm aber dennoch, Trotzkis eigenen Zusammenfassung seiner Analyse von der Geschichte gestellten Aufgabe. Stalinismus und Faschismus genau zu betrachten und zu hinterfragen, in der er eine nützliche Liste stellen trotz der tiefen Verschiedenheit ihrer sozialen Unterlagen von Schlüsselpunkten angibt: symmetrische Erscheinungen dar. In vielen Zügen sind sie einander "Die UdSSR ist eine zwischen Kapitalismus und Sozialismus erschreckend ähnlich. Eine siegreiche revolutionäre Bewegung in stehende, widerspruchsvolle Gesellschaft, in dera) die Produktivkräf- Europa würde sofort nicht nur den Faschismus, sondern auch den te noch längst nicht ausreichen, um dem staatlichen Eigentum sozia- Sowjetbonapartismus erschüttern."(S.268) listischen Charakter zu verleihen, b) das aus Not geborene Streben Bezeichnenderweise verneinte Trotzki die Idee, daß die privilenach ursprünglicher Akkumulation allenthalben durch die Poren der gierte Sowjetbürokratie eine Klasse war, wie z.B. die sklavenhalten- Planwirtschaft dringt, c) die bürgerlich bleibenden Verteilungsnor- den Patrizier, der Feudaladel oder die kapitalistische Bourgeoisie. Die men einer neuen Differenzierung der Gesellschaft zugrundeliegen, d) Sowjetgesellschaft war für ihn weder eine Form des Kapitalismus der Wirtschaftsaufschwung die Lage der Werktätigen langsam bessert ("Staatskapitalismus") noch eine neue Form der Klassengesellschaft und die rasche Herausschälung einer privilegierten Schicht fördert, e) (z.B. "bürokratischer Kollektivismus"). Er sah die Sowjetbürokratie die Bürokratie unter Ausnutzung der sozialen Gegensätze zu einer cher wie die bereicherte, konservative, undemokratische und teilweise unkontrollierten und dem Sozialismus fremden Kaste wurde, f) die von Gangstern durchsetzte bürokratische Schicht, die in den Gewerkvon der herrschenden Partei verratene soziale Umwälzung in den schaften so vieler Länder entstanden ist. Er dachte, daß diese parasi- Eigentumsverhältnissen und dem Bewußtsein der Werktätigen noch täre Elite nicht dieselbe organische Funktion erfüllt, wie es die fortlebt, g) die Weiterentwicklung der angehäuften Gegensätze so- Bourgeoisie in der kapitalistischen Produktionsweise tut. Daher wawohl zum Sozialismus hin als auch zum Kapitalismus zurückführen ren auch die Wurzeln der Bürokratie in der sowjetischen Gesellschaft kann, h) auf dem Wege zum Kapitalismus eine Konterrevolution den nicht so tief, die bürokratische Schicht als ganzes nicht so spannkräftig Widerstand der Arbeiter brechen müßte, i) auf dem Wege zum und die Zukunft der Bürokratie als herrschende Elite nicht so anhal- Sozialismus die Arbeiter die Bürokratie stürzen müßten. Letzten tend, wie es z.B. bei der kapitalistischen Klasse der Fall war. Endes wird die Frage sowohl auf nationaler wie internationaler Arena Jetzt, wo das unter Stalin aufgebaute bürokratische System unter durch den Kampf der lebendigen sozialen Kräfte entschieden der Wucht seiner eigenen Widersprüche nach nur sechs Jahrzehnten werden."(S.246) zusammenbricht, scheint Trotzkis These bestätigt, daß es sich dabei nicht um eine neue Form der Klassenherrschaft gehandelt hat. Dassel- Bonapartismus und Übergangsgesellschaft be gilt für seine Aussage, daß die bürokratische Herrschaft kein Endpunkt des revolutionären Prozesses in der UdSSR war, sondern Trotzki sah Stalinals Angehörigen eines Stammbaums von Tyran- eine Übergangsperiode darstellte. Er warnte schon damals gegen "die nen, zusammen mit Casar, Napoleon Bonaparte und Napoleons Nef- falsche Vorstellung (...) als sei vom heutigen Sowjetregime ein fen Louis-Napoleon Bonaparte, der später Napoleon III. werden Übergang nur zum Sozialismus möglich. Tatsächlich ist auch ein sollte. In jedem dieser Fälle nahmen diese sich ähnelnden Systeme den Zurückgleiten zum Kapitalismus durchaus möglich."(S.245) Namen des jeweiligen Herrschersan. Cäsarismus, Bonapartismus und Stalinismus gleichen sich insofern, als in einer zerrissenen Gesell- Widersprüche und Vorhersagen schaft und extrem fraktionalisierten politischen Situation ein autoritärer "Über-Schiedsrichter" die Macht ergreift, der demokratische und Trotzkis Analyse der Widersprüche der sowjetischen Gesellschaft populäre Rhetorik anwendet und vorgibt, die Interessen der gesamten Mitte der dreißiger Jahre ist auch heute noch für eine Betrachtung der Gesellschaft zu repräsentieren. Die Staatsmacht erhebt sich über die aktuellen Vorgänge in der UdSSR relevant. Selbst cine unvollständi- Nation, und während sie vorgeblich unabhängig von allen sozialen ge Darstellung bringt vieles zu Tage. Klassen herrscht, verteidigt sie doch in Wirklichkeit im allgemeinen Das Wachstum und die Macht der Bürokratie stoßen mit der die Privilegien der Oberschichten. "Das Stalinregime, das über die Rationalisierung der Wirtschaft und der Entwicklung der Produktivpolitisch atomisierte Gesellschaft hinausragt, sich auf Polizei und kräfte in der UdSSR zusammen "so wie die absolute Monarchie Offizierskorps stützt und keinerlei Kontrolle über sich duldet, ist seinerzeit unvereinbar wurde mit der Entwicklung des bürgerlichen deutlich eine Sorte Bonapartismus neuen Typs, wie er in der Geschich- Marktes." Willkürliche bürokratische Wirtschaftsleitung, cin Kernete noch nicht vorkam, "schrieb Trotzki. "Der Casarismus entstand in lement der überzentralisierten stalinistischen "Kommandowirtder von inneren Kämpfen erschütterten Gesellschaft des Sklavenzei- schaft", verhindert eine akkurate Buchführung, die für cine rationale talters. Der Bonapartismus ist ein politisches Werkzeug des kapitali- Planung unerläßlich ist. Gefälschte Ergebnisse, Engpässe, Nepotisstischen Regimes in seinen Krisenperioden. Der Stalinismus ist eine mus und die Inkompetenz einer relativ autonomen Bürokratie - frei Abart desselben Systems, doch auf dem Fundament des vom Gegen- von Kontrollen, die entweder die Marktgesetze oder die Arbeiterinsatz zwischen der organisierten und bewaffneten Sowjetaristokratie nendemokratie auferlegen - verkomplizieren in hohem Maße die und den waffenlosen werktätigen Massen zerrissenen Aufgaben der Produktion und Verteilung. Selbst wo phänomenale Arbeiterstaates."(S.267-68) Produktionsquoten - bürokratisch von oben nach unten festgelegt - Danach behandelt Trotzki eine andere Form des Bonapartismus im erfüllt und sogar übertroffen werden, leidet doch unvermeidlich die

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Qualität der Produkte: (die Bürokratie ertötet) alle schöpferische viel schwächer erweisen als es heute scheinen möchte."(S.276, 277) Initiative und jedes Verantwortungsgefühl, ohne die in der Qualität Doch Trotzki ging nicht davon aus, daß ein solcher Prozeß nur positive kein Fortschritt erzielt wird noch erzielt werden kann.(S.264, 265) Resultate bringen würde. Er selber trat für eine politische Revolution, Die Last haben die sowjetischen Konsumentinnen zu tragen. "Das die Erneuerung der Rätedemokratie und die Beibehaltung der sozioõ- Geschwür des Bürokratismus, das in der Großindustrie vielleicht nicht konomischen Errungenschaften der Revolution von 1917 cin. Er war so offen ist", kommentiert Trotzki, "zerfrißt außer den Genossen- aber auch in der Lage, das düstere alternative Szenario aufzuzeigen: schaften die Leicht und Nahrungsmittelindustrie, die Kolchosen, die "Ein Zusammenbruch des Sowjetregimes würde unweigerlich kleine örtliche Industrie, d.h. alle die Wirtschaftszweige, die der einen Zusammenbruch der Planwirtschaft und damit die Abschaffung Bevölkerung am nächsten stehen. ""Gigantische Fabriken nach ferti- des staatlichen Eigentums nach sich ziehen. Die Zwangsbindung der gen westlichen Mustern kann man auch auf bürokratisches Komman- Trusts untereinander und zwischen den Fabriken eines Trusts würde do errichten, freilich dreimal so teuer" - dies gilt aber nicht für die sich lockern. Die erfolgreichsten Unternehmungen würden sich becilangfristige Entwicklung der Wirtschaft: "Aber je weiter der Weg len, selbständige Wege zu gehen. Sie könnten sich in Aktiengesellgeht, umsomehr läuft die Wirtschaft auf das Problem der Qualität schaften umwandeln oder eine andere transitorische Eigentumsform heraus, die der Bürokratie wie cin Schatten entgleitet." Trotzki merkt finden, etwa mit Gewinnbeteiligung der Arbeiter. Gleichzeitig und an, daß "die Sowjetproduktion (...) wie von grauen Stempel der noch leichter würden die Kolchosen zerfallen. Der Sturz der heutigen Gleichgültigkeit gezeichnet (scheint)", zeigt aber auch eine Alterna- bürokratischen Diktatur, wenn keine neue sozialistische Macht sie tive sowohl zur Diktatur des kapitalistischen Marktes als auch zur ersetzt, wäre also gleichbedeutend mit einer Rückkehr zu kapitalisti- Diktatur der Bürokratie auf: In einer nationalisierten Wirtschaft setzt schen Verhältnissen bei katastrophalem Rückgang von Wirtschaft Qualität Demokratie für Erzeuger und Verbraucher, Kritik- und Initia- und Kultur.(S.242)

tivfreiheit voraus, d.h. Bedingungen, die mit einem totalitären Regime Soschlecht das Leben unter der stalinistischen Tyrannei auch war, von Angst, Lüge und Kriecherei unvereinbar sind. (...) Die Sowjetde- es konnte schlimmer kommen. Die Arbeitsplatzsicherheit wird durch mokratie ist keine Forderung der abstrakten Politik, noch weniger der die wirtschaftliche Peitsche der Arbeitslosigkeit ersetzt; die Aushöh- Moral. Leben und Tod hängt von dieser Frage ab."(S.265-266) lung des Rechts auf eine, wenn auch oftmals schlechte, Wohnung, die Mitte der 30er Jahre stand die von starken internen und externen Aushöhlung der Gesundheitsversorgung, der Erziehung und anderer Zwängen heimgesuchte Bürokratie am Scheideweg. Ein Teil war sozialer Errungenschaften der Revolution von 1917 - diese und andere geneigt in Richtung "liberaler" Reformen zu gehen. Aber selbst der Möglichkeiten stärken die Bürokratie. Trotzki argumentierte, daß die Gedanke an so ein Vorgehen wurde schon bald durch die Ermordung Mehrheit der Arbeiterinnen der Bürokratie feindlich gegenüberstehe. des "liberalen" Bürokraten Sergej Kirow ausgelöscht. Dieser war Die ArbeiterInnen hätten aber nie den offenen Kampf aufgenommen, Parteichef von Leningrad gewesen (Trotzki nannte ihn "schlau und weil sie Angst hatten durch den Sturz der Bürokratie der kapitalistiskrupellos") und Stalins potentieller Gegenspieler. Seine Ermordung schen Restauration den Weg zu ebnen. Trotzki sah dieses als einen wurde als Vorwand für Massenfestnahmen, Einkerkerungen und ein dialektischen Widerspruch in der sowjetischen Realität. Die Zerstö- Gemetzel an wirklichen, möglichen und eingebildeten Gegnerinnen rung der Planwirtschaft würde das Land um Jahrzehnte zurückwerfen des Stalinregimes genommen. Sie alle waren angeklagt, Teil einer und die Bürokratie erfüllte eine notwendige Funktion, indem sie diese "konterrevolutionären trotzkistischen Verschwörung" zu sein. Trotz- Wirtschaft aufrechterhielt. " Aber sie tut es in einer Weise, daß sie eine ki spielte in seiner Analyse - die gerade beendet wurde, als dieser Sprengung des ganzen Systems vorbereitet, die die Ergebnisse der Wirklichkeit gewordene Albtraum begann - den gegenteiligen Fall Revolution vollständig hinwegfegen kann."(S.275) Ob die Sowjetunidurch, nämlich die Vorstellung, ein "liberaler Reformflügel" der on in den Kapitalismus zurückfallen oder zum Sozialismus voran- Bürokratie würde sich durchsetzen. Dies hat für uns in der heutigen schreiten würde, würde durch immense Kämpfe entschieden werden, Zeit natürlich besondere Bedeutung. an denen die sowjetischen Massen selber teilhaben würden.

Trotzki sagte voraus, daß die Wirtschaftskrise cinc "offene politische Krise" hervorbringen würde, deutete aber auch an, daß die Bedeutung der Linken Opposition

Sowjetverfassung von 1936 als Vorbeugende Maßnahme gebraucht werden könne, um den Unmut der Bevölkerung in die Wahlurnen zu Trotzki wußte, daß relativ spontane Massenbewegungen der leiten. Dies sollte dazu dienen, Teile der Bürokratie zu korrigieren und ArbeiterInnenklasse, den Beginn einer Revolution darstellen konnten. zurechtzustutzen, die für einige der Schwierigkeiten in der Gesell- Er glaubte aber nicht, daß die ArbeiterInnenklasse daher auch eine schaft verantwortlich waren. "Jedoch wäre es nicht das erste Mal, daß Revolution "spontan" gewinnen könne. Die Übernahme der politieine bürokratische Diktatur, die in "liberalen" Reformen Rettung schen Macht konnte nur durch bewußte Vorbereitung gewährleistet suchte, sich nur selbst schwächte", schrieb Trotzki und fügte hinzu. werden. Dazu gehörten sowohl die Herausbildung erfahrener Aktividaß dies "gleichzeitig eine halblegale Deckung zum Kampf gegen" stinnen als auch die Entwicklung eines brauchbaren politischen Proden Stalinismus hervorbringen könnte. Trotzki schrieb, als Gorbat- gramms und die Fähigkeit, dieses den Massen zu vermitteln. Er schow und Jelzin noch in den Windeln lagen: "Das Rivalisieren der glaubte, daß die Existenz der Linken Opposition in der UdSSR bürokratischen Cliquen bei den Wahlen kann der Ansatzpunkt eines damals die stärkste Scktion der Vierten Internationale - auch die breiteren politischen Kampfes werden. Die Geißel gegen die "schlecht Existenz einer solchen Kraft garantierte. arbeitenden Machtorgane" kann zur Geißel gegen den Bonapartismus Dies war keine reine Wunschvorstellung. Diese mutigen Männer werden." Was in den dreißiger Jahren nicht heranreifte, wurde ein und Frauen - oft VeteranInnen des revolutionären Kampfes gegen halbes Jahrhundert später Wirklichkeit: "Alles deutet darauf hin, daß Zarismus und Kapitalismus, leitende Kader der Revolution von 1917 es im weiteren Verlauf der Entwicklung unvermeidlich zum Zusam- und der Bürgerkriegsperiode und früh schon im Kampf um die menstoß der kulturell gewachsenen Kräfte des Volkes mit der büro- marxistischen und bolschewistischen Prinzipien gegen die ersten kratischen Oligarchie kommen muß. (...) Bei energischem Druck der Anzeichen der bürokratischen Korruption - stellten ein großes Reser- Volksmassen und in diesem Fall unvermeidlicher Zersetzung des voir an politischer Erfahrung, Organisationsfähigkeit und unschätzba- Regierungsapparates kann der Widerstand der Herrschenden sich als rer moralischer Autorität dar. "Die Gefängnisse, die entlegenen 20 INPREKORR 244

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Winkel Sibiriens und Mittelasiens, die sich ständig vermehrenden Entwicklung des Landes.(...) Trotzki hatte kein Verständnis für die Konzentrationslager bergen die Blüte der bolschewistischen Partei, Ängste mancher Leute, daß einige politische "Ketzereien" und Fehler die Standhaftesten und treuesten." Trotzki berichtet vom Tod hunder- begehen könnten. "Die Jugend wir wieder frei atmen, kritisieren, irren ter Oppositioneller durch Hinrichtungen, Tod beim Hungerstreik, und mannhaft werden dürfen."(S.243, 278, 279). Selbstmorde usw., sagt aber, daß auch danach noch ungefähr 20.000 Einige Rechnungen müßten auch beglichen, eine notwendige Angehörige der Opposition verblieben. Die Kommunistische Partei Reinigung durchgeführt werden. "Gemeinsam mit den Massen und an Stalins hätte zwei Millionen Mitglieder, aber "die nackte Gegenüber- ihrer Spitze würde sie (eine revolutionäre Partei) schonungslos den stellung der zahlen sagt in dieser Frage gar nichts. Ein Dutzend Staatsapparat säubern," die stalinistische Tyrannei an der Wurzen Revolutionäre in einem Regiment genügt, um es in einer heißen ausreißen. "Es handelt sich (natürlich) nicht darum, eine herrschende politischen Atmosphäre auf die Seite des Volkes Clique durch eine andere zu ersetzen, sondern darum, die Methoden zichen."(S.272,273) Er zitiert den kürzlich freigekommenen Victor zu ändern, nach denen Wirtschaft und Kultur geleitet werden. Das Serge, einen der wenigen Linksoppositionellen, der den Straflagern bürokratische Selbstherrschertum muß der Sowjetdemokratie Platz. entkommen war: machen."(S.243, 278)

"Einige Tausend sind es, Kommunisten aus der ersten Zeit, Ge- Bei dem Bruch mit der bürokratischen Strangulierung der Produkfährten Lenins und Trotzkis, Erbauer der Sowjetrepubliken, als es tivkräfte "hätte das Proletariat in der Wirtschaft eine Reihe wichtigster noch Sowjets gab, die da dem inneren Zerfall des Regimes die Reformen, doch keine neue soziale Revolution durchzuführen." Statt- Grundsätze des Sozialismus entgegenhalten und die Rechte der Arbei- dessen würde es "das Planwirtschaftsexperiment fortsetzen und terklasse wahrnehmen, wie sie es können (und sie können nichts weiterentwickeln."(S.244) Doch die Planung muß einen qualitativ weiter, als sich in alle Opfer fügen)... Ich bringe euch Kunde von anderen Charakter annchmen: " Auf die Wirtschaft übertragen bedeudenen, die dort eingeschlossen sind. Sie werden standhalten, solange tet die Demokratie gründliche Revision der Pläne im Interesse der wie nötig, bis zum Schluß, und sollten sie auch nicht mehr die neue Werktätigen. Freie Diskussion der Wirtschaftsprobleme wird die Morgenröte der Revolution erblicken."(S.275,276) Unkosten der bürokratischen Fehler und Zickzacks senken.(...) Die Eine der wichtigsten Veränderungen seit Trotzki die "Verratene "bürgerlichen Verteilungsnormen" (wie z.B. ungleiche Einkommen, Revolution" schrieb, ist die Tatsache, daß fast alle dieser wertvollen Marktmechanismen usw., P.LB.) werden auf das unbedingt Notwen- Genossinnen - anständige Menschen, unersetzbare revolutionäre dige zurückgeführt werden, um in dem Maße, wie der gesellschaftli- Kader - nicht mehr sind. Einige von ihnen wurden gebrochen. Die che Reichtum wächst, sozialistischer Gleichheit Platz zu meisten konnten an ihren Überzeugungen festhalten und wurden in machen."(S.279)

den Jahren 1936-38 massakriert. Es gibt Berichte, die erzählen, wie sie "Schließlich", so Trotzki, "wird die Außenpolitik zu den Traditioin kleinen Gruppen mit vorgehaltenem Gewehr aus den Konzentra- nen des revolutionären Internationalismus zurückkehren. "(S.279) Die tionslagern in die Tundra geführt wurden. Einige Augenzeuginnen stalinistische Idee des Sozialismus in einem Lande hielt er für ausgeberichten, wie sie mit Würde, die Faust zum kommunistischen Gruß sprochene Utopie und sagte voraus: "Je länger die UdSSR in kapitalerhoben gingen und dabei stolz die "Internationale" sangen, bevor sie istischer Umkreisung verbleibt, umso tiefer wird der Entartungsproden Platz erreichten, an dem sie niedergeschossen wurden. Die weni- zeß das gesellschaftliche Gewebe erfassen. Weitere Isolierung müßte gen, die überlebt haben, sind jetzt alt - oft achtzig oder neunzig Jahre. unweigerlich nicht in einem Nationalkommunismus, sondern in der Heute gibt es verschiedene zersplitterte Strömungen von jungen Restauration des Kapitalismus ausmünden." Er fügt hinzu: "Wie die oppositionellen MarxistInnen in der UdSSR, einige aktive ArbeiterIn- Bourgeoisie nicht friedlich in die sozialistische Demokratie hineinnen, die sich noch an den Ideen von Marx und Lenin orientieren und wachsen kann, so kann auch ein sozialistischer Staat nicht friedlich in kleine Gruppen neuer Aktivistinnen, die wenig von dem Erbe der das kapitalistische Weltsystem hineinwachsen."(S.290) Die Bolsche- Linken Opposition wissen, aber bemüht sind, zu lernen. Man darf wiki hatten bei der Machtübernahme 1917 ihre "Grundaufgabe" als Hoffnungen auf ihren zukünftigen Erfolg haben - aber die erfahrene "Errichtung einer sozialistischen Organisation der Gesellschaft und und relativ einheitliche Kraft, die die sowjetische Linksopposition Sieg des Sozialismus in allen Ländern" definiert (S.281). Dies müsse dargestellt hat ist nicht mehr. Trotzki bekräftigte, daß "die Bürokratie auch eine erneuerte Sowjetunion leiten. "Heute mehr denn je ist das nur durch eine revolutionäre Kraft zu entheben (sei)" und fügte hinzu: Schicksal der Oktoberrevolution mit dem Europas und der ganzen (Den Angriff) vorzubereiten und sich in einer günstigen Situation an Welt verbunden."(S.279)

die Spitze der Massen zu stellen - das ist die Aufgabe der Sowjetsck- Für uns, die wir außerhalb der UdSSR Ieben ist diese revolutionärtion der Vierten Internationale."(S.277) Die günstige Situation ist da, internationalistische Orientierung ein guter Punkt um zu schließen. doch die sowjetische Sektion der Vierten Internationale muß noch Unsere Bemühungen um den Aufbau revolutionärer demokratischer (wieder) aufgebaut werden, ihre Anhängerinnen und Verbündeten Kämpfe und einer sozialistischen Arbeiterinnenbewegung werden müssen neu gewonnen werden. Es ist nicht klar, ob dieses rechtzeitig von den Ereignissen in der Sowjetunion stark beeinflußt. Wir können bewerkstelligt werden kann, um die jetzige Konjunktur zu beeinflus- aus diesen Auseinandersetzungen, die die Weltpolitik ändern, sehr scn. viel lernen. Es ist auch nicht minder wahr, daß Kämpfe gegen die Unterdrückung in kapitalistischen Gesellschaften wie unserer Aus- Doch das historische Programm der Linken wirkungen auf unsere Brüder und Schwestern in der UdSSR haben Opposition ist auch heute noch brandaktuell. werden.

Für Linke Oppositionelle aller Länder ist Trotzkis engagierte und durchgehende Analyse ein wichtiger Ausgangspunkt, wenn wir versu- Hierbei ginge es an erster Stelle darum, "die Demokratie in den chen die Welt zu verstehen und zu verändern. Gewerkschaften und Sowjets wiederherzustellen. Sie (cine revolutionäre Partei, A.d.Ü.) könnte und müßte den Sowjetparteien die Freiheit * Sämtliche Zitate aus: Trotzki, Leo, Die Verratene Revolution, wiedergeben.(...) Wiederherstellung des Rechts auf Kritik und einer Nachdruck von 1936, Ergebnisse und Perspektiven-Verlag. wirklichen Wahlfreiheit ist notwendige Voraussetzung für die weitere

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Mit dem folgenden Beitrag nehmen wir die Rubrik "Debatte" wieder auf. Darin veröffentlichen wir Beiträge, die zu aktuellen Diskussionen und Ereignissen Stellung beziehen. Wir wollen zu Stellungnahmen, Kritik und eben Debatten anregen. Viele dieser Beiträge, wie der folgende, werden auch unter den Herausgeberinnen der Inprekorr kontrovers gesehen.