Die algerische Krise ersten Durchgang enthalten hätten, im zweiten gegen die FIS stimmen, bestätigt hätte, wäre die Beteiligung der Fundamentalistinnen an der Macht als mehr als sicher anzusehen.
In der Wilaya Algier hat die FIS von 22 Wahlkreisen in 16 die absolute Mehrheit an Zwischen dem ersten und dem zweiten Durchgang der Wahlen in sich gerissen. In den armen Stadtteilen El- Kasbah, El-Harrach, Bab-Eloued, Kouba, Algerien hat die Armee interveniert, um den Prozeß zu stoppen. Der Hussein-Dey oder Bologhine haben die Präsident der Republik, Chadli Bendjedid, ist auf Druck der Gene- Wählerinnen eindeutig für diese Partei geralität zurückgetreten. Durch die Militärjunta ist der Prozeß der Destimmt. Auch in der Nordoststadt und im Kleinhafen Jijel hat die FIS in allen Wahlkreimokratisierung für mehrere Jahresuspendiert. worden. Im Interesse sen die absolute Mehrheit crobert. eines großen Teils der algerischen Bourgeoisie hat die Armee, deren Die große Wilayate des Landes wie Setif, Elite organischer Bestandteil dieser Bourgeoisie ist, interveniert, um Batna oder Blida gerieten fest in die Hand der ihre Macht und Privilegien zu verteidigen, die durch den unbere- Fundamentalisten. Nur die Wilayate Tizichenbaren "Fundamentalismus" gefährdet sind. LAMRI LAKRACHE techon der seite Kam der Funde- oisie verwurzelt ist, waren sie für das gesam- mentalisten in der kleinen und gro- Ben rückständigen Handelsbourgete Kapital in Algerien eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Doch ist die Aussetzung der Wahlen ein Angriff auf die ganze soziale Protestbewegung, die jede Unterdrückung. Deklassierung und schreiende Privilegien ablehnt. Dafür sind die massiven Streikwellen, die Besetzung von Betrieben und die permanenten Straßendemonstrationen ein lebendiger und unbestreitbarer Beweis. Diese Bewegung wird sich gegen jede Regierung richten, weil weder FNL noch FIS aufgrund ihrer Klasseninteressen bereit sind, eine radikale demokratische Entwicklung einzuleiten. Im Gegenteil, sie werden mit allen Mitteln versuchen, in ein Bündnis einzutreten, um die Arbeiterklasse und die armen Bauern zu atomisieren, zu demoralisieren und zu unterdrücken.
Die Konstituierung eines hohen Sicherheitsrates, der sich aus "überparteilichen Persönlichkeiten" wie dem historischen FLN-Führer Boudial zusammensetzt, durch die Militärjunta, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß die algerische Bourgeoisie die bestehende Ordnung mit allen Mitteln verteidigen will. Sie. ist im Begriff, die regierende FLN zugunsten eines über den Parteien stehenden Gremiums fallen zu lassen. Dieses heilige Wesen mag von vielen in Algerien höher eingestuft werden als die von Gott geschaffene heilige Front, ist letztlich aber nur ein von den Militärskonstruierter Zwitter, um die Geschäfte der algerischen Kompradorenbourgeoisie zu sichern.
Zu den Wahlen
Wird eine Wahlanalyse durch diese Vorfälle überflüssig? Ich glaube nicht. Sicherlich sind die Wahlen nur ein periodischer Spiegel der Klassenauseinandersetzung.
Die ersten freien Wahlen seit der Unabhängigkeit im Sommer 1962 fanden in Algerien am 26. Dezember letzten Jahres statt. Die Resultate des ersten Durchgangs gaben der fundamentalistischen FIS (Front Islamique du Salut - Islamische Heilsfront) den Sieg vor der FLN (Front de Liberation National - Nationale Befreiungsfront), die seit der Unabhängigkeit allein das Land regiert und vor der FFS (Front de Force Socialistes - Front Sozialistischer Kräfte), eine Gruppierung sozialdemokratischer Prägung. Die anderen Formationen haben keine nennenswerte Ergebnisse erreicht.
Von den 430 Wahlkreisen haben die Fundamentalisten in 188 die absolute Mehrheit erreicht, die FFS in 25 und die FNL in 16. Von den 13.258.554 Algerinnen haben 7.822.625 gewählt (59%), 41% nicht (5.435.929); 11.8% (924.906) der Stimmen sind annulliert worden.
Nach diesen Ergebnissen waren die Chancen, daß die Fundamentalisten nach dem zweiten Durchgang die absolute Mehrheit erringen konnten, erheblich gestiegen. Auch wenn sich die Hypothese mancher Beobachter, es würden viele, die sich im Ouzou und Bejaia in der Kabylei stimmten klar für die FFS. In den Wilayaten Südalgeriens standen Stichwahlen zwischen FIS und FLN an. Dieser Sieg der Fundamentalisten hat die Linke in Algerien nicht überrascht, wohl aber das Ausmaß.
Bedeutung der Fundamentalisten
Der Fundamentalismus ist in Algerien relativ jung. Erst seit Oktober 1988 beobachten wirein erhebliches Wachstum der Anhänger der FIS. Sie hat aus der Unzufriedenheit breiter Schichten politisches Kapital geschlagen. Die Untersuchung ihrer Entwicklung ist nicht nur von theoretischer Bedeutung, sondern auch unentbehrlich für die Strategie der Linken.
Ohne den Anspruch einer umfassenden Analyse der historischen Genese des islamischen Fundamentalismus und seiner gegenwärtigen Schlagkraft in den halbkolonialen Ländern möchte ich eine Reihe von Faktoren und die sozialen Voraussetzungen seiner Entstehung benennen.
Wenn es wahr ist, daß reaktionäre Ideologien, zu denen der islamische Fundamentalismus gehört, Produkt des materiellen Zustandes der Gesellschaft, ihrer Krisen und unversöhnlichen Klassengegensätze sind, dann ist der Umstand von großer Bedeutung, die Perioden der historischen Entwicklung der Gesellschaft darzulegen.
In Algerien zerfällt sie in vier Abschnitte: französische Kolonialherrschaft (1830- 1954), algerische Revolution (1954-1962), nachkoloniale Entwicklungsphase (1962- 1978, wobei dem Zeitabschnitt 1962-1965 große Bedeutung zukommt) und die aktuelle Periode.
Französische Kolonialherrschaft
Die koloniale Beherrschung dauerte in
Algerien 130 Jahre. Sie hat vor allem durch curopäische Siedler die vorkolonialen Produktionsstrukturen zerstört und eine auf die Bedürfnisse der Metropole abgestellte Wirtschaft geschaffen, die Unterentwicklung bedeutete.
Die alte Ökonomie war durch zwei miteinander verbundene Aktivitäten gekennzeichnet: Getreidewirtschaft, Hülsenfrüchte und Futter im Norden des Landes und Hirtenwirtschaft (Milch, Fleisch, Butter, Felle, Kamelhaare, Datteln) im Süden. In und um die Städte existierte ein entwickeltes Handwerk und Konsumgüterindustrie.
Es gab eine zentrale Macht, die durch die türkische Besatzung beherrscht war und sich über Besteuerung das Mehrprodukt aneignete. Die Stämme im Norden und besonders die Nomaden hatten dennoch eine gewisse Autonomie gegenüber der zentralen osmanischen Macht. Die Nomaden beherrschten den Handel zwischen Nord und Süd und besorgten den Transport, was ihre wirtschaftliche und politische Bedeutung ausmachte. Durch die Kolonialisierung wurden diese wirtschaftlichen Aktivitäten in hohem Maß zerstört. Die Bauern wurden ihres Bodens beraubt, den besten übernahmen Kolonialisten. Die Bilanz der Besetzung durch Colons (Besetzer) sah so aus:
1850 115.000 ha 1870 765.000 ha 1880 1.245.000 ha 1890 1.635.000 ha 1900 1.912.000 ha 1954 2.818.000 ha Hinzu kommt die Aneignung von 3 Million Hektar Wald durch die. Colons. Die von dem Besitz des Bodens ausgeschlossenen kleinen und mittleren Bauern wurden gezwungen, ihre Arbeitskraft entweder an Großgrundbesitzer zu verkaufen oder in die Städte abzuwandern.
Die Kolonialherrschaft hat die einheimische Bevölkerung zur absoluten Verelendung und Armut verdammt. Die gesundheitliche und hygienische Lage war katastrophal, es herrschte große Kindersterblichkeit, hoher Analphabetismus und Überausbeutung der Arbeitskraft, so daß die Lebenserwartung sehr niedrig war. Darüber hinaus herrschte Unterernährung.
Erinnert sei an die Pest in der Hafenstadt Oran. Der Ausbruch der Cholera im Jahre 1867 kostete 67.000 Tote. In der Hungersnot von 1868 kamen zwischen 300.000 und 500.000 um, während die Zahl der Opfer der Rebellion von 1871 nicht zu beziffern ist. Die absolute Verelendung der Massen schaffte die Voraussetzungen für die Verallgemeinerung des Aberglaubens in Form des ALGERIEN
Marabutismus. Die islamische Religion tendierte mehr und mehr dazu, als zentrale ideologische soziale Regulierungsform zu fungieren. Die entrechteten und entmachteten Algerierinnen beriefen sich immer mehr auf den Islam als die bessere und letztlich auserwählte Weltreligion, als Quelle von Hoffnungen und einer besseren Existenz. Die kollektive Erinnerung an den legendären Mut der Khalifen oder an die arabischen Helden wie Salh-El-Deyn gehörten zu jedem Familienleben und gaben Stoff für phantasiereiche Märchen und Erzählungen. Die Utopie der Freiheit zog sich die Kleider des Islam an und berief sich auf die glänzende Zeit der islamisch-arabischen Zivilisation. Das real existierende Selbstverständnis des Islam in Bezug auf Klassengegensätze, die Hinnahme der Unterschiede von Arm und Reich als von Gott gegeben, blieb trotz immerwährender Zunahme der sozialen Unterschiede bestehen.
Algerien wurde im Magreb am intensivsten durchkolonialisiert. 1950 beherrschten 9% der Colons 90% der Industrie und 60% der Landwirtschaft. 80% der Verwaltungsstellen waren schon 1870 von Franzosen besetzt. Das Klima des Terrors, Ausgrenzung sowie Rassismus ließen religiöse Ideen aufblühen und schürten einen politischen algerischen Nationalismus. Beides machte Motor und Dynamik des Kampfes für die Unabhängigkeit des Landes aus, dessen Anfang am 1. November 1954 den Weg zur Unabhängigkeit am S. Juli 1962 öffnete.
Die algerische Revolution
Der siebenjährige Krieg hatte verheerende Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft, den ökonomischen, den sozialen, den psychologischen und den familiären. Über mehr als anderthalb Millionen Tote, die Verwüstung ganzer Regionen durch die Politik der verbrannten Erde sind zu beklagen. Die Ökonomie des Landes lag brach, zumal eine Million algerischer Franzosen und Französinnen das Land sofort verließen. Dadurch brachen Bildung, Verwaltung, industrielle Leitung und Gesundheit zusammen. Es gab hunderttausende Flüchtlinge und Kriegsbeschädigte. Die Versorgung der Bevölkerung mit den wichtigsten Lebensmitteln wurde unterbrochen, Armut und Krankheit wuchsen gewaltig.
Der Befreiungskrieg war aber auch ein breiter Kampf der Massen gegen die Besetzung. Er hat fast alle algerischen Familien erfaßt und gewann dadurch einen herausragenden Charakter für die Befreiungsbewegung im internationalen Maßstab. Trotz der militärischen und ökonomischen Überlegenheit der französischen Besctzer wurde Präsident de Gaulle gezwungen, die Unabhängigkeit Algeriens zu akzeptieren.Die Vereinbarungen von Evian schafften die Bedingungen eines Waffenstillstands, der mit der Unabhängigkeit endete.
Wenn auch die Basis des Widerstandes und des Krieges die armen Bauern waren, so hatte doch ein junges Stadtproletariat eine führende Rolle in der politischen Organisation und den militärischen Operationen der Stadt- und Landguerilla. Auf der Ebene der politischen Führung hatte die FLN schon vor dem Krieg ihre Hegemonie gegenüber anderen nationalistischen Parteien gesichert. Ihre soziale Basis war die mittlere Klasse der Intelligenz und des städtischen Kleinbürgertums.
Schon vor dem Kriege arbeitete die FLN ihre grundlegende politische Plattform aus, das Programm von Tripoli. Es betonte den Massencharakter der Erhebung, die Bedeutung des algerischen Nationalismus, den "Tiers-Mondismus", die Notwendigkeit einer Agrarrevolution, der Nationalisierung (Banken, Kontrolle des Handels), ließ aber wie jede andere populistische Konzeption die Frage des revolutionären Subjektes, die Rolle des Proletariats, und die Strategie der permanenten Revolution unbeantwortet. Es wurde von der Revolution als einer Sache gesprochen, die von allen sozialen Schichten und Gruppen durchgeführt werden müsse. Die Charta von Algier besiegelte diese Auffassungen und schuf die Voraussetzung zur Herausbildung neuer Eliten und eines unkontrollierten Wachstums der Handels- und Landbourgeoisie.
Postkoloniale Phase
Die Periode von 1962-1965 ist gekennzeichnet durch die Etablierung einer Einheitspartei und die Ausschaltung anderer Organisationen, die Eingliederung der UGTA (Union General de Travailleurs Algerie - Allgemeiner Verband der Arbeiter Algeriens) in den Staatsapparat, die Repression ind Verfolgung Andersdenkender und der Wünsche der Frauen sowie die Verbannung von radikalen Revolutionären.
Der Putsch im Juni 1965 stellte keine historische Diskontinuität algerischer Geschichte dar. Im Gegenteil, mit Oberst Boumedienne wurde die Diktatur institutionalisiert und die Repression systematisiert. Er begründete den Putsch mit der im Land herrschenden Anarchie und dem Mangel an Autorität.
Eine Militärdiktatur nie bekannten Aus-
maßes wurde errichtet. Elementare Arbeiterrechte wie das Streikrecht wurden suspendiert. Das Recht auf freie Versammlung, auf Bildung von Parteien wurde annulliert, die Geheimpolizei "Securitée Militaire" gegründet, die dazu beitrug, daß viele Oppositionelle verhaftet, gefoltert und ermordet wurden. Die Frauenorganisationen wurden gezwungen, im Rahmen der Staatlichen UNFA (Union Nationale des Femmes Algeriennes - Nationaler Verband der Frauen Algeriens) zu arbeiten, der durch männliche Funktionäre kontrolliert und beherrscht ist. Die Agrarrevolution wurde nie konsequent und radikal durchgeführt. Trotz des nationalisierten staatlichen Sektors und der Kontrolle über das Handels- und Bankenmonopol blieb die Ökonomie des Landes extravertiert und von der Ölausfuhr auf den Weltmarkt abhängig. Die Aufblähung des Ölsektors zwischen 1968 und 1976 führte zu einer monostrukturellen Wirtschaft, die mehr und mehr anfällig wurde.
Während der bonapartistischen Herrschaft von Boumedienne wurde in dieser Zeit eine bedeutende Großtechnologie eingeführt. Das führte zur Bildung eines bedeutenden fixen Kapitals in staatlichen Betrieben mit hohem Bedarf an qualifizierten Arbeitern. Dieses junge Proletariat bildet in der späteren Periode einen wichtigen Pol der Politisierung, der für Streik und Betriebsbesetzung sorgt.
In der Verfassung von 1975 wurden alle revolutionären Elemente ausgeklammert. Politisch versuchte das Regime die Fragen der Nationalisierung, der Agrarreform sowie der Staatsintervention in Verwaltung und Betrieben als radikal revolutionär zu verkaufen und mit einer sozialistischen Legitimität auszuschmücken. Zum Teil gelingt es durch antiimperialistische Rhetorik, Schaffung von Massenmärkten, modernen Bauerndörfern, Schulen, Universitäten und Krankenhäusern. Das erklärt die Popularität von Boumedienne.
Andererseits versuchte er, wie jeder populistische Führer, mit den verschiedenen Schichten, Fraktionen und Kräften zu taktieren. Entscheidend für die spätere Entwicklung des Fundamentalismus auf Massenbasis war aber die Einführung des Islam als Staatsreligion, die in der Verfassung von 1975 festgeschrieben wurde. Dies war eine Konzession, um die Linke zu bremsen.
In dieser Periode blühten Moscheen, islamische Universitäten, Oulama (islamische Gelehrte), die Gelder erhielten. Als der Druck der Islamisten zu stark wurde, scheute sich das Regime nicht, ein zutiefst reaktionäres Gesetz zu verkünden - die Frauen in alle ALGERIEN
Ewigkeit als minderwertige Wesen zu verdammen und ihre Abhängigkeit vom Vater, Bruder und Ehemann (eine islamische heilige Dreifaltigkeit) zeitlos zu zementieren. Krise des Regimes
Die Zeit von 1978 bis heute ist durch eine ständige chronische Rezession der Wirtschaft charakterisiert, die Anfang der achtziger Jahre den Weg zu Infitah ebnet. Ein neoliberaler Kurs mit antipopulären Maßnahmen wird eingeschlagen wie Aufhebung des Handelsmonopols, forcierte Privatisierung des staatlichen Sektors, Massenentlassungen, Streichung von Subventionen und Liberalisierung des Banksektors.
Wenn diese neoliberale Wirtschaftspolitik einer winzigen Schicht privilegierter Bürger zugute kommt, treibt sie breite Schichten der Gesellschaft ins Elend. Versorgungsschwierigkeiten jeder Art, Obdachlosigkeit, Verelendung und Zerfall ganzer Stadtteile wie der Kasbah oder Bab-el-Oued sind die Folgen. Die ständige Inflation frißt buchstäblich die unteren und mittleren Einkommen weg. Offiziell liegt sie um 45%. Die aktuelle Entwertung des Dinar um 22% schürt die Inflation weiter und zwingt zum schwarzen Geldhandel.
Der Preisverfall auf dem internationalen Ölmarkt verringert die Deviseneinnahmen und offenbart zugleich die strukturelle Abhängigkeit der Wirtschaft: 98% der Deviseneinnahmen entspringen dem Ölverkauf. Die Massenarbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung erfassen offiziell anderthalb Millionen. Ernsthafte Beobachter gehen von einer viel höheren Zahl aus.
Die Außenverschuldung des Landes liegt gegenwärtig bei 24 Milliarden Dollar, was die Abhängigkeit vom IWF verstärkt und daucrhaft macht.
Die Situation spitzte sich so zu, daß im Oktober 1988 die Algerierinnen massenhaft demonstriert und Symbole der Macht und der Privilegien zerstört haben. Bis zu tausend Tote sind gezählt worden, darunter viele Kinder und Jugendliche.
Dadurch wurden die Machthaber gezwungen, eine Politik der Demokratisierung einzuleiten. Das ermöglichte die Bildung und Legalisierung von Parteien. Freie Wahlen wurden angekündigt.
Erst nach 1988 hat die FIS ein gewaltiges politisches Kapital, aus der sozioökonomischen Situation Algeriens geschlagen. Es entstand ein richtiger Massenfundamentalismus, der hunderttausende, sogar Millionen erfaßte.
Die Kritik der Fundamentalisten trifft um so mehr, weil sie die eigentlichen Probleme benennt: Vertiefung der Kluft zwischen Arm und Reich, Korruption, Bereicherung, Verschwendung. Wohnungsnot, Gesundheitsprobleme, miserabler Zustand der Wasserund Stromversorgung.
Nun marschieren wieder Militärs in Algier - zum vierten Mal: 1965, 1988, 1991 und 1992. Im Namen der Rettung demokratischer Werte wird geputscht. Doch interveniert die "republikanische Armee", weil sie um ihre Privilegien bangt, nicht um die Demokratie zu retten.
Der Staat in Algerien war immer bürgerlich. Auch auf populistischen Höhepunkten blieb die Verquickung zwischen Militär, FLN und kapitalistischer Macht bestehen. Die Elite des Militärs wurde durch private Akkumulation zu Unternehmern, auch wenn es getarnt geschah. Die Vernetzung und Verfilzung zwischen FNL/ Armee und Eliten war nicht schwer auszumachen. Es hat immer eine Bluttransfusion zwischen beiden gegeben. Auch wenn heute eine Fraktion der Generalität der FNL zur Last fällt, waren beide Bestandteile und Handlanger der Kompradorenbourgeoisie der algerischen Gesellschaft.
Die Blite hat nicht vor der FIS Angst. Die strebt genau so, soziale und ökonomische Vorteile an und wird genau so der Korruption und Machtgier unterliegen. Eigentliche Ursache der Angst der Eliten sind die Entrechteten und Unterprivilegierten der Großstädte, die nichts mehr zu verlieren haben, und besonders das algerische Proletariat. Letzteres traut weder Fundamentalisten noch FLN. Der Versuch, eine islamische Gewerkschaft in den Betrieben zu verankern, ist völlig fehlgeschlagen.
Für die Strategie der Linken ist das proletarische Potential von zentraler Bedeutung. Auch der Teil der Militanten der FLN, der einen Differenzierungsprozeß durchlaufen hat, darf nicht unterschätzt werden. Auf solche Kräfte sollte sich die PST stützen, um Fundamentalismus jeglicher Couleur radikal und wirksam zu bekämpfen.
Die fundamentalistische Bewegung ist zwar eine Folge des Kolonialismus, des Bonapartismus und prokapitalistischer Politik, die vom Imperialismus beherrscht wird. Aber er ist kein gesellschaftliches Schicksal und kein in der Natur des Menschen liegendes Übel. Ihn zu bekämpfen, heißt für ein sozialistisches Algerien einzutreten - nicht im Sinne priesterlicher islamischer Gerechtigkeitsansprüche, sondern im Sinne von Marx und Lenin.
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