Die politische und wirtschaftliche Krise in Brasilien wird immer größer. Jeden Tag gibt es neue Nachrichten, die beweisen, daß die Krise immer tiefer wird. Ein Ausweg ist zumindest im Moment nicht in Sicht. In den ersten fünf Tagen des November 1991 verloren 12.179 Arbeiterinnen ihren Job, darunter 1.083 aus dem öffentlichen Dienst in Sao Paulo - mehr als die gesamten Entlassungen im Oktober zusammen ausmachen. Die Lage wird noch deutlicher, wenn wir sehen, daß zwischen Januar und Oktober 1991 14.300 Unternehmen in Konkurs gegangen sind - 289% im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr.
Bisher nicht gekanntGewalt (jeden Tag werden fünf Kinder von sogenannten "Todesschwadronen" ermordet) geht Hand in Hand mit der Konzentration des Reichtums in immer weniger Händen (während 50% der Bevölkerung über zehn Jahre 11,2% des BSP besitzen, hat das reichste eine Prozent der brasilianischen Gesellschaft 14,8%. Dadurch ist Brasilien das Land mit der ungleichsten Einkommensverteilung in der Welt). Und, last but not least, handelt es sich in diesem Land um eine Gesellschaft, in der - trotz aller "modernistischen" Rhetorik des Präsidenten Fernando Collor de Melo - Arbeiterinnen nur 51% des Gehaltes ihrer männlichen Kollegen für dieselbe Arbeit bekommen.(Wir bringen den folgenden Artikel aus Platzgründen in gekürzter Fassung, d.U.)
ALFONSO MORO or dem Hintergrund dieser Tatsa- meine Volkskongreß aus Libyen, Delegatio- V chen fand der erste Kongreß der nen sozialdemokratischer Parteien aus Arbeiterpartei (PT) in San Bernardo Frankreich, Schweden, Dänemark etc, und del Campo zwischen dem 27.11. und sogar RepräsentantInnen der Botschaften 1.12.1991 statt. Die Debatten begannen mit von Venezuela, der BRD, Frankreichs und der Verlesung von Grußadressen und An- sogar der USA. sprachen der 110 ausländischen Organisatio- _Lulas Eröffnungsrede richtete sich deutnen, die eingeladen worden waren, darunter lich gegen die in den Vortagen von der Rechdie Kubanische KP, die FMLN, die FSLN, ten in- und außerhalb der PT lacierte Mediendie PRD aus Mexiko, die peruanische PUM, kampagne, die sich gegen die vermeintliche das Vereinigte Sekretariat der Vierten Inter- Uneinheitlichkeit der Partei (wegen der Tatnationale, die mexikanische PRT, der Allge- sache, daß 14 verschiedene Texte den Delegierten zur Abstimmung vorgelegt wurden) und den Mangel an politischer Klarheit richtete. Er redete auch gegen jene, die jetzt schon davon träumten 1994 die Macht zu übernehmen, sich aber nicht mit der heutigen Lage befaßten.
Für den Pluralismus
Lula wendete sich gegen beides. Er bestand noch einmal auf dem Pluralismus, der in der Vorbereitungsdebatte sehr deutlich geworden war. Lula bestand darauf, daß die PT keine "Ein-Text-Partei" sei und daß die Anhängerinnen der PT genauso wie die gesamte brasilianische Gesellschaft lernen müßte, was eine wirkliche Debatte über Ideen und verschiedene Projekte ist, da das ganze Land diese Art von Demokratie brauchte. Nach der Rede von Lula sprachen Daniel Ortega und andere internationale Delegierte. An diesem Abend der Begrüßungen und Präsentationen war es wegen der zahlreichen Hintergrundgeräusche oft nur schwer möglich zu verstehen was die Sprecherinnen sagten. Das wurde aber durch die fröhliche und hoffnungsvolle Fiestastimmung mehr als gutgemacht. Bevor die Sambaschule der PT ihr Stück aufführte, sprach Luisa Erundina, die Bürgermeisterin von Sao Paulo im Namen der 24 BürgermeisterInnen der PT (die anderen 12, die auf den Listen der PT 1988 gewählt worden waren, haben die Partei verlassen, um dem einen oder anderen bürgerlichen Projekt anzuschließen).
Nach einem kurzen Abriß der Geschichte der PT endete sie mit den Worten: "Mit unseren Debatten, mit unserer Einheit werden wir nicht nur zeigen, daß der Sozialismus nicht stirbt, sondern daß er lebendiger denn je jst, daß er denkt und handelt; und daß Brasilien ohne die PT nicht das wäre, was es heute ist." Vor Abschluß des Tages informierte der Zeremonienmeister die Konferenz, daß 1090 stimmberechtigte Delegierte, 400 eingeladene Gäste und neben den internationalen Delegationen mehr als 200 nationale BeobachterInnen anwesend waren.
Der 28. November war der Vorstellung und Abstimmung über die Thesen zu den Leitlinien der Partei gewidmet. Die Debatte wurde intensiv und leidenschaftlich geführt. Die ungezwungene und pluralistische Art der Debatte war besonders auffallend. Thesen und Prozente
Es wurde ein Flugblatt im Namen der nationalen Leitung der PT an die Anwesenden verteilt. Es hieß "Wichtige Thesen und ihr ungefährer Anteil unter den Delegierten des
NORWEGEN ersten Kongresses". Laut diesem Flugblatt Bürokratisierung und Aufgehen in den Instihatte These V. von Convergencia Socialista futionen verstärken. Diese Gefahr muß aktiv Norwegens (eine trotzkistische Strömung, die sich am bekämpft werden.
Morenismus orientiert) hatte 6-7% der Dele- Fragen des Tendenzrechtes und der Re- AKP am gierten; These VII. (O Trabalha Tendenz, präsentierung von Frauen wurden ebenfalls Trotzkisten/Lambertisten) um 4%; These heißt diskutiert. Über Stunden hinweg konnte