auch in radikal-ökologischen Kreisen spürbar. Trotzkis antibürokratische, antisubstitutionalistische, antielitäre Botschaft gewinnt dadurch eine brennende Aktualität. Sie erlaubt es, theoretisch den Beweis zu entwickeln, daß nur die Selbstbefreiung der Werktätigen eine Gesellschaft schaffen kann, in der die Katastrophengefahr endgültig gebannt wird. Allerdings erfordert diese Beweisführung eine ausgedehnte theoretische Vorarbeit, die bisher nur ansatzweise geleistet wurde. Sie kann sich nicht auf apodiktische Allgemeinheiten beschränken. Sie bedarf zusätzlich des Tests durch die Praxis, d.h. revolutionärer Durchbrüche in der realen Geschichte, die heute durch Marxisten nur vorbereitet, nicht unmittelbar oder kurzfristig realisiert werden können.
Deshalb ist es vom marxistischen und sozialistischen Stand punkt aus auch logisch, daß Trotzki, der Theoretiker und Praktiker der Räteorganisation, in den letzten 23 Jahren seines Lebens gleichzeitig auch Theoretiker und Praktiker der proletarischen Vorhutorganisation war, national wie international. Bevor ihn Stalins Mörder erschlugen, sagte Trotzki, von allen
seinen Beiträgen zur Arbeiterbewegung sei die Gründung der IV. Internationale die seines Erachtens wichtigste. Wichtiger noch als die Leitung des Oktoberaufstands. Heut ist dies wohl die Aussage Trotzkis, die den größten Widerspruch, das größte Unverständnis hervorruft. Wir sind davon überzeugt, daß übermorgen diese Aussage genauso von der Geschichte bestätigt werden wird, wie die vorgestern aufgestellte, auf ebensolches Unverständnis gestoßene Prognose, daß die bürokratische Diktatur unvermeidlich zusammenbrechen wird und eine politische Revolution notwendig ist, damit das Erbe des Roten Oktober nicht verloren geht.
Wenn das Problem des 20. Jahrhunderts nur in der Dialektik des objektiven und subjektiven Faktors in der Geschichte erfaßt werden kann, so kann es nur durch die Dialektik zwischen der Selbstorganisation der Massen und der revolutionären Vorhutorganisation gelöst werden.
Trotzkis konsequenter Kampf gegen die bürokratische Bevormundung der Werktätigen mündete bei ihm selbstkritisch in ciner Stellungnahme für ein pluralistisches, ideologisch nicht begrenztes Mehrparteiensystem im Arbeiterstaat. Die Arbeiter und Bauern müssen frei sein, in die Räte zu wählen, wen sie wollen. Nach den traumatischen Erfahrungen der Massen mit dem Faschismus, dem Stalinismus und zahlreichen terroristischen Militär- und Einparteien-Diktaturen in der „Dritten Welt" befürworten sie heute in ihrer überwältigenden Mehrzahl die breiteste Ausdehnung und Sicherung der politischen Menschenrechte und der politischen Demokratie. Dies erfordert auch eine artikulierte Selbsverwaltung der Wirtschaft, als Alternative zur Despotie der staatlichen Kommandowirtschaft und zur Despotiie des Marktes (der Geldtasche). Diese Alternative entspricht zugleich den objektiven Bedürfnissen und Möglichkeiten der dritten technologischen Revolution. Eine der Hauptchancen der Sozialismus besteht darin, daß er ein radikaleres und konsequenteres Demokratiemodell verkörpern kann als die auf Repräsentation fundierte bürgerliche De mokratie, die die direkte Ausübung der politischen Macht durch die Massen stark einschränkt. Radikale Ausdehnung der Basisdemokratie, radikale Ausdehnung der materiellen Möglichkeiten zur Ausübung der politischen Freiheiten für die breitesten Massen: das ist die Freiheitsbotschaft des Sozialismus am Ende des 20. Jahrhunderts.
Unsere Bewegung kann stolz darauf sein, daß sie dies auf ihrem XII. Weltkongreß in den „Thesen zur sozialistischen Demokratie" niedergelegt hat, noch bevor die Sozialisten und Kommunisten aus aller Welt durch Gorbatschow und die Systemkrise in Osteuropa und in der UdSSR unsanft mit der Nase darauf gestoßen wurden.
Die klügsten Kommunisten bzw. Mitläufer standen in der Zeit ihrer schlimmsten Kapitulation vor Stalin in einem geradezu schizophrenen Verhältnis zu Stalin und seinen Verbrechen. Einige dürften, wie sie später behaupteten, tatsächlich den Stalinschen Verleumdungen und den Geständnissen der Moskauer Prozesse geglaubt haben.? Im deutschen Sprachraum trifft dies weder auf Bertolt Brecht noch auf Arnold Zweig zu. Von Brecht wissen wir heute, daß er eine Gedicht schrieb, in dem er Stalin als „verdienten Mörder des Volkes" bezeichnete - im selben Augenblick weigerte er sich, in der Öffentlichkeit seine Stimme gegen Stalins Verbrechen zu erheben. Von Arnold Zweig ist erst heute bekannt, daß er zum Zeitpunkt der Ermordung Trotzkis in sein Tagebuch schrieb, ,das kostbarste und bestorganisierte Gehirn unter einer Schädeldecke, das jemals mit einem Hammer erschlagen wurde"? Nur Peter Weiss hatte den Mut, in einem Theaterstück Trotzki öffentlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als dies seine offizielle Anerkennung in der DDR gefährdete und zu seinem - vorläufigen Ausschluß — aus der Akademie führte. Diese Schizophrenie wird jetzt allmählich überwunden.
In der Sowjetunion wurde von ehrlichen und marxistischen Intellektuellen ein neues Kapitel der Trotzki-Rezeption und der Trotzki-Forschung eröffnet. Einige davon haben wir bereits anläßlich des Wuppertaler Trotzki-Symposiums im März 1990 würdigen können. Unter vielen seien hier nur drei Namen genannt: Prof. Viktor Danilow, der die historische Wahrheit über Trotzkis Positionen der Jahre 1922-1924 wiederherstellte*, und die Professoren Podshekoldin und Kotelenez, die die neueren Geschichtsfälschungen betreffend Trotzki für die Periode 1924 bis 1927 entlarvten.
Viele ältere Saatkörner werden in den jetzt geöffneten Archiven neu entdeckt. Viele neue Samen werden durch die kritische, schöpferische Forschung, die jetzt ansetzt, hinzukommen. Eine reiche Saat wird dabei für die neu entstehende sowjetische und die gesamte internationale Arbeiterbewegung aufgehen. Um nochmals Arnold Zweig zu zitieren: „L. D. Trotzki, sein ganzes Leben hindurch kämpfte er für uns alle, die wir die menschliche Gesittung lieben und deren Nationalität diese Gesittung ist. Sein Mörder ... versuchte diese Gesittung zu ermorden, unser Vaterland, als er ihn schlachtete. An uns ist es, Trotzkis Lebenswerk vor dem Verfall zu retten, der es jederzeit bedroht. Denn dieses Lebenswerk möchte für Trotzki Weltrevolution heißen: kühl und ohne Schlagworte besehen bestand es in der Ausdehnung der menschlichen Kultur hin zu hundert Millionen Analphabeten oder, wie Lunatscharksi es sagte, in einer Veränderung des Ausdrucks in den Augen all dieser Menschen. "s Heute wissen wir, daß diese Rettung bereits gegeben ist, nicht nur und nicht an erster Stelle durch die revolutionären Marxisten, die sein Lebenswerk fortsetzten, oder durch die wissenschaftlichen Forscher, die sich wieder objektiv damit beschäftigten. Es ist gerettet durch die real existierende Vorhut des Weltproletariats selbst.
Viele kennen den Namen Chico Mendes, geradezu ein Symbol der neuen Arbeiterklasse, der neuen Arbeiterbewegung: Gründer der Regionalgruppe der brasilianischen Arbeiterpartei (PT) im Amazonas-Urwald, Sekretär der Gewerkschaft der Gummizapfer und Verteidiger des Urwalds gegen die ihn vernichtenden reichen Viehzüchter und Holzmultis. Er wurde vom Klassenfeind durch die Hand gedungener Mörder getötet. In seiner bescheidenen Hütte mitten im Urwald hing ein Foto Leo Trotzkis. Trotzki hätte sich keinen besseren Erben gewünscht. 15.Juli 1990 * Originalbeitrag für die vorliegende Ausgabe von Inprekorr. Anmerkungen:
• Kürzlich veröffentlichte die sowjetische Presse zum erstenmal Archiv-Mate-
rial, aus dem hervorgeht, daß Lenin im Jahre 1922 vorgeschlagen hatte, Trotzki zum stellvertreten Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare, d.h. zu seinem direkten Nachfolger zu ernennen.
* Stephan Hermlin schreibt: „Ich werde mir persönlich nicht verzeihen, daß ich die Wahrheit — ich kann es auch jetzt nicht anders sagen - nicht wissen wollte. Das drückt sich darin aus, daß ich zu dieser Zeit gänzlich aufhörte, bestimmte Dinge zu lesen . .. Die Moskauer Prozesse und das ganze Phänomen des Stalinismus werden für die Kommunisten bis in alle Zukunft eine schwere Hypothek darstellen. Sie werden, wenn nur richtig begriffen und am Leben erhalten im Gedächtnis, auch Positives bewirken. Sie sind eine der großen Lehren der Geschichte." (Gespräch mit Ulrich Dietzel, Sinn und Form, März/April 1990.)
" Arnold Zweig. .,Trotzkis Ende", Sinn und Form, März/ April 1990. * „We are starting to learn about Trotsky", abgedruckt in: History Workshop. Frühjahr 1990. Danilow wirft Trotzki vor, wie die anderen führenden Bolschewiki Stalins Kampf um die persönliche Macht" nicht mit Gleichem beantwortet zu haben — nach Danilow die einzige Möglichkeit, Stalin rechtzeitig zu stoppen. Er erkennt nicht, daß proletarische Revolutionäre den Kampf um die Macht" nur an der Spitze einer selbsttätigen Klasse führen können. Fehlt diese Selbsttätigkeit, dann ist der Kampf um die Macht" entweder zum Scheitern verurteilter Putschismus oder - noch schlimmer - dazu verurteilt, Gefangener der dem Proletariat fremden gesellschaftlichen Kräfte — in diesem Falle der Bürokratie - zu werden.
• Arnold Zweig, a.a.O.