Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Trotzki, vor 50 Jahren ermordet

· Inprekorr Nr. 230, Sondernummer, August/September 1990 · S. 4-5 · 775 Wörter

Trotzki und Geschichte Stalinismus und Bürokratie

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(1919) erkannte er bereits in den Jahren 1905-06 in den Arbei- national ergeben würden, bloß zu legen. terräten die von der Geschichte selbst, in Anschluß an die Pari- Trotzki ist somit nicht nur der Theoretiker und Praktiker der 4 INPREKORR 230

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Rätemacht. Er ist auch der Theoretiker und Praktiker des sozialistischen (proletarischen) Internationalismus par excellence. Diese beiden Hauptaspekte seines Wirkens sind heute aktueller denn je zuvor.

Die von Marx und Engels nur geahnte, von Rosa Luxemburg, Bucharin und Lenin weiterentwickelte Erkenntnis der wachsenden Tendenz zur Internationalisierung der Produktivkräfte, des Kapitals, seiner wachsenden Zentralisation sowie der Tendenz zur Internationalisierung des Klassenkampfs, die wir in unserem Buch Der Spätkapitalismus als die vorherrschende Tendenz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschrieben haben, macht den von einer immer kleineren Zahl von multinationalen (transnationalen) Konzernen beherrschten Weltmarkt zum entscheidenden Rahmen, in dem sich die Bewegungsgesetze der kapitalistischen Produktionsweise - letzten Endes die Herrschaft des Wertgesetzes - durchsetzen. Mit dieser vorherrschenden Tendenz kollidiert sowohl die sozialdemokratischkeynesianische Utopie der nationalstaatlichen, sozialstaatlichen Regulierung der kapitalistischen Wirtschaft als auch die stalinistisch/neostalinistische Utopie eines vom kapitalistischen Weltmarkt auf die Dauer abgehobenen „real existierenden Sozialismus** Was Hitlers Mörderdivisionen und Trumans Atombombendrohung nicht schafften, das erreichen heute in wachsendem Maß die besseren Farbfernseher und PK Ws, die billigeren Minichips und der technologische Vorsprung des kapitalistischen Weltmarkts. Sie erschüttern die von Stalin bis Breshnew aufgebaute chinesische Mauer um die bürokratische Kommandowirtschaft, fälschlich „sozialistische Planwirtschaft" genannt (sie war weder sozialistisch noch eine wirkliche Planwirtschaft), bis in ihre Grundfesten.

Heute versteht jedes durchschnittlich vernünftige Kind, daß man die zentralen Menschheitsprobleme — die endgültige Ausschaltung des Krieges, die Rettung der natürlichen Lebensbedingungen, die Aufhebung von Hunger und heilbaren Leiden in der „Dritten Welt" — nur im Weltmaßstab lösen kann. Aber diese richtige These über die wachsende Globalisierung sämtlicher lebenswichtiger wirtschaftlicher und politischer Probleme kann zu zwei entgegengesetzten Schlußfolgerungen führen. Gorbatschow und die vielen Neosozialdemokraten, Vertreter aus KPs und „grünen"" Kreisen ziehen daraus die utopische Schlußfolgerung, es sei möglich, die Katastrophe zu verhindern, indem man im wachsenden Maß den Konsens mit dem Großkapital sucht. Trotzkis Analyse, die von den revolutionären Marxisten der Gegenwart fortgeführt wird, greift hingegen Marxens Schlußfolgerung wieder auf, daß der Ausweg aus der globalen Krise nur durch die Aufhebung der Kapitalherrschaft in den führenden Industrienationen der Welt erreicht werden kann, d.h. durch die Ersetzung des kapitalistischen Weltmarkts durch eine solidarisch-ökologische und sozialistische Wirtschaftsordnung. Nicht wir revolutionären Sozialisten von heute sind Utopisten. Utopisten sind all diejenigen, die trotz aller Erfahrungen des 20. Jahrhunderts die Explosivität der kapitalistischen Gegensätze unterschätzen und glauben, alles Geschehene (zwei Weltkriege, zwei schwere Wirtschaftskrisen, Faschismus und zahllose Diktaturen) sei halb so wild und werde sich sowieso nicht mehr wiederholen.

Utopisten sind vor allem diejenigen, die ernstlich annehmen, daß eine Gesellschaft, die Selbstbereicherung, Egoismus und wachsende Aggressivität, den Kampf aller gegen alle zum hóchsten Wert erhebt bzw. unvermeidlich reproduziert, wie durch ein Wunder im Weltmaßstab auf einmal Solidarität, Humanität, Gewaltlosigkeit zum entscheidenden Durchbruch verhelfen könnte.

Trotzkis Kampf für die Selbsttätigkeit und Selbstorganisation des Proletariats war eng verbunden mit seinem Kampf gegen die Bürokratie, gegen jegliche Bevormundung und Gängelung der Werktätigen, in der bürgerlichen wie in der nachkapitalistischen Gesellschaft. Dieser Kampf, der die letzten 17 Jahre seines Lebens beherrschte, erhält heute eine dreifache Aktualität. Trotzki liefert die in sich kohärente wissenschaftliche Erklärung des Stalinismus und des Phänomens der Bürokratie. Um eine solche Erkärung ringen die klügsten Sozialisten in aller Welt, an vorderster Stelle in der Sowjetunion und in der DDR Sie ist die Vorbedingung für eine erfolgreiche Neuentwicklung der sozialistischen und Arbeiterbewegung. Sie ist eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende, Vorbedingung dafür, daß sich der Spuk des Stalinismus und ähnliche Greuel niemals wiederholen.

Die gesellschaftliche Erscheinung der Bürokratie findet ihren politisch-ideologischen Ausdruck in der Theorie des Substitutionalismus, die aus der unbestreitbaren Diskontinuität der Massentätigkeit und der langzeitigen Unzulänglichkeit des Klassenbewußtseins den Schluß zieht, daß andere Kräfte als die Klasse selbst die Schlüsselrolle im Emanzipationsprozeß und in der Schaffung einer besseren Gesellschaft spielen müssen: der Staat, die Partei, die Führer, die Experten, eine selbstproklamierte „revolutionäre Vorhut" (eine kleine Minderheit, versteht sich), die mit der „Propaganda der Tat" die Massen „mitreißen" kann, die Erzieher, die Wissenschaftler, die Gelehrten. Dieses Sozialismus-Konzept geht auf eine alte Tradition zurück, die man etwa bei Plato ansetzen könnte. Den verschiedenen Varianten des elitären Emanzipationskonzepts hat Marx in den Thesen über Feuerbach die entscheidende Antwort gegeben: Die Erzieher müssen selbst erzogen werden.

Gerade angesichts der Katastrophen, die auf uns zukommen, ist die Versuchung eines Rückfalls in den Substitutionalismus