DIE ERRICHTUNG DES SOZIALISMUS NACH DER MACHTERGREIFUNG ++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ Im vorhergehenden Artikel haben wir die Strategie der Machtergreifung der vietnamesischen Kommunisten behandelt, die weiterhin die Gesamtheit der revolutionären Führungen Südost asiens inspiriert. Wir wollen zum Abschluß analysieren, auf welche Weise die vietnamesische Führer den Aufbau des Sozialismus in ihrem Land nach dem notwendigen Hinüberwachsen der demokratischen in eine sozialistische Revolution konzipiert haben. Die Entwicklung des revolutionären Prozesses innerhalb des vietnamesischen Arbeiterstaates ermöglichte es, die proletarische Führung eng an die Arbeiter- und Bauernmassen zu binden, die unausweichlichen bürokratischen Deformationen auf kleine Ausmaße zu beschränken und der imperialistischen Aggression standzuhalten. Le Duan hat in einer Rede vor vietnamesi• schen Gewerkschaftsfunktionären klar ausgedrückt, daß "die Bewegung der nationalen Unab hängigkeit nur dann zu einer wahrhaft revolutionären Bewegung wird, wenn sie mit der so zialistischen Bewegung eine Einheit bildet und sich nach dem nichtkapitalistischen Weg ent wickelt" ( Le Duan: Die Rolle der Arbeiterklasse und die Aufgaben der Gewerkschaft, Hanoi 1969, franz. oder engl.).
Das ermöglicht, vorauszusehen, von welchem Gesellschaftssystem das künftige "friedlieben unabhängige und blühende Vietnam sein wird, das eben auch gleich nach dem Ende diesci Krieges diesen Prozeß des sozialistischen Hinüberwachsens erfährt.
DER AUFBAU EINER SOZIALISTISCHEN INDUSTRIE
Nach den Genfer Verträgen stand Nordvietnam als völlig zerstörtes Land da, wo nur eine Widerstandswirtschaft, die sich auf das traditionelle Handwerk gründete, die Versor gung des Landes mit materiellen Gütern sichern konnte ( vergl. Le Duan: Grundprobleme und Hauptaufgaben. Hanoi 1970, franz, oder engl.). Das Problem war also, von dieser auf der Landwirtschaft basierenden Handwerkswirtschaft zu einer Grundlage sozialistischer Industrie zu kommen. Diese wirtschaftliche Entwicklung wurde gleich nach dem Ende der sozialistischen Agrarreform in Angriff genommen und im Fünfjahresplan 1961-1965 durchgeführt, während dessen Laufzeit große Industrieeinheiten wie der Eisen-Stahl-Komplex von Thai Nguyen errichtet wurden, der heute durch die US-Bomben fast völlig zerstört ist. Die Ergebnisse dieses Planes am Vorabend der amerikanischen Eskalation (1965) sind äußerst bedeutsam und zeigen, daß die US-Aggression gerade in dem Moment erfolgte, als die vietnamesische Wirtschaft dabei war, einen richtigen Aufschwung zu nehmen. Die Wachstumsrate der Industrieproduktion wurde auf 148 % für 5 Jahre geschätzt (gegenüber 140 % für China 1953-1957 und 87 % in der SU 1928-1932), sie beinhaltete eine äußerst drakonische Akkumulierung in der Perspektive des vorrangigen Aufbaus der Schwerindustrie.
In Wirklichkeit wurde das stalinistische Wirtschaftsschema aufgegeben zugunsten einer anderen Konzeption, in der die Entwicklung der Industrie enger mit der korrelativen Entwicklung der Landwirtschaft verbunden ist. Es geht darum, wie in China "die Industrie als führende Kraft und die Landwirtschaft als Grundlage" zu nehmen. Der Aufbau einer Schwerindustrie ging über die Entwicklung der Landwirtschaft und der Leichtindustrie, die die natürlichen Abnehmer für die Produkte der Schwerindustrie sind. Parallel dazu konnte die Akkumulierungs rate herabgesetzt werden, was ermöglichte, den: Konsum der Massen zu heben und das Lebens niveau merklich zu verbessern, statt ihnen eine unerträgliche Akkumulierung aufzuzwingen. Der Eintritt Nordvietnams in den Krieg erforderte eine grundsätzliche Umorientierung der Wirtschaftsstrategie, die es diesem Land ermöglichte, trotz der katastrophalen Zerstörung Der Eintritt Nordvietnams in den Krieg erforderte eine grundsätzliche Umorientierung der Wirtschaftsstrategie, die es diesem Land ermöglichte, trotz der katastrophalen Zerstörung seiner Industrie durchzuhalten. Diese Umorientierung war in erster Linie durch die Dezen fralisierung der Industrie gekennzeichnet, durch den Aufbau regionaler autonomer Wirtschafteinheiten auf der Grundlage einer Vielzahl von kleinen Produktionseinheiten, die vor den Bombardierungen gut geschützt waren. Heute wird also der Nachdruck auf die Verantwortlichkeit der Regionalbehörden in der Wirtschaftführung gelegt. "Die Zentralbehörden können und sollen sich nur um die wichtigsten Verbrauchsgüter kümmern, die von rationaler Bedeutung sind, während jede Region ihren Bedarf an zweitwichtigen Gütern selbst völlig befriedigen soll... Die Frage des Gleichgewichts zwischen Produktion und Verbrauch ( die die Verbesserung des Lebensstandards der Massen bedingt) muß gestellt und gelöst werden nicht nur in nationalem Maßstab, sondern zusätzlich auf der Ebene jeder Region... Der Aufbau der Regiona/wirtschaft ist das beste Mittel, die Unterschiede zwischen den Städten und dem Lande schnell abzuschaffen" ( Le Duan, Grundprobleme und Hauptaufgaben). Man braucht nicht unbedingt Spezialist für Fragen der Arbeiterselbstverwaltung zu sein, um zu erkennen, daß ein solches System das geeignetste für die Errichtung einer wirklich zentralistischen und demokratischen Planung ist, für die Teilnahme der Massen auf lokaler Ebene an der Führung der Wirtschaft. Die Effektivität dieser Umorganisierung kann man an der Parole messen, die für die landwirtschaftliche Produktion ausgegeben wurde: 5 to Reis pro ha. Das wäre unter den heutigen Kriegsbedingungen eine bemerkenswerte Produktivität ( nämlich 50 dz/ha gegenüber 13, 5 in der Zeit zwischen den Weltkriegen und 22 im Jahre 1959).
DER SOZIALISMUS: ELEKTRIFIZIERUNG UND SOWJETS
Es steht außer Zweifel, daß die Analyse Nordvietnams als Arbeiterstaat nicht nur auf dem Studium seiner wirtschaftlichen Erfolge basieren darf. Nur eine Technokratenbürokratie nach der Art Kossygins kann Fortschritt der Wirtschaft mit Fortschritt des Sozialismus identifizieren. Die entscheidende Frage ist die nach der Natur der im Jahre 1945 errichteten politischen Macht, und inwiefern die größtmögliche Demokratie für die Massen wirklich existiert. Die tatsächliche Umwandlung der Produktionsbeziehungen durch totale Liquidierung des Privateigentums schon Anfang der 60er Jahre muß von der Einführung reeller Organe der Arbeiterdemokratie begleitet sein. Genausowenig wie die chinesische Revolutio hat die vietnamesische Sowjets eingesetzt, die über wirkliche Macht verfügen. Die Staats führung war ohne Zweifel eine proletarische, authentisch kommunistische, aber die Macht hatte ausschließlich die Partei im Namen der Massen inne ( mit denen sie übrigens sehr eng verbunden war). Das erklärt die Spannungen, die entstanden sind, weil die sozialistische Landreform ( Kollektivierung) zu brutal durchgeführt wurde: 1956 weigerten sich die Bauern, in die Genossenschaften einzutreten, und sie erhoben sich gegen die Übergriffe der bürokratischen Kader, der berühmten Canbo. Ho Tschi Minh besaß die Einsicht, die Ur sachen des Übels zu erkennen und einen neven Kurs durchzusetzen, der dem der ""hundert Blumen " in China entsprach.
Heute hat der Krieg diese bürokratische Deformation weitgehend beseitigt, indem er den Parteiapparat den Massen sehr nahe brachte, ohne die dieser nichts ausrichten kann. Auf der Ebene der Genossenschaften versucht die Partei, die Initiative des Volkes zu fördern, insbesondere die der Frauen, deren Rolle in der Produktion heute entscheidend ist. Die Versammlung der Genossenschaftsmitglieder übt eine tatsächliche Kontrollmacht über die zentralen Entscheidungen aus, und die Anzahl der Parteimitglieder in den Komitees wurde extra beschränkt. Wie am Vorabend von Dien Bien Phu bildet auch hier die Unterstützung durch das Volk den entscheidenden Faktor für den Erfolg im Widerstand. Die Bauernbewegu hat trotz der Irrtümer von 1956 immer die Zentralmacht unterstützt. Das Tempo der Kollek• tivierung und der Akkumulation hatte in Vietnam nicht den Charakter der Willkür und des Polizeizwanges wie die stalinistische Kollektivierung in den 30er Jahren. Hierin ist die eigentliche Erklärung für den revolutionären Enthusiasmus des vietnamesischen Volkes und die Unterstüzung, die es dem "Onkel Ho" gewährte, zu suchen.
Nordvietnam führt also eine dreifache Revolution durch: in den Produktionsverhältnissen, im wirtschaftlichen Unterbau (wissenschaftliche und technische Revolution) und in der Ideo logie (die vietnamesischen Bauern in authentische kommunistische und internationalistische Kämpfer verwandeln). Die "permanente Revolution" , von der Trotzki sprach und die sich nach der Machtergreifung entwickelt, ist dabei, sich konkret zu verwirklichen. Sie übt schon einen dominierenden Einfluß auf die ökonomisch-soziale Entwicklung der angrenzen den Länder aus, die, wenn sie im Stadium der demokratischen Revolution stehenbleiben, nur eine Karikatur der Revolution erfahren und deshalb notwendig auch ihrerseits den Sozio lismus im Rahmen einer sozialistischen indochinesischen Föderation errichten müssen. Aus diesem Grunde sind die Unterstützung der vietnamesischen Revolution und die Zerstörung des imperialistischen Systems zur Zeit die Hauptaufgabe für alle revolutionären Genossen in allen Ländern. Es liegt an uns, zu beweisen, daß, was auch Le Duan sagt, "die re volutionäre Bewegung, die den Kapitalismus zu stürzen versucht, nur dann siegen kann, wenn sie in einer gemeinsamen Bewegung den Kampf des Proletariats aller Länder mit dem Kampf der Kolo• nialvölker gegen den Imperialismus kombiniert"' (A. BERTRAND. Aus ROUGE Nr. 65 vom 25. Mai 1970)
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