AGRARFRAG E +++++ •+++ Die Perspektiven der indochinesischen Revolution sind sozialistische. Allein diese Tatsache orlaubt es, daß wir die Grundlage und die Natur unserer Unterstützung genau begreifen. Es ist um so wichtiger diese Dynamik der indochinesischen Revolution zu betonen als sie heute, im Unterschied zu 1954, den Aufbau einer Übergangsgesellschaft in Nordvietnam verbindet mit dem Weitertreiben des Prozesses der permanenten Revolution im Süden, in Laos und Kambodscha. (...) Diese Woche geht ROUGE die Agrarfrage -- so wie sie sich im Verlauf der revolutionären Kämpfe gestellt hat -- an. In den kolonialen oder halbkolonialen Ländern mit überwiegend ländlicher Bevölkerung steht die Agrarfrage im Zentrum der Revolutionsgeschichte. Die Agrarfrage illus triert vielleicht besser als jede andere Frage die Grundlagen des sozialistischen Hinüberwachsens der kolonialen Revolution.
Zwischen 1939 und 1941 bestimmte die Kommunistische Partei Indochinas den politischen Kurs für die ersten Jahre des Widerstandes. In dieser Epoche knüpft sie an eine der zentralen Parolen ihres Gründungsprogramms aus dem Jahre 1930 an: die Parole der "nationalen Unabhängigkeit" . Zwischen 1936 und 1939 hatte sie diese Parole beiseitegeschoben. Mit dieser Perspektive gründete sie den Viet-Minh und begann den Kampf, der sie zur Machtergreifung in ganz Vietnam im Jahre 1945 führen sollte. Die Demokratische Republik Vietnam war geboren. Aber der Sieg war noch nicht perfekt. Die Sowjetunion unterstützte die neue Republik nicht und hielt sich an die mit dem US-Imperialismus in Potsdam eingegangenen Vereinbarungen. 1945 war nur der Auftakt zu einem langen Widerstandskrieg, der neun Jahre dauern sollte. YON DER GEMÄSSIGTEN AGRARREFORM ZUR RADIKALEN AGRARREFORM
Nun zeigte sich aber, daß die Kommunistische Partei Indochinas zu Anfang ihres ersten Wider standskampfes an die Grenzen ihres Agrarprogramms stieß. Sie hatte in der Tat 1941 beschlossen, die Parole von der Aufteilung des Landes unter die Bauern, die es bebauen vorläufig aufzugeben, um damit zu versuchen, die nationale Front für die progressiven und patriotischen Großgrundbesitzer" offenzuhalten. Damals wurden nur elementare Maßnahmen durchgeführt (Senkung der Pachtgebühren, Annullierung der Schulden). Das war die "gemäßigte Agrarreform Seit 1949/50 waren sich die kommunistischen Kader im klaren darüber, daß dieses Programm ungeeignet ist, die Bauernschaft zu mobilisieren und auf ein so hohes politisches Niveau zu heben, wie es zum Kampf gegen den französischen Kolonialismus nötig ist.
In der Tat: "Es erwies sich offensichtlich als unmöglich, auch weiterhin einen Bauern auf unbestimmte Zeit an die Front zu schicken, während gleichzeitig im Dorf seine Frau einen guten Teil der Ernte an den Großgrundbesitzer abliefern mußte, diesem an Festtagen Geschenke darbringen mußte, ihm unerhörte Wucherzinsen bezahlen mußte -- für Schulden, die wegen einer Krankheit oder infolge einer Überschwemmung oder einer Dürre gemacht werden mußten -- oder während seine Kinder sich den Dorfreichen als unbezahltes Dienstpersonal verdingen mußten und dabei dem Zwang, den Schikanen und den Brutalitäten ihrer Herren ausgesetzt waren. Man konnte vor den armen Bauern nicht verlangen, zu arbeiten, nachts zu ernten, die Dämme zu reparieren, die vom Feind zerstörten Staudämme wieder auszubessern, den Soldaten der Front ihren Reis zu brin gen, Jagd auf Spione zu machen, überall den Guerillakampf zu organisieren, ohne ihnen die Last und die Fesseln einer tausendjährigen feudalen Vergangenheit abzunehmen. ." ("L'édification d'une économie nationale indépendante au Vietnam , Hanoi, 1965, S. 31) 1953 wurde von neuem die Parole "das Land denen, die es bebauen"" lanciert. Das war die "rac kale Agrarreform • Giap insistierte auf ihrer Bedeutung mit folgenden Worten: "Im Herbst und Winter 1953/54 hatte die politische Erziehungsarbeit, fußend auf der Mobilisierung der Massen für die Agrarreform, den revolutionären Eifer unserer Armee verzehnfacht. Man kann nicht genug
die hervorragende Rolle betonen, die diese Agrarpolitik bei den Siegen im Winter und im Frühjahr, besonders bei Dien-Bien Phu, gespielt hat" (Giap: "'Dien Bien Phu" , in: "Guerre du peuple, Armée du peuple", Maspéro, S. 172).
Um sich noch tiefer in den Massen verankern zu können mußte die vietnamesische Revolution also die antiimperialistische Revolution mit der "antifeudalen' " Revolution verbinden. VON DER RADIKALEN AGRARREFORM ZUR SOZIALISTISCHEN GENOSSENSCHAFT
Nach 1954 und nach der Gründung eines Arbeiterstaates in Nordvietnam dehnte die Partei der Arbeiter die radikale Agrarreform auch auf die neu befreiten Zonen aus. Aber diese Maß nahme erwies sich als ungenügend.
"Die zwischen 1953 und 1956 verwirklichte Agrarreform hat die feudalen Produktionsverhältnisse abgeschafft, indem sie die Klasse der Großgrundbesitzer stürzte... Die Erfolge dieser Reform blieben jedoch begrenzt. Die Erträge der Felder gingen infolge der geringen Betriebs größe zurück. Das Privateigentum, die individuelle bäuerliche Kleinproduktion, die Schicht von reichen Bauern, bei denen Landarbeiter beschäftigt wurden, blieben unangetastet. Somit waren günstige Bedingungen für die Entwicklung des privaten Kleinhandels, der der spontanen Entwicklung des Kapitalismus auf dem Lande den Weg ebnet, geschaffen worden. Und in der Tat wurde ungefähr 1957 eine Differenzierung innerhalb der Landbevölkerung sichtbar. Zahlreiche arme Bauern und ärmere Mittelbauern sahen sich gezwungen, ihr Land, Ihr Haus oder ihr Vieh, das sie durch die Agrarreform empfangen hatten, ... an die reichen Bauern zu verkaufen, während diese begannen, die Praxis der Wucherzinsen wiedereinzuführen. Die Händler aus den Städten spekulierten mit landwirtschaftlichen Produkten und zerrütteten den Markt auf Kosten der arbeitenden Massen. Wenn man die Verarmung und Enteignung der Bauern, die Rückkehr zur Vergangenheit mit ihrem Elend und ihrem Leid vermeiden wollte, dann war man gezwungen, einen Schritt nach vorne zu tun, das heißt eine fortschrittlichere Produktionsweise einzuführen: die landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft. " (Nguyen Xuan Lai: "L'agriculture Nord-Vietnamienne" , in: "Partisans , Nr. 40, Januar/Februar 1965, Maspero, S. 40). Die Landwirtschaft trat in die sozialistische Phase ihrer Entwicklung ein. Um ihre Er folge abzusichern, um ein Zurückfluten der Revolution zu vermeiden, konnte die vietnamesische Revolution nicht bei den "bürgerlich-demokratischen"" Aufgaben haltmachen. Die Revolution würde eine sozialistische sein oder gar keine.
DIE DYNAMIK DER PERMANENTEN REVOLUTION
Im Rahmen der Kolonialrevolution ist das materielle Kräfteverhältnis zweifellos -- es sei denn, die Sowjetunion würde eine qualitativ bessere Hilfe liefern -- für die imperialistische Macht ein sehr günstiges. Dieser Tatbestand wird besonders deutlich in Vietnam, wo "ein kleines Volk"' , in einem wirtschafltich äußerst rückständigen "kleinen Land"' sich mit der kapitalis fischen Weltmacht Nr. Eins konfrontiert sieht. Wer immer diese imperialistische Macht besiegen will, muß das ungünstige materielle Kräfteverhältnis im Verlauf eines langandavernden revolutionären Krieges ausgleichen durch den politischen und menschlichen Faktor. In diesem revolutionären Krieg entsteht der politische Faktor nur dann, wenn dieser Krieg als "Volkskrieg" die Mobilisierung der Energien einer ganzen Bevölkerung erlaubt. Aber da die Bevölkerung sich aus sozialen Klassen zusammensetzt, können ihre Energien nur dann vollstän• dig ausgeschöpft werden, wenn dieser "Volkskrieg" auch "klassenkrieg " ist, wenn die nationale Befreiungsarmee auch eine Klassenarmee ist, wenn die führende Partei eine revolutionäre Partei ist. Denn die sich in Bewegung setzenden sozialen Klassen werden unweigerlich ihre eigenen Interesssen in den Vordergrund stellen. Wenn man diese Dynamik nicht begreift, dann verzichtet man im Grunde darauf, ein politisches und militärisches Kräfteverhältnis herzustellen, das es erlaubt, den Imperialismus zu besiegen.
Da wir in der Epoche des Imperialismus leben -- und da die Wahlmöglichkeit der kolonialen Revolution darin besteht, entweder den Kapitalismus zu stürzen oder sich dem Neokolonialismus zu unterwerfen -- wird der Sieg dieses langandauernden revolutionären Krieges, dieses INPREKORD 15 1 73
Klassenkrieges einzig und allein durch das sozialistische Hinüberwachsen der Revolution or möglicht. Beginnend mit den Parolen ""Nationale Unabhängigkeit" und "Agrarreform " mündet die Kolonialrevolution in der Errichtung eines Arbeiterstaates und in der Kollektivierung der Wirtschaft. Diese Lehre können wir aus der Geschichte der Agrarfrage in Vietnam ziehen. (Pierre ROUSSET. Aus ROUGE Nr. 181, 25.22.72)