Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Probleme der Strategie in Asien: Front, Partei und Machtergreifung

Inprekorr Nr. 23, 15. Januar 1973 · S. 6-8 · 1.498 Wörter

Vietnam und Indochina Trotzki und Geschichte

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FRONT, PARTEI UND MACHTERGREIFUNG *++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ DIE LEHREN DER VIETNAMESISCHEN REVOLUTION

Zum 40. Jahrestag der vietnamesischen KP hielt Le Duan, der Sekretär des D. L. D. ( Partei der Arbeiter Vietnams), eine bedeutsame Rede, in der er die strategische Bilanz der vietno mesischen Revolution darlegte. Die wesentlichen Thesen findet man übrigens in der Broschün "Die vietnamesische Arbeiterklasse und die Aufgaben der Gewerkschaften" (Hanoi 1969, en lisch oder französisch) wieder. Der Autor untersucht darin den revolutionären Prozeß, durch den die Diktatur des Proletariats in Vietnam errichtet wurde. Die vietnamesische Revolution ist ausgegangen von einem antifeudalen und antiimperialistischen Kampf "mit nationalem demokratischem Charakter" , um zu einer im wesentlichen sozialistischen Revolu fion zu werden, die die endgültige Erfüllung der nationalen demokratischen Aufgaben (d.h. der Aufgaben der "bürgerlichen"' Etappe der Revolution) erlaubte.

Wir haben schon in ROUGE Nr. 8 vom 24. Dez. 1968 darauf hingewiesen, daß Le Duan in sto linistisch-maoistischen Worten Analysen formuliert, die der "'Theorie der permanenten Revol tion" entsprechen. So betont er trotz der rigiden und mechanistischen Trennung zwischen der ersten, national-demokratischen, und der zweiten, sozialistischen Etappe die fiefe Wahrheit der These Trotzkis, nach der "in den Ländern mit verspäteter bürgerlicher Entwicklung, ins besondere in den Kolonialländern, die wahre Lösung ihrer demokratischen Aufgaben und der der nationalen Befreiung nur die Diktatur des Proletariats sein kann". Trotzki hob zwar die einzelnen Etappen der Revolution hervor ("die permanente Revolution hat für mich nie be deutet, die demokratische Etappe der Revolution oder irgendeine ihrer einzelnen Phasen übe springen zu wollen"'), bewies aber, daß die Revolution notwendigerweise hinüberwachu muß: in den Kolonialländern, die keine bürgerliche Revolution hatten, ermöglicht nur die Errichtung des Sozialismus, wobei die Etappe der bürgerlichen Entwicklung übersprungen wit die ausgebeuteten Klassen vom Joch des Imperialismus und des "Feudalismus" zu befreien. Daraus folgt die Konsequenz, daß man schon vom Anfang der "bürgerlichen" Revolution an die Bedingungen für die Machtübernahme und die Errichtung der Diktatur des Proletariats vo bereiten muß, wie Lenin das im April 1917 gemacht hat.

Deshalb ist in Vietnam der Erfolg der nationalen demokratischen Revolution nicht in einem Regime der "neuen Demokratie" zum Ausdruck gekommen, sondern eben durch die Errichtung der Diktatur des Proletariats, die sich auf die Bauernschaft stützt. "In den Ländern, wo die Arbeiter und Bauern die entscheidende Rolle spielen und wo die Avantgarde der Arbeiterklasse die Führung der Revolution innehat, bedeutet der Sieg der no tionalen und demokratischen Revolution nicht nur einen Sieg des Volkes gegen den Imperia lismus und den Feudalismus, sondern auch einen Sieg des Proletariats über dir Bpurgeoisie des Landes, den Sieg einer Staatsgewalt von neuer Art. Die nationale demokratische Revolution gut zu Ende führen heißt ebenfalls, die sozialistische Revolution einzuleiten''. ( Le Duan).

Im Gegensatz zu Truong Chinh, dem Ex-Sekretär der KP, der nach den "Irrtümern" der beschleunigten Kollektivierung abgesetzt worden ist, ein Führer prochinesischer Tendenz (ver Truong Chinh: Auf dem von K. Marx vorgezeichneten Weg, Hanoi 1969, franz. S. 81-82), legt Le Duan hier den Akzent auf den ununterbrochenen und permenenten Charakter des revo lutionären Prozesses, auf sein Hinüberwachsen - viel mehr als auf die gewohnte maoistische Wortklauberei, nach der während einer ganzen historischen Periode ein Grundwiderspru zwischen der ganzen Nation und dem Imperialismus und ein Nebenwiderspruch zwi schen dem Proletariat des Landes und seiner eigenen Bourgeoisie gesehen wird. Eine solche rigide und mechanistische Analyse impliziert, daß während einer ganzen Periode (der erstel nationalen demokratischen Etappe) die Parolen strikt demokratisch sein müssen, und daß von

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Endziel der Revolution, dem Sozialismus und der Diktatur des Proletariats, nichts propagie So ist zu verstehen, daß z. B. dus Programm der FNL ein "bürgerliches"" Programm ist, nach dem unter anderem das kapitalistische Privateigentum garantiert wird, und daß die Führer der Front sich vor den Augen der öffentlichen internationalen Meinung als ""Nationalisten" präsenfieren, als integrierender Bestandteil eines hypothetischen "Vierklassenblocks" der Bauern, Arbeiter, der Kleinbourgeoisia und der nationalen Bourgeoisie. Uns scheint, daß das politische Bewußtsein der vietnamesischen Massen und die daraus hervor gehende Unterstützung der Front noch höher wären, wenn das Endziel klar und deutlich ausgesprochen würde, auch im Programm: die notwendige Errichtung der Diktatur des Proeltariatt. Der sozialistische Charakter der Revolution darf nicht nur nachher in den offiziellen Reden entschleiert werden, er muß als klares Ziel des revolutionären Kampfes in jedem Augenblick vor Augen stehen.

Alles in allem sind derartige taktische Überlegungen relativ sekundör, selbst wenn man dadurch Verbündete im letzten Moment gewinnen kann, viel wichtiger ist die Einschätzung des tatsäch lichen Kräfteverhältnisses zwischen den Klassen in der gegenwärtigen Periode. DIE ARBEITERKLASSE, DIE PARTEI UND DIE FRONT

Le Duan betont, daß der Sieg der sozialistischen Revolution in Vietnam nur möglich ist dank der führenden Rolle der Arbeiterklasse und t ihrer Avantgarde, der Kommunistischen Partei Indochinas, die 1951 die Partei der Arbeiter wurde. Trotz des entscheidenden Gewichts der Bauernschaft, die mehr als 80 % der arbeitenden Bevölkerung ausmacht, ist es die Arbeiterklasse "trotz ihrer Jugend und ihrer geringen Zahl"

revoiutionären Prozeß darstel!t, die im Bündnis mit der Bauernschaft die führende Rolle spielt "unter der uneingeschränkten Führung der Partei der Arbeiterklasse". Von daher kommt es, daß die Kommunistische Partei "'in ihren Reihen eine große Anzahl von Mitgliedern zählt, die aus der Bauernschaft stammen... sie aber immer die Züge der revolutionären Partei der Arbeiterklasse getragen hat, erstens weil sie Träger der marxistisch-leninistischen Ideologie ist und dieser absolut treu blieb, dann weil ihre politische und organisatorische Linie ein • marxistisch-leninistische Linie ist, die Linie der Arbeiterklasse"'. l'Ohne Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft können die Aufgaben der demokratischen Revolution nicht gelöst werden: sie können nicht einmal ernsthaft gestellt werden... Das revolutionäre Bündnis des Proletariats und der Bauernschaft ist nur unter der Führung der in der kommunistischen Partei organisierten proletarischen Avantgarde vorstellbar.

Unter diesen Voraussetzungen können "Befreiungsfronten" nur in dem Maße die führende Rolle in der Revolution beanspruchen, als eine proletarische Partei in ihr eine führende Rolle einnimmt. In allen Fronten Südostasiens, in Vietnam, Laos, Tahiland, Kambodscha usw. sind die politischen Kader meistens Kommunisten, und die KP ist die einzig wirklich existierende Organisation. Die soziale Basis dieser Einheitsfront bildet das Bündnis der Arbeiter und der Bauern, was die Strategie bestimmt, an die sich die kleinbürgerlichen Elemente, die zur Front stoßen, anschließen müssen. Im übrigen ist die Existenz eines Blocks aller Klassen einschließlich der nationalen Bourgeoisie in diesen. Ländern ziemlich hypothetisch. Die Elementa der sogenannten nationalen Bourgeoisie, die sich der Front angeschlossen haben, können nicht sehr zahlreich sein, denn sie wissen genau, daß der berühmte ""Nebenwiderspruch" so nebensächlich nicht ist, einschließlich in der gegenwärtigen Periodel Es ist klar, daß das Schema des 4 Klassen-Blocks, von Marynov (einem ehemaligen Menschewiken) und Stalin erfunden, in diesen Ländern hie Wirklichkeit geworden ist uns die deshalb das blutige Desaster von Das entscheidende Element belibt also die politische und organisatorische Unabhängigkeit der Partei gegenüber der Fronts "In ihrer führenden Rolle in der Revolution" "war unsere Partei natürlich als Führer der Nationalen Front anerkannt. (Es geht INODCKODD 15172

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also darum,) fest ein politische Linie und eine unabhängige Organisation der Partei zu wahren und gegen jegliche Tendenz anzukämpfen, die Rolle der Partei zu mindern und sie in der nationalen Front aufzulösen". Beiläu

Fig sei erwähnt, daß die autonome Existenz der Kommunistischen Parteien für einen auslän. dischen Beobachter nicht klar erkennbar ist, angefangen mit der kambodschanischen KP zum Beispiel.

Andererseits hat Ho Tschi Minh tatsächlich schon 1945 die KPI in der Vietminh-Front aufgelöst, zum Entsetzen der... französischen und chinesischen Kommunisten, denen das nicht sehr ortho dox vorkam. Ebenso kann man auch nicht sagen, daß die PPR (Revolutionäre Volkspartei) Südvietnams viel von sich reden macht unabhängig von der Front, was ihr Programm oder ihre Parolen angeht.

Schließlich müssen wir noch darauf eingehen, daß die Hegemonie der mit der Bauernschaft verbündeten Arbeiterklasse und der KP umso leichter herzustellen war, als die vietnamesische nationale Bourgeoisie ökonomisch und politisch ungeheuer schwach war. Die "bürger liche" nationalistische Bewegung ist ja sehr früh nach der fehlgeschlagenen Insurrektion von Yan Bay (Februar 1930) vernichtet worden. Was gegenwärtig noch von der nationalen Bour geoisie übrigbleibt, ist zum Imperialismus übergegangen und hat zum größten Teil das Land verlassen. Nur revolutionierte kleinbürgerliche Elemente ( Intellektuelle) können eine entschlossen antiimperialistische Haltung einnehmen. Die führende Rolle der Arbeiterklasse und der KP hat im Gegenteil ermöglicht, daß die demokratische Revolution effektir in eine sozialistische Revolution hinüberwuchs.

Die Unterstützung der Revolutionäre für Sihanouk ist letztlich zweideutig, es es sei denn, es handelt sich um eine Unterstützung von der Art, die der Strick dem Gehängten liefert. Von nun an wird Sihanouk schwerlich eine führende Rolle in der kambodschanischen Revolutio spielen können, es sei denn sein Anschluß an die Befreiungsfront ist tatsächlich ehrlich. Auf jeden Fall ist die Einzelperson nicht entscheidend. Was man unterstützen muß, das sind vor allem die wirklich sozialistischen Kräfte, die sich zur Zeit entwickeln, und zwar insofern, als sie in ihrem Programm und in ihrem Handeln die historischen Interessen der Arbeiterklasse und der Bauernschaft vertreten. Dadurch kann im ganzen südostasiatischen Raum eine Födera tion von Arbeiterstaaten entstehen, die die historischen Aufgaben der Diktatur des Proletariats bewältigen. (A. BERTRAND. Aus ROUGE Nr. 61,27.4