Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Interview mit Thomas Klein (Vereinigte Linke)

Inprekorr Nr. 226, April 1990 · S. 4-5 · 781 Wörter

BRD und DDR

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Thomas Klein (Vereinigte Linke) (aus: SoZ - Sozialistische Zeitung, Nr. 8, 29.3.1990) Interview mit Thomas Klein (Vereinigte Linke) • Hat es Euch nicht geschadet, Euch gegen den Strom der Diskussion zu stellen, wo doch alle sagen, es ist alles schon gelaufen?

• Tatsache ist, daß wir es nicht geschafft haben, das zu verhindern, was wir befürchtet haben und worauf wir immer als Gefahr hingewiesen haben. In den nächsten Monaten wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach zeigen, auch für die, die sich entschlossen haben. die Allianz zu wählen, daß sich dann die Fragen ganz anders stellen. Bei den auf die DDR-Bürger zukommenden sozialen Probleme wird es nötig sein. daß es den Linken gelingt, sich zusammenzuschließen und sich auf die wirklichen sozialen Bewegungen zu konzentrieren, die im Lande entstehen werden und schon entstanden sind. Wenn sie sich darauf konzentrieren, die soziale Selbstverteidigung zu organisieren, dann wird sich sehr schnell zeigen, daß diejenigen im Lande die politischen Maßstäbe setzen werden, die das am konsequentesten auch zu tun bereit sind. Ich denke. da gibt es eine Menge Möglichkeiten. Insofern müssen wir also klar eingestehen, daß wir mit dem. wovor wir gewarnt haben, wogegen wir angetreten sind, aber auch wofür wir angetreten sind, eine Niederlage erlitten haben, wobei es wohl besser ist zu sagen, daß es eine Niederlage für alle DDR-Bürger war, nicht nur für die Linken. • Du würdest nicht sagen, daß es falsch war, die Losung „Gegen den Anschluß" weiter zu propagieren?

• Auf keinen Fall, wir konnten uns jedoch kein Gehör verschaffen.

• Teile der radikalen Linken in der BRD, aber mehr im westlichen Ausland, vor allem in Frankreich, stellen, ausgehend vom Selbstbestimmungsrecht der Nationen, die Losung Für ein wiedervereinigtes sozialistisches Deutschland" auf. Gibt es dafür in der DDR eine Basis? • Dafür gibt es hier keine Basis. Es ist so, daß diese Frage keine tagespolitische Frage ist. Es gibt einige Linke auch in der DDR. die eine solche Formulierung für konsequent halten, die konsequente linke Politik, und jetzt nehme ich mal den Begriff auf, radikale linke Politik, im Kampf z.B. für ein Rätedeutschland sehen. Hier muß man sich wirklich deutlich darüber klar werden, daß sich gesellschaftliche Alternativen nicht auf politischen Konzepten, sondern auf realen sozialen Bewegungen entwickeln, und die Formen in der die sozialen Kämpfe sich auch in der DDR entwickeln werden, werfen diese Frage jetzt nicht auf die Tagesordnung, sondern die Bewußtwerdung der eigenen Situation und die soziale Selbstverteidigung werden die Maßstäbe setzen. Daraus wird sich etwas entwickeln. Insofern will ich jetzt auch noch einmal den Begriff radikale Linke" aufnehmen. Radikal sein heißt heute in der DDR sich auf die wirklichen sozialen Bewegungen zu stützen. Und in diesem Sinne meine ich, daß eine solche Losung ein großer politischer Fehler wäre. 0 Wenn die Währungsunion verwirklicht wird und vielleicht Teile einer politischen Union realisiert werden, hieße das doch auch eine Neumischung der Karten auf der Seite der radikalen Linken hier bei uns in der BRD, da es dann nicht mehr Organisationen geben können, die auf dem Gebiet der BRD beschränkt sind; dies wäre eine Selbstbeschränkung, die doch zumindest keinen großen Sinn mehr machte?

• Genau das wäre der Fehler. Gerade die Linken werden in der jetzigen Situation mit einem viel weiteren Horizont denken müssen, der übrigens auch über die DDR und die BRD hinausgeht, denn die Folgen der Wiedervereinigung sind ein europäisches Problem. Es wird sich eine große Chance eröffnen. Auch die Initiativen der Linken in der DDR können mit dazu beitragen, daß die in der Vergangenheit recht unproduktive Diskussion der Westlinken untereinander sich jetzt auf eine neue Weise produktiv entwickelt. Wir sind guter Hoffnung, daß wir mit einem Konsens der Linken aus Ost und West in Form der Zusammenarbeit in der Zukunft sehr viel weiter kommen werden. 0 Um mit Marx zu reden, bei aller Scheiße, die da wieder hochkommt, würde durch diese Situation nicht jetzt auch eine Chance bestehen, daß diese radikale Linke in BRD und DDR sich neu gruppiert, um inhaltlich über radikale linke Politik - orientiert an der Arbeiterklasse, aber inklusive Ökologie, radikaler Feminismus usw. — zu diskutieren und nicht entlang von irgendwelchen Strömungsfragen oder geschichtlichen Fragen?

• Genauso ist es. Wir denken, und das ist eine sehr konkrete Erfahrung. die wir jetzt hier in der DDR machen, daß der Verzicht auf parteipolitische Profilierung, die Konzentration auf linke Konzepte, die sich auf reale soziale Bewegungen stützen, daß dies der Angelpunkt sein kann für ein neues, gemeinsames Herangehen der Linken in Ost und West an die sich jetzt für uns wie für euch verschärft stellenden Probleme. Das Interview führte Winfried Wolf.

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