Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internatioale: Markt contra Selbstverwaltung: Die jugoslawische Erfahrung

Inprekorr Nr. 226, April 1990 · S. 26-27 · 870 Wörter

Jugoslawien und Balkan Mittelamerika Weltwirtschaft und Krise

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Markt contra Selbstverwaltung: die jugoslawischen Erfahrungen Ein marxistisches Buch über Jugoslawien, in dem eine kritische Bilanz von 40 Jahren Selbstverwaltung gezogen würde, hat bislang gefehlt. Catherine Samarys Arbeit Le marché contre l'autogestion ist der erste (und ausgesprochen gelungene) Versuch, eine derartige Gesamtbewertung vorzunehmen.* Was dieses Buch interessant macht, reicht jedoch über die Grenzen einer spezifischen Erfahrung hinaus: Die Fragen, die angesprochen werden - insbesondere die nach dem Verhältnis zwischen Plan und Markt in einer nachkapitalistischen Ökonomie —, stehen im Mittelpunkt der gegenwärtigen Debatten über die Wirtschaftsreform in der UdSSR, in Osteuropa und in China.

Catherine Samary, die zwar die grundlegenden Prämissen der trotzkistischen Strömung im Hinblick auf die Analyse der Länder des „Ostblocks" teilt, bezeichnet Jugoslawien allerdings (wie mir scheint, zurecht) lieber als eine nachkapitalistische Gesellschaft anstatt als eine Gesellschaft im ,,Ubergang zum Sozialismus"* In Jugoslawien ist erst nach dem Bruch mit Stalin im Jahre 1948 (dessen Tragweite sie aufzeigt, aber auch die Grenzen: das Fehlen einer politischen Demokratisierung) ein eigenständiges System eingeführt worden, das auf dem Prinzip der Selbstverwaltung beruht. Dieses System, das in seiner ersten Version bis 1965 bestanden hat, war mit bemerkenswert kühnen Schritten verbunden (wie sie in der UdSSR etwa vierzig Jahre danach noch kaum in Angriff genommen worden sind), wie z.B. Autonomie für die Leitung der Betriebe (unter Beteiligung der Belegschaft) anstatt administrativer Anordnungen von oben. Diese Selbstverwaltung war jedoch auf die lokale Ebene beschränkt: Auf makroökonomischer Ebene wurde in äußerst administrativer Weise über die einzuschlagenden Optionen entschieden, in einem politischen Kontext, dessen Hauptmerkmal eine Staats-Partei ist, die monopolistisch über die gesamte Macht verfügt. Letzten Endes ist die Selbstverwaltung in dieser ersten Etappe vom Plan „erstickt" worden. Diese Entwicklung der Jahre 1953 bis 1964 untersucht die Verfasserin im zweiten Teil ihres Buchs. In den beiden folgenden Teilen befaßt sie sich detailliert und präzise mit den verschiedenen Phasen der Leitung der Ökonomie in den zweieinhalb Jahrzehnten seither. 1965 erfolgte eine Wende: Infolge der Widersprüche, die aufgrund der zu „statistischen" Tendenz der ersten Etappe (und des Drucks der technokratischen Strömung in der Partei und im Staat) entstanden, beschlossen die wichtigsten Führungspersönlichkeiten in Jugoslawien (Josep Broz Tito, Edvard Kardelj), massiv auf die Marktrationalität zu setzen, um die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen. Diese Wende zu wirtschaftlichem Liberalismus war in Wirklichkeit ein Mittel zur Begrenzung der Demokratie (sowohl im wirtschaftlichen als auch im politischen Bereich) und zur Dezentralisierung der Leitung, um ein stabiles Monopol auf Politik seitens der Partei besser sicherzustellen. Die Ergebnisse dieser Marktreform waren sehr rasch zu spüren: Die Selbstverwaltung wurde zunehmend jeglichen Inhalts entleert, die gesellschaftlichen und regionalen Ungleichheiten, Arbeitslosigkeit, Korruption, Inflation und Auslandsverschuldung verschärften sich beträchtlich. Mit einem Wort: der Markt hat die Selbstverwaltung „erstickt" ... Bald sind Formen gesellschaftlichen Widerstands gegen die Marktlogik aufgetreten: mehrere Arbeiterstreiks und die Studenten- und Intellektuellenrevolte von 1968. Wie Catherine Samary zeigt, hatte dieser „Juni 68" durchaus einige Gemeinsamkeiten mit dem französischen Mai 68: Es wurden antibürokratische und sozialistische Bestrebungen auf die Straße getragen, es wurde Kritik an den sozialen Ungleichheiten und der „roten Bourgeoisie" geübt, und es gab Positionen, die sowohl den Etatismus als auch die Marktreformen radikal ablehnten. Die Universitätsdozenten um die marxistische Zeitschrift Praxis (Mihailo Marković, Lubomir Tadić, Gajo Petrović usw.) wurden für die Studentenunruhen verantwortlich gemacht und administrativ gemaßregelt.

Die Zunahme sozialer und nationaler Spannungen zwang die „historischen" Führungspersönlichkeiten schließlich, eine erneute Wende vorzunehmen (die letzte zu Titos Lebzeiten): Von 1971 an wurde eine paradoxe Kombination einer Stärkung der lokalen Selbstverwaltung (und der regionalen Autonomie) mit einer Beschneidung des Marktes und einem (antipluralistischen) politischen Durchgreifen angewendet. Der Allmacht des Marktes wurden Zügel angelegt; sie wurde jedoch nicht durch eine effektive Selbstverwaltung auf allen Ebenen ersetzt. Sie blieb auf den lokalen Bereich begrenzt und war zu machtlos, um eine neue ökonomische Logik durchsetzen zu können.

Im Laufe der letzten Jahre ist ein nationalistischer Rückzug auf die regionalen Republiken, eine zunehmende Eingliederung Jugoslawiens in die ,internationale Arbeitsteilung" — d.h. in den Rahmen der Politik des Internationalen Währungsfonds - festzustellen. Hierfür wird mit einer wachsenden Verschuldung (20 Milliarden US-Dollar!) und einer Verschlimmerung der Arbeitslosigkeit (1,2 Millionen [Angaben für 1987; vgl. Vorwort von E. Mandel, S.10]) bezahlt. Es muß sich in der Zukunft herausstellen, wer und was sich behaupten wird: die gesellschaftliche Logik des Widerstands gegen die Markt- und Sparpolitik, z.B. durch die Arbeiterstreiks gegen die entsprechend den „Ratschlägen" des IWF staatlich angeordneten Entlassungen, oder der Zerfall des Landes in übersteigerte Nationalismen (der Serben, Kroaten, Albaner, Slowenen usw.). Jugoslawien ist während all dieser Jahre ein großartiges Laboratorium für praktische Erfahrungen gewesen, aus denen sich reichhaltige Lehren ziehen lassen. Catherine Samary zeigt — und sie stellt sich damit gegen den Strom des neuen Konformismus, der jetzt im Westen und im Osten herrscht -, daß der Markt als solcher keine Lösung für die Irrwege der bürokratischen Planung ist: Wer die Sackgasse des Etatismus meiden will, darf nicht in die andere Sackgasse des „Marktsozialismus" hineinrasen — und umgekehrt!

Fortsetzung aufS. 25

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SÜDAFRIKA