Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internationale: Die nationale Frage in Jugoslawien

· Inprekorr Nr. 226, April 1990 · S. 19-26 · 7.065 Wörter

Jugoslawien und Balkan Stalinismus und Bürokratie Tschechoslowakei Jugend und Studenten

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Die Völker, die auf dem Gebiet des heutigen Jugosla- Der erste, halbindustrialisierte und abhängige, jugoslawien leben, hatten vor der Zwischenkriegszeit nie alle zu wische Staat, der nach dem Ersten Weltkrieg entstanden einem Staat gehört. Die der Unterdrückung durch das war, wurde von der infolge ihrer Armee starken serbi- Osmanische Reich ausgesetzten Völker im Südosten wa- schen Krone beherrscht, die als Stütze des Auslandskapiren bis zur Revolution ökonomisch sehr zurückgeblieben. tals fungierte. Unfähig, eine wirkliche Föderation der sla- Der Beginn einer Industrialisierung neokolonialen Typs wischen und nichtslawischen Völker des Landes zu sifand dagegen im 19. Jahrhundert in den Regionen statt, chern, errichtete sie eine sowohl nationale (gegen andere die das relative Glück" hatten, dem Kaiserreich Oster- Völker) als auch soziale Diktatur: der erste jugoslawische reich-Ungarn unterworfen zu sein — Kroatien, Slowenien, Staat hatte auch die Funktion, den Einfluß der Oktoberre- Dalmatien, Wojwodina und, später, Bosnien. Eine unter- volution auf die Völker der Region einzudämmen. Die schiedliche Geschichte und verschiedene Kulturen, Spra- Kommunistische Partei Jugoslawiens, die unmittelbar chen, Religionen (im wesentlichen drei: die katholische im nach dem Kriege sehr stark war (1920 errang sie bei Wah- Norden, ansonsten die orthodoxe und der Islam), Alpha- len die Mehrheit in den großen Industriestädten), wurde ab bete (kyrillisch und lateinisch) und ökonomische Entwick- November 1920 aufgelöst, und die Gewerkschaften, die lung kennzeichneten dieses Völkermosaik. sie führte, wurden verboten.

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er neue charismatische Führer der ser- D bischen Republik, Slobodan Milosevie, wird in der westlichen Presse manchmal als ein „neuer Tito" präsentiert. Und unter den Losungen, die bei den Massenversammlungen (von Millionen Serben und Montenegrinern), die für seine Unterstützung organisiert werden, aufkommen, ist oft zu hören: Wann wird Milosević endlich Tito ersetzen?" Aber es hieße den Sinn dieser Losung völlig mißverstehen, wenn man meinte. es handelte sich darum, daß Milosević wird, was Tito auf politischer Ebene war. Der Sieg von Milosević im September 1987 (auf dem 8. ZK-Plenum) im Apparat der serbischen Partei und seine Folge, die Aufhebung verfassungsmäßiger Rechte der beiden autonomen Provinzen Wojwodina und Kosovo, kennzeichnen im Gegenteil einen Bruch mit dem "Titoismus" . Wie tief ist dieser Bruch? Worin besteht seine Natur? Um diese Fragen zu diskutieren, muß man zunächst auf das zurückkommen, was für den „Titoismus" in bezug auf seine Nationalitätenpolitik charakteristisch ist.

Die Serben arme Verwandte oder Herrscher?

Bei der Behauptung, daß die Serben die „armen Verwandten" von Titos Jugoslawien gewesen seien, die als Vergeltung für ihre Vorherrschaft im jugoslawischen Staat der Zwischenkriegszeit systematisch schikaniert" worden seien, stützen sich die serbischen Nationalisten auf reale, aber von einem chauvinistischem Standpunkt aus isoliert betrachtete „Tatsachen" . Die „Einheit" Jugoslawiens vor dem Zweiten Weltkrieg, die es allen Serben erlaubte, sich in einem einzigen territorialen Rahmen wiederzufinden, wurde zerstört, und damit auch ein Rahmen der sozialen und nationalen Unterdrückung. Die Serben wurden lange durch das Osmanische Reich unterdrückt (Kosovo war der Ort einer historischen Schlacht im 14. Jahrhundert') und territorial zersplittert. Das Problem, das sich im Hinblick auf ihre Vereinigung — in cinem Gebiet, das sie ausschließlich kontrollieren würden — stellt, ist die materielle Unmöglichkeit, dies tun zu können, ohne gleichzeitig eine andere Nationalität (oder mehrere Nationalitäten) zu unterdrükken. (Das gleiche Problem würde sich bei einem Groß-Kroatien", das alle Kroaten umfaßte, stellen.)

Nur Slowenien ist homogen, und nur die Slowenen sind in einer Republik zusammengefaßt; es ist ihre numerische Schwäche, die sie zum Zusammenschluß in einer Föderation getrieben hat, um der italienischen oder deutschen Assimilation bzw. Unterdrückung zu widerstehen. Ein „Groß-Serbien", das alle Serben umfaßte und ihnen die staatliche Vorherrschaft sicherte, würde die Wojwodina (mit insbesondere einer starken ungarischen Minderheit), Kosovo (mit einer albanischen Bevölkerung von heute 90%), aber auch Kroatien uhd Bosnien Herzegowina (bestehend aus Serben, Kroaten und bosnischen Mohammedanern, die jetzt als Ethnie betrachtet werden) sowie zweifellos auch Montenegro und Makedonien einschließen. die Internationale

Bosnien Herzegowina ist nach der Revolution entstanden, um die politische und numerische Stärke der Serben ins Gleichgewicht zu bringen bzw. abzuschwächen und einen Konsens zwischen den Nationalitäten über einen Föderalismus zu erzielen, der allein den Zusammenschluß der Nationalitäten erlaubte. Montenegro ist ebenfalls als besondere Republik behandelt worden. Dies wurde nicht durch sprachliche oder ethnische Differenzen gegenüber den Serben gerechtfertigt, sondern durch eine Geschichte, die aus dem fraglichen Territorium das Terrain eines erbitterten jahrhundertelangen Kampfes gegen die Türken machte — ein Kampf, der 1878 die Unabhängigkeit brachte. Die Losung Montenegro ist ein Juwel der serbischen Krone**, die kürzlich bei den Demonstrationen für Milosević zu hören war, ist für die Brüderlichkeit zwischen Montenegrinern und Serben (die Nichtserben sprechen von „Identität") kennzeichnend. Makedonien, ein ethnisch extrem heterogener Kreuzungspunkt, wurde beim Ausgang der Balkankriege unter Griechen, Bulgaren und Serben aufgeteilt. Die makedonische Sprache konsolidierte sich als Schriftsprache und wurde nach der Revolution in den Rang einer „Nationalsprache" erhoben: dies war ein Mittel, den Widerstand gegen Bulgarien zu stärken, das jedes Vorhandensein einer makedonischen Nationalität leugnete. Offensichtlich war vom Standpunkt des serbischen Nationalismus ein Jugoslawien, das als Föderation frei assoziierter Nationen, deren Unterschiede betont wurden, begriffen wurde, ein Rückschritt in bezug auf ein großserbisches Einheitsstreben (d.h. in bezug auf einen Staat, der auf der exklusiven Vorherrschaft einer Nationalität beruht). Aber die serbische nationale Frage war — und bleibt die Trägerin einer zweifachen Dynamik: die territoriale Zersplitterung der Serben konnte ihre Lösung" in der großserbischen Unterdrückung finden, aber auch, in soliderer Weise, im Kampf für eine demokratische Föderation, in der der Zusammenschluß aller Serben bedingt war durch ihre Anerkennung der Rechte der anderen Nationalitäten. Da diese gleichermaßen bestrebt waren, in einem „Staat" verkörpert zu werden, implizierte dies die Anerkennung von Teilrepubliken für jede ,,Nation" oder von Provinzen für diejenigen Nationalitäten, die anderswo bereits einen Staat hatten, wie die Ungarn oder die Albaner; solcher Art war der Konsens, auf dessen Grundlage sich die Völker in der Revolution vereinigten. Die serbische Bourgeoisie erwies sich als unfähig ein solches Projekt durchzuführen, die Risse und Kämpfe im Krieg waren auch soziopolitischer Natur. Die serbischen kommunistischen Partisanen standen nicht nur den Ustascha-Kroaten' gegenüber, sondern auch dem Widerstand der serbischen Tschetniks' Entsprach die entstandene Föderation den Erwartungen der Bevölkerung, die das Projekt massiv unterstützt hatte? Die jüngsten serbischen Demonstrationen mußten diejenigen überraschen, nach deren Auffassung (wie bei manchen kroatischen Nationalisten 1971) das Jugoslawien Titos dazu bestimmt war, die „großserbische" Vorherrschaft zu sichern — in der gleichen Weise, wie sich Stalin auf eine großrussische Unterdrückung gestützt hatte... Wenn dies der Fall gewesen wäre, so könnten wir die Hartnäckigkeit der Serben nicht verstehen, und auch nicht, warum die Kroaten, die Slowenen und die Kosovo-Albaner sich auf derselben Seite für die Verteidigung der von Tito (und seinem Theoretiker Kardelj) hinterlassenen Verfassung von 1974 befinden — gegen ihre Infragestellung durch die Serben...

In Wirklichkeit ermöglicht die nationalistische Brille (sei sie serbischer oder kroatischer Natur) bestenfalls das Verständnis gewisser Momente oder Aspekte des jugoslawischen Systems. Sie führt zu pauschalen Ansichten, , die völlig polarisiert sind (die Serben als die armen Verwandten/die Serben als Herrschende). Sie ist somit aufgrund dieses einseitigen Herangehens nicht in der Lage, die gesamte nachrevolutionäre jugoslawische Geschichte sowie vor allem ihre Dynamik bis zum Ende der siebzigr Jahre zu begreifen, und sie verhindert ein Verständnis der gegenwärtigen Krise und des Wendepunkts, den diese darstellt.

Revolution und nationale Kämpfe

Titos Regime war das Produkt einer authentischen Revolution und nicht wie der Stalinismus das Produkt einer Konterrevolution. Mehr noch, diese Revolution stand in einem direkten Konflikt mit der Orientierung Stalins. Seine Intention war der Schutz der bürokratischen Diktatur in der UdSSR durch die Unterordnung der internationalen Arbeiterbewegung unter die Kremldiplomatie. Die für Jugoslawien bestimmte „Linie" war das antifaschistische Bündnis mit dem monarchistischen Widerstand und die Teilung der Macht, auf keinen Fall eine soziale Revolution. Aber die Bourgeoisie (und der monarchistische Widerstand) war viel zu schwach, um irgendein Bündnis mit den jugoslawischen Kommunisten zu tolerieren. Letztere hatten mit ihrem Leben und in den Lagern für die aufeinanderfolgenden Fehlschläge der vom Kreml aufoktroyierten „Linien" — von ultralinken Positionen bis zur Volksfront - bezahlt. Man kann sagen, daß die Revolution

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der einzige Weg war, die Aufgaben durchzuführen, die die Bourgeoisie nicht gelöst hatte (nationale Industrialisierung und Befreiung. die Agrarfrage), aber auch, um einer blutigen Diktatur und brudermörderischen Kämpfen ein Ende zu setzen. Für die KP Jugoslawiens war die Revolution der einzige Weg. einem Massaker durch den Klassenfeind... und der Liquidierung durch Stalin, der der KPJ das gleiche Schicksal zugedacht hatte wie der polnischen KP*, zu entgehen.

Die machtvollen nationalen und sozialen Befreiungsbewegungen während des Krieges brachten nicht einfach eine passive Führung „an die Macht" (genausowenig wie es — entsprechend der gegenteiligen Auffassung, die heute in Jugoslawien und in bezug auf die Bolschewiki in der UdSSR aufkommt — cinen bloßen Militärputsch einer Führung gab, die die Macht ohne irgendeine soziale Basis übernahm). Das spektakuläre Wachstum der Partei und der im Kampf geschmiedeten Volksarmee zeugt davon. Die jugoslawischen kommunistischen Führer bereiteten einen auf drei Aspekten einer bewußten Strategie basicrenden Sieg aktiv vor: a) die Errichtung einer Massenarmee von Partisanen; b) in den befreiten Gebieten die Organisierung einer zweiten Macht, die die unmittelbare Verbesserung des Lebens der Bevölkerung durch Landaufteilung. Schuldenstreichung und lokale Verwaltung sicherte; c) die Einheit der verschiedenen Nationalitäten zur Verteidigung ihrer Rechte und Identität. Die KPJ war die einzige Kraft, die in der Lage war, unter ihrer Führung alle Nationalitäten der Region zu vereinen. Sie konnte dies nur tun, indem sie die Bedeutung der nationalen Forderungen und die in Jugoslawien in der Zeit zwischen den Kriegen erlittene Unterdrückung ausdrücklich anerkannte.

Während es wahr ist, daß die III. Internationale (Komintern) in den zwanziger Jahren das Aufbrechen des ersten repressiven jugoslawischen Staates, besonders durch die Lostrennung der Kroaten, vorausgesehen hatte, so war die Revolution nur wegen der Uberzeugung siegreich gewesen, daß das föderative Bündnis dieser Bevölkerungsgruppen die Bedingung für einen siegreichen Widerstand gegen ausländische Unterdrückung bildete Dies sollte sich auch gegenüber Stalin bewahrheiten.

Die bestehenden Grenzen waren keineswegs endgültig oder ideal: Mehrere Völker wurden von Grenzen getrennt, die das Resultat der Geschichte von Krieg und Unterdrükkung in dieser Region waren. Eine sozialistische Balkanföderation, die auch Albanien, Ungarn und Bulgarien eingeschlossen hätte, hätte weit eher eine Perspektive sein können, in der all die verschiedenen Nationen ihren Platz gefunden hätten. Die beträchtliche Anziehungskraft einer solchen Föderation war eine direkte Bedrohung für die stalinistische Hegemonie über die betroffenen Völker. (Tito erzielte in den Nachbarländern ein enthusiastisches Echo, und sogar der Bulgare Dimitrov ging so weit, von der Perspektive dieser Föderation in einem Interview in der Prawda zu prahlen, was ihn zu einer schnellen Selbstkritik zwang.) Von diesem Moment an war die Exkommunikation"* der „titoistidie Internationale schen Clique* für Stalin eine Notwendigkeit, die neue Prozesse nach sich zog. die die KPen der Region auf die richtige Linie bringen sollten. Die sozialistische Balkanföderation war damit gestorben und begraben. Doch zumindest die jugoslawische Föderation (deren Name unglücklich gewählt ist) blieb die Bedingung für viele Nationalitäten in dieser Region für die Verteidigung ihrer angegriffenen Rechte.

Mit anderen Worten, die Stärke des Widerstands des neuen revolutionären Regimes rührte einerseits von seinem Klasseninhalt, andererseits von der (frei gewählten) Föderation der von ihr repräsentierten Nationen her. Die Albaner in Kosovo waren die einzigen, die von Beginn an nicht von der Errichtung eines von Albanien getrennten jugoslawischen Staates profitierten; der Bruch mit Stalin machte allen Versprechungen der Vereinigung von Kosovo mit Albanien ein Ende. Während der zentralistischsten Phase des Regimes — bis zum Sturz von Ranković, einem serbischen Führer, der der Reform von 1965 feindlich gegenüber stand — sollten sie einer harten Repression ausgesetzt sein. Die (relative) Milderung des späteren Schicksals der Albaner in Jugoslawien im Vergleich mit dem tristen und repressiven Albanien (besonders in bezug auf die Religion) sollte eine bedeutende Auswirkung auf die (bis jetzt nichtseparatistische) Dynamik ihrer Forderungen haben.

Die Entwicklung der allen Nationalitäten gewährten Rechte war tatsächlich sehr pragmatisch — auf der Grundlage des ausgeübten Drucks —, doch sie war vor allem von dem Wunsch bestimmt, die politische Legitimität des Regimes zu festigen.

Politische Macht

In gewisser Weise wurde die nationale Frage an eine Partei verwiesen, die ihr lange eine kleinbürgerliche oder bürgerliche Perspektive zugeteilt hatte. Die titoistische Führung entwickelte auch in pragmatischer Weise die institutionellen Maßnahmen, um auf die Spannungen zu antworten, die in der Periode nach dem Kriege entstanden. Nur eines war sicher: die Einheit des Systems konnte durch die serbische Vorherrschaft nicht gesichert werden. Jeder Versuch zu ihrer Wiederherstellung konnte nur eine Explosion hervorrufen: dies ist auch heute noch zutiefst war. In diesem Rahmen das titoistische Regime als ein großserbisches Regime zu charakterisieren ist eine völlige Absurdität: der Beweis ist die wachsende Ausweitung der Rechte anderer Nationalitäten (und die nationalistischen Frustrationen der Serben). Dasselbe Regime dagegen als Gegner des jugoslawischen Projekts zu bezeichnen, weil es der gegenüber der Politik der Komintern gehorsam gewesen sei (wie die serbischen Nationalisten heute sagen) ist ebenso absurd. Es hieße Jugoslawien mit seiner „unitarischen" Vergangenheit (die als Modell dient) zu verwechsein. Die Behauptung schließlich, daß es sich um ein den Serben als solche feindlich gesinntes Regime handelte, ignoriert die sozialen und politischen Risse, die durch das serbische Volk selbst gingen.

Die heute in Serbien vorherrschende neue Lesart der Geschichte (schriftlich fixiert in einem Memorandum der Akademie der Wissenschaften, das die traurige Allianz zwischen der ehemals marxistischen Linken mit nationalistischen Strömungen absegnet) gibt zum ersten Mal dem Widerstand der monarchistischen Tschetniks den Vorrang zu Lasten der „blutigen" Kommunisten, und damit den „demokratischen" Tugenden des alten Regimes. Das Tito-Regime hat das serbische Volk nicht drangsaliert (und schon gar nicht verachtet), aber es hat sicherlich die Auffassung in Frage gestellt, daß seine Souveränität auf Kosten anderer hergestellt werden soll. Aber dies ist als politisches Bemühen zu interpretieren, nicht als Beweis für Demokratie: es ist offensichtlich, daß das politische Regime zusammenbrechen würde, wenn die nationalen Spannungen zunähmen. Deshalb waren die Antworten Titos von einer Kombination aus Zugeständnissen und Repression. aus dezentralisierten Rechten und der Fortsetzung der stalinistischen Praxis der Einheitspartei gekennzeichnet.

Grenzen des Bruchs mit dem Stalinismus

Sicherlich hatte der Bruch mit Stalin positive langfristige Auswirkungen auf das jugoslawische politische Regime, das sich von seinen Nachbarn rasch durch viel größere kulturelle und religiöse Freiheit sowie eine grö- Bere Freiheit im Verkehr von Ideen und Personen unterschied. Trotzkis Werke sind seit langem in den Buchläden der Partei zu finden, und in den sechziger Jahren konnten sich Marxisten aus aller Welt jedes Jahr auf der Insel Korcula versammeln, um zahlreiche Fragen in offener und kritischer Weise zu diskutieren. Die Philosophen der Zeitschrift Praxis, Marxisten von in jener Zeit hohem Ansehen, waren die Initiatoren dieser Seminare. Dank des Bruchs mit Stalin blieb der Marxismus in Jugoslawien unter der Jugend von 1968, unter denen, die gegen die US-Intervention in Vietnam, gegen die „rote Bourgeoisie" und die marktwirtschaftlichen Reformen, gegen die Privilegien von Amt und

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Geld und für die Selbstverwaltung von unten nach oben" mobilisierten, lebendig und einfußreich. An der Belgrader Universität konnte man Rouge und entsprechende Broschüren finden, und die Studenten konnten führende Vertreter der IV. Internationale einladen, ihre Ideen dort vorzutragen. Die Ideen, ja. Aber sobald sie anfingen sich in eine kollektive Kraft zu verwandeln, in Organisationen, Demonstrationen, kam es zur Repression. Es gab stalinistische Unterdrükkung — gegen die, die nach dem Bruch Stalin verteidigten wie vorher gegen die, die ihn vorzeitig angegriffen hatten. Die Zeitschrift Praxis wurde unterdrückt, als ihr Einfluß die Form von Universitätsbesetzungen annahm. die mit Arbeiterstreiks zusammenfielen. Man unterdrückte die, die das Pech hatten, die Linie der Reformen anzuwenden, als dies negativ beurteilt wurde. Es gab Prozesse wegen „Trotzkismus" Nationalismus" , Liberalismus", Kominternismus" und andere ,,Ismen" gegen all diejenigen, die unglücklicherweise die Grenzen der augenblicklichen offiziellen Linie überschritten. Zum Beispiel führten die Demonstrationen gegen Jaruzelskis Staatsstreich zu mehreren Monaten Gefängnis für ihre Organisatoren, obwohl die jugoslawische Regierung die Unterdrückung von Solidarnosć verurteilt hatte. Die verschiedenen Reformen des jugoslawischen Systems wurden so von oben eingeführt und von oben wieder aufgehoben (bis zu den achtziger Jahren von derselben Führung an der Macht). Doch sie drückten sowohl die Zwänge eines aus einer Revolution hervorgegangenen Regimes aus als auch die Grenzen eines politischen Regimes, das nicht vollständig mit stalinistischen Praktiken gebrochen hatte. Von daher- waren diese Wendungen, anstatt willkürlich zu sein, jedesmal eine Form der Antwort auf den Druck von „unten" , um die Legitimität des Regimes in den Augen der Massen zu stärken, während die Macht der Einheitspartei beibehalten wurde. Das beherrschende Ziel war, von der Machtübernahme an, die rasche Konsolidierung dieses Sieges durch die Industrialisierung des Landes. Der 1948 erfolgte Bruch mit Stalin, die darauf folgende Blockade der sozialistischen Bruderländer" und die sowjetischen Interventionsdrohungen konnten diese zentralistische Dimension (auf politischer und ökonomischer und damit nationaler Ebene) nur verstärken. Natürlich änderte die zentralisierte Planung ihre Form mit der Einführung der Selbstverwaltung nach 1950. Aber bis 1957 blieb sie im wesentlichen eine Form der Umverteilung von den reichen zu den armen Regionen. Der Widerstand der reichen Regionen war für die Einführung einer größeren Dezentralisierung ab Mitte der sechziger Jahre nicht unbedeutend. Doch muß auch der Einfluß in Rechnung gestellt werden, den das Fehlen einer realen Demokratie darauf hatte. Im allgemeinen erleichterte die Lage der Bundesinstitutionen in Serbien die Gleichsetzung der gesamten bürokratisch-zentralisierten Planung mit serbischer Vorherrschaft. Es ist längst nicht bewiesen, daß Serbien von einer solchen Umverteilung in privilegierter Weise profitierte, und es ist immer als eine entwickelte Republik behandelt worden (wähdie Internationale rend sein Lebensstandard niedriger ist als der Kroatiens oder Sloweniens), um die Entwicklungsfonds für die weniger Entwickelten" zu stützen. Dies ist Teil des Streits. Wie auch immer die Situation, so war das bedrohlichste Element für die Behörden das Mißtrauen, das aus der großserbischen Vergangenheit herrührte, und somit die schnelle Wahrnehmung des Zentralismus als „serbisch". Doch ein solches Mißtrauen wurde von dem Mangel an Transparenz und wirklicher Demokratie und somit vom Mangel an Kontrolle über die verteilten Ressourcen, insbesondere durch die reichen Republiken. Die bürokratische Verschwendung bei der Verwendung dieser Fonds reizte zusätzlich den Widerstand gegen diese Verteilungslogik, deren Effizienz nicht offensichtlich war. Doch die Tito-Führung antwortete auf den Druck nicht mit einer Ausweitung der für die Planung erforderlichen Demokratie. Ihre Antwort war 1965 die Abschaffung der Planung durch die Ausweitung des Marktes und daraufhin durch die Vermehrung der Vollmachten der Teilrepubliken, ohne das Regime und die Partei zu demokratisieren. Liberalismus oder Demokratie?

Welche Abgrenzung vom stalinistischen „Modell", das kritisiert werden mußte, als die Exkommunikation erfolgte, wurde vorgenommen? Die bürokratische Degeneration der UdSSR wurde auf den staatlichen Zentralismus und das System der Planung zurückgeführt - ohne irgendeine Kritik des politischen Einparteiensystems. Sicher, das Wort „Partei" wurde durch die Bezeichnung „Bund" ersetzt, um zu zeigen, daß die Idee darin bestand zu beeinflussen und zu überzeugen und nicht Zwang auszuüben.

Und in gewisser Weise war dies wirklich das Verhalten der Parteimitglieder. Aber das Recht auf Bildung von Tendenzen und der politische Pluralismus waren ausgeschlossen. Von nun an wurde der Bund der Kommunisten Jugoslawiens (SKJ) von durch die Reform geschaffenen sozialen und nationalen Differenzierungen geprägt, wobei er mit der Zeit die politische Kohärenz verlor, die nur ein demokratisches Parteileben schaffen Konnte.

Wenn es keine grundlegende Differenzierung vom Stalinismus in der Frage der Einheitspartei gab (in den siebziger Jahren gab es sogar mit der ausdrücklich erklärten „führenden Rolle" eine offene Regression), konnten andere Modelle nur in einer Kombination von mehr Markt und dezentralisierten Rechten gefunden werden. Dies wurde auf die Selbstverwaltung, die wir hier nicht behandeln, wie auf die Republiken angewandt. Zum Nachteil für das Regime hatten die Marktmechanismen eine spaltende Wirkung, sie vertieften die Ungleichheit. Sie führten auch zu einem Prozeß der Differenzierung im SKJ entlang nationaler und sozialer Linien. Der Bürokratismus wurde von all den Grenzen genährt, die der Demokratie auferlegt wurden, sowie von den Reformen: mehr Markt und mehr dezentralisierte Rechte bedeuteten auch mehr politische Macht und Karrierismus im Namen der „Nation" . Die Frage des Marktes und der Natur des sozioökonomischen Systems wurde zunehmend mit Nationalitätenfragen verquickt. Vom Prager zum kroatischen Frühling

Die herrschende Auffassung (die in Jugoslawien von Anhängern der Marktreformen verteidigt wurde) ist die, daß diese Reformen unterbrochen wurden (im Jahre 1971 nach der Welle kroatischer Demonstrationen), weil die Führer des Regimes dazu tendierten, die Macht zu verlieren. Tito wäre in gewisser Weise das Gegenstück zu den sowjetischen Truppen gewesen, die 1968 dem Prager Frühling ein Ende bereitet hatten - in diesem Falle also dem kroatischen Frühling. Dies ist eine recht oberflächliche Analogie, die nur einen Teil der Wahrheit in Rechnung stellt. Abgesehen davon, daß Tito und Kardelj in ihrer Beziehung zur Bevölkerung keine Breshnews waren, gingen die Marktreformen, die in Jugoslawien zwischen 1965 und 1971 wirklich durchgeführt wurden, weit über das hinaus, wovon die tschechoslowakischen Reformer nur träumen konnten (Abschaffung der Planung durch Abschaffung des zentralen Investmentfonds und die Erhöhung des Surplusanteils, der bei den Betrieben und Banken verbleibt; Dezentralisierung des Banksystems, das von nun an vom Rentabilitätsprinzip regiert wurde; Anpassung der internen Preise an die Weltmarktpreise zusammen mit einem Abbau des Schutzes bei der Öffnung gegenüber dem Weltmarkt; Ausdehnung des Privatsektors).

Dies war keine kapitalistische Restauration (derselbe Staat, der die Reform eingeführt hatte, sollte sie unterbrechen, indem er sich auf die Selbstverwaltung stützte), aber es gab keinen Mangel an Druck in diese Richtung. Konkret fehlten dem Markt drei Merkmale, um wirklich „allgemein" (vollständig kapitalistisch) zu sein: ein Arbeitsmarkt (das Recht auf Entlassung), ein Kapitalmarkt (Privateigentum der Betriebe mit den entsprechenden Rechten)... und ein Staat, der diese obengenannten Rechte verteidigt.

Die sozioökonomischen Auswirkungen, die

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zu produzieren die tschechoslowakischen Reformprojekte kaum Zeit hatten, entwickelten sich rasch in Jugoslawien: Inflation, Arbeitslosigkeit, wachsende Ungleichheit, soziale Differenzierungen. Drei Formen der Verteilung standen in einem „unreinen" System im Wettbewerb miteinander: Jedem entsprechend seiner Stellung" , Jedem entsprechend seiner Arbeit" und "Jedem entsprechend den Resultaten des Marktes"*. . Von daher können die beträchtlichen Spannungen, die zur Unterbrechung der Reformen führten, nicht einfach auf die kroatische Bewegung reduziert werden (die ihrerseits anders als der Prager Frühling war).

Anstieg sozialer und nationaler Spannungen

Zwischen 1968 und 1971 gab es drei Arten von offenen Konflikten in Jugoslawien. Zunächst die Zunahme der Arbeiterstreiks. Diese verbreiteten sich in einem solchen Ausmaß. daß die Gewerkschaften ihre Haltung ihnen gegenüber änderten. Die offizielle faktische Toleranz gegenüber Streiks, die als eine „Fehlfunktion" der Selbstverwaltung betrachtet wurden, datiert aus dieser Zeit. Dies war zweifellos auch ein Weg, um zu ermöglichen, daß sich die Unzufriedenheit der Arbeiter gegen lokale Ziele - Betriebsleitungen — ausdrücken kann, die ebenso wie die Arbeiter die Tendenz hatten, sich von zentraler Kontrolle zu befreien. Unstreitig entschärfte der Markt die Konflikte, indem er dem System eine größere Toleranz ihnen gegenüber ermöglichte, als es bei den Nachbarn der Fall war (in Polen wurden Preissteigerungen „von oben" entschieden, die geringste ökonomische Frage nahm eine politische Dynamik gegen die Staatsmacht an). Zusammen mit den Arbeiterstreiks gab es die Rebellion der linken Intelligenz unter dem überwiegenden Einfluß der marxistischen Professoren der Zeitschrift Praxis: der Juni 1968 der jugoslawischen Studenten war in gewisser Hinsicht das Pendant zum französischen Mai 68 (Besetzung der wichtigsten Universitäten, Kampf für Stipendien, Internationalismus, Anprangerung der „roten Bourgeoisie", die Forderung einer Selbstverwaltung von „unten nach oben", gerichtet sowohl gegen die bürokratischen Privilegien als auch gegen die Privatisierung der Wirtschaft, Forderungen gegen die Arbeitslosigkeit und gegen die durch die Reformen hervorgerufene Ungleichheit).

Die nationalen Spannungen schließlich gaben allem eine explosive Dynamik. Diese Spannungen wurden auch durch den Prozeß der Dezentralisierung verschärft, der politisch das Ausdrücken unterdrückter Forderungen stimulierte, aber auch verschärfte sozioökonomische Konflikte nährte (der Markt vertiefte die Kluft zwischen reich und arm). Im allgemeinen wollten die reichen Republiken (Slowenien und Kroatien) eine größere finanzielle und politische Autonomie, eine geringere Umverteilung ihrer Ressourcen, insbesondere in Devisen. Die weniger entwikkelten Regionen gingen auf der sozioökonomischen Ebene in die entgegengesetzte die Internationale

Richtung. Aber andererseits näherten sie sich mit den Forderungen nach Bestätigung ihrer nationalen Identität an. Zu dieser Zeit wurde die Repräsentanz ihrer jeweiligen Nationalitäten auf der lokalen und Republik-Ebene verstärkt. Von nun an sollten die Kongresse erst auf der Ebene der Teilstaaten, vor dem Kongreß auf Bundesebene, stattfinden und nicht wie vorher umgekehrt.

Doch dieser politische Liberalismus war nicht von der Möglichkeit demokratischer Konfrontation unterschiedlicher Interessen begleitet. Gleichzeitig vertieften sich die Interessensunterschiede: die Marktbeziehungen, weit davon entfernt, eine Verknüpfung durch gemeinsame Projekte zu fördern, orientierten die Republiken mehr nach außen. Bei Verkäufen neigt das letzte Glied beim Kontakt mit dem Ausland dazu, die erhaltenen Devisen als „ihren" Anspruch anzusehen. Die Kroaten, die das Glück haben, eine für den Tourismus günstige Adriaküste zu besitzen, haben gern vergessen, daß die Devisen nicht nur ihre „Arbeit" bezahlen. Mit den Devisen wird auch die Nahrung in den Hotels bezahlt — ein Produkt der serbischen Provinz Wojwodina.

Der Bürokratismus, der oft irrationale Gebrauch der zentral verteilten Ressourcen, ermutigte den „Egoismus" der Reichsten oder der am besten Ausgestatteten. Anstatt zur Forderung nach Kontrolle über den Gebrauch der frei in den Dienst aller gestellten Ressourcen (d.h. zur Forderung nach Demokratisierung des föderativen Staates, der Partei und des Plans) nährt der Bürokratismus nationalistische Forderungen und solche nach einem freien Markt.

Die von den lokalen Führern des Apparats unterstützten kroatischen Demonstrationen verlangten mehr Macht gegenüber dem serbischen Zentrum". Aber sie antworteten nicht im geringsten auf die Forderung nach Demokratisierung, die von der marxistischen Linken aufgestellt worden war. Und sie antworteten auch nicht auf die Probleme, die vom Ansteigen der Streiks (einschließlich in Kroatien) und von einem Teil der Intelligenz in Hinblick auf die Auswirkungen der Marktreformen aufgeworfen wurden.

Zu dieser Zeit war die kroatische Arbeiterklasse an den nationalistischen Demonstrationen nicht beteiligt. Die soziale Basis dieser Demonstrationen blieb auf einen Teil des Apparats beschränkt, auf Zwischenschichten, auf die Bauernschaft und einen Teil der Intelligenz. (Die Studenten waren, je nach Studienrichtung. gespalten: die der soziologischen und philosophischen Fakultäten, die 1968 zur Unterstützung der internationalistischen Bewegung neigten, standen, wie ihre Lehrer der Zeitschrift Praxis, in Kroatien dem Nationalismus feindlich gegenüber. Die am Handel oder Management orientierten Fakultäten unterstützten cher die Marktreformen und die kroatische Bewegung.) Die Wende 1971 Titos Antworten richteten sich tatsächlich an die Arbeiter und an die „68er"-Intelligenz einerseits und an den wachsenden Nationalismus andererseits. Dieses Herangehen sollte diese verschiedenen Bewegungen als unabhängige oppositionelle Kräfte - jede mit ihrer eigenen Kritik am politischen Monolithismus - zerstören. Es gab sowohl Repression als auch die Übernahme der wichtigsten Forderungen von unten durch die politische Spitze (trotz mancher widersprüchlicher Aspekte), um zu versuchen, die Konflikte zu entschärfen.

Die Wende von 1971 war vor allem gekennzeichnet durch Repression begleitet von einer kleinen „Kulturrevolution" -Indem sich Tito über die Köpfe des Parteiapparates an das Volk wandte, unterstützte er die Säuberung der liberalen Führer Kroatiens (anschlie- Bend zum Ausgleich die Sloweniens und Serbiens) auf der Grundlage einer Kampagne gegen Korruption und Millionäre. Er lich sich von der marxistischen Linken (nachdem er sie unterdrückt hatte) einen Teil ihres Programms (zugunsten selbstverwalteter Planung), während er es seines demokratischen Inhalts beraubte. Während der jugoslawische Marxismus lebendig und populär blieb, vertiefte sich die ideologische Krise während der siebziger Jahre in einer Periode zunehmender Zensur, die darauf zielte, die führende Rolle der Partei" gegen alle Abweichungen (ob sie nun „kominternistisch" nationalistisch" oder „linksabweichlerisch genannt wurden) in bürokratischer Weise zu bekräftigen. Parallel zu diesem Versuch, die Kontrolle zu sichern, wurde die besondere Repräsentanz der Armee im Apparat gestärkt.

Doch die Reform wurde nicht einfach durch Repression unterbrochen, es war ganz anders als wie bei der Normalisierung in der CSSR. Es gab sicherlich ein Ende der Ausdehnung des Marktes zugunsten einer neuen Form der Planung: aber dieses System und die neue 1974-76 eingeführte Verfassung. Zielscheibe der gegenwärtigen Opposition, schließt Rechte für die Selbstverwalter und die Republiken ein. Es ist weder ein Zufall, daß Zupanovs soziologische Studien über die Arbeiterklasse Kroatiens in der Periode nach 1971 dem Status der selbstverwaltenden Arbeiter einen besonderen Wert verleihen, noch ist es beruhigend, wenn man sieht, daß Kroaten, Slowenen und die albanischen Demonstranten in Kosovo sich auf diese Verfassung

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gegen den gegenwärtigen serbischen Nationalismus stützen (indem sie sich auf Tito und Kardelj berufen).

Auf sozioökonomischer Ebene stützte sich das titoistische Regime bei seinem bürokratischen Versuch, die Kontrolle wiederzuerrichten, auf die Selbstorganisation der Arbeiter gegen die Technokratie der Banken und gro- Ben Unternehmen sowie gegen die liberalen Führer der drei Hauptrepubliken. Zu der Kampagne gegen die Korruption kamen Reformen zugunsten der Arbeiterselbstverwaltung, die das automatische Funktionieren des Marktes stoppten (Abbau der Großbetriebe zu ,Basisorganisationen assoziierter Arbeit"; kleine Produktions- und Verwaltungseinheiten mit einem Einkommen, das leichter von den Arbeitern kontrolliert werden sollte; Unterordnung des Banksystems unter die Unternehmen).

Die Planung wurde wieder eingeführt. Aber es war nicht so sehr eine Rückkehr zur früheren hierarchischen Planung: das Regime zog seine Legitimität aus dem Bruch mit Stalin, aus der Einführung der Selbstverwaltung. aus ihrer Nationalitätenpolitik. Dies waren gewichtige Zwänge. Das Gesetz über assoziierte Arbeit" führte die Selbstverwaltungsplanung" durch Verträge ein. Die Verträge sollten von den grundlegenden Selbstverwaltungsorganisationen sowie, auf Bundesebene, von den Republiken und Provinzen beschlossen werden.

Als Antwort auf die nationalen Spannungen und insbesondere auf die kroatischen Forderungen gab es eine wachsende Dezentralisierung der Republiken und Provinzen und somit in der Form der Planung und im Außenhandels- und Devisenmanagement. Das System nahm die Form einer Konföderation an (mit dem Vetorecht der Republiken bei sie betreffenden Fragen). Mit derselben Logik wurde die Autonomie der Provinzen Wojwodina und Kosovo innerhalb Serbiens stärker betont: diese Provinzen erwarben das Vetorecht zu der serbischen Politik, während der umgekehrte Fall nicht möglich war. Serbien ist de facto so in drei Einheiten gespalten. Dies erklärt das Gefühl von Ungerechtigkeit, das heute unter den Serben, deren Republik die einzige ist, die nicht ihr ganzes Territorium kontrollieren kann, herrscht.

Es wurden Kollegialpräsidentschaften (mit gleicher Repräsentanz für alle Republiken, unabhängig von ihrer Größe, und mit jährlicher Rotation des Präsidenten), die darauf zielen, die Vorherrschaft einer Nationalität über andere zu verhindern, eingeführt. Schließlich sind, mit der besonderen Ausnahme der „unitarischen" Armee, deren Sprache das Serbokroatische ist, alle staatlichen, politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Institutionen der verschiedenen Republiken von der entsprechenden ethnischen Gruppe und Sprache oder dem entsprechenden Unterrichtsprogramm dominiert. Kosovo hat in seiner albanischen Universität in Pristina trotz, seiner relativen wirtschaftlichen Rückständigkeit mehr Studenten je Einwohner als die anderen jugoslawischen Regionen. Die Albanisierung des Apparats in der autonomen Provinz wurde in den siebziger Jahren durch eine Quotenpolitik gefördert, die die die Internationale 122 privilegierte Position der Serben untergrub. Die Nationalitäten haben ihre Schulen und Publikationen. Beide Alphabete - kyrillisch und lateinisch — sind im Gebrauch. Die Religionen (vor allem die katholische in Kroatien und Slowenien, die orthodoxe unter den Serben sowie der Islam) werden praktiziert. Der progressive Charakter dieser Veränderungen ist nicht zu leugnen. Aber im allgemeinen betont das neue System dezentralisierte Rechte für Arbeiterschaft und Nationalitäten ohne politische und wirtschaftliche Mechanismen, die gegenseitiges Vertrauen, eine Kohärenz der Wahlmöglichkeiten und cine Arena für das Ausdrücken gemeinsamer Interessen fördern. Es gibt zum Beispiel keine wirkliche Selbstverwaltungskammer auf Bundesebene. Insbesondere auf politischer Ebene setzte die Tito-Führung auf die Eindämmung zentrifugaler Tendenzen durch eine (repressive) Zentralisierung der Partei. Aber die Repression verstärkt den Karrierismus. Die Partei erhielt einen zunehmend föderativen Charakter, durchdrungen von Karrierismus und Strebertum (weil nur Parteimitglieder verantwortliche Posten besetzen konnten und den Rechten der Nationalitäten ein zunehmender Wert zugesprochen wurde, gab es ein Anwachsen eines neuen korrupten Kaders unter den Nationalitäten oder von Leuten, die einfach nur für ihr eigenes Prestige und ihre eigene Macht arbeiteten).

In diesem Rahmen verteidigt jeder seine eigenen kurzfristigen lokalen Interessen. Der extreme Rückgriff auf die Selbstverwaltung (wobei die guten" Betriebe angewiesen werden, sich nicht mit den „schlechten" zusammenzutun) verstärkte all die Irrationalitäten des Managements, Kosten und Ungleichgewichte und somit auch die Auslandsverschuldung (die internationale Krise, der Ölpreisanstieg - dramatisch für ein Land, das seine Wachstumsstrategie auf die Weltmarktpreise gründet — verschärften nur die internen Ursachen dieser Verschuldung).

Somit wurden die Ausweitung der Rechte der Republiken in den siebziger Jahren und die progressiven Aspekte der Verfassung von 1974 auf dieser Ebene von einem dramatischen Rückschritt in Hinblick auf die sozialistische Zukunft begleitet; die Albaner in Kosovo sind die ersten, die die Kosten zu tragen haben.

Am Scheideweg

Die Rechte, die der Selbstverwaltung und den Nationen und Nationalitäten gewährt worden sind, sind in jeder Etappe des jugoslawischen Nachkriegsregimes bis Ende der siebziger Jahre größer geworden, trotz der Tatsache, daß sie in der Praxis im Widerspruch standen zum Mangel an realer Demokratie. Mit der Wende, die mit dem Beginn der achtziger Jahre anfing, setzte zum ersten Mal in der Frage der Rechte der Selbstverwaltung und der Republiken und Nationalitäten ein Rückschritt ein. Das Paradox besteht darin, daß ausgerechnet im Namen der Vereinheitlichung des Systems durch den Markt diese Bedrohungen auftauchen.

Anders gesagt, die Marktreform wurde gestern (1965) von ihren Betreibern mit mehr Selbstverwaltung und mehr Rechten für die Nationalitäten gleichgesetzt. Heute hat gibt dagegen so viele Probleme bei der Anwendung dieser Reformen, weil sie sich gegen anerkannte Rechte richten. Gleichzeitig hat die Gesellschaft das Stadium eines fortgesetzten sozialen, moralischen und politischen Verfalls erreicht, der dem Anstieg des Chauvinismus und der Ideen des freien Marktes. innerhalb der Intelligenz und des Partei- und Staatsapparates Nahrung gibt.

Der Massencharakter der Demonstrationen in Serbien und Montenegro drückt sicherlich die Verbitterung der Bevölkerung aus, die sich angesichts der Wirtschaftskrise angehäuft hat — eine Verbitterung, die durch die Bereicherung des Staats- und Parteiapparates noch verstärkt wurde (von diesem Standpunkt gibt es keinen Grund, den erzwungenen Rücktritt der verhaßten Führer in Montenegro und der Wojwodina zu bedauern). Aber all dies kann die wesentliche politische Dynamik und den ideologischen Inhalt dieser Bewegungen nicht verbergen. Kosovo ist unser!" Hängt Vilasi!* (Vilasi ist ein albanischer Führer, der gegenwärtig als für die Streiks „Verantwortlicher" Opfer der Repression geworden ist.. nachdem er selbst noch vor einiger Zeit die albanische Bewegung als konterrevolutionär" bezeichnet hatte). Slobodan, wir sind die deinen, nur die Verräter sind gegen dich!", Wir sind alle Serben!" . „Gebt uns Waffen!" , Tod den Albanern!" ...Wir werden Vilasi töten!" Gegenwärtig gibt es eine (vorübergehende?) Konvergenz zwischen einem Flügel des Parteiapparats, der seine Gegner in stalinistischer Manier beiseite geschoben hat, großserbischen nationalistischen Strömungen, offen antikommunistischen Tschetnik-Anhängern sowie schließlich einer antibürokratischen Komponente unter den Massen, die die Demagogie von Milosević, die die serbische „Mission" gegen alle (anderen) Bürokraten ausspielt, momentan für sich geworten hat. Die Philosophen der ehemaligen Zeitschrift Praxis sind dieser Bewegung beigetreten: sie finden darin eine Ausdrucksmöglichkeit, die seit den frühen siebziger Jahren verloren haben.

Dieses ganze Konglomerat wird durch antialbanischen Haß zusammengehalten - ein

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Haß, genährt durch eine leidenschaftliche Kampagne über den angeblich von den Albanern in Kosovo verübten „Völkermord" gegen die Serben und Montenegriner, die dort in der Minderheit sind. Durch den Mißbrauch des Begriffs „Völkermord" wird von den wirklichen Ursachen der Abwanderung der Slawen aus Kosovo abgelenkt: die Spannungen, die aus der kulturellen und politischen Albanisierung der Region resultieren, die die Serben als „ihre" bewahren wollen, sowie ein sozioökonomischer Exodus infolge der Armut der Region. Allein der Republik-Status, der von den Albanern gefordert wird, kann sie vor dem kolossalen Abbau von Rechten bewahren, der bereits Makedonien betroffen hat. Er würde ihr die Würde jugoslawischer Bürger geben, gleichrangig mit den anderen Nationalitäten. Die Abstimmung. die kürzlich die Verfassungsänderun gen abgesegnet hat, die Serbien rezentralisieren, sind nur der Anfang einer Logik, die zu dramatischen Auseinandersetzungen führen wird.

In Solidarität mit den albanischen Bergleuten wandten sich die Slowenen massiv gegen das, was sie auch für sich als eine Gefahr betrachteten: eine Herausforderung ihrer durch die Verfassung von 1974 anerkannten Rechte. Alle staatlichen und Parteiorganisationen und alle unabhängigen Organisationen in der Republik bezogen Stellung für die Bergleute in Kosovo. Die politische Demokratisierung Sloweniens ist ein Hoffnungszeichen für Jugoslawiens Zukunft. Aber sie kombiniert offensichtlich verschiedene Tendenzen, die cinen auf das kapitalistische Europa gerichtet, andere an demokratisch-sozialistischen Werten festhaltend. Ein wesentlicher Bestandteil der Bewegung, besonders unter jungen Leuten, hat bereits die Institutionen des Regimes gezwungen, alternative Bewegungen zu ak zeptieren (Pazifisten, Feministinnen, Homosexuelle...). Er hat sich gegen die Logik der Liberalisierung nur von Slowenien gewandt, indem er für eine Demokratisierung ganz Jugoslawiens eintritt, der einzigen Bedingung dafür, daß es nicht zusammenbricht. Solch ein Zusammenbrechen würde die sich polarisierende Entwicklung von Neostalinisten auf der einen und prokapitalistischen Kräften auf der anderen Seite verstärken. Dieser demokratischen Strömung hat sich in dieser Frage ein Teil der kroatischen Intelligenz angeschlossen, der kürzlich einen Jugoslawischen Verband für die Demokratische Initiative gegründet hat, der sich insbesondere aus chemaligen kroatischen Mitgliedern der Praxis-Gruppe zusammensetzt. Sie fordern, daß Kosovo provisorisch unter die Treuhandschaft der Föderation zu stellen ist und daß nach einer demokratischen Diskussion eine Abstimmung über die Selbstbestimmung in der Provinz organisiert werden soll. Die Bergleute von Kosovo waren das Ferment dieser Entwicklung. Die Solidarität der slowenischen Bergleute ist vielleicht Zeichen einer gewissen Hoffnung: daß die Arbeiterinnen und Arbeiter selbst schließlich kollektive Formen des unabhängigen Ausdrucks ihrer Interessen schaffen werden. Das Drama für Jugoslawien besteht in der von den Marktreformen hervorgerufenen Atomisierung. Aber die Internationale der globale Charakter der Krise hat die Arbeiterkämpfe zunchmend in politische Kämpfe verwandelt. Eine jugoslawische Solidarnosć wäre als einzige fähig, sowohl mit der reaktionären nationalistischen Logik als auch mit dem bestehenden Druck auf eine vollständige Restauration des Kapitalismus zu brechen. Die jugoslawische Armee bleibt in mancher Hinsicht eine unbekannte Größe. Einerseits Fortsetzung von S. 26 besteht sie hinsichtlich ihrer nationalen Zu- Tertium datur - es bleibt eine dritte sammensetzung (aus historischen Gründen) unter den Offizieren vornehmlich aus Serben. Lösung, eine, die die jugoslawische Fühwenn auch bei den obersten Führern der Ar- rung nie in die Praxis umgesetzt hat: die mee der „ethnische Schlüssel" respektiert Ausdehnung der Selbstverwaltung auf wird. Es ist wahrscheinlich, daß im Falle ci- die gesamte Nation, mittels politischer nes offenen Konflikts diese Zusammenset- und wirtschaftlicher Demokratie, mittels zung zugunsten eines serbischen Projekts aus- politischem Pluralismus, und demokraschlagen würde. Diese Hypothese, wenn sie tisch zu treffenden zentralen Entscheiauch „statistischer" Natur ist, kann nicht ausgeschlossen werden. Sie würde die sofortige dungen über die makroökonomischen Zerstückelung Jugoslawiens zur Folge haben. Richtlinien. Aber am wahrscheinlichsten vom politischen Dieses Buch stellt aufgrund der Reich- Standpunkt ist, daß die Armee mehr „titoi- haltigkeit seiner Analysen und der Kohästisch" als stalinistisch oder von großserbi- renz seines kritischen Standpunkts einen schen Traditionen geprägt bleibt. Stellt sich außerordentlich wichtigen Beitrag zur diese Variante als richtig heraus, dann können Debatte über die Auswege aus der Krise wir eine „ausgewogene" Repression der Ser ben... und Slowenen (und eventuell, wenn sie der administrativ geleiteten Ökonomien beginnen in Bewegung zu geraten, der Kroa- dar, die sich im Kielwasser von Glasnost ten, was eine Revolte serbischer Offiziere und Perestroika sowohl in der UdSSR als nicht ausschließt) erwarten. In jeder Situa- auch in den übrigen nachkapitalistischen tion, in der der Versuch gemacht wird, ge- Gesellschaften zu entwickeln beginnt. waltsam eine Lösung aufzuzwingen, besteht Michael Löwy die Gefahr eines Bürgerkriegs.

Anmerkungen: Catherine Samary: Le marché contre • [Am 28. Juni 1389 besiegten die Türken in der Schlacht l'autogestion. L'expérience yougoslave. auf dem Amselfeld (Kosovo polje) die Serben.] " [Ustascha (..Aufstand"*) — eine 1929 gegründete Orga- Mit einem Vorwort von Ernest Mandel. nisation kroatischer Nationalisten, die unter dem ideologi- Paris: La Brèche/Publisud, 1988. schen Einfluß des italienischen Faschismus stand; von 1941-1945 herrschte sie im Unabhängigen Staat Kroa- 332 S. — Ladenpreis: 154 FF. - ISBN tien".) 2-902524-58-7.

* [Die Tschetniks waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts serbische Freischärler; 1941-1944 kämpften unter diesem Namen monarchistische Partisanen.] * Diese Veröffentlichung ist eine gekürzte Fas- * [Die Kommunistische Partei Polens wurde 1938 auf sung der Dissertation, die die Autorin 1986 der Befehl Stalins aufgelöst. Siche I. Deutscher, Die Trago- Universität Paris X (Nanterre) vorgelegt hat. - Die die des polnischen Kommunismus zwischen den Weltkric- Einleitung und das Schlußkapitel sind in umgeargen". die Internationale. Nr. 13, September 1978. S.72 beiteter Fassung zusammen mit vier Vorträgen. die bis110.] sie 1987 in Amsterdam gehalten hat, unter dem Ti- › [Zum Beispiel der Schauprozeß gegen den ungarischen tel Plan, Market and Democracy: The Experience KP-Führer László Rajk. der 1949 als imperialistischer Agent* und „Titoist" hingerichtet wurde. Das gleiche of the So-Called Socialist Countries in der Reihe Schicksal ereilte 1952 den chemaligen Generalsekretär der Notebooks for Study and Research, Nr.7/8 (Mon tschechoslowakischen KP, Rudolf Slánský.] treuil 1988), erschienen: eine deutschsprachige • [Rouge ist die Wochenzeitung der französischen Sektion Ausgabe in der Reihe Studienhefte" ist in Vorbe der IV. Internationale.] reitung Schulungsseminar

Vom 16. bis 21. April 1990 findet in Amsterdam, im International Institute of Research and Education (IRE), eine deutschsprachige Schulung zum Thema „Parteiaufbau"" statt.

Anmeldungen dafür sollen möglichst bis zum 10. April bei Hans-Jürgen Schulz, Jesselallee 29c, 2000 Hamburg 73, 8 (0 40) 6 78 43 87, erfolgen. Die Kostenbeteiligung beträgt 120 DM, darin sind die Verpflegung und Übernachtung einbegriffen. Die Teilnehmer erhalten rechtzeitig einen Reader zugeschickt. Geplant ist folgendes Programm: /. Von Marx zu Lenin: der subjektive Faktor der Revolution; 2. Degenerierung und Deformierung sowie Probleme der Parteiwirklichkeit; 3. Die heutigen Antworten der revolutionären Sozialistinnen und Sozialisten; 4. Der Kampf um die Mehrheit. Zu den einzelnen Themen sind Referate und Arbeitsgruppen geplant.

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die Internationale