Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Polen

Kirche, Staat und Recht auf Abtreibung

· Inprekorr Nr. 224, Februar 1990 · S. 12-17 · 4.978 Wörter

Frauen Polen Jugend und Studenten

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JACQUELINE HEINEN terinnen und Studentinnen geführt haben' geht hervor. daß die Mehrzahl der vom Meinung ist. daß ihnen die Entscheidung zusteht. Sie betrachten jedoch die Abtreibung als eine Extremlösung. und die CURI

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Mehrzahl schließt sie für sich selber aus. Dennoch treiben die Polinnen mehr ab als andere. Wie sind die Widersprüche zwischen den Absichtserklärungen und der Realität zu interpretieren? Welche Moti- ADAMY vation bewegt diese Frauen. die de facto häufiger auf eine Abtreibung zurückgrei- PROTEKVi

ISTANT fen als auf eine wirksame Verhütung. um eine ungewollte Schwangerschaft zu vermeiden?

ZŁOBK) -TAK „Nun, treiben wir ab?"

..fragt ein Gynäkologe eine Schwangere. die zu ihm in die Sprechstunde PROCESY-NIE kommt, bevor er noch den Grund ihres Besuches erfahrt. Es handelt sich dabei nicht um einen von Frömmlern verbreiteten Klatsch, sondern um eine von Frauen, die das Recht auf Abtreibung befürworten und im gegebenen Fall keinerlei Absicht hatten abzutreiben, erlebte Geschichte. Sie zeigt sehr gut die Art und Weise, in der die Abtreibung, weit davon Kurz vor den Wahlen, die zum Sturz der Regierung der Polnischen entfernt als letzte Lösung angeschen zu werden, zu einem Verhütungsmittel wie Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR) im Juni 1989 führten, lancierte jedes andere auch wird - nicht nur für eine Expertengruppe des polnischen Episkopats, unterstützt von 76 die Frauen, sondern auch für einen Teil Abgeordneten des polnischen Parlaments — davon 68 Männer — cider betreffenden Ärzte.

nen Gesetzentwurf zur „, Verteidigung des empfangenen Kindes" Wahrend sich die Schätzungen auf von einem Abgeordneten der Polnischen Katholischen Sozialen Union 400 000 bis 500 000 Abtreibungen pro (PZKS) eingebracht wurde. Letzterer schlug die Abschaffung des Jahr vor Annahme des Gesetzes belaufen. geben die offiziellen Angaben zu verste- Gesetzes von 1956 und das einfache Verbot der Abtreibung vor, dazu hen. daß sich die jährliche Zahl bis zu drei Jahre Gefängnis für die Frau und für den Arzt, die dem Gesetz Beginn der achtziger Jahre um etwa zuwiderhandeln. Die Reaktionen ließen nicht auf sich warten. Zum 140 000 bis 160 000 bewegt habe und ersten Mal seit de Entstehen der Volksrepublik Polen sind polnische seitdem sogar zurückgegangen sei. Aber Frauen auf die Straßen gegangen, um das, was sie als ein Recht ansediese Zahlen haben nur sehr wenig mit hen, gegen all diejenigen zu verteidigen, die es ihnen verweigern renten Stand zog, Metier Wah 'n der Debatte, die sich durch die ge- _tremsten Standpunkte geäußert. Während die katholische Presse den Gesetzentwurf begrüßte und dabei ihre Hoffnung zum Ausdruck brachte, daß damit endlich die Zeit der Kindesmorde zu Ende geht®, reagierten verschiedene Zeitungen, die mit der PZPR verbunden sind, mit Schlagzeilen wie: .Nein zu diesem Druck", Vielleicht sollte man die Frauen nach ihrer Meinung fragen?" und .Wir wollen selbst entscheiden" Was die Repräsentanten von Solidarność betrifft, so versuchten sie nach einer ersten Erklärung von Walesa, der gesagt hatte, daß man etwas tun muß. damit man aufhört. sich gegenseitig umzubringen" • vor allem der Debatte auszuweichen. um daraus kein politisches Thema für den Wahlkampf zu machen". Von den zahlreichen Frauen — oft praktizicrende Katholikinnen —, die an die Zeitungen geschrieben hatten, um gegen das zu protestieren, was sie als eine Einmischung in ihr Intimleben auffalten, empfanden wohl viele eine gewisse Verwunderung. als sic feststellten. dall die cinzider Wirklichkeit zu tun, und für die Behörden ist es umso leichter, sich zu ..täuschen". als nur ein begrenzter Anteil der Abtreibungen — nämlich die in Krankenhäusern und medizinischen Ambulanzen durchgeführten - offiziell registriert wird.

Ihrerseits hütet sich die Mehrheit der privaten Frauenärzte davor, sie bekannzugeben, um dem Fiskus zu entgehen. Und angesichts des von der Kirche und der Gesellschaft ausgeübten moralischen Drucks zichen es die meisten Frauen vor. sich an privat praktizierende Arzte zu wenden, um das Geheimnis zu wahren — was auch immer der Preis ist. den sie dafür zahlen müssen (50 bis 100% eines Monatslohns). Diese Tendenz konnte

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sich in den letzten Jahren mit dem Verfall des Pflegestandards in den Krankenhäusern nur verstärken. So erklärt sich die Kluft zwischen den offiziellen Statistiken und den Schätzungen der Spezialisten. die den Stand der Zahlen seit etwa 15 Jahren jährlich zwischen 500 000 und 700 000 Abtreibungen schwanken lassen. Anders gesagt, man zählt ungefähr so viele Schwangerschaftsabbrüche wie Geburten pro Jahr (587 700 Geburten im Jahre 1988).

Man kann nicht die Frage der Quantität behandeln, ohne das Problem der Qualität zu erwähnen. Wenn die Frauen es vorziehen, sich an Privatärzte zu wenden, dann nicht allein aus Gründen der Diskretion, sondern auch weil sie keinerlei Lust haben, in einem Krankenhausflur abgestellt zu werden und sich einem Arzt gegenüber zu sehen, der seine schlechte Laune nicht verbirgt, weil er eine schwierige Operation verschieben mußte. um sich prioritär mit einer Schwangeren zu beschäftigen, deren Abtreibung nicht warten kann. Ob zu Recht oder nicht. die Mehrzahl der befragten Frauen empfindet die Aufnahme in einer Privatpraxis als medizinisch sicherer als in einem Krankenhaus, sogar im Falle von Komplikationen. .Mein Privatarzt hat mir eine Telephonnummer gegeben, wo ich ihn ständig erreichen kann, während man ja weiß. was mit denen geschieht. die stundenlang in einer Ecke im Krankenhaus abgestellt werden, ohne daß sich jemand um sie kümmert", sagte eine Arbeiterin eines Betriebes in Lódź. Im Krankenhaus wie in den Privatpraxen besteht der Schwangerschaftsabbruch im allgemeinen in einer spät erfolgenden Ausschabung (vor allem in der elften oder zwölften Schwangerschaftswoche). die Absaugmethode wird fast niemals angewandt. Die Arzte wissen ungefähr. worum es sich dabei handelt, aber es fehlt ihnen am entsprechenden Material, oder sie sind skeptisch hinsichtlich der Wirksamkeit dieser Methode. Was die Frauen betrifft. so haben die meisten von ihnen noch nie davon etwas gehört: ..Ich weiß ungefähr, was das ist. denn ich habe etwas darüber in einem englischen Kriminalroman gelesen", sagt eine von ihnen. Wenn man die Arzte fragt. ob die Frauen über die Folgen einer Abtreibung in der zwölften Woche anstatt in der sechsten oder siebten informiert werden, so geben sie nicht selten die Antwort. daß dieser Aspekt der Frage nicht ihrer Zuständigkeit unterliegt. Von daher ist es nicht verwunderlich, daß der Anteil der Folgewirkungen nach Abtreibungen in Polen besonders hoch ist. Aber auch hier gibt es keine verläßlichen Angaben. Die Kirché behauptet, ohne jemals ihre Quel- POLEN len anzugeben. daß 50% der Fälle von Sterilität. Früh- und Fehlgeburten usw. bei Frauen vorkommen. die ihre erste Schwangerschaft abbrechen ließen. Zahlreiche Arzte übernehmen diese Angaben vorbehaltlos. Doch niemand wirft ernsthaft das Problem von Maßnahmen auf. die zu ergreifen wären, um aus einer solchen Situation herauszukommen. Das Problem der Empfängnisverhütung

Das Problem der Abtreibung aufzuwerfen bedeutet natürlich auch das der Verhütung zu stellen. Und da ist die Situation nicht rosig. Nicht nur, daß die Mehrzahl der modernen Verhütungsmittel auf dem Markt fehlt. sondern die Qualität der seltenen zur Verfügung stehenden Produkte läßt auch sehr zu wünschen übrig. abgesehen von dem völligen Fehlen eines entsprechenden Unterrichts in den Schulen.

Nachdem uns ein Geburtshilfeprofessor aus Nowa-Huta feierlich erklärt hatte. daß man alle gewünschten Verhütungsmittel in den Apotheken erhalten könne und seine Stadt über zahlreiche Einrichtungen verfüge, zu denen Frauen zur Beratung gehen könnten, ohne Schlange stehen zu müssen, wollten wir uns mit eigenen Augen davon überzeugen. Das Ergebnis: zwei der drei Einrichtungen des Viertels. in das wir geschickt worden waren. waren wegen Personalmangel geschlossen, und bei der dritten bedeutete die Schlange. die sich davor gebildet hatte, mehrere Stunden Wartezeit für die zuletzt Gekommenen. Außerdem hatte nur eine der aufgesuchten Apotheken cinen Vorrat an Spiralen polnischen Fabrikats (in einer einzigen Größe, für Frauen. die bereits mindestens zwei Kinder haben) - genau die, von der uns eine Frauenärztin in Warschau gesagt hatte, daß sie es angesichts der Komplikationen, die aus ihrer Anwendung resultieren, ablehne. sie ihren Patientinnen zu verschreiben. Was die übrigen Mittel betrifft: nichts. Keine Pille, kein Präservativ, kein Diaphragma. kein Ovulum, nichts... Dasselbe Experiment wiederholte sich in Krakau und in Lódź. In Warschau hatte eine einzige Apotheke in der Stadt Pillen vorrätig. Aber die Marke variierte von Woche zu Woche.

Des weiteren gibt es keine ..Pille danach". und die Pillen polnischen Fabrikats werden von den Frauen wenig gebraucht, da sie sehr mit Hormonen belastet sind. Der einzige Ort, wo es möglich ist, sich nahezu regelmällig mit Verhütungsmitteln guter Qualität (ausländischen Fabrikats) zu versorgen, ist Pewex? - gegen Dollars. Auch hier gibt es nur Pillen und Spiralen (letztere kosten ungefähr die Hälfte eines durchschnittlichen Monatslohns). Für junge Menschen oder für Erwachsehe. die nur sehr unregelmä- Big sexuelle Beziehungen unterhalten, ist dies das absolute Elend.

Spermizide hatten eine gewisse Popularität erlangt. aber der Importvertrag für das jugoslawische Fabrikat, das man vor zwei Jahren noch bekommen konnte. wurde unter dem Vorwand, daß ein polnischer Arzt sich anschicke, ein anderes herzustellen, welches bis heute noch nicht herausgekommen ist, gelöst. Von Zeit zu Zeit konnte man an den Kiosken Präservative finden, aber eine Untersuchung hat gezeigt, daß ihre Qualität zu wünschen übrig ließ: Während westliche und sogar koreanische und chinesische Fabrikate eine Wassermenge von bis zu 1.5 Litern aushalten, halten polnische nur bis maximal 0,3 Litern... Angesichts dessen ist es nicht erstaunlich. daß einer Untersuchung aus dem Jahre 1977 zufolge mehr als 70% der polnischen Paare ausschließlich auf die sogenannten natürlichen Methoden", die von der Kirche befürwortet werden (Kalender. Temperatur), sowie auf den Coitus interruptus zurückgreifen, während die Zahl der Frauen, die die Pille oder die Spirale benutzen 7% bzw. 1.6% beträgt. Kürzlich scheint der Rückgriff auf die …natürlichen Methoden" sogar bei jungen Paaren aufgrund der aggressiven Kampagnen der Kirche zugenommen zu haben. Doch dürfte die Rolle der katholischen Propaganda nicht der einzige Faktor sein. der dies erklärt. Es ist vielmehr die kombinierte Aktion der Kirche und des Staates, in der man die Gründe für die gegenwärtige Situation suchen mul. Die Heuchelei des Staates .Man ist zu der Auffassung berechtigt. daß die Entwicklung der Information, die von der Regierung kommt, sowie die erzieherischen Maßnahmen in bezug auf die Familienplanung und Geburtenkontrolle im Laufe der letzten fünfzehn Jahre geradewegs zur Unwissenheit führen. ") Dieses kritische Urteil eines Bevölkerungsstatistikers, der die Heuchelei des Staates dafür verantwortlich macht, stützt sich auf die Feststellung. daß die Politik des polnischen Regimes in dieser Hinsicht rückläufig ist. In den fünfziger und sechziger Jahren wurden Anstrengungen unternommen. um die Informationen über die bestehenden Verhütungsmittel und ihre Verbreitung zu verbessern. Dabei wurden Informationsbroschüren für Jugendliche veröffentlicht und die Gesellschaft für eine bewußte Mutterschaft gegründet, die in der Folge die Gesellschaft

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für Familienentwicklung (TRR) geworden ist.

Aber seit dem Ende der siebziger Jahre wurden diese Aktivitäten fast vollständig eingestellt. Die TRR verfügte nur über zwölf Beratungszentren im ganzen Land und nur über eine sehr begrenzte finanzielle Unterstützung. Die Regierungszensur beschuldigte sie sogar der Veröffentlichung unmoralischer" und ..obszöner" Publikationen.

Mikolaj Kozakiewicz, einer der ersten Initiatoren der TRR. betont seinerseits, daß der Puritanismus ein konstanter Zug des polnischen Kommunismus war und seine Anhänger in ihren Positionen zu Fragen der Sexualität in allen Punkten denen der Kirche ähnelten, auch wenn sie ihr in allen anderen Fragen diametral entgegenstanden".* Ein jüngeres Beispiel dafür ist die 1987 erfolgte Einstampfung SITA ASKATE

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Dem Individuum zu erlauben, sich seiner Sexualität bewußt sein sein und sie zu beherrschen, war immer die letzte Sorge der Bürokraten, die sich nacheinander an der Macht ablösten. Nicht nur ist die Zeit, in der wie in den fünfziger Jahren Verhütungsmittel mit vehementer Propaganda gefördert wurden, vorbei, sondern seit dem Ende der sechziger Jahre ist die Produktion von Diaphragmen und Spermiziden achtmal und die von Präservativen zweimal niedriger geworden: 1970 gab es achtmal mehr Spiralen, und die Pille wird heute in derselben Menge produziert wie vor zehn Jahren... Was die Ausbildungspläne für Krankenschwestern, Psychologen und Sozialhelfer in bezug auf die Sexualerziehung und Verhütung betrifft, so sind sie niemals angewandt worden. In einer großen staatlichen Klinik in Nowa-Huta haben wir dagegen Plakate mit Losungen gegen die Abtreibung und Photos von blutigen Föten in den Fluren der gynäkologischen Abteilung gefunden. Das einzige Plakat. das sich mit der Verhütung befaßte, befürwortete die ..natürlichen" Methoden. Für diese auf dem Gebiet von Abtreibung und Verhütung entstandene Situation trägt somit der Staat eine schwere Verantwortung: Da die Regierung die Familienplanung vernachlässigt und es einen verschärften Mangel an Verhütungsmitteln gibt, werden die wirksamen Methoden selten angewandt, sogar in gesellschaftlichen Gruppen, die über das höchste Bildungsniveau verfügen. Unter derartigen Bedingungen wird die Frau, je gebildeter sie ist und je mehr sie ein ungewolltes Kind nicht haben will, desto cher zu der einzigen ihr zur Verfügung stehenden Methode der Geburtenkontrolle Zuflucht nehmen: der Abtreibung. "' Tatsächlich sind • es allein bevölkerungsstatistische Sorgen, die den polnischen Staat dazu gebracht haben, sich um die Familienplanung zu kümmern. In diesem Sinne sind die Äußerungen der Kirche. die die Kommunisten beschuldigt. das Gesetz von 1956 und seine Abänderungen von 1959 nur aus diesem Grund verabschiedet zu haben, weitgehend berechtigt. Nach der geburtenfeindlichen Politik Gomulkas waren es die Bevölkerungsstatistiker. die.die Debatte um die Abtreibung gegen Ende der sechziger Jahre wieder aufnahmen, indem sie alarmierende Äußerungen über die sinkende Geburtenrate und die Überalterung der Bevölkerung von sich gaben.

Nachdem Gierek mit der verdeckten Unterstützung der Kirche 1970 an die Macht gekommen war, setzte er ein Programm der beschleunigten Wirtschaftsentwicklung in Kraft, das zu einer geburtenfreundlichen Politik führte. die die kinderreichen Familien pries. Sowohl die Medien als auch die Kirche stellte damals Mütter mit acht oder zwölf Kindern als „heroische Mütter" dar, ein Kurs, der bis zum Ende der siebziger Jahre andauerte. Dagegen ging Jaruzelski, als der starke Bevölkerungsanstieg von 1982-83 die Regierung beunruhigte, zu einer geburtenfeindlichen Politik über (die unter anderem in der Zuteilung neuer Subventionen an die TRR zum Ausdruck kam). Die Verachtung für die besonderen Interessen der Frauen, die aus dieser widersprüchlichen Politik deutlich wird. haben wir im Paternalismus eines 1989 ins Parlament gewählten Abgeordneten der PZPR (Arzt von Beruf) wiedergefunden. den man uns als .. Verteidiger der Frauen" vorgestellt hatte. Sicher, er war gegen den Gesetzesentwurf der Kirche. aber seine Hauptsorge war die, daß dies alles keine Wellen schlagen solle: ..Man muß diesen ganzen Lärm vermeiden. diese Demonstrationen... Man sollte diese Angelegenheit den Parlamentariern überlassen. Die Diskussion muß sich in Ruhe entwickeln. unter den Spezialisten... " Anders ausgedrückt, unter Männern (8% der Abgeordneten sind Frauen), und in diesem Punkt werden ihnen die Pfaffen nicht widersprechen! Die Offensive der Kirche

Lange Zeit entwickelten sich vor allem auf der Gemeindeebene die Aktivitäten der Kirche gegen die Abtreibung (in den Sonntagspredigten, obligatorischen Ehevorbereitungskursen usw). Diese Aktivitäten verstärkten sich in den Jahren 1980 bis 1981 über den Umweg einer Pressekampagne, als eine Großoffensive zum Thema des Rechts auf Leben und der Abschaffung des Gesetzes von 1956 lanciert wurde. Manche Gruppen der Solidarność, wie die der Medizinischen Akademie von Szczecin, arbeiteten Plattformen mit Forderungen aus, die in diese Richtung gingen.

Der Staatsstreich vom 13. Dezember 1981 sollte diese Kampagne bremsen. ohne jedoch die Aktivitäten der verschiedenen Antiabtreibungsgruppen, die bereits existierten oder sich danach gebildet

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haben - Der Schutz des ungeborenen Kindes* • „Gaudium Vitae", .SOS Familie", Ja zum Leben"" usw. —, spürbar zu dämpfen. Diese Gruppen intervenieren auf verschiedenem Terrain, von der „Telefonseelsorge" über Bekchrungsaktionen in den Krankenhäusern bis zur Hilfe für ledige Mütter und geschlagene Frauen, Sexualberatung"

junge Paare, der Veröffentlichung von Broschüren über die richtige Anwendung natürlicher" Verhütungsmethoden, über den geheiligten Charakter der Ehe usw.

Eines der Kennzeichen der gegenwärtigen Situation ist. daß auf dem Gebiet der Geburtenkontrolle die Initiative tatsächlich mehr der Kirche als dem Staat zukommt. Alle katholischen Gemeinden veranstalten Kurse für Paare zur .. Vorbereitung auf das Leben* (außerdem die unvermeidliche „Ausstellung" von Horrorphotos über die Abtreibung), während die Institutionen des Staates zu dieser Frage schweigen.

Eine bei einer „Telefonseelsorge" (deren Rufnummer am Eingang aller Krankenhäuser gut sichtbar angebracht ist, wie auch an Omnibuswartehäuschen und anderen öffentlichen Plätzen) beschäftigte Frau erzählte uns, daß sie 204 Kinder dank ihrer Überzeugungskraft vor der Abtreibung „gerettet" habe. Eine andere, die auf der gewaltfreien" Aktion ihrer Gruppe (Gaudium Vitae*) bestand, erzählte, daß eine ihrer Aktivitäten darin bestehe, die schwangeren Frauen an dem Tag, an dem sie wegen einer Abtreibung ins Krankenhaus kommen, aufzusuchen (was dadurch ermöglicht wird, daß die Krankenschwestern sie entsprechend informieren) und ihr Photos von „ermordeten"" Föten zeigen, um sie von einer Abtreibung abzuhalten... Den Inhalt der angewandten Argumentation kann man sich leicht vorstellen. Seit Jahrzehnten bringt die Kirche das Argument der sinkenden Bevölkerungszahlen vor. Im Verlauf der letzten zehn Jahre hat sie dies verstärkt getan und ist in ihrem Ton schärfer geworden. So konnte man kürzlich in der katholischen Presse zu dieser Frage lesen: ,, Wenn man die sehr niedrig angesetzte Zahl von durchschnittlich 500 000 Abtreibungen pro Jahr annimmt, heißt das, daß seit den 32 Jahren, die das Gesetz in Kraft ist, Polen sechzehn Millionen Kinder verloren hat! Die Frage, die sich nun stellt, ist folgende: Handelt es sich allein um Kindermord oder nicht sogar vielmehr um Völkermord? ... Hitler existiert schon lange nicht mehr, aber wir beschreiten dank dieses ,progressiven' und ,humanitären' Gesetzes einen Weg. wie er ihn gewünscht hatte."

Demagogische Worte eines Journali- POLEN sten, dem nichts einfällt? Nein, denn verschiedene weltliche wie kirchliche „Experten", die 1988 im Rahmen einer Parlamentskommission, die eine mögliche Revision des Gesetzes diskutieren sollte, zusammengekommen waren, äußerten ungefähr dasselbe. Ein ehemaliger Frauenarzt zögerte nicht zu behaupten, daß die in manchen Regionen durchgeführten Untersuchungen 1967 eine 17mal höhere Abtreibungsrate ergeben hätten als zehn Jahre vorher. Ein Vertreter des Episkopats nannte die modernen Verhütungsmittel „Werkzeuge des Todes" Andere bestanden darauf, daß die Mutter ihr Leben opfern müsse, um das des Fötus zu retten. Auf Argumente, die das Gewicht der öffentlichen Meinung in dieser Frage in Betracht zogen, erwiderte einer der fanatischsten Teilnehmer der parlamentarischen Kommission: „Das Recht kann sich nicht auf der öffentlichen Meinung gründen, denn diese erweist sich aus verschiedenen Gründen oft als unmoralisch ... Es gibt viele Bereiche, wo es vorzuziehen ist, die Gesellschaft nicht um ihre Meinung zu befragen." Auf all diese Argumente sind wir bei unseren Gesprächen mit Vertretern des kirchlichen Milieus oder den Aktivisten der Bewegung für das Leben gestoßen, die alle Mittel einsetzen -der „nichtökologische" () Charakter der Abtreibung ist bei den Verfechtern des Schutzes des Fötus sehr in Mode. Was die medizinischen oder sozialen Folgen unerwünschter Schwangerschaften betrifft, so ist dies nicht ihr Problem. Ihre Unerbittlichkeit ist gegenüber der Verhütung ebenso groß wie gegenüber der Abtreibung. Wenn manche auch einige Reserven gegenüber der Kirche haben, die jede „nichtnatürliche" Verhütung verbietet, so teilen doch viele die Auffassung eines Priesters, der im Fernsehen das Verbot eines Verkaufs von Spiralen befürwortete, da sie eine „abtreibende Wirkung" hätten.

Als wir gegenüber unseren Gesprächspartnern geltend machten, daß die Existenzbedingungen (insbesondere die Wohnverhältnisse) ein entscheidender Faktor bei der Entscheidung der Frauen sind, auch wenn diese gläubig sind, wischten sie dies mit einer Handbewegung weg: ..Die Frauen, die nicht mit der Kirche einverstanden sind, sind keine Katholikinnen." Und das Hauptargument: Wenn sie ihr Kind nicht wollen. brauchen sie es doch nur in ein Kinderheim zu geben!" Abgesehen von der Geringschätzung der Frauen, die in einem solchen Vorschlag zum Ausdruck kommt, erscheint diese Antwort als umso skandalöser. wenn man weiß, welche enormen Hindernisse der Adoption in Polen in den Weg gelegt werden, und man sich, wie wir es getan haben, in diese überbelegten Waisenhäuser begibt. mit ihrem unterbezahlten Personal, das unter extrem ärmlichen Bedingungen arbeitet.

Was die Frauen betrifft, die nicht gläubig und wenig empfänglich dafür sind, von einer Moral überzeugt zu werden, deren Anhängerinnen sie nicht sind, so waren die Antworten einfach „naiv**: Aber die Position der Kirche ist für alle gerecht und gut, denn sie ist moralisch!" Angesichts dessen legen die Vertreter der PZPR und der weltlichen Organisationen, die eigentlich das Recht auf Abtreibung verteidigen sollten, eine höchst defensive Haltung an den Tag. Von ihnen können die Frauen eine wirkliche Verteidigung ihrer Interessen nicht erwarten.

Was denken die Frauen?

Die Hunderte und dann Tausende von Frauen, die bei der Bekanntgabe des Entwurfs des Antiabtreibungsgesetzes auf folg der von Feministinnen und dem Frauenbund organisierten Proteste vor dem Parlament sind ein Anzeichen dafür. das etwas sehr wichtiges in Polen geschehen ist. Der Beginn eines Bebens. das nicht erwartet wurde und die Frauen zum ersten Mal dazu geführt hat, laut ..Nein" zu sagen zu einer Politik. die in ihrem Namen gemacht wird, aber ihre Bestrebungen nicht berücksichtigt.

Es handelt sich hier nicht darum, das Ausmal einer Bewegung zu überschätzen, die erst noch in ihren Anfängen steckt und die umso mehr Hindernisse bei ihrer Entwicklung vorfinden wird, als die Arbeiterinnen der jungen Generation deutliche Tendenzen des Rückzugs in die Welt der Familie an den Tag legen. Aber diese Reaktion zeugt zumindest vom Beginn einer Bewußtwerdung gegenüber den Widersprüchen, in denen die Polinnen sich befinden, sie, die wie ein Mann arbeiten" und gleichzeitig nahezu die Gesamtheit der mit dem Haushalt und der Kindererziehung verbundenen Aufgaben in einer Situation einer bisher nicht dagewesenen Wirtschaftskrise wahrnehmen müssen.

An sich sind die sehr lückenhaften Umfragen vom Frühjahr 1989 alles andere als erfreulich. Sie zeigen eine bei Jugendlichen eindeutig rückschrittlichere Haltung (nur 20% befürworten die Abtreibung) als bei Erwachsenen (53%), und man muß darin ohne Zweifel den direkten Einfluß der Kirche in der jungen Generation sehen. Eine Lücke tut sich insbesondere zwischen jungen Mädchen und reifen Frauen auf. Die Studentinnen

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Studienhefte herausgegeben vom Internationalen Institut für Forschung und Schulung

Die Studienhofte sind die deutschsprachige Ausgabe der Calers d'Etude et de Recherox (CER bzw. der Notelooks for Stady and Rescand (NSR). Außerdem erscheinen die Chademos de Estudio e Instigacion (CED). Sie werden im Rahmen der Aktivitäten des _Internationalen Instituts für Forschung und Schulung" (III-S) in Amsterdam veröffentlicht. Die Stadicnisfic wollen einen Beitrag zur theoretischen Entwicklung des revolutionären Marxismus lei. sen.

Die Redaktion und die Autorinnen und Autoren der Stadienhefte begrüßen Kritik und Vorschlige zum Inhalt und zur Ausstattun: der Hefte

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Geplante aviter Hofie:

• M. Lowy. Uler die pomaente Rev • 1). Bensaid, Resolationire Srratere Acate • P. Roust. Die chineasce Reclation. Teil 1 - Zweite chinesische Revolution und Herausbildung der maoistischen Politik • P. Roust, Die chineusche Resolution. Teil Il - Die maoistische Politik und der Kampf um die Macht (1932-1949) • M. Ichive, Klasenkampf and todnole міл Етенетино т варим пись 1% • M. Löwv (Hrsg.). Der Populismus i Lateinamerika • C. Samary, Pen, Markt und Demokratie. Die Erfahrungen in den sogenannten sozialistischen Ländern • D. Bensaid, Vor der Gründung der /V Internationale • R. Lochhead, Die bürgerlchen Recola- Bestellung

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Anchritt:

Semliontefic. d/olophorr. Zolpicher Sur Su.7. 1-5000 Köln 1. Edl. 0221/28 M 42 POLEN ähneln in ihrer Haltung mehr letzteren — zweifellos weil viele von ihnen bereits Erfahrungen mit der Mutterschaft und den aus ihr entspringenden täglichen Problemen gemacht haben. Unsererseits. und anders als bei unseren Gesprächen im Kirchen- oder Intellektuellenmilieu, haben wir keine Frau unter etwa dreißig Arbeiterinnen, die wir in den Fabriken interviewt haben, gefunden, die für das Projekt der Kirche gewesen ware. Ganz wie in den in den Zeitungen veröffentlichten Briefen (die allerdings von den mit der PZPR mehr oder weniger eng verbundenen Redaktionen willkürlich ausgewählt sein können) sind sie in der Mehrzahl von der Vorstellung empört. daß man davon träumt, sie ins Gefängnis zu bringen. Zumeist fordern sie das Recht - für ihre Schwester, ihre Kollegin oder ihre Nachbarin, wenn nicht gar für sich selbst —, in dieser Frage zu entscheiden. Auf die Frage, ob ihrer Meinung nach die Kirche einen entscheidenden Einfluß auf das Verhalten von Frauen in bezug auf Verhütung und Abtreibung habe, lautete die am häufigsten gehörte Antwort: Nein.

Um eine Handlung zu rechtfertigen. von der sie im übrigen sagen, daß sie sie verurteilen, sprechen sie von den Schwierigkeiten des Alltagslebens: „Ein Kind mehr, aber wie soll man damit fertig werden. bei diesen Preisen, bei den vielen Stunden. die man Schlange stehen muß!" Vor allem auch die Wohnungsprobleme werden vorgebracht. Der Staat, der auf dem Gebiet der Verhütung nichts tut" wird häufig kritisiert, ebenso die Ärzte. ..die uns nicht informieren und die sich dafür, daß man ein Bett im Krankenhaus bekommen hat, bezahlen lassen, auch wenn sie selber die Abtreibung nicht vorgenommen haben". Mehr als eine klagt die Pfaffen an, die keine Vorstellung davon haben, was es heißt eine Familie unter den gegenwärtigen Bedingungen zu unterhalten", die zumeist über eine Haushälterin verfügen, die Geld, Autos und Wohnungen ganz für sich allein besitzen". Fast alle sind davon überzeugt. daß eine Verbesserung der Verbreitung von Verhütungsmitteln die Abtreibungsrate senken würde.

Doch es sind dieselben Frauen, die. wenn man sie fragt, ob sie moderne Verhütungsmittel benutzen. antworten: Nein, denn in meinem Falle ist es nicht erforderlich. " Was wollen sie damit sagen? Daß ihr Ehemann sich ..zu kontrollieren weiß" oder daß sie mit der Kalendermethode zurechtkommen. Haben sic abgetrieben? Ja, in mehr als der Hälfte der Fälle, und oft mehrmals... Manche bekennen, daß sie lieber cinmal sündigen, indem sie abtreiben, als jeden Tag zu sündigen, indem sie Präservative benutzen. Aber viele sind sich ganz einfach der Widersprüche. die sie zum Ausdruck bringen. nicht bewußt. Selten sind die. welche explizit die Beziehung zwischen ihren Praktiken und den materiellen Unzulänglichkeiten auf dem Gebiet der Verhütungsmittel herstellen. Das zeigt. wie stark der Einfluß der von der Kirche verbreiteten rückständigen Ideen ist. Und es zeigt auch. wie sehr das Problem der Gewalt verborgen bleibt. die sie gegen sich selber ausüben. wenn sie so oft auf das Mittel der Abtreibung zurückgreifen. Offensichtlich wiegt das Fehlen einer autonomen Frauenbewegung auf politischer Ebene in der beschriebenen Situation schwer. Der Frauenbund (von der PZPR abhängig) hat sicherlich auf den von der Kirche lancierten Gesetzentwurf reagiert und das Entsenden von Petitionen ans Parlament angeregt, aber er hat dies mit Verspätung getan, nach Protesten. die von seinen Aktivistinnen an der Basis ausgingen. Ohne in gleichem Maße wie die Partei diskreditiert zu sein, ist er jedoch auch keine glaubwürdige Organisation.

Aus diesem Grund wird vieles von den kleinen Gruppen von Feministinnen abhängen, die sich anläßlich der Demonstrationen im Frühjahr 1989 begonnen haben zusammenzuschließen. Manche von ihnen sind in der Presse interviewt worden und auch bei Fernsehediskussionen aufgetreten. Im vergangenen Oktober haben sie offiziell den Polnischen Feministischen Verband geschaffen, der auf einen Aufruf der US-amerikanischen Frauenorganisation NOW (National Organization of Women) hin am 12. November zur Unterstützung der US-amerikanischen Frauen, die an diesem Tag gegen die Einschränkung des Rechts auf Abtreibung protestierten. eine Solidaritätsaktion organisiert.

Diese ersten Schritte müssen unterstützt werden, denn ob die Bewegung in der Lage sein wird aufzublühen, wird zum Teil auch von der Solidarität abhängen. die sie seitens feministischer Grup pen anderer Länder erfährt.

Anmerkungen:

' Die Umfrage wurde im Oktober 1989 im Rahmen des Nationalen Forschungszentrums (CNRS) in Verbindung mit Anna Matuchniak, einem Mit glied des soziologischen Instituts der Universität Lodz. durchgeführt.

2 Laden. die eingerichtet wurden. um den Män gein des offiziellen Wirtschaftskreislaufs abzuhel. fen. und in denen man Luxusartikel und alle Arten von Antikein des Grundbedarfs erhalten kann. die auf dem Markt nicht aufzufinden sind 'M. Okolski. "Abortion and Contraception in Poland". Studies in Famils Planning. Nr. II. 1983. •..Histoire et politique des lois sur le planning familial en Pologne". in: Le planning familial en Europe - la dimension des droits humains. IPPF. Paris 1985. S. 172 •M. Okolski. a.a.O.. S. 273.

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die Internationale Nr.36/I|I - 1990