CENCE SAALODE, SÃO PELK 83 Ein Seminar über die sozialen Bewegungen und Pierre Rousset äußert sich hier zur antiimperialistiden Internationalismus (unter dem Titel ,,Die Interna- schen Solidarität und zu den Lehren der vietnamesitionalisierung und den Internationalismus verstehen*) schen Revolution sowie zu den Aktivitäten und zum fand im November 1988 am Institut für Sozialwissen- Selbstverständnis der IV. Internationale. schaften in Den Haag, Niederlande, statt. Wir veröf- Am Seminar nahmen Universitätsangehörige, fentlichen im folgenden den von Pierre Rousset, ei- Gewerkschafter und Gewerkschafterinnen, Aktivinem führenden Mitglied der IV. Internationale dafür stinnen und Aktivisten aus verschiedenen Massenbevorgelegten Beitrag. wegungen und Solidaritätskomitees teil. *
s gibt verschiedene Wege, auf das Verhaltnis zwischen Internationa- /lismus und sozialen Bewegungen einzugehen. Ich stelle die antiimperialistische Solidarität in den Mittelpunkt meines Diskussionsbeitrages. Dieser Blickwinkel entspringt meiner eigenen Erfahrung: mehr oder weniger permanent bin ich in verschiedenen antiimperialistischen Aktivitäten seit 1965 engagiert.! Genauer gesagt basieren die folgenden Bemerkungen auf drei persönlichen Erfahrungen:
- Studien und Forschung über die nationalen und revolutionären Befreiungskämpfe in Südostasien, Vietnam und Indochina (auf die ich besonders eingehen werde), aber auch China, Thailand und die Philippinen:
- die Teilnahme an den Mobilisierungen und Einheitsorganisationen der antiimperialistischen Solidarität; - schließlich kenne ich den Versuch (und die Schwierigkeiten) gut, eine internationale Organisation revolutionärer Marxistinnen und Marxisten, die IV. Internationale, aufzubauen.
Diese Grundlagen erlauben es, eine Reihe von Fragen über das Verhältnis zwischen nationaler Befreiung. Antiimperialismus und Internationalismus, über die Beziehung zwischen den sozialen Bewegungen und den politischen Parteien - gegenseitig und untereinander - zu stellen. Einleitend untersuche ich einige „Lehren" Vietnams und der Geschichte der Kommunistischen Partei Vietnams (KPV), indem ich darin mögliche Konsequenzen für unser Verständnis von Internationalismus und antiimperialistischer Solidarität suche.
Der Internationalismus ist eine historische Kategorie
Die vietnamesische Revolution ist ein interessanter Ausgangspunkt für die Frage von Notwendigkeit und Schwierigkeit des Internationalismus als Antwort auf die Internationalisierung"*, für seine Natur und seine Beziehung zur nationalen Frage.
Die Eigenart des langandauernden Kampfes (ein umfassenderer Begriff als der „langandauernde Krieg"*) ist im Falle Vietnams eines der wichtigsten Charakteristika. Der Kampf für die nationale Befreiung. für die soziale Revolution und die moderne Staatsmacht in Vietnam war von sonst kaum erreichter Dauer und Kontinuität: von den zwanziger bis zu den siebziger Jahren. Im Laufe dieses halben Jahrhunderts entwickelte sich diese Revolution in einem sich jeweils die Internationale wandelnden Rahmen. Das gilt sowohl auf der nationalen Ebene (unter dem Kolonialismus und nach 1954) als auch auf der regionalen (vor und nach dem Sieg der chinesischen Revolution 1949) und der internationalen (vor und nach dem Zweiten Weltkrieg) Ebene, von der französischen zur amerikanischen Intervention (die Wende in den fünfziger Jahren), vor und nach dem Ausbruch des sino-sowjetischen Konflikts (1960).
Dieser Rückblick erlaubt es, den Internationalismus-Begriff in einer historischen Perspektive zu sehen. In der Tat hatten die folgenden Aspekte im vietnamesischen Kampf je nach Periode sehr verschiedene Ausdrucksformen: O die verschiedenen Bestandteile des Kampfes im Land selbst (z.B. die städtischen/ländlichen und politischen/militärischen Elemente); • die Elemente des kulturellen und politischen Bewußtseins, insbesondere die komplexe Beziehung zwischen nationaler und Klassenidentität; • die internationalen politischen Bezüge und die „Modelle" revolutionärer Organisationen, durch die sich die vietnamesische revolutionäre Bewegung beeinflussen ließ (z.B. das Modell Frankreichs, dann das Chinas); 0 die weltweiten Gegebenheiten und der konkrete Inhalt, den darin der Internationalismus annimmt: die Formen, die Stärke oder die Schwäche des Internationalismus, seine verschiedenen Schwerpunkte, der wirkliche Austausch zwischen den Kämpfen in der (Halb-)Kolonie und der imperialistischen Metropole. Die Geschichte der KPV wurde seit ihrer Gründung durch diese verschiedenen Rahmenbedingungen sehr stark berührt. Man kann verschiedene große Perioden unterscheiden, die sich teilweise überlagern: vor 1945 (die Augustrevolution) und danach (die Befreiungskriege), vor 1954 (die Genfer Verträge und die vorübergehende Teilung des Landes) und danach (die Vereinigung der zwei revolutionären Prozesse im Norden und im Süden usw.). Jede dieser Perioden trägt unterschiedliche Züge, vor allem hinsichtlich des Potentials und der konkreten Formen des Internationalismus.
In den dreißiger Jahren sahen zum Beispiel viele eine Hoffnung in einer aktiven Rolle der III. Internationale (Komintern) und in einer direkten Kombination der Massenkämpfe in der Metropole und in der Kolonie. Die vietnamesischen Revolutionäre blickten gen Westen: Frankreich (mit der Volksfront) und Europa (Kampf gegen den Faschismus, spanischer Bürgerkrieg).
Die nationale Befreiung wurde als integraler Bestandteil des proletarischen Internationalismus aufgefaßt. Ende der vierziger Jahre, nach dem Zweiten Weltkrieg, mit der Auflösung der Komintern und der Unfähigkeit der französischen Arbeiterbewegung, eine erneute koloniale Intervention in Indochina zu verhindern, wandten sich die vietnamesischen Revolutionäre gen Osten, nach China, wo die Kommunistische Partei Chinas dabei war, den Bürgerkrieg gegen die Guomindang zu gewinnen. Der Internationalismus wurde jetzt als Dimension der langandauernden nationalen Befreiungskriege empfunden. Es geht hier um mehr als um ideologische Entwicklungen. 1936 und 1937 gab es eine wirkliche Wechselwirkung zwischen den Mobilisierungen der französischen Arbeiterinnen und Arbeiter und den Massenbewegungen des vietnamesischen Volkes. Die umwälzenden Ereignisse in Europa betrafen direkt die Kampfbedingungen in Indochina, und der Einsatz war sehr hoch: es eröffneten sich neue Möglichkeiten auf dem (halb)legalen Terrain des Kampfes sowie in der Illegalität; der konkrete Schwerpunkt des Internationalismus lag damals in Westeuropa. Die hier erlittenen Niederlagen (Deutschland, Spanien, aber auch die Tatsache, daß die französische Volksfront die koloniale Ordnung nicht in Frage stellte), haben das Kräfteverhältnis in Indochina selbst negativ beeinflußt und die Chance einer baldigen Unabhängigkeit erledigt. In der zweiten Hälfte der vierziger Jahre verschob sich der konkrete Schwerpunkt des Internationalismus nach China.
Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie der Internationalismus von Indochina aus geschen im Laufe des fünfzig Jahre langen Kampfes unterschiedliche Bedeutungen annahm. Die vietnamesische Revolution erlaubt zu zeigen, welche Faktorenkombination das Potential und die Realitäten des Internationalismus in einer gegebenen Periode bestimmt. Sie erhellt, wie sehr der „Internationalismus" eine geschichtliche Größe ist, die in jeder Periode mit konkretem Inhalt gefüllt werden muß.
Der Geist des Internationalismus 1963-1973 Offensichtlich gibt es in der modernen (imperialistischen) Welt permanente Eigenheiten, die die Möglichkeit (und vom Standpunkt des revolutionären Marxismus die Notwendigkeit) des Internationalismus begründen: die Internationalisie-
rung der Produktivkräfte und die internationale Dimension der Klassenkämpfe (einschließlich der internationalen Dimension der Kämpfe für nationale Befreiung). Das ist die Grundlage der Theorie der Internationale, was seitens der IV. Internationale selbst mehrmals betont worden ist.
Aber der Internationalismus ist nicht bloß eine theoretische Abstraktion, die auf Dauer im Aufbau kleiner Avantgarde- Organisationen aufgehoben ist. Um in den laufenden Kämpfen ein aktiver Faktor zu sein, muß er das Bewußtsein breiter Sektoren der Arbeiter- und anderer Bewegungen, auch der für nationale Befreiung durchdringen. Seine Verbreitung hängt von konkreten Charakteristiken der Periode ab. Die Theorie des Internationalismus muß die Geschichte des Internationalismus als Massenerscheinung beinhalten und nicht nur die Geschichte der vier Internationalen. Und hier bleibt viel zu tun. Das trifft ganz besonders für die Generation zu, mit der ich mich identifiziere, die sich zu einem Zeitpunkt politisierte, in dem Vietnam als Brennpunkt der internationalen Klassenkämpfe empfunden wurde - und es auch wirklich war.
1968 symbolisierte das, was wir in unserem Jargon die ,,Dialektik der drei Sektoren der Weltrevolution"* nennen: es war das Jahr der Tet-Offensive in Vietnam (Kampf für die nationale Befreiung in der Dritten Welt"), das Jahr des französischen Mai (Wiederaufflammen der Klassenkämpfe in den entwickelten kapitalistischen Ländern) und des Prager Frühlings (antibürokratischer Kampf in den Übergangsgesellschaften).
Dieser allgemeine Rahmen hatte auf die Formen der neuen und relativ massiven Radikalisierung der sechziger Jahre tiefe Auswirkungen. Diese waren über die Mitgliederzahlen der „neuen politischen Avantgarde" im Westen hinaus feststellbar: es kam zur natürlichen Identifikation mit den Kämpfen in der ganzen Welt. Die Internationalisierung der Konterrevolution (die USA in Indochina) mußte mit dem neuen revolutionären Internationalismus beantwortet werden. Die studentische Radikalisierung in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre war ganz natürlich internationalistisch. Das Jahrzehnt von 1963 bis 1973 bot für die Freisetzung einer kleinen, aber aktiven Internationale ebenfalls günstige Bedingungen. Im besagten Rahmen vereinigten sich die Kräfte der IV. Internationale 1963 wieder, und nach 1968 trugen stärkere nationale Organisationen zu ihrem Aufbau bei, wie in Frankreich die Ligue Communiste (LC).* die Internationale
Die Zeiten haben sich bekanntlich geändert. Zwar ist die Internationalisierung in objektiver Hinsicht (auf wirtschaftlichem Gebiet) weitergegangen. Aber mit den subjektiven Faktoren verhält es sich anders: der Internationalismus befindet sich in einer tiefen Krise - nicht nur in der revolutionären Bewegung. Auch die imperialistische Welt kennt ihre weltweite Führungskrise. Außer bei einer kleinen Zahl von Aktivistinnen und Aktivisten gibt es ihn auf einem gewissen Massenniveau in der Form der sofortigen und gleichzeitigen Identifikation mit dem Kampf der polnischen Arbeiterinnen und Arbeiter, dem Streik der britischen Bergleute und dem Kampf der Völker Nicaraguas und El Salvadors nicht mehr. Das erklärt bis zu einem gewissen Grad die neuen Schwierigkeiten der internationalen Organisationen wie der IV. Internationale oder von Strömungen wie des Maoismus ab der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Diese Feststellung hat auch Folgen für die Art und Weise, wie sich der Internationalismus als Antiimperialismus in größeren Milieus als nur den •programmatischen Avantgarden"*, den Komitees und Solidaritätsnetzen, die zwar klein, aber ausdauernd sind, verankern kann.
In gewissen Ländern liegt ein cher gangbarer Weg wohl im Einschluß eines antiimperialistischen Bewußtseins in der Friedensbewegung (zum Beispiel über die antiinterventionistischen Bewegungen für Zentralamerika und bald, so hoffen wir, für die Philippinen). Aber die Friedensbewegung ist in gewissen Ländern schwach - wie in Frankreich aufgrund der politischen Geschichte des Landes seit dem Zweiten Weltkrieg und infolge der Natur seiner Arbeiterbewegung sowie wahrscheinlich auch wegen Kehrseite der Medaille, die die französische Tradition darstellt, die diesbezüglich "politisch" und nicht „moralisch" ist. Was werden schließlich die Auswirkungen der gegenwärtigen Finanzkrise auf das Bewußtsein der Arbeiterbewegung sein - und auf die Chancen einer Wiedergeburt (oder eines weiteren Zerfalls) des proletarischen Internationalismus? Die drei großen Strömungen
Der Internationalismus ist nicht mehr in Mode. Das heißt aber nicht, daß er überflüssig wäre. Das Bedürfnis ist schon da, allein das entsprechende Bewußtsein ist schwach. Eine der wichtigsten Lektionen Vietnams ist es, daß der Internationalismus eine Notwendigkeit ist. Jeder revolutionäre Prozeß ist sehr spezifisch, originell. Aber die Vietnamkriege haben einige wesentliche Wahrheiten über die heutige Welt und über die strategische Kombination einiger siegversprechender Faktoren aufgedeckt.
Wie die russische Revolution — und zu einem gewissen Grad auch die chinesische - hat die vietnamesische Revolution 1945 einen (brüchigen) Sieg im Rahmen eines Weltkrieges errungen. Aber wegen der mangelhaften internationalistischen Unterstützung in Frankreich und durch die Sowjetunion vermochte sie diesen Erfolg nicht zu konsolidieren. Die vietnamesische Revolution konnte in diesem Rahmen nicht weiter siegreich sein oder aus „objektiven" Offnungen in der internationalen Situation Nutzen ziehen, wie das Kuba und Nicaragua möglich war. Sie mußte sich die internationalen Bedingungen ihres eigenen Sieges weitgehend selbst schaffen: das ist die Geschichte nach den Genfer Verträgen von 1954. Sie geht bis zu den Pariser Verträgen von 1973.
Mehr als einmal fand sich die vietnamesische nationale Befreiungsbewegung auf dem internationalen Parkett isoliert. Trotzdem erwies sich der aktive Internationalismus als entscheidender Faktor für den Sieg selbst, und darüber hinaus für die Stütze und Verteidigung des daraus hervorgegangenen Regimes. Paris und Washington mußten militärische, aber auch politische Niederlagen beigebracht werden. Und dies nicht nur in Indochina, sondern auch auf der internationalen Bühne, in Frankreich selbst und in den USA. Die KPV konnte keine Truppen, Raketen oder Bomber über Vietnams Landesgrenzen schicken. Aber sie konnte auf die politische Lage in Frankreich und in den USA einwirken, indirekt indem sie sich fähig zeigte, einen langandauernden und kostspieligen Krieg länger als die imperialistischen Mächte durchzuhalten, und direkt, indem sie aktiv in die Organisierung des Wiederstandes gegen den schmutzigen Krieg eingriff.
Die internationale Solidarität war also eine absolute Notwendigkeit und keineswegs ein Luxus. Aber sie kam nicht automatisch, sie mußte auf zahlreichen komplexen Terrains gewonnen werden. Die KPV mußte eine Diplomatie für defensive und für offensive Perioden entwikkeln. Sie mußte die Unterstützung eines „sozialistischen Lagers", das tief gespalten war, einer vielfältigen Antikriegs- Bewegung in den USA, die stark zersplittert war, und die Unterstützung der internationalen Solidaritätsbewegung (vor allem in Westeuropa) gewinnen. Es war für die vietnamesische Revolution lebens-
wichtig, aus allen Solidaritätspotentialen das Maximum herauszuholen und die Spaltungen im gegnerischen Lager zu verschärfen.
Gegenüber den „Ratschlägen" und dem Druck aus Moskau und Peking mußte die KPV ihre Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit in den Verhandlungen und politischen Beziehungen durchsetzen. Hier liegt ein Hauptunterschied zwischen den Genfer Verhandlungen von 1954, wo die Vietnamesen zu einer untergeordneten Rolle gegenüber den Delegationen der Sowjetunion und Chinas verurteilt waren, und Paris, wo die Vietnamesen allein den Delegationen Saigons und Nordamerikas gegenübersaßen.
Allein rückten die vietnamesischen revolutionären Kräfte immer mehr die Themen der drei großen Strömungen der Weltrevolution" (die nationale Befreiung, der proletarische Klassenkampf und der sozialistische Aufbau) und der Einheitsfront zur Verteidigung ihres Kampfes für die Unabhängigkeit ins Zentrum ihrer Politik. Sie zeigten sich in der Lage, mit allen Solidaritätsströmungen zusammenzuarbeiten. Sie verfolgten diese Politik konsequent und kamen so auf dem internationalen Terrain zu einer außerordentlichen Wirksamkeit und trugen aktiv zur Einheit der Solidaritätsbewegung bei. Das erklärt teilweise, wieso sie zum Brennpunkt eines neuen internationalistischen Geistes werden konnten. Solidarität heißt Gegenseitigkeit und Verantwortung
Hier sind die vietnamesischen Lehren auch sehr nützlich für heutige revolutionäre Kämpfe, die nicht von einem objektiv „günstigen Moment" profitieren können: vor allem für die Kämpfe in El Salvador und auf den Philippinen. Sie betonen die Verantwortung derjenigen, die damals zur internationalistischen Aktivität und Erziehung beitragen konnten und es immer noch können. Die Vietnamesen brauchen uns: wie andere vor und nach ihnen.
Es stellte sich hier eine politische und moralische Aufgabe. Alles mußte getan werden, damit der wohl schmutzigste aller schmutzigen imperialistischen Kriege ein Ende nahm: das war nur im Zusammenschluß aller betroffenen Kräfte möglich. Aber da war noch mehr: Es entstand eine wahre Interaktion zwischen den indochinesischen und den anderen Kämpfen auf der Welt. Die drei indochinesischen Völker haben zehn Schlüsseljahre lang die US-Intervention zur Hauptsache die Internationale auf sich gezogen und damit Washingtons Politik entscheidend in die Krise gestürzt und die wirtschaftlichen, militärischen und politischen Grenzen der USA in der Nachkriegszeit aufgedeckt.
Von Angola bis Nicaragua haben andere Bewegungen den günstigen Moment* packen konnen, der durch den Sieg von 1975 entstanden war: die relative und zeitlich beschränkte Lähmung des imperialistischen Lagers.
Für Millionen von Menschen in der „Dritten Welt", , im Westen und in Japan war Vietnam ein Bezugspunkt. Natürlich gab es zu der Zeit einen revolutionären Mythos, was in den siebziger Jahren das Problem stellte, daß der Sozialismus in den Industrieländern nicht auf morgen zu erwarten ist. Aber es war mehr als nur ein Mythos. Die vielfältige Bewegung gegen den Vietnamkrieg berührte große Teile der Jugend-, Arbeiter- und der sozialen Bewegungen. Es war dies eine organische Komponente der Radikalisierungswelle in den sechziger Jahren, der Herausbildung der neuen Linken"*, des Erscheinens neuer progressiver und revolutionärer Kräfte, der Anderung in Mentalität und Bewußtsein.
Dabei war die Solidarität keine Einbahnstraße aus dem Westen in die ,,Dritte Welt" . Man kann wirklich sagen, daß die Vietnamesen mehr gegeben haben, als sie erhielten: auf der „objektiven" Ebene, indem sie die Grenzen der nordamerikanischen Macht deutlich machten, auf der „subjektiven" Ebene, indem sie mit allen Farben des progressiven und revolutionaren Spektrums zusammenarbeiteten. Sie haben die Kriegslast auf sich genommen und dafür cinen sehr hohen Preis bezahlt. Mehr als nur einmal waren die Vietnamesen über ihren Sieg frustriert, weil es im Westen zu wenig aktive Unterstützung gab: 1945. 1954, 1965, 1968... Deshalb war dieser Krieg so lang und so teuer. Man soll heute nicht vergessen, daß jetzt die Schattenseite des revolutionären Indochina erscheint.
Solidarität hieß Gegenseitigkeit und Verantwortung. Die Vietnamesen verstanden sehr gut, daß die Antikriegs- und Solidaritätsbewegungen aus nationalen Bewegungen bestanden. Wollte man wirksam sein, mußten sie breit sein. Damit sie breit sein konnten, mußten sie für die Bevölkerung des Landes, wo sie sich entwickelten, einen Sinn haben. Sie konnten nicht einfach von Hanoi aus wie ein Netz informeller Botschaften gesteuert werden. Das hatten die Vietnamesen begriffen, und sie zeigten sich damit reifer und wirksamer als verschiedene andere Befreiungsbewegungen, die die Solidarität als ihren Privatbesitz betrachten. Dies ist einer der Gründe, weshalb die Vietnamesen die Verschiedenartigkeit der Solidaritätsbewegung als politische Gegebenheit akzeptierten - jedoch stets auf Einheit hinarbeiteten. Leider zeigte die andere Seite nicht immer die gleiche Verantwortung. Das Thema der Einheitsfront sollte für uns genauso wichtig sein wie für die Indochinesen.
Organisationen wie die Solidaritätsfront mit Indochina (FSI) wurden auf dieser Grundlage aufgebaut und riefen zur Teilnahme an allen Mobilisierungen auf, selbst wenn sie auf „fremde" Initiative zurückgingen. Aber oft bremsten sektiererische Spaltungen die Solidarität. Mehr als einmal wurden Mobilisierungen verschoben oder geschwächt aufgrund von Insider-Kämpfen, die mit den Ziel, dem Krieg ein Ende zu setzen, nicht viel zu tun hatten. Mit unseren Aktionen waren wir hilfreich, vor allem wenn es zur Vereinheitlichung der Kräfte kam. Mit unseren Ansprüchen und Streitereien jedoch nicht.
Wir schlugen uns für das Ende der imperialistischen Intervention, für das Recht auf Selbstbestimmung und für den Sieg der nationalen revolutionären Befreiungskräfte. Die Solidarität steht im Dienst derjenigen, die den Kampf führen. Deshalb war es für uns wichtig, auf spezifische Mobilisierungsaufrufe einzugehen, wo auch immer dies von den Vietnamesen als wichtig angesehen wurde. Gleichzeitig war es nicht unsere Sache. und es lag auch nicht in unserer Kompetenz, über ihr Verhalten zu entscheiden. In dieser Hinsicht gibt das diplomatische Terrain ein gutes Beispiel. Es gehörte gewiß nicht zu unseren Aufgaben zu entscheiden, wann und wie die Vietnamesen verhandeln sollten oder was dann als akzeptables Ergebnis anzuschen wäre. Die Verantwortung konnte nur bei denen liegen, die den Kampf tatsächlich führten. Die Solidaritätsbewegung war nicht eine Art Vermittlerin, zu deren Aufgaben es gehört hätte, eine vernünftige" Übereinkunft auszuhandeln. Aber die Solidaritatsbewegung mußte in der Lage sein, auf einen Aktionsaufruf zu hören, auch auf diplomatischem Gebiet, wenn diejenigen, die kämpften, dies als Bedürfnis verspürten. Das geschah im Herbst 1972, als die Vietnamesen alle Kräfte aufriefen, sich zu mobilisieren, um die US-Administration zu zwingen, ihr Wort zu hören und die Pariser Verträge zu unterzeichnen. Internationalismus bedeutet Einigkeit sowohl im Land, wo der Kampf stattfindet, wie in dem, wo die Solidarität geübt wird. El Salvador ist heute dafür ein gutes Beispiel. Pluralismus ist gut, Spaltung ist schlecht. Der Unterschied zwischen
beiden liegt oft im Verantwortungssinn. Jeder Teil der Solidaritätsbewegung kann seine eigenen politischen Überzeugungen behalten, ohne sie der ganzen Bewegung aufdrängen zu wollen.
Internationalismus und Nationalismus
Vietnam spielte besonders von 1965 bis 1975 eine aktive und positive Rolle in der Erneuerung des Internationalismus. Als Kriege zwischen Vietnam, Kamputschea und China ausbrachen (1978-79). wurde Indochina zu einem Symbol für die Krise des Internationalismus. Diese „negative" Lektion ist ebenso wichtig wie die „positive"*. . Die Krise von 1978/79 läßt sich nur als Zusammentreffen nationaler, regionaler und internationaler Faktoren erklären. Unter ihnen lassen sich anführen:
© der Zustand der Länder Indochinas nach 35 Jahren Krieg.
0 die imperialistische Politik vor und nach 1975.
© die Auswirkungen des sino-sowjetischen Konflikts auf Indochina als innerbürokratischer Konflikt.
O die inneren Spannungen im indochinesischen revolutionären Prozeß (vor allem von der nationalen Frage auf der Halbinsel herrührend).
• der sehr spezifische Charakter der Kamputschea-Krise und der Roten Khmer, • die Reaktion der thailändischen revolutionären Bewegung auf die Krise • sowie in diesem Zusammenhang die Auswirkungen der „triumphalistischen"* Fehler bezüglich der Perspektiven und Orientierung der KPV 1975 und 1976. Auf ihre Art sind Südostasien und Indochina Knotenpunkte der internationalen Widersprüche geblieben. Das Fehlen internationalistischer Kapazitäten erwies sich in der Folge als ebenso bedeutend. wie es die Existenz der internationalen Solidaritätsbewegung im vorhergehenden Jahrzehnt gewesen war. Die Krise nach 1975 wirft eine Reihe komplizierter und dringender Fragen auf. Wie der Internationalismus so muß auch die nationale Frage in ihrer geschichtlichen Dimension gesehen werden. Die vietnamesische Revolution hat mehr als jede andere die Bedeutung und die vielfältigen Facetten der nationalen Frage in den Kämpfen der „Dritten Welt" enthüllt. Der Kampf für die nationale Befreiung läuft auf verschiedenen Ebenen: Politik und Wirtschaft (Unabhängigkeit), Kultur (eigene Geschichte und Identität bekräftigen) sowie die strukturelle Ebene (die Bildung die Internationale einer unabhängigen Nation und eines modernen Staates).
Mit den Gefahren des Nationalismus konfrontiert, haben die Vietnamesen schr klassisch zwischen dem Nationalismus unterdrückter und unterdrückender Nationen sowie zwischen der Verteidigung der nationalen Rechte und dem Nationalismus als Ideologie unterschieden. Trotzdem machten sie aus der „Nation" schließlich eine historische Kategorie, als sie die „viertausendjährige Geschichte der vietnamesischen Nation" thematisierten. Das Problem besteht darin, daß „Nation" nicht mit der menschlichen Gemeinschaft und die Bildung einer Nation mit dem Weiterbestehen menschlicher Präsenz gleichgesetzt werden kann. Seit den ersten Gemeinschaften in der Ebene des Roten Flusses hätten sich mehrere Nationen herausbilden können: würde die gegenwärtige vietnamesische Nation ohne die tausend Jahre währende chinesische Besetzung (als ein Faktor unter mehreren) bestehen? Die Rolle und der Platz einer Nation sind gewöhnlich nicht frei von Zweideutigkeiten. Dieselbe Nation kann ständig und gleichzeitig Unterdrückte (z.B. durch Imperialismus) und Unterdrückerin (etwa einer nationalen oder religiösen Minderheit) sein. Dies ist mit einem der zentralen Züge des (modernen) Begriffs der Nation verbunden: Souveränität über ein Gebiet, was auch Kontrolle über (oder Kampf für) einen Staat bedeutet. In Indochina wurde dies aufgrund der kulturellen sowie größen- und rohstoffmäßigen Unterschiede der drei durch die französische Kolonialisierung verbundenenen Länder und der Bedeutung der Minderheiten (Bergstämme) zu einem brennenden Problem. Nach den dreißiger Jahren rückte man von der Idee einer indochinesischen Föderation ab, und der Begriff der vollständigen Souveränität wurde immer wichtiger. Dazu gab es gute Gründe. Dies hatte gefährliche Folgen. indem die politische Solidarität innerhalb der indochinesischen revolutionären Bewegung nach der Bildung der Roten- Khmer-Strömung zerbrach. Der Frage der künftigen inner-indochinesischen Beziehungen wurde dann ausgewichen. Die Krise nach 1975 hat gezeigt, daß das Verhältnis zwischen Anerkennung der Nation und dem Internationalismus eine höchst wichtige Frage blieb.
Solidarität, Unabhängigkeit und Beharrungsvermögen
Die Krise in Indochina von 1978 und 1979 kann dazu beitragen, eine Reihe von Fragen zu klären, mit denen die Solidaritätsbewegung konfrontiert war. Der Internationalismus blieb nach 1975 sowohl in Indochina selbst als auch hinsichtlich Indochinas eine Notwendigkeit. Aber zu einem entscheidenden Zeitpunkt kam er nicht zustande. Wir, d.h. die Solidaritätsbewegung, haben ihn nach dem Sieg nicht am Leben erhalten; die Gründe dafür sind: das Problem der Roten Khmer, der Triumphalismus der vietnamesischen KP (die sich jetzt an die Regierungen, und nicht an die „Freunde" wandte), Fehler unsererseits.
Der Internationalismus muß einen langen Atem haben. Die Kämpfe dauern Jahre, als revolutionäre Kriege oder in anderer Form. Damit die Solidarität effizient ist, muß sie auch Ausdauer haben. Daher sollte immer die Unabhängigkeit der Solidaritätsbewegung vertreten werden. Damit die Solidarität Kontinuität erreicht, darf sie von den politisch organisierten Aktivisten nicht in einem „instrumentellen" Sinn aufgefaßt werden, kraft dessen man die Solidarität aufrechterhält, wenn und solange sie dem Parteiaufbau nützlich ist, und sie fallen läßt. sobald dies nicht mehr der Fall ist. Die einheitliche Solidarität darf nicht von der Kontrolle einer einzigen Partei abhängen. Die dramatischen Auswirkungen des Konflikts zwischen der chinesischen und der sowjetischen Bürokratie auf Indochina und die Art und Weise, wie der Imperialismus davon Nutzen gezogen hat, unterstreichen eine neue Aufgabe des heutigen Internationalismus: den Schutz der Revolutionen gegen jegliche Art der Ausübung von Druck. Im Zentrum des Problems finden wir den Unterschied zwischen Internationalismus und Blockdenken*. Sicher existieren die Weltblöcke. Sie stellen eine politische Realität dar, mit der man rechnen muß. Die Unterstützung der nachkapitalistischen Staaten (sei dies China oder der sowjetische Block) muß errungen werden, und zwar sowohl durch jene, die kämpfen, als auch jene, die kämpfen helfen. Aber die Logik des Blockdenkens ist dennoch weit entfernt von der richtigen Logik des Internationalismus. Das Blockdenken bewertet den fortschrittlichen Charakter eines Kampfes gemäß der Art, wie die Kämpfenden mit der Diplomatie eines (oder mehrerer) Staaten auskommen.
Jeder Kampf sollte aufgrund seines spezifischen Wertes eingeschätzt werden und nicht aufgrund der Art, wie die eine oder andere Hauptstadt des „fortschrittlichen Lagers" den Kampf wahrnimmt. Die einheitliche Solidarität darf nicht von einem Staatsapparat abhängen. Damit die Solidarität einen langen Atem hat, muß
sie von der langfristigen. Verteidigung des Kampfes des betreffenden Volkes ausgehen, und nicht etwa von der Verteidigung eines engumrissenen Programms, das darüber hinaus oft einem Wechsel unterzogen ist. In der Solidarität gibt es einen alten Streit, den die Krise von 1978/79 schließlich geklärt hat: Soll man die Kämpfe auf der Grundlage des Programms" ihrer Führungen unterstützen oder nicht?
Wir haben unsere Unterstützung den nationalen Befreiungsbewegungen in Kamputschea, Laos und Thailand gegeben, und wir taten dies zurecht. Heute wissen wir jedoch, daß sie unterschiedliche Programme hatten. Sie haben zu guter letzt gegeneinander Krieg geführt. Heute unterstützen wir sowohl die Kämpfe in El Salvador als auch auf den Philippinen: beide Bewegungen haben eine ganz unterschiedliche ideologische Herkunft und sind selbst nicht allzu homogen, was vor allem das salvadorianische Beispiel beweist. Die einheitliche Solidarität kann und muß sich um eine einfache und zugleich grundlegende Plattform scharen.
Die einheitliche und unabhängige antiimperialistische Solidarität muß wenn möglich in breiten Bewegungen Wurzeln schlagen. Die Solidarität muß je nach Fall anders geführt werden: So kann sie ein zentrales Element der nationalen politischen Situation darstellen. Das war der Fall, als sie das Feld der Formierung der neuen Linken war, oder als es in den USA darum ging. die Soldaten heimzubringen. Doch gibt es auch andere Umstände: die heutige Solidarität in Europa mit Zentralamerika und den Philippinen. Manchmal ist die antiimperialistische Solidarität ein organischer Bestandteil der sozialen Bewegungen, manchmal auch nicht. Wir sollten dennoch aus diesem Aktionsfeld eine echte Kontinuität aufbauen, was Überzeugung und Wille. d.h. Organisation und politische Schulung bedingt.
Hier haben die politisch organisierten Aktivistinnen und Aktivisten eine große Verantwortung. Sind es doch sie, die Kontinuität in der Solidaritätsarbeit und internationalistische Schulung garantieren können, und dies unabhängig vom Auf und Ab der Kämpfe und der Massenmobilisierungen. Sie können in Solidaritätskomitees. Massenorganisationen (otwa Gewerkschaften) oder politischen Parteien (kleine und große) wirken. Die Art und Weise, wie sie die Arbeit machen, kann eine beträchtliche Wirkung auf die Effizienz der ständigen Solidaritätsarbeit haben.
die Internationale
Internationalismus und IV. Internationale
Man kann nicht vom Internationalismus und den sozialen Bewegungen sprechen, ohne über die Verantwortung der politisch organisierten Aktivistinnen und Aktivisten, die Bestandteil der breiten Bewegungen sind, und ihrer Organisationen zu sprechen. Sie können eine beträchtliche Hilfe beisteuern, falls sie von einer tiefen Überzeugung getragen sind und das nötige Wissen besitzen. Sie können jedoch auch die Probleme verschärfen, falls Sektierertum und Manipulation die Überhand gewinnen.
Der Internationalismus wirkt auf mehreren Ebenen. Die Solidaritätsbewegung mit Indochina vereinigte einen breiten Fächer von Ebenen und brachte schwach strukturierte Kräfte mit sehr festgefügten Gruppen zusammen. Die Dynamik der Antikriegsbewegung entsprang teilweise einer Wechselwirkung. Die Rolle und der Einfluß, den kleine radikale Gruppen der „neuen Linken" entwickeln konnten, war viel entscheidender, als man angesichts ihrer numerischen Schwäche hätte annehmen können; das gleiche läßt sich von der Rolle einflußreicher Personen und Intellektueller sagen. Dies war mindestens für die sich um die IV. Internationale gruppierenden Kräfte in mehreren Ländern Westeuropas, Nordamerikas und vor allem in Japan der Fall. Wie kann sich der Internationalismus einer Partei auf eine nützliche Art und Weise mit einem breiten Internationalismus verbinden? Die Geschichte der IV. Internationale kann ein interessantes Fallbeispiel abgeben, falls man diese Frage zu beantworten versucht. Der antiimperialistische Internationalismus und die Frage der „Dritten Welt" spielten eine wichtige Rolle in der Geschichte der IV. Internationale. So war die Niederlage der chinesischen Revolution von 1925-27 eine von vielen historischen Erfahrungen, die zur Gründung einer neuen, nämlich der IV. Internationale führten.
Während einer gewissen Zeit war es Asien, wo die bedeutendsten Sektionen der IV. Internationale entstanden; aber seit der Krise der chinesischen Organisation und des Wandels der LSSP (Lanka Sama Samaja Party) in Sri Lanka zu einer reformistischen Partei schwand das Gewicht der IV. Internationale in dieser entscheidesto eigen war und bleibt Lateinamerika eine der wichtigsten Regionen für die IV. Internationale, abgesehen von Westeuropa und Nordamerika. Heute ist ohne Zweifel die mexikanische PRT (Partido Revolucionario de los y las Trabajadores) die bedeutendste Organisation der Internationale.
Dank des Bestehens eigener Organisationen in den abhängigen Ländern, vor allem in den sechziger und siebziger Jahren, konnte die IV. Internationale eine ansehnliche antiimperialistische Solidaritätsarbeit zur Verteidigung ihrer eigenen Genossen leisten (z.B. die Kampagne zur Befreiung des peruanischen Genossen Hugo Blanco) und auch helfen, ihre cigenen Sektionen aufzubauen (z.B. die Kampagne zur Unterstützung der bolivianischen Sektion).
Ganz allgemein gesagt hat die Entwicklung der nationalen Befreiungsbewegungen vor allem seit dem Zweiten Weltkrieg das internationale Leben der IV. Internationale tiefgehend geprägt Die Ereignisse in der „Dritten Welt" lösten endlose Diskussionen über den Charakter der Parteien aus, die diese Bewegungen zum Sieg geführt hatten. Die Diskussion um die Befreiungsbewegungen trug entscheidend zur Überwindung der schwerwiegendsten Spaltung der Internationale - jener von 1952/54 — bei: die fast vollständige Wiedervereinigung von 1963 war das Ergebnis der positiven Antwort, die die beiden Flügel der internationalen Bewegung auf die algerische und kubanische Revolution gegeben hatten. Die IV. Internationale kennt keine gradlinige und homogene Geschichte, die unabhängig von den Zeitperioden und den einzelnen Ländern ist. Jede nationale Organisation entscheidet in eigener Regie ihre politische Ausrichtung. Sie hat ihre eigene Geschichte und eigenen Wesenszüge. Doch insgesamt und trotz offensichtlicher Schwächen besteht eine lebendige und ehrenwerte Tradition internationalistischer Aktivitäten, und dies insbesondere auf dem Gebiet des Antiimperialismus. Die Internationale verstand seit Anbeginn, Kämpfe zu unterstützen, selbst wenn sie von Parteien oder Bewegungen angeführt waren, die wenig mit ihren Organisation zu tun hatten. Dazu ein Beispiel: die französische Sektion der IV. Internationale unterstützte durchgehend die vietnamesische Befreiungsfront, auch als die Französische Kommunistische Partei (PCF) diese Solidarität im Namen der Regierungsverantwortung nach dem Zweiten Weltkrieg aufgegeben hatte.
Die Sektionen der IV. Internationale waren oft - zusammen mit Christen. unabhängigen Intellektuellen - Vorreiterinnen der Solidarität mit neuen Befreiungskämpfen. Sie wurden in einem breiten Bereich konkreter Unterstützungsak-
tionen aktiv. Hierzu ein Beispiel: zur Zeit des algerischen Befreiungskampfes förderten sie nicht nur die breite Antikriegsbewegung, sondern halfen auch mit, ein geheimes Netz aufzubauen, das der Befreiungsfront in Frankreich und darüber hinaus in Europa nützlich war. So lieferten sie nicht nur politische, sondern auch materielle und technische Schützenhilfe. Die IV. Internationale mobilisierte ihre Solidaritätskräfte, sei es für Vietnam, Kuba oder Algerien. Heute spielen ihre Sektionen oder sympathisierenden Organisationen eine bedeutende Rolle in der antiimperialistischen Solidarität, insbesondere für Mittelamerika.
Der Internationalismus war seit der Gründung der IV. Internationale ein integraler Bestandteil ihres Selbstverständnisses. Diese Erfahrung lehrte sie, Bewegungen zu unterstützen, auch wenn diese ein anderes ideologisches und politisches Selbstverständnis aufwiesen. Auch lernte sie (sicher mit ungleichem Erfolg), eine konkrete Einheitsfrontpolitik zu verwirklichen und mit anderen Kräften der Solidaritätsbewegung zusammenzuarbeiten: mit anderen revolutionären Gruppen, christlichen Kreisen. KP-Mitgliedern, Dritte-Welt-Aktivisten" usw. Die gleiche Erfahrung konnte auch auf anderen Gebieten gesammelt werden, so etwa in der Solidarität mit Arbeitskämpfen und der Solidarität mit den polnischen Arbeiterinnen und Arbeitern.
Der Niedergang des Sektierertums der siebziger Jahre
Allerdings stellten sich meiner Generation in den siebziger Jahren mehrere Probleme. In den sechziger Jahren, als der Internationalismus zum Großteil (v.a. in Europa) antiimperialistisch war und auf der radikalen Studentenbewegung fußte. vermochte die IV. Internationale zu zentralen Initiativen einen wesentlichen Beitrag zu leisten (etwa in Paris, Berlin, Brüssel, Mailand). In den siebziger Jahren mußte sich der Internationalismus mit der Wirtschaftskrise auch auf die Arbeiterbewegung ausrichten. Die Internationale führte auf diesem Gebiet einige Initiativen durch (Konferenzen von Basisgewerkschaftern). Aber ihre Kräfte erwiesen sich als zu schwach und in den verschiedenen Industriesektoren zu ungleich entwickelt (von einem Land zum anderen), um Erfolg zu haben.
Dies war die Folge eines anderen Aspekts der siebziger Jahre. Die radikale Linke war recht sektiererisch. Die Einheitsbeziehungen zwischen den revolutionären Gruppen gestalteten sich ziemlich die Internationale schwierig, was die Aktionsmöglichkeiten bremste. Obwohl die IV. Internationale eine der einheitsbewußtesten Kräfte der extremen Linken war, entging sie nicht jeglichem Sektierertum und manipulatorischen Vorgehensweisen. Es kam selbst zu schwerwiegenden Entgleisungen, wie jener der Strömung in Lateinamerika, die wir unter dem Namen „Morenisten" kennen. Diese Tendenz trennte sich 1979 von der Internationale anläßlich der Haltung zu Nicaragua.
Zum Glück brachten die achtziger Jahre einen „Klimawechsel" . Immer breitere Kreise in der revolutionären Bewegung kamen zur Überzeugung, daß das Sektierertum bittere Früchte trage: Vertrauensschwund, Energieverlust, Kräfteverschleiß und das Verpassen von Möglichkeiten. Meine persönliche Erfahrung gibt mir den Eindruck, als habe sich bei vielen Revolutionären und überhaupt bei radikalen Kräften in Europa, Lateinamerika und Asien ein neuer Sinn für Dialog und Einheit breitgemacht. Und dies ist vielversprechend.
Sicher sind diese Entwicklungstendenzen noch nicht abgesichert und uneinheitlich. So machen die sich in den USA um die IV. Internationale gruppierenden Kräfte eine schwere Krise durch, und die Tendenz geht dort eher in Richtung Trennung als in Richtung Einheit. Uberall haben gewisse Organisationen das Sekticrertum der siebziger Jahre — oder auch jenes der dreißiger Jahre — behalten. Manche machen aus dem Antitrotzkismus weiterhin eine Religion. Man kann ohne weiteres sagen, daß der Antitrotzkismus - ein Erbe des Stalinismus — eine ähnliche Rolle spielt wie der Antikommunismus für entschieden rechte Regime. Tatsächlich ist der Antitrotzkismus eine spezifische Spielart des Antikommunismus, der aus der eigenen kommunistischen Bewegung herausgewachsen ist.
Trotz allem fanden eine Zusammenarbeit, eine Koordinierung und selbst Umgruppierungen und Vereinigungen statt, und dies zwischen Organisationen verschiedener ideologischer Herkunft, was vor zehn Jahren noch unmöglich war. Gewisse Sektionen der IV. Internationale kannten erst kürzlich solche Umgruppierungen oder gar Fusionen, etwa in Brasilien, Peru oder der BRD." Andere Sektionen (z.B. im Spanischen Staat) befinden sich gegenwärtig in einem Prozeß der Zusammenarbeit mit anderen revolutionären Kräften? • woraus neue Fusionen hervorgehen können.
Neueinschätzungen in den achtziger Jahren
Hinter diesen positiven Änderungen steht mehr als nur ein Einheitswille. Eine gewisse Zahl von Vorurteilen der Vergangenheit ist durch harte Realitäten in Frage gestellt — und dies gilt sowohl für die IV. Internationale als auch für andere revolutionäre Strömungen. Neue Diskussionspunkte wurden angeschnitten, und sie werden noch viel Anlaß zu Diskussionen geben. Die aufgelisteten Probleme sind brennend, vor allem die Frage der Beziehung zwischen Avantgarde*-Internationalismus und ,Masseninternationalismus* In der Vergangenheit konnten die nationalen Organisationen der Internationale einheitlich (meistens) oder sektiererisch (selten) handeln. Aber es gab eine gemeinsame Voraussetzung: die politische Geographie der Linken war im wesentlichen um drei Hauptpole strukturiert: den Stalinismus, die Sozialdemokratie und den revolutionären Marxismus, wie er im Programm der IV. Internationale formuliert ist.
Die anderen Strömungen wurden als „zentristisch" gekennzeichnet, da sie zwischen diesen drei Polen schwankten. Während jedoch zwei dieser Pole real existierten (Stalinismus und Sozialdemokratie), war der dritte bis auf weiteres vor allem programmatisch umrissen, was allein schon Probleme aufwarf, sprach man doch von ihm als einem Anziehungspol. Viele andere revolutionäre Strömungen (Maoismus auf Weltebene, Castrismus in Lateinamerika) gingen von ähnlichen Voraussetzungen aus, und dies um so mehr, als „ihr" Pol real existierte: das Gewicht Chinas und Kubas. Aber die erwartete Vereinheitlichung der internationalen Linken um diese drei Pole fand nicht statt. Die chinesische Außenpolitik entwickelte sich anders als erwartet. In der extremen Linken blieben Mehrspurigkeit und Spaltung die Regel, und dies auf nationaler und internationaler Ebene. Eine zweite Voraussetzung, die bis in die dreißiger Jahre zurückreichte, wurde nun ebenfalls in Frage gestellt: Stimmt es weiterhin, daß die ,,historische Krise der Menschheit auf die Krise der revolutionăren Führung*** zurückzuführen ist? Dieser These hatte folgende Idee zugrundegelegen: die allgemeinen gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen für einen erfolgreichen revolutionären Durchbruch sind in vielen Ländern (v.a. in Europa) gegeben, breite Schichten der Gesellschaft sind bereit zu kämpfen; das hauptsächliche Hindernis sei das Gewicht der bürokratischen Führungskräfte der
KPen und der Sozialdemokratie. Diese Einschätzung mag zum Teil in den dreißiger Jahren (vor allem im spanischen Bürgerkrieg eine Rolle gespielt haben, ist jedoch heute für die imperialistischen Länder unangebracht.
Diese Fragen werden in der IV. Internationale seit ihrem letzten [XII.] Weltkongreß 1985 diskutiert. Sie harren noch einer definitiven Lösung. Aber es haben sich bereits einige Änderungen in der Ausrichtung ergeben. Der damals akzeptierte Text über den Aufbau der IV. Internationale" diagnostizierte einen dauernden Umschichtungsprozeß in der Arbeiterbewegung und der revolutionären Kräfte. Der Kongreß legte Gewicht auf die Rolle der IV. Internationale in diesem „allgemeinen Umgruppierungsprozeß" ? Inzwischen sehen wir uns überall auf nationaler Ebene mit neuen Fragestellungen konfrontiert, gilt es doch, die nötigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, viele Fragen der Strategie und des Aufbaus zu aktualisieren, sowie Begriffe wie „Zentrismus" und die verkürzte Sicht einer einfachen „Führungskrise" neu einzuschätzen und zu kritisieren. Die aufgeworfenen Fragen haben ihre Tragweite: Wie können wir unter den aktuellen Gegebenheiten optimal in den verschiedenen Ländern die revolutionären Kräfte sammeln, ohne die programmatische und politische Errungenschaft, nämlich die IV. Internationale, preiszugeben? Verarbeitete und vereinigte diese Internationale doch in sich nicht wenige Erfahrungen der modernen Geschichte und hatte dies teuer bezahlt - z.B. die Frage der sozialistischen Demokratie. Bis zu welchem Punkt soll die politische Einheit gehen, gilt es doch auch, politische Klarheit zu bewahren? Wie können wir die internationale Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Typen revolutionărer Kräfte verstärken?
auf diese Fragen. Aber es sind bereits bemerkenswerte Anderungen eingetreten: Es hat sich eine neue Art entwickelt, wie mit revolutionären Strömungen außerhalb der IV. Internationale umgegangen wird. Die nun langfristigeren Perspektiven fördern echte Einheitsbeziehungen. Die Suche nach dem Dialog und dem Erfahrungsaustausch ersetzen häufiger als früher die sterile Polemik. In der Analyse der revolutionären Bewegung auf internationaler Ebene hat der Begriff des Pluralismus an Boden gewonnen. All dies ist meiner Meinung nach eine wichtige Wende.
All diese Bemerkungen betreffen nicht nur die organisierten revolutionären Aktivisten. Ein verstärkt internationalistidie Internationale scher und pluralistischer Geist und eine entsprechende Praxis innerhalb der revolutionären Linken kann dazu führen, daß wieder ein ausgeprägterer Sinn für das internationalistische Engagement entsteht und die Hoffnungen, deren Trägerin die Arbeiterbewegung und die sozialen Bewegungen sind, wiederauferstehen. Der verstärkte Gebrauch von Einheitskonzepten gerade innerhalb der Avantgarde-Parteien" dürfte sicher den manipulatorischen Vorgehensweisen in der Massenarbeit einen Stoß versetzen. Auf diese Art und Weise könnten die politisch Organisierten" die Entwicklung ciner autonomen Massenbewegung fördern und nicht stören, wie es oftmals geschehen ist.
Anmerkungen:
• Mein erstes Engagement in einer französischen antiimperialistischen Organisation war jenes in der FSI (Front Solidarité Indochine). Im April 1975. nach dem Sieg in Indochina, löste sich die FSI auf. Ich arbeitete dann in der Solidaritätsarbeit mit Thailand und später in jener mit den Philippinen. 2 Die IV. Internationale entstand 1938 auf einem kommunistischen, antistalinistischen und antibürokratischen Programm. Mehrere Organisationen berufen sich heute auf das Programm dieser Internationale. Ich spreche von jener, die heute mit dem marxistischen Okonomen Ernest Mandel in Verbindung gebracht wird P Siche z.B. J.Ross/E.Mandel, Die Notwendigkeit einer revolutionären Internationale", Inprekorr. Nr. 173, Oktober 1985. S. 18-20.] [* Seit 1975 Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR).] I' Zur Entwicklung der LSSP siehe den Nachruf von Ernest Mandel auf Colvin R. de Silva in Inprekorr. Nr. 217/218, Juli/August 1989. S. 52/53. Ausführliche Informationen über die Degeneration der LSSP und ihren Ausschluß aus der IV. Internationale finden sich in: Revolutionary Marxism vs. Class Collaboration in Sri Lanka. New York: SWP. August 1975 (Education for Socialists: Towards a History of the Fourth International, Part 6).] I* In Brasilien arbeiten die Mitglieder der IV. Internationale als Tendenz Democracia Socialista (Sozialistische Demokratie) am Aufbau der Arbeiterpartei (PT - Partido dos Trabalhadores) mit Sie geben die Monatszeitung Em Tempo heraus. - In Peru sind die Anhänger der IV. Internationale der Vereinigten Mariategistischen Partei (PUM — Partido Unificado Mariateguista) beigetreten (siche Inprekorr. Nr. 186, Oktober 1986. S,19-21: Nr.170. Juni 1985, S.17-24). — In der BRD erfolgte im Oktober 1986 die Fusion der Sektion der IV. Internationale mit der chemaligen westdeutschen Bruderpartei" der Partei der Arbeit Albaniens zur Vereinigten Sozialistischen Partei (VSP). in der die Anhänger der Internationale den Status individueller Mitglieder der IV. Internationale besitzen. - Hinzuzufügen ist. daß die italienische Sektion im Sommer 1989 der Organisation Democrazia Proletaria beigetreten ist (siche Inprekorr. Nr. 221, November 1989, S. 37/38: Nr. 216, Juni 1989. S. 39.42).J [' Es handelt sich dabei v.a. um Movimiento Comunista (MC - Kommunistische Bewegung), eine Organisation maoistischen Ursprungs.] I Siche L.Trotzki. Der Todeskampf des Kapitalismus und die Aufgaben der IV. Internationale (.Ubergangsprogramm") [1938]. in: Die kommunistische Alternative. Texte der Linken Opposition und IV. Internationale 1932-1985. Frankfurt 1989. S. 62.] I Siche Die gegenwärtige Etappe des Aufoaus der IV. Internationale (Resolution des XII. Weltkongresses der IV. Internationale), in: Die kommunistische Alternative. a.a.O.. S.175-178.] Anzeige
Zwei Jahre
Intifada
Vorgeschichte, Verlauf und Perspektiven des palästinensischen Aufstands
Zum zweiten Jahrestag des palastinensischen Volksaufstandes haben der Kommunistische Bund und die Redaktion Straßenmedizin" eine Broschüre herausgegeben, die sich vornehmlich an jene wendet, die nicht eh schon alles" über die Intifada wissen.
Die Broschüre enthält grundlegende Informationen über • die Lage der Palästinenserinnen in Westbank und Gasastreifen.
• die Arbeitsweise der Volkskomitees, • die israelischen und US-amerikanischen _Friedenspläne".
• die medizinische Situation in den besetzten Gebiéten • und die Methoden der Unterdrückung des Aufstands durch Israel.
Die 42seitige Broschüre ist in linken Buch. läden zu beziehen oder gegen Uberweisung von 6 DM (plus 1 DM Porto) bei der Hamburger Satz- und Verlagskoopera• tive. Lindenallee 4, 2000 Hamburg 20
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