Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Internationale: Marxismus und Feminismus

· Inprekorr Nr. 223, Januar 1990 · S. 19-30 · 10.924 Wörter

Frauen Polen Stalinismus und Bürokratie

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EXIGIM UNA ASA O

PER MOVINENT FEMINISTA

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Die kritische Abarbeitung am Marxismus hat in den nistin der ersten Stunde sozusagen, einer, die die Frauenletzten 10 bis 15 Jahren einen wesentlichen Beitrag zur bewegung der siebziger Jahre mitaufgebaut hat und bis Weiterentwicklung der feministischen Theorie geleistet, heute maßgeblich die französische sozialistisch-feministigleich ob auf dem Gebiet der Anthropologie, der Theorie sche Zeitschrift Cahiers du féminisme beeinflußt. Sie hat über das Verhältnis zwischen Geschlechterkampf und den Marxismus von Anfang an nicht als ein Lehrgebäude, Klassenkampf oder der Bedeutung der Frauenarbeit für die sondern als eine lebendige und kritische Wissenschaft auf- Reproduktion des Kapitals und der bürgerlichen Gesell- gefaßt, die im Lichte des realen gesellschaftlichen Werdeschaft. gangs und der neueren wissenschaftlichen Erkenntnisse

Die platte Ableitung der Frauenunterdrückung aus ihrer weiterzuentwickeln sei. Ausgestattet mit einer sehr gründ- Klassenzuordnung, die Verdrängung der reproduktiven lichen Kenntnis der „Klassiker" und ohne Scheu davor, Tätigkeit der Frau aus der Analyse der Produktion und davon über Bord zu werfen, was heute nicht mehr haltbar Reproduktion der Arbeitskraft und die daraus folgende ist, versucht sie glaubwürdig, die marxistische Methode Unterordnung des Geschlechterwiderspruchs unter den auch für die feministische Wissenschaft nutzbar zu ma- Klassenwiderspruch behauptet heute kaum noch jemand. chen, und unterzieht die Klassiker selber dabei einer fun- Wie die neuen Erkenntnisse der feministischen Wissen- dierten Kritik.

schaft sich selbst zur marxistischen Theorie ins Verhältnis setzen, ist dabei ganz unterschiedlich, hängt natürlich auch Der Beitrag, der 1983 für die Zeitschrift Critique Comstark davon ab, welches Verhältnis z.B. sozialistische muniste verfaßt wurde, setzt sich vor allem mit der Frage Feministinnen politisch zum Marxismus entwickelt haben. nach dem historischen und aktuellen Verhältnis zwischen Der vorliegende Beitrag stammt von einer Genossin der dem Geschlechterwiderspruch und dem Klassenwiderfranzösischen Sektion der IV. Internationale, einer Femi- spruch auseinander.

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as Wiederaufblühen des Feminismus in den siebziger Jahren bringt ein Paradoxon hervor: als Produkt einer vom Marxismus geprägten militanten Generation hat es dazu beigetragen, Strömungen zu nähren. die entweder Marx rundweg zurückweisen oder die Überwindung" des Marxismus durch eine Methodologie, die dem neuen Untersuchungsobjekt besser angepaßt erscheint, predigen. Die Erklärung dieses Paradoxons scheint uns auf äußere Faktoren, aber auch auf Faktoren innerhalb der marxistischen Theorie zu weisen.

Der Wunsch. über die Beziehungen zwischen den Geschlechtern nachzudenken, ist nicht, entgegen den überkommenen Vorstellungen, eine Neuerung dieses Jahrhunderts. Man könnte sogar behaupten, daß die Verallgemeinerung der kapitalistischen Produktionsweise und die ideologische Revolution der Aufklärung den Ausgangspunkt sowohl für die Verschleierung der wirklichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern als auch die Möglichkeit ihrer Überwindung darstellen.

Tatsächlich stellt man, wenn man die antiken Sklavenhaltergesellschaften oder die Gesellschaft des Mittelalters betrachtet, verblüfft fest. wie sehr die die Herrschaft über die Frauen rechtfertigenden theoretischen oder phantastischen Ausarbeitungen gegenüber der ideologischen Produktion, die zur Verewigung der Spaltung der Gesellschaft in Klassen bestimmt ist, überwiegen. Die Mythologie des antiken Griechenlands, des konfuzianischen China und des vedischen Indien nährt sich zu einem großen Teil von Konflikten zwischen den Geschlechtern, und die mittelalterliche Kirche hat um die Minderwertigkeit der Frau ein gewaltiges Gebäude von Vorstellungen errichtet.

Dagegen ist das bürgerliche Denken voller Widersprüche. Indem es die Existenz des Menschen als universales, historisches Subjekt außerhalb der Klassen postuliert, ist es für das bürgerliche Denken schwieriger, eine ontologische Minderwertigkeit irgendeiner Gruppe von Menschen zu behaupten (dasselbe Problem hat sich gegenüber den kolonisierten Völkern ergeben, deren „Eliten" sich gegen die Metropolen unter Berufung auf die offiziellen Werte der Bourgeoisie gewandt haben).

Wenn auch die Absicht, eine natürliche Minderwertigkeit der Frau wissenschaftlich zu beweisen. seit zwei Jahrhunderten stets vorhanden gewesen ist, zieht es das bürgerliche Denken doch vor, die Legitimität der Institutionen, durch die die Unterdrückung ausgeübt wird, zu begründen, anstatt ein ..Untermenschentum"* zu behaupten. Die faschistische Doktrin, die rundheraus die Minderwertigkeit der Frau propagiert, ist genau die Ausnahme. die die Regel bestätigt. Der mittelalterliche Priester stellte die"* Frau als diabolisches Wesen hin, die bürgerliche Ideologie propagiert die Notwendigkeit der Familie und die Gleichsetzung von Weiblichkeit und Mutterschaft. Außerdem besitzt die Bourgeoisie eine ideologische Produktion, die auf die Verteidigung ihrer direkten Klasseninteressen ausgerichtet ist: die Wertschätzung der Ardie Internationale beit, des Individuums, die Legitimation des Diese Sichtweise, die zwar auf die Frauen Staates... Die Frauenunterdrückung. so um- stößt, aber niemals von ihrer Unterdrückung fänglich sie auch ist, wird selten benannt. Un- mit der Absicht zu ihrer umfassenden Erkläter anderen Produktionsweisen freiheraus ge- rung ausgeht, bleibt partiell und konnte nur zu fordert, scheint sie unter dem Kapitalismus Irrtümern bei den Voraussagen und zu theore verschwunden zu sein. Wir wissen, daß der tischen Annäherungen führen. Die Frauen Feminismus der siebziger Jahre zunächst et- werden nacheinander als ..Proletarierinnen was behauptet hat, was damals einen Bruch des Proletariats"*, Dienerinnen", Sklavindarstellte: die Unterdrückung existiert, und nen" bezeichnet, Begriffe, die die Phantasie dies sind ihre Ausdrucksformen. anregen, aber kaum zu einem Verständnis der realen Funktion der Unterdrückung innerhalb des Systems beitragen.

Marx, Engels und In den siebziger Jahren war man auch die Frauenunterdrückung Zeuge einer Abwendung vom Marxismus, der der intellektuellen Sterilität beschuldigt Nun, Marx und Engels haben unserer Auf- wurde: Marx hat nichts vernünftiges über fassung nach zu einem intellektuellen Rahmen Frauen geäußert, Engels hat sich über die beigetragen, in dem weder die Beziehungen Frage des Ursprungs der Unterdrückung gezwischen Männern und Frauen noch die allge- irrt. Solcherart waren die am meisten vermeine Lage der Frauen innerhalb des kapitali- breiteten Vorstellungen, die oft von dichotostischen Systems und der verschiedenen Klas- mischen Behauptungen begleitet wurden: sen analysiert wurden, sondern allein die In- Der Marxismus bleibt das Instrument der stitutionen, über die sich die bürgerliche Ge- Analyse der Klassenverhältnisse, er hat keisellschaft reproduziert und worin die Frauen nen Nutzen für die Analyse des Geschlechtermiteinbezogen wurden. verhältnisses. Für ein neues Studienobjekt ist

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auch eine neue Methode erforderlich." Es versteht sich von selbst, daß diese Infragestellung nicht nur rein theoretischen Ursprungs ist. Die fortdauernde Existenz einer reformistischen Arbeiterbewegung mit sozialdemokratischer oder stalinistischer Tradition. die seit Jahrzehnten (mit Ausnahme kurzer revolutionärer Perioden) in dieser Frage die bürgerliche Ideologie wiederkaut, fällt notwendigerweise auf die Glaubwürdigkeit des Marxismus zurück. Die nordamerikanische Herkunft des gegenwärtigen Neofeminismus, der gerne von der Psychoanalyse oder von einer Argumentation, die die Analyse anderer Formen der Unterdrückung (nationale Frage, Rassenunterdrückung) auf die Frauenunterdrückung überträgt, ausgeht, begünstigte kaum ein marxistisches Herangehen. Schließlich konnte der Feminismus, der danach strebt, eine soziale Gruppe zu begreifen, die in einem Verhältnis der Andersartigkeit steht (Mann zu sein, ist das normale, eine Frau zu sein, die Abweichung), schwerlich den Wellen der Philosophien des Unterschieds entgehen, die seit einigen Jahren grassieren: von den „Neuen Philosophen" bis zur „Neuen Rechten" über verschiedene Interpretationen, die sich auf die Psychoanalyse beru- Im Rahmen der vorliegenden Arbeit möchten wir zeigen, was uns in den Texten von Marx und Engels nützlich und was uns problematisch zu sein scheint. Wir möchten auch zeigen, daß die Theorien, die den Marxismus zurückweisen oder ihn zu überwinden vorgeben, unfähig sind, die Frauenunterdrückung in ihrer Totalität zu erklären. Der Marxismus bleibt die einzige Methode, die dies ermöglicht... trotz der einen oder anderen These seitens der Marxisten.

Der Marxismus hat das ungeheure Verdienst, im 19. Jahrhundert die Unterordnung der Frauen angeprangert zu haben, als andere „Sozialisten" so weit gingen, ihre Verschärfung zu predigen (Proudhon). Marx und Engels reihen sich in die Kontinuität der Saint- Simonisten und Fourieristen (darunter Flora Tristan) ein, die die Gleichheit der Geschlechter und den Sturz der bürgerlichen Familie fordern. Indem er über die Utopisten hinausgeht, die sich darauf beschränken, die Unterlegenheit der Frauen zu beschreiben und die Gleichheit im Namen der Gerechtigkeit zu fordern, geht der Marxismus von einer grundlegenden Annahme aus: die Frauenunterdrükkung ist keine Unveränderliche der Geschichte, sondern das Produkt einer Gesellschaftsformation, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern sind nicht naturgegeben, sondern haben gesellschaftlichen Charakter. Diese materialistische und historische Basis bleibt heutzutage die Trennlinie gegenüber der strukturalistischen Ethnologie (Lévi- Strauss), die den Frauentausch als konstitutives Element menschlicher Gesellschaften betrachtet, oder gegenüber den Vertretern der Psychoanalyse, die dem Geschlechtsunterschied die treibende Kraft bei der Strukturierung der Psyche zuweisen.

Doch scheint es, daß in diesem Bereich sich der historische Blickwinkel von Marx mehr auf ein Postulat stützt, das sich aus der Logik die Internationale -des historischen Materialismus ergibt, als auf einer Überzeugung, die von einer präzisen Studie der Stellung der Frau in den verschiedenen Epochen untermauert wird. Um eine systematische Studie dieser Frage zu finden, bedarf es erst des letzten Werkes von Engels - vierzig Jahre nach dem Tode Flora Tristans...

In Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats [1884] werden drei große Perioden in der Geschichte der Frauen unteschieden: die klassenlosen Gesellschaften, in denen die Frauen eine beherrschende Stellung einnahmen (ursprüngliches Matriarchat): die nichtkapitalistischen Klassengesellschaften, in denen die „versklavte" Frau zur häuslichen Reproduktion bestimmt ist; die Ara des Kapitalismus, der die Frauen wieder in die Produktion eingliedert und eine objektive Basis für ihre Emanzipation bietet. Diese Periodisierung ist, wenn auch ungeheuer vereinfachend, akzeptabel; was irrig erscheint, ist die Analyse des Status der Frauen innerhalb gewisser Zeitabschnitte.

Zunächst ist es unbestreitbar, daß Gesellschaften ohne private Aneignung der Produktionsmittel, ohne Staat, in denen sich die gesellschaftlichen Beziehungen in Verwandtschaftsbeziehungen ausdrücken, Beispiele für eine Unterdrückung der Frauen bieten, die unendlich heftiger ist als die, die in den imperialistischen Metropolen gegen Ende des 20. Jahrhunderts herrscht. Zahlreiche Stämme dieses Typs leben fast ausschließlich von Arbeit, die von Frauen geleistet, aber von Männern kontrolliert wird; die wie Waren getauschten Frauen sind dazu bestimmt, in der Ortschaft ihres Ehemannes zu leben, wo sie aller Rechte beraubt sind; die ideologisch-religiöse Ausarbeitung dieser Gesellschaften ist entschieden frauenfeindlich.

Engels' Irrtum

Warum hat Engels sich geirrt? Als Gefangener der ethnologischen Entdeckungen seiner Epoche, die viel begrenzter waren als die, über die wir heute verfügen, hat er zwei Realitäten gleichgesetzt, die keinesfalls miteinander verwechselt werden dürfen: Matrilinearität und Matriarchat. Wenn es unbestreitbar ist, daß die Mehrzahl der bekannten archaischen oder ursprünglichen Gesellschaften entsprechend einem Modell matrilinearer Abstammung funktionieren oder funktioniert haben, so teilt das System die Macht dem Onkel mütterlicherseits und nicht der Frau selbst zu.

Dagegen hat Engels die Bedeutung des Wohnorts der Familie nicht gesehen. Je nachdem ob der Ehemann im Klan seiner Frau leben mußte (Matrilokalität) oder die Frau in dem des Mannes (Patrilokalität, gestaltete sich das Kräfteverhältnis der Geschlechter vollständig anders. Die Verallgemeinerung der Patrilokalität kennzeichnet mehr die „historische Niederlage des weiblichen Geschlechts** (ein zweideutiger Begriff, der einen regelrechten Kampf suggeriert und nicht einen widersprüchlichen Prozeß, der sich über Jahrtausende in sozialen Übergangsformen vollzog) als das Auftauchen der Sklaverei, des Staates, der Patrilincarität und der patriarchalischen Familie.

Darüber hinaus führt Engels den Ursprung der Herabsetzung des Status der Frauen auf eine primitive Arbeitsteilung zurück (der Mann jagend, die Frauen sammelnd und Akkerbau treibend...), die geeignet sei. den Männern die Fähigkeit zu verleihen, sich das gesellschaftliche Mehrprodukt anzueignen. Nun, wir denken, daß es keine „natürliche" und universelle geschlechtliche Arbeitsteilung gibt. Die Männer machen, was die Frauen tun, und umgekehrt: alles hängt von der Gesellschaft ab, in der wir uns befinden. Sogar Spinnen und Weben, weibliche Tätigkeiten par excellence, werden in einigen Stämmen Nordafrikas von Männern ausgeübt! Was für Klassengesellschaften gilt, gilt für ursprüngli- Zwei Jahre

Intifada

Vorgeschichte, Verlauf und Perspektiven des palästinensischen Aufstands

Zum zweiten Jahrestag des palästinensischen Volksaufstandes haben der Kommunistische Bund und die Redaktion „Straßenmedizin" eine Broschüre herausgegeben, die sich vornehmlich an jene wendet, die nicht eh schon alles" Über die Intifada wissen.

Die Broschüre enthält grundlegende informationen über • die Lage der Palästinenserinnen in Westbank und Gasastreifen, • die Arbeitsweise der Volkskomitees, • die israelischen und US-amerikanischen „Friedenspläne".

• die medizinische Situation in den besetzten Gebieten • und die Methoden der Unterdrückung des Aufstands durch Israel.

Die 42seitige Broschüre ist in linken Buchläden zu beziehen oder gegen Überweisung von 6 DM (plus 1 DM Porto) bei der Hamburger Satz- und Verlagskooperative, Lindenallee 4, 2000 Hamburg 20.

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che Gesellschaften: es ist nicht die Natur der Arbeit, die zählt, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen sie ausgeübt wird.

Hier ist nicht der Ort, die Forschungshypothesen über den Status der Frauen in den Gesellschaften vor Aufkommen der Spaltung der Gesellschaft in Klassen zu erörtern, erst recht nicht die Thesen über den historischen Ursprung" der Frauenunterdrückung, worauf jemals eine endgültige Antwort zu finden wenig wahrscheinlich ist. Wir werden nur sagen, daß uns die fruchtbarste Methode die zu sein scheint, die auf den klassischen Konzepten des Marxismus beruht. Auch für die Gesellschaften, wo sich die Produktionsverhältnisse über Verwandtschaftsverhältnisse vermitteln, sind folgende Fragen die nützlichsten: Wer produziert? Wer kontrolliert die Produktion? Zu wessen Gunsten wirken die Verwandtschaftsbeziehungen?

Folglich unterstützen wir die Auffassung. daß die uns bekannten ursprünglichen klassenlosen Gesellschaften, fast alle patrilokal matrilinear oder patrilinear —, auf der Grundlage der kollektiven Aneignung der Arbeitskraft der Frauen durch die Männer funktionieren. Diese Situation kann man in den gegenwärtigen ursprünglichen Gesellschaften feststellen; sie kann aus der Untersuchung archai- •scher Gesellschaftsformationen geschlossen werden, wo die weibliche Sklaverei herrscht und die ideologische Gleichsetzung von Weiblichkeit und Sklaverei eine Konstante ist. Wir meinen somit, daß die mit dem Aufkommen der Sklaverei durchgeführte „Revolution" und die private Aneignung der Produktionsmittel sich sowohl im Bruch als auch in der Kontinuität mit den Gentilgesellschaften vollzichen und die kollektive Aneignung der weiblichen Arbeit und die Entwertung einer Menschengruppe innerhalb eines Klans ein Modell für spätere Formen der Ausbeutung liefern.

Auch wenn wir glauben, daß die erste Form des Klassenkampfes die Frauen in einen Gegensatz zu den Männern gestellt hat, so folgern wir dennoch aus dieser historischen Reihenfolge nicht den Vorrang des Geschlechterkampfes für die nachfolgenden Produktionsweisen. Das Aufkommen der Sklaverei modifiziert den Geschlechterwiderspruch und führt dazu, daß Männer und Frauen jeweils ihrem Platz im Produktionsprozeß zugeordnet werden.

Doch die Frauen werden nicht in der gleichen Weise wie die Männer den Klassen zugeordnet. Während die Klassenzugehörigkeit der Frauen in den ausgebeuteten Schichten eindeutig ist, so ist die der Frauen der herrschenden Klassen in bestimmten Geschichtsperioden viel schwieriger zu erfassen. Zu welcher Klasse gehörte in der Antike die Frau des athenischen Aristokraten, die mit zwölf Jahren verheiratet wurde, in einem Gynäkeion' eingeschlossen jeder Kontrolle über ihre Güter beraubt war und zusammen mit ihren Dienerinnen arbeitete?

Engels charakterisiert die zweite Periode der Geschichte der Frauen durch ihren Ausschluß von der Produktion. Von der Entstehung der Sklaverei bis zur Manufaktur hätten die Internationale die Frauen sich vor allem der Reproduktion im doppelten Sinne des Wortes gewidmet. Die Frau wurde erste Dienstbotin, aus der Teilnahme an der gesellschaftlichen Produktion verdrängt. Erst die große Industrie unsrer Zeit hat ihr — und auch nur der Proletarierin - den Weg zur gesellschaftlichen Produktion wieder cröffnet.*2 Diese Auffassung wird noch von vielen Marxisten vertreten. J.-L. Moynot schreibt, daß in der Geschichte die männliche Arbeit die Hauptrolle gespielt hat", während die Frauen sich der Sorge um die Kinder und den häuslichen Aufgaben widmeten. Diese These scheint uns anachronistisch und unannehmbar.

Anachronistisch, weil sie eine klare Trennung zwischen den Sphären der Produktion und Reproduktion postuliert, die nur der Kapitalismus verwirklicht hat. Nehmen wir das Beispiel eines ländlichen Gemeinwesens auf dem Höhepunkt der feudalen Produktionsweise. Die geschlechtliche Arbeitsteilung war dort absolut und unbeweglich. Aber sie deckte sich nicht mit dem Gegensatz von produktiver und reproduktiver Arbeit. Die Frauen leisteten eine bestimmte landwirtschaftliche Arbeit. und zwar die härteste, die Männer machten den Rest: alle produzierten. Die Frauen spannen, ebenso eine produktive Tätigkeit (gesponnene Wolle wurde mitunter vermarktet) wie die Arbeit auf dem Feld, die zu einem großen Teil der eigenen Konsumtion diente. Und die häuslichen Aufgaben? Sie waren in Anbetracht der Wohn- und Ernährungsverhältnisse ziemlich beschränkt und wurden meist den Großeltern oder größeren Kindern überlassen. Unannehmbar ist Moynots These, weil keine aus der Geschichte bekannte Gesellschaftsformation auf den massiven Gebrauch weiblicher Arbeitskraft für die Produktion verzichten konnte.

Allein eine detaillierte Untersuchung über eine gegebene Gesellschaft in einer gegebenen Epoche kann uns in die Lage versetzen, die jeweilige, im übrigen sehr variable. Rolle männlicher und weiblicher Arbeitskraft zu bestimmen. Aber die Auffassung, daß alle Frauen von der Produktion ausgeschlossen waren, ist ein Produkt der patriarchalischen

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Ideologie, die die Frauenarbeit als Nicht-Arbeit hinstellt. Waren die Sklavinnen der gro- Ben asiatischen Monarchien oder von Mykene, die Textilarbeiten verrichteten oder die ausgedehnten Ländereien der Könige oder der Tempel kultivierten, etwa unproduktiv? Waren die Bäuerinnen des Mittelalters unproduktiv? Im Gegenteil, ein Charakteristikum des Gebrauchs der weiblichen Arbeitskraft ist die Kombination der am meisten entwerteten produktiven Arbeiten mit den Aufgaben der Reproduktion, wobei sich die einen oft als die Ausdehnung der anderen darstellen. Die Verdrängung aus der Produktion hat in den nichtkapitalistischen Klassengesellschaften nur für die Frauen der herrschenden Schichten wirklich stattgefunden. Doch auch sie unterscheiden sich von den Männern der ausbeutenden Gruppen darin, daß sie fast immer arbeiten: sie sind die erste Dienstbotin". im Gynäkeion wie im feudalen Herrenhaus, während ihre Ehemänner völlig „mü- Big" leben und sich, je nach Epoche, der Politik, dem Krieg oder der Jagd widmen. Auch hier scheint uns die Unterscheidung die Internationale zwischen Produktion und Reproduktion wenig sinnvoll zu sein, um die Lage der Frauen in der Sklavenhaltergesellschaft oder der feudalen Produktionsweise zu begreifen. Es scheint uns interessanter, von der Realität des persönlichen Status der Frauen auszugehen, um festzustellen, daß der Gebrauch ihrer Arbeitskraft, welcher Art der Arbeit auch immer. niemals wie der der Männer erfolgt, sondern im Rahmen spezifischer gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse.

In der Sklavenhaltergesellschaft waren die Sklavinnen anfänglich viel zahlreicher; auch wenn sich später eine numerische Gleichheit durchsetzte, so waren die Chancen, freigelassen zu werden, auf die Geschlechter ungleich verteilt, zumal die Sklavinnen mit ihren Kindern einen zusätzlichen Reichtum einbrachten. In der mittelalterlichen Gesellschaft existierte zwischen der Bäuerin und dem Grundherr eine obligate Mittelsperson — der Vater oder Ehemann —, die das Gewohnheitsrecht zum Eigentümer ihrer Arbeit und ihrer Person bestimmte. Nehmen wir das Beispiel des freien Bauern in Westeuropa: er besaß das Nutzungsrecht über sein Land, er konnte es verkaufen und es verlassen; er mußte seinem Grundherrn zahlreiche Abgaben zahlen, aber er war ein freier Mann. Dagegen die Bäuerin: ihr gehörte weder das Land (sie erbte selten) noch das Produkt ihrer Arbeit; sie konnte nicht weggehen, denn sie hing von der väterlichen Autorität oder der ihres Ehemanns ab. Sie war nicht frei.

Zweifellos gehörten sie beide grundsätzlich derselben Klasse an: ihre Interessen verschmolzen gegenüber dem Grundherrn, und ihre Stellung im Produktionsprozeß war ähnlich. Aber es ist offensichtlich, daß innerhalb der ausgebeuteten Klasse die Frauen nicht nur durch ihre Klassenzugehörigkeit, sondern auch durch ihren persönlichen Status in der Familie definiert wurden, ein Status, dessen Ähnlichkeit mit dem in der Sklaverei ins-Auge fällt. Die Frau gehört sich nicht selbst. Der Ehemann oder der Vater, so sehr er auch ausgebeutet wird, hat zugleich in den Gesellschaften, in denen auf allen Ebenen des Sozialgefüges Autorität ausgeübt wird, über die Frau eine ökonomische und politische Macht. vermittelt über die Kontrolle der Arbeit und die Bewahrung der Hierarchie.

Eine bemerkenswerte Intuition

Marx und Engels haben sehr gut gespürt. daß der Kapitalismus für die Situation der Frauen und die Natur der Familie einen wesentlichen Bruch darstellte. Mit einer bemerkenswerten Intuition vermochten sie in der Epoche des „ungebändigten Kapitalismus" in der die Lage der proletarischen Frauen grausamer schien als die der Bäuerinnen, zu sehen, daß die Logik der neuen Produktionsweise zur Schaffung der objektiven Bedingungen einer Emanzipation führen würde. Indem der Kapitalismus tendenziell immer mehr Frauen in die Sphäre der gesellschaftlichen Produktion wirft, indem er eine immer grö- Bere Zahl von Arbeitern und Arbeiterinnen proletarisiert und so die Familie ihrer Rolle der Übertragung des Eigentums beraubt, untergräbt er (teilweise) die Grundlagen der männlichen Herrschaft. Auch wenn uns diese Vision heute als zu einseitig erscheint, auch wenn sich Marx und Engels in den Rhythmen geirrt haben, rechtfertigt der Spätkapitalismus doch zum Teil ihre Analyse.

Es genügt, die Lage der Frauen in der „Dritten Welt", die, bei Beachtung der Proportionen, so sehr der unserer Urgroßmütter ähnelt, mit dem heutigen Status der Frauen in den imperialistischen Ländern zu vergleichen. um sich davon zu überzeugen. Ebenso hatte die positive Rolle, die Engels der Eingliederung der Frauen in die kapitalistische Produk tion (trotz einiger zweideutiger Formeln) zuwies, das Verdienst, das Recht auf Arbeit für Frauen in einer Zeit zu proklamieren, in der die Mehrheit der Arbeiterbewegung die Arbeiterinnen als „Arbeitsplatzräuberinnen" denunzierte. Heute stellt diese Position → mit Nuancen (der Zugang zur Lohnarbeit ist keine hinreichende Bedingung der Befreiung, zumal die Frauen als Frauen proletarisiert werden) - weiterhin die Trennlinie gegenüber denen dar, die theoretisch wie praktisch die Notwendigkeit für Frauen, außerhalb des Hauses zu arbeiten, bestreiten.

Man findet bei Marx und Engels keine Verteidigung der Hausarbeit oder der Mutterschaft mehr; dies ist umso bemerkenswerter, als die utopischen Sozialisten für die Frau Rechte im Namen ihrer Funktion als Mutter einforderten. Ich wiederhole, im Leben eines Arbeiters ist die Frau alles: Als Mutter übt sie in seiner Kindheit Einfluß auf ihh aus; aus ihr und nur aus ihr schöpft er die ersten Vorstellungen jenes so bedeutsamen Wissens, das er sich erwerben muß, das Wissen um das Leben...**) Diese Formulierung von Flora Tristan kann noch als eine Feststellung betrachtet werden, aber der Saint-Simonist Prosper Enfantin oder die Anhänger Fouriers überhöhten die Frau als Mutter mitsamt ihren Pflichten mit einer mystischen Phrascologie. die perfekt an die bürgerliche Ideologie, welche sich seit dem Ende des 18.Jahrhunderts zu dieser Frage herausgebildet hatte, abgestimmt war. Engels ist unendlich aktueller, wenn er schreibt: Die moderne Einzelfamilie ist gegründet auf die offne oder verhüllte Haussklaverei der Frau... **4 Nichtsdestoweniger haben Marx und Engels, wie wir bereits einleitend gesagt haben. nicht daran gedacht, eine Theorie der Frauenunterdrückung zu entwickeln. Im Kapital, worin eine Analyse der Produktionsbedingungen im kapitalistischen System vorgenommen wird, werden die Bedingungen der Reproduktion fast niemals angeschnitten. Die Erklärung liegt in der Natur des Systems selbst, das in der Geschichte die radikalste Trennung zwischen dem Bereich der Produktion und dem der Reproduktion bewirkt hat und so eine getrennte Analyse ermöglicht. Auch trifft Marx auf die Frauen nur durch ihren Eintritt in die Manufaktur; er greift ihre globale Lage nicht Marx und Engels haben eine Theorie der Familie, aber die Struktur, die sie beschreiben, ist mehr ein Vermächtnis der Vergangenheit: die Rolle der Übertragung der Erbschaft

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auf die legitimen Kinder, die Bereicherung dank der Mitgift der Frau, das sind bei ihnen die grundlegenden Merkmale der monogamen Familie. ..Herrschaft des Mannes in der Familie und Erzeugung von Kindern, die nur die seinigen sein konnten und die zu Erben seines Reichtums bestimmt waren - das allein waren die ... Zwecke der Einzelche. "** Marx und Engels hatten Recht, wenn sie feststellten, daß diese Funktion der Familie dazu verurteilt war, mit der Verallgemeinerung des Kapitalismus zu verschwinden. Auch wenn die über die Bildung ererbter Vermögen in Frankreich gemachten Untersuchungen zeigen. daß die Erbschaft eine bestimmende Rolle bei der Zirkulation von Reichtum innerhalb der herrschenden Klasse spielt, ist es offensichtlich, daß dies für die Mehrheit der Bevölkerung nicht die primäre Funktion der Familie ist. Und doch floriert diese Institution weiterhin recht gut — und mit ihr die Frauenunterdrückung.

Die Lücken des Marxismus

Die marxistische Theorie scheint uns zu drei grundlegenden Punkten Lücken aufzuweisen: der unterschiedliche Gebrauch männlicher und weiblicher Arbeitskraft durch den Kapitalismus; das Auftauchen einer bürgerlichen Familie, die an die politischen und ökonomischen Bedürfnisse des Systems angepaßt ist: die Natur der gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern.

Zwei Arten der Arbeitskraft

Marx und seine Zeitgenossen konnten nur die bestimmende Rolle konstatieren, die von weiblichen Arbeitskräften bei der Akkumulation von Superprofiten in der Anfangszeit des industriellen Kapitalismus gespielt wurde. Weiber- und Kinderarbeit war ... das erste Wort der kapitalistischen Anwendung der Maschinerie!*• Die Erklärung für diese Vorliebe erschien klar: im Gegensatz zu den Handwerksgesellen der früheren Zünfte hatten die Frauen keinerlei Ausbildung und waren daher unendlich anpassungsfähiger gegenüber neuen Arbeitsbedingungen; ihre Erziehung und vor allem die extreme Unsicherheit ihrer Existenz machten sie gefügig. Diese Erklärung ist konjunkturell, und Marx liefert sie auch als solche. Nun ist aber die Überausbeutung weiblicher Arbeitskräfte bis hin zum Spätkapitalismus ein strukturelles Phänomen. Jeder weiß, daß die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern bei Arbeit und Beruf die Regel ist, und zwar auf allen Ebenen der Gesellschaftspyramide. Die Unterqualifikation ist nicht eine Ursache, sondern eine unmittelbare Folge der Notwendigkeit für das Kapital, über überausgebeutete Arbeitskräfte zu verfügen. In Frankreich sind wir zu dem Paradox angelangt, daß die Mädchen, weil sie ihre schulische Ausbildung erfolgreicher abschließen. weniger qualifiziert sind; die Mehrheit gelangt zu einem mittleren Abschluß die Internationale oder zum Abitur, während sich die Jungen (infolge ihres schulischen Scheiterns) an eine technische Ausbildung orientieren, woraus sie als besser an den Arbeitsmarkt angepaßt hervorgehen.

Auf jeden Fall genügt es, daß ein Beruf. auch wenn er sehr qualifiziert ist, sich feminisiert, um erstaunlich rasch abgewertet zu werden. Des weiteren wird das, was Marx für die erste industrielle Revolution festgestellt hatte. heute durch die technologischen Veränderungen bestätigt. Mit weiblichen Arbeitskräften werden neue Formen der Arbeit erprobt: Informatik, Bürokratie. Umstrukturierung des Arbeitsrhythmus... Diese Kontinuität genügt. um eine Analogie mit der Arbeitskraft der Immigranten in Europa als oberflächlich zurückzuweisen. Die ausländischen Arbeitskräfte wurden letztendlich stets integriert" was bei jeder Periode ökonomischer Expansion die Ankunft einer neuen Welle erforderte. Die Frauen integrieren" sich nicht und werfen die Frage auf, was es dem Kapital ermöglicht. die Abwertung ihrer Arbeitskraft aufrechtzuerhalten.

Ein wesentlicher Aspekt ist die Zusammensetzung des Lohnes, die für Männer und Frauen verschieden ist. Marx gibt für den Lohn die folgende Definition: ..Der Wert der Arbeitskraft war bestimmt. . durch die zur Erhaltung der Arbeiterfamilie nötige Arbeitszeit. "*" Global bestätigt sich diese Zusammensetzung mit Ausnahme von Perioden zugespitzter kapitalistischer Krisen sowie mit der Ausnahme des Lumpenproletariats. Aber sie gilt nur für die Vergütung der männlichen Arbeitskraft. Dagegen weist alles darauf hin. daß der weibliche Lohn um den Teil beschnitten wird, den die Männer erhalten, um außer sich selbst auch ihre Familie zu unterhalten. Diese Differenzierung des Lohns erweist sich für alle als funktional, da das System ja postuliert, daß alle Lohnempfänger verheiratet sind. Den besten Beweis dafür stellen die Sozialmaßnahnien dar, die in den entwickelten kapitalistischen Ländern zugunsten der Frauen ergriffen werden, Maßnahmen, die darauf abzielen, das Fehlen eines Ehemannes zu kompensieren: Zuwendungen für Witwen. unverheiratete Mütter,, Geschiedene: Hinterbliebenenrenten, die die Witwen sofort crhalten, während die Witwer erst ihren eigenen Ruhestand abwarten müssen, usw. Die Gesellschaft zieht es vor, Millionen von Frauen zu "unterstützen" anstatt die weibliche Arbeits- Kraft ebenso wie die der Männer zu vergüten. Entgegen dem äußeren Anschein und der bürgerlichen Gesetzgebung wird der Abstand zunehmend größer: die Frauen machen einen ständig größer werdenden Anteil an den angelernten Arbeitskräften aus.

Es ist offensichtlich, daß der Zuverdienerlohn sich aus den Erfordernissen der Akkumulation des Profits ergibt; zu bestimmen, ob er darın ein strukturelles oder konjunkturelles Element darstellt, ist abstrakt, da die Realisicrung des Profits stets innerhalb konkreter historischer Bedingungen (und Kräfteverhältnisse) erfolgt. Die Dauer des Phänomens über drei industrielle Revolutionen hinweg spricht zugunsten seines strukturellen Charakters. von den Ursprüngen des industriellen Kapitalismus bis zu seiner gegenwärtigen Phase. Die Besonderheit dieser Uberausbeutung besteht darin, daß sie ihre Legitimation aus einer Instanz zieht, die als außerhalb der Produktionsverhältnisse stehend erfahren wird: der Familie: darüber hinaus aus der gesamten zivilen Gesellschaft, die die Frauen zu einer unterdrückten Gruppe macht.

Die bürgerliche Familie ist nicht verschwunden Marx und Engels prophezeiten das Verschwinden der bürgerlichen Familie in kurzer Frist, was ihnen oft vorgeworfen wurde. Einige Historiker und manche Marxisten behaupteten dagegen, daß sich die Familie konsolidiert habe — eine logische Folge der Festigung des bürgerlichen Staates. Die Voraussage von Marx und Engels erklärt sich durch den historischen Kontext: die vom ,,ungebändigten Kapitalismus" verwirklichte brutale Ausbeutung hatte den Arbeiter und die Arbeiterin von ihrer ländlichen Familie getrennt und die früheren Rollen verändert. Engels hat die englische Situation ausführlich beschrieben, manchmal mit zweideutigen Formulierungen. In vielen Fallen wird die Familie durch das Arbeiten der Frau nicht ganz aufgelöst, sondern auf den Kopf gestellt Die Frau ernährt die Familie, der Mann sitzt zu Hause, verwahrt die Kinder, kehrt die Stuben und kocht. Dieser Fall kommt sehr. sehr häufig vor; in Manchester allein ließe sich manches Hundert solcher Männer, die zu häuslichen Arbeiten verdammt sind, zusammenbringen. Man kann sich denken, welche gerechte Entrüstung diese tatsächliche Kastration bei den Arbeitern hervorruft und welche Umkehrung aller Verhältnisse der Familien, während doch die übrigen gesellschaftlichen Verhältnisse dieselben bleiben, dadurch entsteht. "*s Die Familie erschien so als ein Relikt vorkapitalistischer gesellschaftlicher Verhältnisse, das einen funktionellen Wert nur für die herrschenden Klassen behielt. Darin liegt der Irrtum von Marx und Engels, die ein konjunkturelles Phänomen als strukturelle Erscheinung betrachteten. Dieser, wie bereits gesagt wurde, durch den historischen Kontext zu er- Klärende Irrtum hat sie daran gehindert, eine Theorie der bürgerlichen Familie auszuarbeiten, eine Lücke, die es reformistischen Ideologen der Arbeiterbewegung ermöglicht hat. sich zu Verteidigern der „Arbeiterfamilie" zu machen, ohne dabei als offen mit dem Marxismus brechend zu erscheinen. Tatsächlich hat die Bourgeoisie, nachdem die erste Phase des ungehemmten Kapitalismus erst einmal vorüber war, die Notwendigkeit erkannt, eine Arbeiterklasse nach dem bürgerlichen Vorbild zu „familiarisieren* , die sie als zu mobil und undiszipliniert beurteilte.

Zahlreiche in Frankreich in den letzten Jahrzehnten erschienene Studien, die ein neues Interesse der Historiker für diese Fragen (in Verbindung mit dem Aufstieg des Feminismus) bekunden. zeigen. daß dieser Prozeß bereits seit den siebziger Jahren des

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vorigen Jahrhunderts stattfand: die Bildung annehmbarerer" und vor allem an die Kernfamilie besser angepaßter proletarischer Wohnverhältnisse (die Häuser der Bergarbeitersiedlungen verdrängten die Promiskuität der Kellerlöcher); die Ausdehnung der Mutterschaftsideologie auf die Arbeiterin. Das Interesse, das die Bourgeoisie daran hat, ist offensichtlich: die Aufgaben der Reproduk tion der Arbeitskraft, die das Kapital nicht vergesellschaften kann, werden weiter im privaten Rahmen ausgeführt;" der Arbeiter "gliedert sich ein" , er setzt sich fest und übernimmt vermittelt über die Familie Verantwortung.

Die Frauen werden weiter über ihre Rolle in der Familie definiert, was ihre Überausbeutung und ihren Gebrauch als Reservearbeitskräfte möglich macht. Die Bourgeoisie hat die aktive Hilfe der organisierten Arbeiterbewegung erhalten, die, wie man weiß, im wesentlichen aus qualifizierten männlichen Arbeitern besteht. Dies wird durch mehrere Faktoren erklärt: die altertümelnde Ideologie a la Proudhon, die die Verdienste der patriarchalischen Familie preist, war sehr stark: die Stabilisierung der männlichen Arbeiter erschien günstig für ihre Organisierung durch die Gewerkschaften; vor allem aber bewahrte das Belassen der Mehrheit der Frauen im Hause und die Hoffnung darauf, die anderen dahin zurückzuschicken, vor weiblicher Konkurrenz!

Es findet auch eine fortschreitende Verallgemeinerung des Modells der bürgerlichen Familic auf das gesamte soziale Gefüge statt, ciner Einheit, die für die Reproduktion (abgeschnitten vom Bereich der Produktion), die Sozialisation der Kinder und die Gleichsetzung von Weiblichkeit und Mutterschaft bestimmt ist. Marx und Engels haben keinen besonderen Nachdruck darauf gelegt, daß der Frühkapitalismus nicht in der Lage war, einen großen Teil der häuslichen Aufgaben zu sozialisieren. Ihr Irrtum rührt nicht von der Tatsache her, daß sie dies für möglich hielten, sondern daß sie die konkreten Bedingungen der Reproduktion der Gattung und der Arbeitskraft in ihrer Epoche wenig analysiert haben. Nun rührt aber der Status der Frauen genau von der dialektischen Verbindung zwischen der von ihnen geleisteten reproduktiven Arbeit in der Familie und ihrer Einbeziehung in die Arbeit für den Markt, wobei diese auf jene zurückwirkt. Die Frauen nur in ihrem Verhältnis zur Produktion zu erfassen bedeutet sich des Verständnisses dessen zu berauben. was sie zu „besonderen Arbeiterinnen macht. Solange das System nicht in der Lage ist, sie in Produkte für den Markt zu verwandein, stellen die im privaten Rahmen verwirklichten häuslichen Aufgaben eine ungeheure Einsparung von Kapital dar.

Marx hatte diesen Aspekt schlecht verstanden, als er allgemein postulierte, daß der Arbeiter auf dem Markt die Mittel zur Reproduktion seiner Arbeitskraft findet. Die Hausarbeit erscheint in der klassischen marxistischen Theorie als Nicht-Arbeit, was außerdem im Widerspruch steht zu Engels Formel über die häusliche Sklaverei. Gerne als unentgeltlich beschrieben, sind dies die häuslichen die Internationale

Aufgaben nicht vollständig. Der Arbeiter erhält mit seinem Lohn cinen Teil, der seine Familie leben (oder überleben) läßt und so in gewisser Weise die Hausarbeit der Ehefrau vergütet. Diese Feststellung steht nicht im Widerspruch zur Funktion der Einsparung von Kapital. Der männliche „Zusatzlohn" (die Differenz zum weiblichen Lohn) erreicht niemals die Kosten der Hausarbeitsstunden. selbst wenn diese zum Mindestlohn vergütet würden.

Heißt das. daß Marx und Engels sich vollständig geirrt haben und der Kapitalismus eine Stärkung der Familie hervorgerufen hat? Der so oft gebrauchte Begriff der Stärkung ist nicht zutreffend. Die Bourgeoisie setzt nicht eine Festigung der vorkapitalistischen Familienbindungen durch, sondern eine andere Familie. Kommt das Neue aus einer Konsolidierung der ökonomischen Basis dieser neuen Familie als Resultat der Reproduktion im privaten Rahmen? Das Neue kommt. wie wir geschen haben, aus der räumlichen und ökonomischen Trennung von Reproduktion und Produktion. Aber in den nichtkapitalistischen Gesellschaften würden die sogenannten reproduktiven Aufgaben ebenfalls innerhalb der Familie von den Frauen ausgeführt, eine Situation, dessen sich das gegenwärtige System bemächtigt hat. Man kann sogar sagen, daß der Kapitalismus tendenziell immer mehr die cinst im privaten Rahmen realisierten Arbeiten vergesellschaftet. Von der ersten industriellen Revolution an beginnt in der Stadt die Produktion der Grundnahrungsmittel (Brot, Gemüse. Fleisch) in der Familie zu verschwinden; die Bekleidung wird zunehmend zur auf dem Markt käuflichen Ware... Was den Spätkapitalismus betrifft, so veranschaulicht er die Fähigkeit des Systems, auf breite Bereiche der Reproduktion die Herrschaft der Ware auszudehnen (eine rasante Entwicklung des Marktes für Konfektionskleidung. Fertiggerichte. Wischereien...). Selbst der Konsum verliert (ein wenig) seinen familiären Charakter und wird zunehmend zu einem individuellen Konsum.° Diesem neuen Stadium des Kapitalismus entspricht logischerweise eine neue Welle des Eindringens von Frauen auf den Arbeitsmarkt.

Aus diesem Prozeß können wir zwei wesentliche Elemente festhalten: die private Verrichtung der Hausarbeit ist für das Funktionieren des Systems nicht strukturell unerläßlich, aber eine Notwendigkeit auf lange Sicht; der Status der Frauen bestimmt sich durch die Verbindung von Arbeitsmarkt und Familie, was jedoch in letzter Instanz ihre Lage determiniert, begründet sich aus den Erfordernissen der Akkumulation von Mehrwert. Worin liegt also die Besonderheit der bürgerlichen Familie im Verhältnis zu früheren Formen? Offensichtlich auf politischem Gebiet! Sie vergegenständlicht die Trennung zwischen dem privaten Menschen einerseits und dem Produzenten und Bürger andererseits. Sie verkörpert in effizienter Weise den bürgerlichen Individualismus (die auf sich selbst zurückgezogene Kernfamilie), wobei sie dem Individuum einen Ort mit minimaler affektiver Solidarität sichert. Sie sichert, mehr als je zuvor und trotz der Schulpflicht. die Sozialisation der Kinder. Alle Soziologen befonen: es gibt die Geldheirat nicht mehr, sondern die Liebesheirat, und damit behalt die Familie in allen Untersuchungen an oberster Stelle den Wert als Zufluchtsort. Diese gesellschaftspolitische Funktion ist ausreichend wirksam und ziemlich unabhängig von den ökonomischen Strukturen, um ohne Modifikation von den Staaten Osteuropas integriert zu werden, wo sie den herrschenden Schichten eindeutig dieselben Dienste leistet. Uberall ist die Verinnerlichung dieses Modells sehr stark und trägt zur Entfremdung derjenigen bei, die, wie die Mütter, die Pfeiler dieser Strukturen bilden. Aber der Prozeß ist widersprüchlich. Tatsächlich funktioniert die Familie in den nichtkapitalistischen Gesellschaften unbestreitbar als Ort der Frauenunterdrückung: in diesen grundlegend nichtegalitären Gesellschaftsformationen, in denen der Staat schwächer ist, wird die Autoritat auf allen Ebenen des gesellschaftlichen Gewebes entsprechend den Hierarchien der Geburt, der Funktion, des Alters und des Geschlechts, die als unveränderlich akzeptiert werden, ausgeübt. Die Männer beherrschen die Frauen, weil es Gott (oder die Natur) so gewollt hat. Der moderne Staat, die Inkarnation des über den Klassen oder Gruppen stehenden Rechts. mußte diese Zwischenhierarchien zerstören und die Freiheit und Gleichheit des Individuums ihm gegenüber proklamieren; diese Entwicklung entspricht offensichtlich dem Bedürfnis des Kapitals an „freien" Arbeitskräften.

Aus diesem Grund wurde die alte Familie. Ort der kodifizierten Ausübung männlicher Autorität, langsam und partiell ihrer Rolle beraubt, aus objektiven (Logik des Systems) wie subjektiven Gründen (Kampf der Frauen). Die Teilnahme der Frauen an der Produktion für den Markt, der Zugang zur selben Ausbildung wie die Männer, die bürgerliche Ideologie von der formellen Gleichheit aller Individuen sind in Widerspruch zum unterdrückten Status der Frauen bei der Arbeit und in der Familie geraten. Dieses Phänomen wurde von Marx und Engels vorausgeahnt, weil es in der fundamentalen Logik des Systems lag, aber es hat sich viel langsamer und widersprüchlicher manifestiert, als sie es vorausgesehen hatten. Es ist ein Phänomen, das weit davon entfernt ist, abgeschlossen zu sein, und bei dem die bewußte Intervention der organisierten Frauen ein entscheidendes Element ist.

Die Frage der gesellschaftlichen Beziehungen

Die dritte Lücke in der marxistischen Theorie betrifft die Natur der gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Marx und Engels haben nichtsdestoweniger kraftvollere Ausdrücke gebraucht als ihre diversen Epigonen, die verbissen die Unterdrückung der einen durch die anderen im Namen der Arbeitereinheit leugneten. Die moderne Familie ... enthält in Miniatur alle

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die Antagonismen in sich, die sich später breit entwickein in der Gesellschaft und ihrem Staat." (Marx"") Die ..Einzelehe... tritt auf als Unterjochung des einen Geschlechts durch das andre, als Proklamation eines ... Widerstreits der Geschlechter." (Engels 2) Was dagegen weder der eine noch der andere der beiden wirklich geschen hat, ist die Grundlage - im kapitalistischen System der Aktualität des Konflikts der Geschlechter. Manche Feministinnen sprachen von der Ausbeutung der Frauen durch die Männer mittels der Hausarbeit. Die Auffassung, daß die Männer sich die Arbeitskraft der Frauen für produktive und reproduktive Aufgaben aneignen, scheint uns für die Gesellschaften vor Aufkommen der Klassenspaltung sinnvoll. Sie kann von Fall zu Fall für nichtkapitalistische Klassengesellschaften in Erwägung gezogen werden. Sie gilt nicht für den Kapitalismus. Ausbeutung setzt Abschöpfung von Mehrwert im Rahmen der Produktion für den Markt und die radikale Trennung zwischen dem Besitzer des Kapitals und dem Arbeiter oder der Arbeiterin voraus. Nichts dergleichen trifft für die Hausarbeit zu. Ihre Bestimmung ist es, im privaten Rahmen ausgeführt zu werden, außerhalb des Kriteriums der Rentabilität, und somit ohne, im marxistischen Sinne des Begriffs, produktiv zu sein. Man kann einräumen, daß der Ehemann sich die Arbeitskraft der Ehefrau mit seinem Lohn verschafft, aber ihre Interessen stehen nicht in einem radikalen Widerspruch zueinander; sie sind beide juristisch Eigentümer des Lohnes des Mannes, der zu Hause produzierten Gegenstände, und keine(r) hat ein Interesse daran, den Teil des oder der anderen zu verringern. Mehr noch, der Gatte erwartet einen Dienst; er ist nicht direkt interessiert an der Produktion der Gattin. Ihm liegt wenig daran, ob das Bügeln in einer Stunde oder zwei Stunden vonstatten geht, sofern es nur geschicht; wenn es erledigt ist, wird er nicht beim Nachbarn zusätzlich Wäsche suchen, nur um seine Frau zu beschäftigen!

Das Konzept der Ausbeutung auszuschlie- Ben führt nicht dazu, in der männlichen Herrschaft ein bloßes Zurückbleiben der Mentalität" zu sehen. Wir haben gesehen, daß der Kapitalismus auf der Basis der Überausbeutung der weiblichen Arbeitskraft funktioniert, daß er dadurch beim Unterhalt der Gesamtarbeitskraft einspart. Es ist offensichtlich, daß die notwendige Vermittlung in der Zuweisung eines minderbewerteten Status an alle Frauen besteht, auf allen Ebenen der zivilen Gesellschaft.

Dazu bedarf es keiner großen schöpferischen Phantasie. Es genügt, die Jahrtausende alte Unterdrückung zu übernehmen und dadurch fortzusetzen, mit aktiver Unterstützung derjenigen — aus allen sozialen Klassen →, die daraus unleugbare materielle und moralische Vorteile ziehen. Den Männern wurde ein kollektiver Status als Unterdrücker garantiert, mit Brosamen von Mehrwert (erhöhte Löhne), sozialen (keine Hausarbeit zu leisten) und ideologischen Privilegien. Diese letzteren rufen bei den am meisten Ausgebeuteten Gefühle wie bei kleinbürgerlichen Kolonisten gegendie NACIONAL SOBRE A QUESTÃO DA

Internationale R TRABALHADORA

LACIONAL DE POLÍTICA SINDICAL

COMISSÃO NACIONAL DA QUESTÃO DA MULHER TRABALHADORA CENTRAL ÚNICA DOS TRABALHADORES _JULHO/88 über den Eingeborenen in den Koloniallän- die vereinzelten Fragmente der Frauenunterdern hervor, Gefühle, die ein wichtiger Faktor drückung (Arbeit, Familie. Werte...) zu einer bei der Verschüttung von Klassenbewußtsein Gesamtheit wieder zusammenzufügen, die sind. ihnen einen Sinn gibt. Diese Methode stellt Offensichtlich gibt es im kapitalistischen die Frau wieder in die Geschichte und das System in allen Klassen sowohl Männer als Gesellschaftliche, woraus sie von der patriarauch Frauen. Innerhalb jeder Klasse sind ihre chalischen Ideologie (und nicht von der Realihistorischen Interessen identisch (man kann tät) geworfen worden waren. Indem sie dies sich noch über die widersprüchlichen Interes- tut, stellt sie sich nicht neben den Klassensen der Frauen der Bourgeoisie im unklaren kampf, sondern dringt mitten in ihn hinein. sein). Konjunkturell und konkret stellen sich Nicht weil sie die am meisten Ausgebeuteten die Dinge anders dar: Konkurrenz um den und Unterdrückten sind, sondern weil ihre Arbeitsplatz, besonders in Krisenperioden: Unterdrückung dem Kapitalismus ermöglicht. Konkurrenz um den Zugang zu wichtigen Po- auf allen Ebenen zu funktionieren, und weil sten: Konkurrenz im politischen und im ge- diese Unterdrückung in anderen Formen auf werkschaftlichen Bereich, einem der am mei- andere Unterdrückungsgesellschaften übertrasten verteidigten Bastionen der Männer... gen werden kann. * Diese gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Männern und Frauen fügen sich schlecht in den Rahmen vorgefaßter Vorstel- Anmerkungen: lungen ein. Von Sklaverei oder Leibeigen- [1. Gynäkeion: Frauengemach des altgriechischen Hauses. schaft zu sprechen führt dazu, nicht die recht- .Das Frauengemach war ein abgesondertes Stück des Hauliche Freiheit, die Gleichheit" zu verstehen, ses. im obern Stock oder im Hinterhaus, wohin Männer. die die Frauen heute genießen. namentlich Fremde nicht leicht kamen und wohin sie [die Frauen] sich bei Männerbesuch zurückzogen. Die Frauen Die Männer befinden sich von Geburt an in gingen nicht aus ohne Begleitung einer Sklavin: zu Hause einer generell privilegierten" Situation ge- wurden sie formlich bewacht..." (F. Engels, Der Ursprung genüber den Frauen ihrer Klasse und bei ge- der Familie, des Privateigentums und des Staats. in: K. wissen Punkten in bezug auf alle Frauen. Eine Marx/F. Engels. Werke [MEW]. Bd. 21. Berlin 1984. S. 67.) partielle Analogie besteht mit den rassischen 2. Ebd.. S. 75. Minderheiten (wie in den USA), mit dem we- 3. F. Tristan, Arbeiterunion [1843]. in: Arbeiterunion. Sosentlichen Unterschied, daß die Unterdrük- zialismus und Feminismus im 19. Jahrhundert (Hg. P. Kleikung nicht individuell ausgeübt wird: nicht ser). Frankfurt 1988. S. 124. 4. Engels, a.a.O.. S. 75.

jeder Weiße hat einen Schwarzen, den er un- 5. Ebd.. S. 68. terdrücken kann. 6. K. Marx. Das Kapital. Bd. I. in: MEW. Bd. 23. Berlin Wenn wir hinzufügen, daß das Archaische 1984. S. 416. dieser Unterdrückung in Verbindung mit der 7. Ebd., S. 417. Unmittelbarkeit der Beziehung zwischen 8. F. Engels. Die Lage der arbeitenden Klasse in England [1845). in: MEW. Bd. 2. Berlin 1970. S. 369. Männern und Frauen ihr eine Hauptrolle bei 9. Wenige wissen. daß der ungebändigte Kapitalismus" der Strukturierung der individuellen Persön- Kollektive Dienste-(Krippen. Kinderverwahranstalten) mit lichkeit zuweist, schließen wir daraus auf ihre offensichtlich beklagenswerten Zuständen eingerichtet hatte. Einrichtungen. die gegen Ende des 19. Jahrhunderts Fähigkeit, über die kapitalistischen Produk- wieder verschwanden. tionsverhältnisse und sogar über die gegen- [10. ..Der sich ausdehnende Markt für Fertiggerichte und wärtige Familie hinaus fortzudauern. Die Konserven. für Konfektionskleider und Staubsauger. die Geschlechterkonflikte existieren (wenn auch steigende Nachfrage nach elektrischen Haushaltgeräten aller Art entsprechen dem rapiden Rückgang der innerhalb durch den Klassenkampf zersplittert). wir der Familie früher durch die Arbeiterfrau, die Arbeitermuttreffen jeden Tag auf sie. Daß die innere Ent- ter oder die Arbeitertochter gesicherten Produktion unmitwicklung des Kapitalismus zum Teil eine ob- telbarer Gebrauchswerte: Mahlzeiten. Kleider und unmitjektive und widersprüchliche Basis für ihre telbare Dienstleistungen für den ganzen Haushalt, d.h. Heizen, Putzen, Waschen usw. Indem die Reproduktion der Uberwindung geliefert hat, daß die Zerstö- Ware Arbeitskraft immer mehr durch kapitalistisch crrung des Systems diese objektive Basis erwei- zeugte Waren und kapitalistisch organisierte und angebotert. das ist offensichtlich. Aber, und das tene Dienstleistungen vermittelt wird, erlischt die matekonnten Marx und Engels schwerlich wahr- rielle Basis der Einzelfamilie auch in der Konsumsphäre.** (E. Mandel, Der Spätkapitalismus, Frankfurt 1972, S. nehmen, der subjektive Faktor, der unabhän- 357.31 gige Kampf der Frauen, ist bestimmend. Il. K. Marx, Die ethnologischen Exzerpthefte (Hg. L Die Stärke des Marxismus besteht darin, Krader), Frankfurt 1976. S.160; vgl. auch MEW. Bd. 21. daß er die Methode darstellt, die es erlaubt. S. 61. 12. Ebd.. S. 68.

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liegt im Grad der vertikalen sozialen Mobilität. Von der kleinen und mittleren Bourgeoisie zu den Spitzen der Bourgeoisie aufzusteigen impliziert in Ländern wie den unsrigen, daß man zum Milliardär wird, was nahezu unmöglich ist. Das Gegenteil zu behaupten hieße Mythen verbreiten. In den Ländern des Ostens ist es anders. Die Verzahnung der kleinen und mittleren Bürokratie mit der Arbeiterklasse ist nicht vergleichbar mit der Überschneidung der kleinen und mittleren Bourgeoisie mit den arbeitenden Massen in den kapitalistischen Ländern. Sie äußert sich nicht so sehr durch den Zugang von Arbeitern in die Spitzen der Nomenklatura, sondern durch die Tatsache, daß die kleinen und mittleren Bürokraten umschwenken können, wenn die Massen sich in Bewegung setzen.

• Die rasche Verschärfung der Krise des Systems der bürokratischen Herrschaft erlaubt der Bourgeoisie, ihre ideologische Offensive gegen das „sozialistische Projekt" wiederaufzunehmen und zu erweitern. Und auf wirtschaftlicher Ebene bieten die Versuche der Bürokratie bei der Einführung von Marktmechanismen neue Einflußperspektiven für einen krisengeschüttelten Kapitalismus. Ist nicht der Imperialismus der große Gewinner bei den von Gorbatschow betriebenen Reformen?

• Auf ideologischer Ebene triumphieren die Bourgeoisie, ihre Ideologen und ihre Stützen innerhalb der Arbeiterbewegung: Der Kommunismus ist gescheitert, der Kapitalismus hat den Sozialismus geschlagen, der einzige Weg zu einer besseren Gesellschaft verläuft über Reformen innerhalb des kapitalistischen Systems, ohne es dabei in Frage zu stellen..." Darin besteht Übereinstimmung unter den herrschenden politischen Kreisen im Westen. Wir kämpfen gegen diese Strömung, mit viel Uberzeugung und kohärenten Argumentation.

Aber bei den Fakten wiegen, auch wenn wir langfristig recht haben, unsere Argumente weniger schwer als die Realität, wie sie erscheint und wie sie in den Medien gezeigt wird. Wenn wir das traurige Beispiel Chinas nehmen, so stellen wir fest, daß alle bereits den großartigen, kommunistischen und zukunftsweisenden Aspekt der Pekinger Kommune vergessen haben, so daß nur das blutige Bild der Repression übriggeblieben ist. Dies ist eine Niederlage für die KRISE DES STALINISMUS

Linke und die extreme Linke im Welt- Weltkrieg vorherrschte. Unsere Ge maßstab. Was wir auch immer sagen nossin Catherine Samary, die eine der oder tun, das Bild dieser Niederlage besten Spezialistinnen in dieser Frage wirkt unmittelbar stärker als die histo- ist, hat eine Formel geprägt, die sehr rischen Erinnerungen oder die subti- gut die Situation zusammenfaßt: .Die len Analysen, die wir vorbringen kön- Wiedererrichtung des Kapitalismus ist möglich, aber das wird nicht Schwe- Auf der Ebene der Perspektiven ist den sein, sondern die Türkei." Die es anders. Dort werden die probür- Mehrheit der westlichen Bourgeoisie gerlichen und proimperialistischen ist nicht bereit, eine derartige Opera- Ideologen enttäuscht werden. Neh- tion zu finanzieren, bevor nicht cine men wir das Beispiel China. Es sind soziale und politische Stabilität entdie Kapitalisten, die Bankiers, die steht. Imperialisten, die den meisten ideolo- Man darf im übrigen nicht vergesgischen Lärm um das Massaker auf sen, daß der Marshall-Plan nicht 1945 dem Tienanmen-Platz gemacht haben, gekommen ist. Es ist zunächst nötig die jetzt davon zunehmend weniger gewesen, die soziale, politische und reden und zunehmend mehr Geschäfte militärische Situation in Europa zu mit Deng machen. Die Profite wiegen stabilisieren, den Aufstieg der Arbeials die Menschenrechte. terbewegung zurückzudrängen, bevor Und es sind die gesunden Kräfte der der Kontinent mit Dollars überinternationalen Arbeiterbewegung. schwemmt werden konnte. die die Schlacht für die sozialistische Könnte nun ein Plan dieses Typs Demokratie in China bis zum Ende die kapitalistische Expansion ankurführen werden. Der unversöhnliche beln? Ich denke nicht. Polen und Un- Kampf für die Menschenrechte und garn haben nur ein geringes Gewicht die demokratischen Freiheiten gehört im Welthandel. Natürlich, wenn es allein zu unserem Lager. Dasselbe sich um China oder die Sowjetunion Interview mit ERNEST MANDEL wird in bezug auf Polen und die handelt, dann ist das anders. Aber UdSSR passieren. dies wäre eine Wende in der Welt- Man muß hinzufügen: die Bourge- lage. Wenn diese beiden Länder sich oisie hat Angst. Sie fürchtet, daß die. grundlegend in den kapitalistischen die jetzt am Ruder sind, die Kontrolle Markt integrierten, dann wären die über die Lage verlieren. Sie will keine beiden größten Ereignisse dieses Jahr- Destabilisierung. Sprechen wir nicht hunderts - die russische und die chivon einer siegreichen politischen Re- nesische Revolution - ausgelöscht. volution, sondern von einem General- Aber davvon sind wir noch sehr weit streik à la Mai '68 in Frankreich. Ein entfernt. Diese Veränderung wird solcher Streik in der UdSSR oder in nicht eintreten. Der Kapitalismus Polen hätte Rückwirkungen in der wird sich weiter in einer langen deganzen Welt. Sie wird unter diesen pressiven Welle mit Wachstums- Bedingungen nichts tun, um zu unter- schwierigkeiten herumschlagen. drücken, was das Wesentliche bleibt: Die nächste Rezession ist absolut die Kontrolle über die staatlichen unvermeidlich. Es wird eine Aufein- Strukturen, über die Armee und die anderfolge ökonomischer, sozialer, Polizei der sowjetischen Nomenkla- politischer und kultureller Krisen geben - in den Ländern der „Dritten Welt* wie in den Metropolen. Diese • Die Bourgeoisie hat für den Osten Krisen werden mit den Krisen im eine Art „Marshall-Plan" anvisiert, Osten kombiniert werden. Im Rahum eine „lange expansive Welle" men dieser neuen Weltrealität wird ihrer Wirtschaft auszulösen? der Sozialismus wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen.

• Ich würde sagen: in ganz und gar Mehr als je zuvor gehört die Zubescheidenen Dimensionen. Zu glau- kunft nicht dem von unlöslichen Wiben, daß die Großkapitalisten kurzfri- dersprüchen zerrissenen Kapitalisstig die defizitären Betriebe aufkaufen mus. Vorausgesetzt, daß die Kommuund privatisieren, d.h. Verluste privatisieren, ist ganz und gar illusorisch. Pflicht erfüllen, wird die Zukunft dem Die Staatsindustrie in diesen Län- Sozialismus gehören. dern hat sich entgegen der Logik der Das Interview führte Alain Tondeur. Marktwirtschaft entwickelt. Die eine ist somit unvereinbar mit der anderen. Entsprechend dieser Logik muß diese Industrie abgebaut werden, und diese Anmerkung: |1. E. Mandel, Das Gorbatschow-Experiment. Ziele Länder müssen zu einer Situation zu- + Widersprüche. Frankfurt am Main: Athenãum. rückkehren, wie sie vor dem Zweiten 1989. ISBN 3-610-08527-4.]

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POLEN

Restauration des das 2,8fache. Mit Hilfe massiver Auslandskredite sollte dann seit 1970 ein neues Polen geschaffen werden. Das schien zunächst sehr erfolgreich zu sein. Bis 1975 wuchs die Wirtschaft jährlich Kapitalismus?

HANS-JURGEN SCHULZ um etwa ein Zehntel. Danach aber sanken die Wachstumsraten rapide ab, und 1979 brach die Krise offen aus. Die Produktion sackte erstmals ab.

Das stalinistische System war an der Grenze seiner Expansion angelangt und zu einer Fessel für die weitere Entwick- In Polen ist das „realsozialistische" System offenkundig bankrott. lung geworden. Andere Länder, wie die Sowjetunion, sollten in den nächsten Jah- Die Wirtschaftskrise droht in eine Katastrophe umzuschlagen. Die ren dieselben Erfahrungen machen. Die antikommunistische Opposition hat sich offen organisiert und findet ohnehin rebellische polnische Arbeiterdie Zustimmung einer großen Mehrheit der Bevölkerung. Die herrschaft, die nach Posen (1956) schon 1970 schende Partei scheint sich selbst aufzugeben. Schon amtiert eine bür- (41 Tote) und 1976 ihren Lebensstandard gerlich-stalinistische Koalition, deren Mehrheit offen antisozialistisch mit Massenstreiks verteidigt hatte, wehrte sich entschlossen. Mit Solidarist und den Kapitalismus wieder einführen möchte. Damit ist eine nosć (7 Millionen haben damals gestreikt) grundlegend neue Lage entstanden, die bewertet werden muß. us Erbitterung über die selbstherr- A liche und allmächtige Bürokratie wird heute von vielen in Polen die Geschichte der Volksrepublik als ein einziger Fehlschlag geschen und das Polen der Vorkriegszeit als fortschrittliche kapitalistische Demokratie idealisiert. Das ist allerdings eine Legende.

Die scharfen Spannungen waren die Folge einer permanenten Krise. Die Bevölkerungszahl war von 26,3 (1921) auf 35 Millionen (1939) gestiegen. Doch die Industrieproduktion (übrigens zur Hälfte in direktem ausländischen Eigentum) lag im letzten Friedensjahr (1938) noch unter dem Stand von 1913. Die Kohleförderung war auf 38 Mio. Tonnen, die Stahlwurde 1980 die erste bedeutende unabhängige Gewerkschaft im realen Sozialismus" geschaffen.

Doch weder mit Versprechungen noch Gewalt konnte die Wirtschaft wieder angekurbelt werden. Heute liegt die Produktion unter dem Stand von 1978, der reale Lebensstandard um mindestens 30% niedriger, und die Kapazitäten der Industrie sind allenfalls zu 60% ausgelastet, was auch im realen Kapitalismus ein • produktion auf 1.4 Mio. Tonnen zurück Erfolge und Grenzen des Systems

Der polnische Nationalismus war nur so lange fortschrittlich, wie er um die Unabhängigkeit gegen die Fremdmächte (Polen war unter Rußland, Osterreich und Preußen aufgeteilt) kämpfte. Die nationalen Minderheiten stellten über ein Drittel der Bevölkerung (15% Ukrainer, 9% Juden, 5% Bjelorussen, 2% Deutsche) und wurden kulturell und politisch unterdrückt. Besonders der Antisemitismus nahm üble Formen an. Das neue Regime begann damit, sich in den Jahren 1919/1920 als imperiale Macht zu etablieren und wollte Litauen, Bjelorußland und die Ukraine erobern. Zwar wurde 1919 eine parlamentarische Demokratie eingeführt, zugleich aber die kommunistische Partei verboten. 1926 wurde nach dem Putsch von Marschall Pilsudski ohnehin ein autoritäres Regime etabliert, das bis 1939 die Zügel immer fester anzog. Streiks und Bauernunruhen wurden brutal unterdrückt und die Folter von politischen Gefangenen war üblich. 1934 wurde in Bereza Kartuska ein KZ eingerichtet, und 1939 gab es über 6000 politische Gefangene. Dieses System war sicherlich brutaler als das stalinistische seit 1956. Pilsudski gehörte auch zu den ersten, die sich mit Nazi-Deutschland einigten. Am 26. Januar 1934 wurde ein Nichtangriffspakt geschlossen. gegangen und die Erzeugung von Baumwollstoffen um ein Sechstel. Das bedeutete eine absolute Verelendung. Das Regime war politisch und wirtschaftlich völlig diskreditiert. Es spricht kaum für das polnische Geschichtsbewußtsein, wenn dieses System heute idealisiert und als Vorbild für die Erneuerung dargestellt werden kann.

Die Volksrepublik kann unbestreitbare Erfolge aufweisen. Im Zweiten Weltkrieg waren 38% des Nationalvermögens vernichtet worden, die Industrie sogar zu 60%. Die mit Hilfe der Roten Armee an die Macht gekommene, erst im Weltkrieg wieder gegründete Kommunistische Partei (Stalin hatte sie 1938 auflösen lassen; 19 000 Mitglieder wurden in der UdSSR umgebracht) organisierte eine neue Gesellschaft (Landreform, Verstaatlichung der Industrie, stalinistisches politisches System). Schon 1949 überstieg das Nationaleinkommen den Vorkriegsstand. Die Industrialisierung der nächsten Jahre wurde mit brutalem Terror durchgesetzt, bis der Aufstand der Werktätigen Posens dem im Sommer 1956 ein Ende setzte (85 Tote).

Der wirtschaftliche Aufstieg hielt jedoch an und blieb, bei aller Unterdrükkung, die Bedingung für die Stabilität des Systems. Das Nationaleinkommen je Einwohner stieg zwischen 1950 und 1970 um untrügliches Krisensymptom ist. Offenbar kann es nicht mehr so weiter gehen wie bisher. Die oben können nicht mehr und die unten wollen nicht mehr. Das macht die Krise aus. Die aber ist nicht revolutionär, weil die Massen keine Vision einer anderen Gesellschaft haben. während die Führungscliquen ihre Pläne letztlich verbergen.

Gescheiterte Reformpolitik

Nach der Lockerung des Kriegsrechtes beschloß der X. Parteitag der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR) im Sommer 1986 die Einführung der sozialistischen" Marktwirtschaft, was nichts anderes als die Anpassung des Landes an den kapitalistischen Weltmarkt bedeutete. Es war das übliche Programm: Abbau der Subventionen für Lebensmittel und Wohnungen, Senkung der Sozialleistungen, Eigenverantwortung der Betriebe und Regulierung der einzelwirtschaftlichen Entscheidungen über den Markt und Verpflichtung zur Bezahlung der ungeheuren Auslandsschulden (47,5 Mrd. Dollar, davon knapp 40 Mrd. an den Kapitalismus, 7 Mrd. Rubel an die Sowjetunion; an Zinsen gezahlt oder auf die Schuldsumme aufgeschlagen wurden bisher 50,6 Mrd. Dollar). Niemand forderte ihre Annullierung.

Dieses mit dem internationalen Kapital abgestimmte Programm stellte die Regic-

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rung dem Volke im Sommer 1987 zur Abstimmung. Weltbankpräsident Lari erklärte damals im Fernsehen: Die Polen sollten das Reformprogramm unterstützen. Es ist eine historische Chance des polnischen Volkes."

Das Volk sah es aber anders. Nur 11 Millionen der 27 Millionen Stimmberechtigten votierten dafür. Geändert hat das natürlich nichts. Wirtschaftsminister Wilczek führte das Programm konsequent weiter. Er warb für Joint Ventures, garantierte den ungehinderten Transfer der Profite und warb mit Steuersätzen, die niedriger als in der BRD seien. Hunderttausende Privatbetriebe sollten entstehen, Obergrenzen für die Beschäftigtenzahl aufgehoben werden. .Leute, bereichert Euch!"* , rief er dem Volke zu. Dieses Programm ging an die äußerste Grenze dahin, wo die kapitalistische Restauration beginnt. Doch es war gleichgültig. welche Politik die Regierung verfolgte — was von ihr kam, wurde grundsätzlich abgelehnt. Als es trotz beschwichtigender Interventionen von Walesa und anderen im Juni und August 1988 zu Massenstreiks kam, wurde cines deutlich: Teile der Werktätigen formierten sich zum Widerstand, während die großen Massen allgemein passiv blieben, so passiv, daß immer weniger gearbeitet wurde. Die Regierenden hatten zwar noch die Macht, aber sie konnten die Menschen nicht mehr an der Werkbank POLEN halten oder die Opposition aus eigener Kraft niederhalten, die Gesellschaft aber auch nicht reformieren. Nach ZK-Mitglied Kaslowski hatte die Führung nicht cinmal mehr die Unterstützung der eigenen Parteimitglieder. Damit war sie handlungsunfähig geworden und mußte einfach reagieren. Sie erklärte freilich nicht ihren Bankrott, sondern den nationalen Notstand, in dem alle zusammenstehen müßten - ohne den harten Kern der Opposition, aber das sagte man nicht. Doppelherrschaft

Mit diskreter Hilfe der Kirchenführung wurden Regierung und Opposition am „runden Tisch" zusammengebracht - 56 Männer und eine Frau. Vereinbart wurde ein Wirtschaftsprogramm, das keine Arbeiterselbstverwaltung vorsicht, dafür aber fast schon offen die Restauration des Kapitalismus anpeilt: Marktwirtschaft, freie Entfaltung der Eigentumsformen, Verkauf staatlicher Betriebe an Private und Arbeiter (als ob die sich das leisten könnten). Ausgabe von Aktien und Einführung der Aktienbörse im Jahre 1991, Garantie für das Auslandskapital und Freigabe der Preise. Solidarnośé wird endgültig legalisiert und verzichtete in einem Geheimabkommen auf Streiks, was die PPS-RD (Polnische Sozialistische Partei/Demokratische Revolution) im Mai enthüllte.

In freien Wahlen werden alle 100 Senatoren und 35% der Sitze im Sejm (Unterhaus) zu wählen sein (65% blieben den Blockparteien garantiert; bei der nächsten Wahl entfällt die Begrenzung). Die PZPR erklärte, dieser Weg werde zu einem .,modernisierten Sozialismus in Polen" führen, zu einer „Bürgergesellschaft im System der sozialistischen parlamentarischen Demokratie" und einer •pluralistischen Ordnung unter den Bedingungen einer sozialistischen Marktwirtschaft". Wohl gebe es Gefahren. Die Partei wolle aber der .,Garant einer sozialistischen Entwicklung" bleiben. Darunter versteht sie die Vorherrschaft des gesellschaftlichen Eigentums, die führende Rolle der Arbeiterklasse im Bunde mit den Bauern und der Intelligenz, das Bündnis mit der Sowjetunion und der „sozialistischen Gemeinschaft". Das alles ist nur eine wortreiche Umschreibung der Entschlossenheit, nicht freiwillig abzutreten.

Die anschließenden Wahlen wurden zu einer vernichtenden Niederlage der Partei, die nur etwa ein Zehntel der Stimmen erhielt - aber auch Solidarnosć kommt nur auf 11 Millionen. Äußerlich sicht das wie ein gewaltiger Sieg aus, weil für ihre Liste etwa 60% stimmen - doch nur 62,1% gehen an die Urnen. In den klassenkämpferischen Hochburgen wie Gdansk sind es nur 44,2%. In Wahrheit haben somit weniger als 40% für Solidar-

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nosć, oder genauer: gegen die PZPR. das heißt die stalinistische Partei gestimmt. Solidarnosć ist die einzige Alternative. Selbst unabhängige Kandidaten erhielten zusammen, manchmal sogar allein, mehr Stimmen als die Partei.

Hinter dieser demokratischen Fassade hätte alles noch ein wenig so weiter gehen können wie bisher, wenn der regierende Block gehalten hätte. Doch der fiel auseinander, und so wurde nach einigen Manövern eine Regierung unter Fuhrung von Solidarność mit Mazowiecki als Premier gebildet. Ganz undramatisch, ohne ausländische Intervention oder konterrevolutionären Aufstand, mit Zustimmung der Abgeordneten der PZPR gab diese ihre Alleinherrschaft ab. Der erste Gratulant der neuen Regierung war der herbeigeeilte sowjetische KGB-Chef Krutschkow, der erklärte, alles ist gut und es gibt nichts, worüber man sich sorgen müßte." Solchen Abgang hatte wohl niemand erwartet.

Faktisch ist das keine Demokratisierung, sondern das Machtmonopol wird in ein Duopol umgewandelt. Die Stalinisten geben den Führungsanspruch formal auf, aber sie verfügen über den Wirtschaftsund Staatsapparat, vor allem die Polizei und Armee. Käme es zum Machtkampf. dann würde man sehen, daß die Partei durchaus noch viele Anhänger im Lande habe, erklärte deren Generalsekretär Rakowski - im Partei- und Wirtschaftsapparat, im Staat, in der Polizei und der Armee.

Faktisch hält sie die Macht, aber übergibt die Verantwortung an Solidarność. Deren Kraft kommt allein aus dem Vertrauen und der möglichen Aktivität der Massen. Dennoch wird es für die Bürokratie ein riskantes Spiel, weil langsam alles in Bewegung kommt.

Übergangsregierung

Eine solche Regierung kann sich nur so lange halten, wie das Gleichgewicht der Kräfte besteht.

Zwar ist die Mitgliedschaft der PZPR von 3,1 (1980) auf 2,4 Mio. geschrumpft. Aber von den 1,1 Millionen führenden Stellungen in der Gesellschaft werden bisher 900 000 von ihr besetzt und die übrigen auch nicht gerade von Leuten, denen sie nicht vertraut. 400 000 weitere Mitglieder halten untergeordnete Positionen im Apparat, 400 000 sind Arbeiter (das heißt Meister und Vorarbeiter) und 700 000 „Sonstige" sind strebsamer Nachwuchs für die Bürokratie und Apparatschiks oder im Rentenalter. Das alles bleibt eine Kraft.

Aber der formale Verlust der Macht führte zu Demoralisation und Existenzangst. Viele biedern sich den neuen Her- POLEN

Spendet deutsch- und anderssprachige Literatur für den Aufbau örtlicher Arbeiterbibliotheken der PPS-RD an:

Jozef Pinior, Piatowska 37/8. Wroclaw, Polen:

Geldspenden an Hans-Jürgen Schulz. Hamburger Sparkasse (BLZ 200 505 50) Konto 1 278/466 279.

Stichwort: PPS-RD ren an. die können den Apparat nicht einfach entmachten, aber sie schwächen ihn, wo es nur möglich ist. Auf Dauer wird es für ihn nicht einfach sein, gleichgesinnten Nachwuchs zu rekrutieren und seine Geschlossenheit zu wahren.

Dennoch - der Widerstand dieser Schicht muß erst noch gebrochen werden, ehe die Machtfrage entschieden ist. Mögen auch Teile des wirtschaftliche Leitungspersonals, des Verwaltungsapparates oder sogar der allgemeinen Polizei abfallen und durch Zugeständnisse gewonnen werden können. Aber die Restauration des Kapitalismus würde dieser Schicht als ganzer die gesellschaftliche Basis ihrer Existenz nehmen. Darum wird sie um ihr Überleben kämpfen. Ihr Treuhänder ist gegenwärtig der auf sechs Jahre gewählte Präsident. Er behielt die alleinige Verantwortung für die Verteidigung und Außenpolitik, kann unter Gesetze seine Unterschrift verweigern, mit Dekreten regieren, ja sogar das Parlament auflösen und den Notstand erklären. Außerdem blieben die Ministerien für Inneres, Äußeres und Verteidigung in der Hand der Partei.

Organisatorisch stützt sich die Regierung auf Solidarnośé und die diskrete Hilfe der Kirche, die mit über 50 000 Priestern und Ordensleuten sowie Zehntausenden weiteren Beschäftigten eine Macht darstellt.

Politik der Verelendung

Die nationale Solidarität aus der Zeit der Opposition gegen das Regime ist zerbrochen, weil die Verteidigung der Klasseninteressen immer mehr in den Vordergrund tritt. Den drei Millionen Bauern, die etwa drei Viertel des Bodens bestellen, werden die Erlöse ihrer Verkäufe durch die galoppierende Inflation sofort entwertet. Sie drohen darum offen mit dem Lieferstreik und horten ihre Produktion, während die Lücken durch „Hilfslieferungen** der EG geschlossen werden. Daneben gibt es etwa 300 000 private Handwerksbetriebe und zahlreiche weitere Unternehmen im Dienstleistungsund Transportgewerbe mit zusammen etwa einer Million Erwerbstätiger. Die zusammen annähernd vier Millionen Kleineigentümer verteidigen gewiß nicht eine sozialistische Wirtschaftsordnung. Sie sind ein Wahlerpotential, haben als treibende politische Kraft bisher jedoch keine Rolle gespielt. Eine kapitalistische Restauration würden sie tolerieren, aber kaum engagiert dafür kämpfen. Daneben ist jedoch eine „neue Bourgoisie* von Zwischenhändlern, Spekulanten und Kleinproduzenten entstanden, die ungeduldig fordert, alle der Privatinitiative im Wege stehenden Hindernisse wegzuräumen. Diese Schicht rekrutiert sich großenteils aus Angehörigen des Wirtschafts- und gelegentlich des Parteiapparates, vor allem aber der Intelligenz. Diese formiert sich nicht mehr im Kampf für eine bessere Gesellschaft, sondern sucht nach Aufgabe aller Hoffnungen individuelle Lösungen, darunter gerade ehemalige Kader von Solidarnosć. Diese Schicht ist materiell an der Wiederherstellung der Kapitalismus interessiert. Dem stehen 14 Millionen Lohnabhängige gegenüber. Bei ihnen zählen die Aufbauleistungen des alten Systems längst nicht mehr. Sie beurteilen es an seinem Bankrott und der Unterdrückung. Weit verbreitet sind aber Hoffnungen in einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz, wie sie ihn in Westdeutschland sehen oder sich in Schweden vorstellen. Mit der Einführung der Marktwirtschaft erhoffen sie sich einen schnellen Aufstieg auf westeuropäisches Niveau. Auf diesem Wunderglauben muß die Regierung setzen.

Die kapitalistischen Mächte sind zwar