SAGE
Die Probleme, die sich in der UdSSR stellen, und die Art, in der sie wahrgenommen werden, müssen so weit wie möglich „von innen" geklärt werden. Der Artikel in der vorliegenden Ausgabe von Inprekorr vermittelt den Standpunkt von Boris Kagarlitzki, einem Führer des Klubs Sozialistischer Initiativen, für die notwendige Debatte. Gerade weil er als Aktivist für seinen internationalistischen und Klassenstandpunkt bekannt ist, ist es wichtig. gewisse Aspekte seiner Einschätzung zu diskutieren. Indem ich das tue, behaupte ich nicht, fertige Antworten für die aufgeworfenen Probleme zu haben. Doch laßt uns wenigstens die Debatte beginnen. n diesem Artikel will ich nur einen Punkt aufwerfen. Es gibt keine Gleichheit zwischen den Nationen und den Sprachen in der UdSSR. Kagarlitzki fordert eine solche Gleichheit. Doch tut er das, ohne den unterschiedlichen Status in Rechnung zu stellen, dessen sich das Russische im Vergleich zu allen anderen Sprachen von Anfang an erfreut. Er stellt die Probleme, die sich russischen Minderheiten außerhalb der RSFSR stellen, als symmetrisch mit denen aller anderen Nationalitäten und Sprachen dar.
Tatsächlich zeigt das Fehlen der Symmetrie eher eine unterschiedliche Behandlung solcher Probleme an, die davon abhängt, ob sie dominierende Nationalitäten und Sprachen oder dominierte Nationalitäten und Sprachen betreffen. Bekanntlich war russisch das Instrument stalinistischer Beherrschung. Es bleibt, besonders in den Streitkräften, ein Instrument des bürokratischen Zentralismus. Doch bleibt es ratsam, ein vereinfachendes Herangehen zu vermeiden. Großrussischer Chauvinismus
Für die Bürokratie sind es ihre Privilegien und darum ihre politische Macht, die wesentlich sind. Die Mittel sind nicht sehr wichtig. In dieser Beziehung ist Pragmatismus die Regel. Während der großrussische Chauvinismus tatsächlich zu den unterdrückenden zentralistischen Zügen des aufsteigenden Stalinismus paßte", konnte und wird die Beachtung zentrifugaler nationalistischer Spannungen die Bürokratie zwingen können, nationale (oder gar nationalistische) Mittler zur Konsolidierung ihrer Macht zu suchen. Die korrupteste Sorte Breshnewscher „nationaler" Bürokratie beherrschte Kasachstan und beherrscht noch die Ukraine.
Die russische Vorherrschaft bedeutet zudem nicht, daß die russische Bevölkerung begünstigt ist. Sie ist nicht notwendigerweise bei den Optionen der geplanten Entwicklung begünstigt. Auch hat sie die stalinistische Unterdrückung und Bedrückung mit anderen „geteilt" . gehörte sogar zu jenen, die am schlimmsten betroffen waren.
Die Stoßrichtung der großrussischen und antisemitischen Organisation Pamjat [Gedächtnis] und bekannter Dorf"-Autoren wie Walentin Rasputin widerspiegelt in reaktionärer Weise die verbreiteten Gefühle einer Bevölkerung, die ursprünglich in der Masse in ihrer Kultur bäuerlich und religiös war und die brutal der Zwangskollektivierung und bürokratischen Repression der Kirche unterworfen war. Diese Bevölkerung versteht ihre eigene Unterdrückung als eine ,,russische Frage** Boris Kagarlitzki hat auch recht, wenn er in dem [in Inprekorr , Nr.211, Januar 1989. veröffentlichten] Interview sagt, daß die Russen außerhalb Rußlands weit davon entfernt sind, immer und überall herrschend zu sein. Es ist auch wahr, daß die eingewanderten russischen Arbeiter in Estland ungelernte Arbeiter sind und daß sie tatsächlich die Mehrheit der Arbeiterklasse in den großen Fabriken der Republik bilden, daß sie dafür nicht verantwortlich sind.
Dennoch ist die Politik der Russifizierung nicht allein (und vielleicht nicht einmal hauptsächlich) der Grund dafür. Die Anziehungskraft einer Republik, die entwickelter als Rußland ist (die einen besseren Lebensstandard und bessere Jobs bietet), ist eine ausreichende Erklärung, um diese Tendenz zu erklären. Der bürokratische Zentralismus fördert diesen Prozeß ganz geplant durch die Finanzierung der Anwerbung und Unterbringung.
Dennoch bleibt nicht weniger wahr, daß das Russische in der Union und manchmal auch in den Regionen vorherrscht. Darum begünstigt auch unabhängig von einer vorsätzlichen Politik der Russifizierung die bloße Entwicklung das РУБ 10 РУб Russische gegenüber allen anderen Sprachen, auch wenn sie gleiche Rechte haben.
Konkret, da russisch eine gesellschaftlich-wirtschaftliches Mittel zur Förderung der Mobilität von einer Republik in eine andere ist, zwingt die freie Wahl der Sprache die Menschen, russisch zu ler- Der historische Zusammenhang
In seinem Artikel bringt Kagarlitzki das Argument der gleichen bürgerlichen und kulturellen Rechte* , das Englischsprachige auch in Quebec vorbringen, indem sie sich auf die (individuelle) Freiheit der Wahl und das Recht, seine oder ihre" Sprache zu sprechen stützen. Persönliche Rechte stoßen hier mit dem Schutz bedrohter Gemeinschaften zusammen.
Die englisch sprechende Minderheit in Quebec ist in Kanada so vorherrschend wie die russische Minderheit in Estland zentral vorherrschend ist (und schon die Mehrheit in gewissen Gebieten Estlands und Lettlands ist oder werden kann). Allgemein kann sie darum nicht wie wirkliche,, Minderheiten behandelt werden. Kurz, es besteht die Notwendigkeit cines besonderen Schutzes gegen die Stärke des Russischen.
Diese Frage ist offenkundig mit den stalinistischen Verbrechen der Vergangenheit verbunden. Die Zwangsassimilierung der baltischen Republiken an die UdSSR erfordert eine besondere Berücksichtigung der dort verbreiteten nationalen Gefühle. Die Aufgabe der Linken ist besonders in Rußland zunächst zweifellos, diese Vergangenheit der russischen Arbeiterklasse in Estland zu erklären und sie zu überzeugen, die Notwendigkeit des Vorranges der estnischen Sprache innerhalb der Republik und das Selbstbestim-
UDSSR
Delegierten das Wort „Genosse' in den Volksfront wurden ohne geheime Ab- nationale Unabhängigkeitspartei tätig. Reden verwendete?* , fragte er die russi- stimmung in den Rat der Bevollmächtig- Das bezeugt eine wirkliche Demokratischen Gäste. .Das ist symptomatisch." ten aufgenommen, obwohl einige von sierung. die ohne die Erfolge der Volks- Es wurde aber nicht nur die traditionell ihnen sehr wenige Stimmen erhielten. front undenkbar wäre. Andererseits aber schwache marxistische Strömung in der Die neu gewählte Verwaltung des Rates war es schwer, neue Gefahren nicht zu Front geschwächt. Sogar die sozialdemo- der Bevollmächtigten erschien mit musi- sehen, durch die Aufstachelung nationakratischen Ideen verloren Einfluß. kalischer Begleitung - umgeben von ler Gefühle geschaffene antidemokrati- Viele der von den Delegierten erhobe- schönen Mädchen in Nationaltrachten auf sche Tendenzen, Provinzialismus vernen und mechanisch in das Konzept der der Bühne. Bilder von Savisaara und bunden mit der Unfähigkeit mancher Selbstfinanzierung der Republik" des Marju Lauristan, dem zweiten Mann in Führer der Volksfront. …estnischen Wunders" aufgenommenen der Volksfront", erschienen ständig auf Ein ähnliches Bild bot sich wenige wirtschaftlichen Vorschläge liefen auf die den Seiten des Westnik Narodnowo Wochen später den Moskauer Aktivisten Abschottung der estnischen Wirtschaft Fronta, der während des Kongresses täg- auf dem Kongreß der lettischen Front. vom russischen Markt hinaus, auf den lich erschien. All das erinnerte an eine Nach ihrer Rückkehr berichteten sie einer Abbau wirtschaftlicher Bindungen zU Show, auch wenn der Regisseur naiv zu Versammlung der Moskauer Volksfront: anderen Republiken auf ein Minimum sein schien. „Es war wie in Estland. nur viel schlechund auf die Erwartung großer Erfolge Auf der Rückfahrt mit der Bahn war ter organisiert." Estlands auf fremden - das heißt westli- die Stimmung der Moskauer Gäste ver- Obwohl radikale Resolutionen über chen - Märkten. ständlicherweise nicht so gut wie auf der soziale Gerechtigkeit, Bürgerrechte und Keiner der Ideologen der Front zwei- Hinfahrt. Die Unterschiede zwischen der Demokratisierung angenommen wurden, felte, daß solche Erfolge prächtig wären. Moskauer und der estnischen Volksfront charakterisierte die Resolution ,über die obwohl keiner auch nur die allgemeinsten hoben sich nicht nur in programmati- Beschränkung der Einwanderung" die Vorstellungen über die künftige Außen- schen Formulierungen (mehr "links" russischen Ankömmlinge als handelspolitik hatte. Mit den Worten ei- und weniger „rechts"*), sondern auch im Massen ungelernter und ungebildeter nes Ökonomen der Moskauer Volksfront. politischen Denken ab. Fast alle Gäste Menschen", die die lebenswichtigen In- W.Ponomarjow: .,Dieses Programm ist des estnischen Kongresses kehrten mit teressen des lettischen Volkes bedrohten. weder links noch rechts, es ist cinfach un- sehr gemischten Gefühlen zurück. Nach der Resolution sollten nur Bürger tauglich." „mit ständigem Wohnsitz in der Repu- Dies war eine besondere Art von Kon- Konfrontation von Ideen blik" an den Bildungseinrichtungen Lettgreß und befremdete nicht nur die russi- lands studieren dürfen, und alle Organischen Gäste, sondern auch die ausländi- Einerseits sahen sie Massenversamm- sationen der Volksfront sollten .,in dieser schen Journalisten. Fast niemand kriti- lungen in Tallin, eine wirkliche Konfron- Frage eine unversöhnliche Haltung" einsierte die Führer der Front. Es gab prak- tation von Ideen und Programmen und nehmen. tisch keine Debatten über strategische die legale Tätigkeit verschiedener inoffioder taktische Fragen. Nur einzelne For- zieller Massenorganisationen. Neben den Sorgen und Proteste mulierungen des Programms wurden dis- 60.000 Mitgliedern der Volksfront und der Russen kutiert. Kandidaten für die Führung der den 12.000 der Inter-Bewegung" sind ebenso „Grüne" wie auch eine kleine Natürlich, solche Erklärungen lösten zunächst Sorgen, dann Proteste bei den ПОЧТА PEREP 22500 РУБ.
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БИРЖА РОЛЕТАРИИ! ОЕДИН ЕСЬЕ 32 INPREKORR 215
einräumte, waren die Behörden unfähig. das Mißtrauen der russischsprachigen Bevölkerung zu überwinden"*. (Iswestija, 18. Oktober 1988.)
Andererseits provozierte der wachsende estnische Nationalismus eine entsprechende Antwort unter den Russen und anderen Minderheiten. In Tartu wurde eine ,Internationalistische Bewegung" gebildet, die von P.Kogan und dem sibirischen Esten A.Saj geleitet wird. Die Führer der „Inter-Bewegung" kündigten an, sie seien bereit, die grundlegenden Prinzipien des wirtschaftlichen und politischen Programms der Volksfront zu unterstützen. Aber sie sprachen sich entschieden gegen jede Form der Diskriminierung der russischsprechenden Bevölkerung aus.
In den Dokumenten der „Inter-Bewegung" wird betont, die russischsprechende Gemeinschaft bilde die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung nordöstlichen Teil der Republik, und jede Politik gegen die Interessen der Russen würde die wirtschaftliche Entwicklung dieser Region der Republik lähmen. In vieler Hinsicht erscheint das Programm der „Inter-Bewegung" als wesentlich demokratischer als das der Volksfront. Es betont die Idee gleicher bürgerlicher und kultureller Rechte sowie die nationale Vielfalt.
Man sagte, die „Inter-Bewegung" mit ihren demokratischen Losungen und der Bereitschaft zum Dialog mit der Volksfront sei das kleinere Übel"* sogar für Esten. Wäre die Internationalistische Bewegung" erfolglos, würde das Vakuum durch strammen russischen Nationalismus ausgefüllt. Das wurde in den Dokumenten der Internationalistischen Front* hervorgehoben, die die Gefahr des Ausbreitung ,chauvinistischer und extremistischer Organisationen* unter den Russen erkannte (Wperjod, 1.Oktober 1988).
dD trou hier de zugestanen reden. Dennoch gen ihres Programms die Führung der „Inter-Bewegung" in der öffentlichen Meinung als konservativ eingeschätzt wird. Ihre Erklärungen verraten eine deutliche Nostalgie für die „Stabilität" vergangener Zeiten, als die Rechte der nichteinheimischen Bevölkerung sicher garantiert waren. Arnold Saj, der sich mit den Delegierten der Moskauer Volksfront auf dem Kongreß traf, beeindruckte sie als eine völlig ehrenhafte, aber zweifellos konservative Persönlichkeit.
Gleichheit der Nationen und Sprachen
Ein wesentlicher Teil der russischen technischen Intelligenz und Arbeiter- UDSSR schaft schloß sich nicht der ..Inter-Bewegung" an, sondern dem .. Vereinigten Rat СІЯ der Arbeiterkollektive". Der Anstoß für die Bildung dieser Organisation kam von einer Rede des Managers von Dwjagatel', einer Fabrik in Tallin. In diesem Fall waren es elementare Forderungen - Gleichberechtigung der Nationen und der beiden offiziellen Sprachen, estnisch und russisch.
Unter dem Druck der Führung der Republik und nach Verhandlungen mit gemäßigten Vertretern der Volksfront war das Management von Dwjagatel bereit, seine ursprünglichen Formulierungen zurückzunehmen, erhielt diesmal aber nicht die Unterstützung der Werktätigen. Uber 80% der Beschäftigten der бколо entschlossen sich zur Unterstützung der „Deklaration" von Dwjagatel.
Der daraus hervorgegangene „Verei- dungen zu Dutzenden von Lieferanten nigte Rat" erkannte an, daß „die Interes- und Abnehmern in allen Republiken. sen der einheimischen Bevölkerung Vor- Laut den Managern ,,könnte eine ,Estnirang haben", erklärte aber zugleich ent- sierung' der Unternehmen zu einer wirtschieden, daß er keine ,,Verletzung der schaftlichen Katastrophe werden." Menschenrechte* hinnehmen würde, und Die Lage verschlechterte sich, und was forderte die Annahme von Gesetzen auf den Sitzungen des Kongresses ablief, zum Schutz nationaler Minderheiten ge- beruhigte die Gemüter nicht. Eine Vergen Übergriffe". (Iswestija, 18.Oktober treterin der Volksfront von Kohtla-Järve 1988.) Grundlage dieser eindrucksvollen (ein vorwiegend russisches Gebiet in Est- Einstimmigkeit von Arbeiterschaft und land) erklärte von der Redetribüne offen, Management waren nicht nur nationale. sie sei besorgt. Russische Aktivisten der sondern auch wirtschaftliche Interessen. Front fanden sich zwischen Skylla und Charybdis. Ein weiteres Opfer der natio- Zwischen nalistischen Euphorie war der linke Flü- Skylla und Charybdis gel der Front. Rem Blum, ein marxistischer Philosoph aus Tartu, einer der Die fraglichen Fabriken stehen meist Gründer der ersten Initiativgruppe der unter zentraler Kontrolle, produzieren für Volksfront in der Republik, wurde nicht den russischen Markt und haben Verbin- einmal in das Präsidium des Kongresses gewählt.
Haben Sie bemerkt, daß keiner der ОРСФЕР 191H3 27 р.
UDSSR wie den Vertretern vieler Organisations- gen gewohnt sind, seine Rede bald lang komitees der Volksfront aus „Slawi- weilig fanden. Wir erkannten aber rasch, schen" Republiken war die erhabene daß es hinter dem geruhsamen Ablauf des Pose und die triumphalistische Stimmung Kongresses wirkliche Leidenschaften des estnischen Kongresses ein wirklicher gab. Die Sprecher nach Savisaara stellten Schock. Die perfekte Ordnung in der eine Forderung nach der anderen auf, von imposanten Halle mit 3500 Delegierten, denen nur wenige soziale Fragen betradie aufmerksam Dutzenden von Spre- fen. chern zuhörten, stand im radikalen Ge- Trotz des Eintretens für einen Dialog gensatz zu dem. was sie von zu Hause mit den russischen Bewohnern der Repukannten, obwohl die Aktivisten aus Kui- blik bezogen die Vertreter der Front eine byschew und Jaroslawl schon Erfahrun- harte Position gegen jene, die sie gering gen mit großen Versammlungen hatten schätzig Immigranten" nannten. und die Leute aus Moskau und Leningrad Es war die Rede von der Möglichkeit. mehr als eine „Zusammenkunft" oder die Russen aus dem Territorium der Re- „Konferenz" abgehalten hatten. publik zu vertreiben. Einige der vorge- Die Einführungsrede durch den Vorsit- schlagenen Mittel zeichneten sich nicht zenden der estnischen Front, E.Savi- durch Originalität aus. Es wurde vorgesaara, war sorgfältig ausgewogen. Er schlagen, eine Bürgerrecht der Republik spielte klar auf die Notwendigkeit der einzuführen, das nur jene erhalten soll- Umwandlung in ein Mehrparteiensystem ten, die estnisch sprechen könnten, in an, bemerkte aber zugleich, daß „Eile" Estland mindestens zehn Jahre gelebt hätin dieser Frage unannehmbar" sei. Er ten und der Republik gegenüber loyal trat für einen Dialog mit der russischspra- sind"(!). chigen Bevölkerung der Republik ein. Er Es wurde die Stillegung großer Indukritisierte Stalinisten, Nationalisten und striebetriebe mit einer großen Mehrheit sogar Technokraten und riet der Front. russischer Arbeiter diskutiert. Zugleich ..die Politik der Ultimaten zu vermei- wurde vorgeschlagen, daß jeder heimden". (Westnik Narodnowo Fronta. kehrende Russe 10.000 Rubel ..Reiscko- Nr. II. 1988.) sten" erhalten sollte. Die Republik Er sprach ganz ruhig und nüchtern, könnte diese Summe leicht erhalten, weil indem er die am wenigsten strittigen For- für jeden russischen Arbeiter, der nach mulierungen wählte. so daß die Russen. Estland käme, an die Republik 16.000 die leidenschaftliche und scharfe Diskus- Rubel aus dem Haushalt der Union gesion sowie Stimmung auf Versammlun- zahlt würden. In Sachen nationaler Gleichheit wurden keine Kompromisse gemacht. Es gab nur eine offizielle Sprache, estnisch. Den 40% der Bevölkerung, die normalerweise russisch sprechen, wurde das Recht der offiziellen Anerkennung iher Sprache verweigert. Zugleich wurde betont, daß jedes estnische Ziel ein unabhängiges Estland ist* (Westnik Narodnowo Fronta, Nr. 10, 1988), daß ,,wir wie Finnland und Schweden sein wollen".
Bürger zweiter Klasse
Wie allgemein bekannt. verweigert Finnland der schwedischen Minderheit nicht die gleichen Rechte der Sprache, während die estnische Nationalbewegung den russischen Nachbarn in der Republik nur die Möglichkeit läßt, auszuwandern oder zweitklassige Bürger zu werden.
Dabei handelt es sich nicht um extreme Positionen, die es unvermeidlich in Massenorganisationen gibt. Offizielle Kreise der Republik ließen klar erkennen, daß sie ähnliche Ansichten vertreten. Als das Präsidium des Obersten Sowjets Estlands eine Kommission für das Sprachenproblem bildete, waren nur drei der 20 Mitglieder Russen. Wie zu erwarten, unterschieden sich die Schlußfolgerungen der Kommission kaum von den Vorschlägen des Volksfrontkongresses. Wie Iswestija •ВСЕСОЮЗНАЯ НИЖЕГОРОДСКАЯ 1927 ЯРМАРКА
ЛЕНИН eine breitere Massenbasis für einen Teil der örtlichen Führung gewinnen, als diese je besaß.
Natürlich war der Verwaltungsapparat der Republik nicht einheitlich. Zusammen mit dem Gegensatz zwischen zentralen Behörden und denen der Republik gab es den traditionellen Konflikt zwischen „echten"" und „sibirischen" Esten. Da er den örtlichen Kadern nicht traute, hatte Stalin es vorgezogen, den Verwaltungsapparat mit Leuten aufzubauen, die keine Lebenserfahrung unter den Bedingungen einer „bourgeoisen" Republik hatten. Estnische Siedlungen in Sibirien, die es seit zaristischer Zeit gab, boten eine ideale Möglichkeit, dieses Problem zu lösen. Auf der einen Seite wurden ,nationale Kader" (einige von ihnen sprachen kaum estnisch) gefördert und auf der anderen wurde die örtliche Bürokratie vom Erbe „der alten Gesellschaft"" befreit. Es ist nicht überraschend, daß, als „echte" Esten in die Reihen der Bürokratie eintraten, der Wettbewerb zwischen den beiden Gruppen sich verstärkte. Die „Neuankömmlinge" hatten sich auf die sprüche des „estnischen Wunders" . Dennoch gaben die Vorgänge im Baltikum Anlaß zum Optimismus. Als ob es keine starken nationalbürokratischen Tendenzen gäbe, sprachen die Leute von einer demokratischen Massenbewegung, die Teil eines allgemeinenen Prozesses der politischen Umwandlung in der Sowjetunion würde.
Der von Experten der estnischen Volksfront ausgearbeitete Programmentwurf enthielt eine Reihe radikaler Reformforderungen, um die bürgerlichen Rechte auszudehnen, eine verfassungsmäßige Regierung zu bilden und demokratische Wahlen der Sowjets zu sichern. ,Das Ziel der Volksfront ist es," hieß es im Entwurf, „ein Estland zu schaffen, in dem sich alle Esten frei und sicher fühlen." Während sie die historischen Rechte der Esten als einheimische Nation auf dem Territorium der Republik verteidigten. betonten die Autoren des Entwurfes, daß es unzulässig ist, die demokratischen Rechte der Angehörigen anderer Nationalitäten zu verletzen". (Westnik Narodnowo Fronta, Nr.4, 1988.) Das Wirtschaftsprogramm der Front war deutlich von den Vorstellungen der skandinavischen Sozialdemokratie beeinflußt. Auf der einen Seite sprach man von der freien Entwicklung von Genossenschaften, individuellem und Privateigentum" und verfassungsmäßigen Rechten" für Privatunternehmer, auf der anderen Seite über die Stärkung der sozialen Sicherheit, des Gesundheits- und Erziehungswesens, über die staatliche Garantie eines Mindestlebensstandards für alle und die Aufrechterhaltung der Prinzipien sozialer Gerechtigkeit.
Nach Meinung der Autoren des Programmentwurfs sollte die Umwandlung in eine Marktwirtschaft von der Aufrechterhaltung einer größeren Rolle des UDSSR
Staates begleitet sein. Tatsächlich wurde in vieler Hinsicht die Stellung der herrschenden Kreise in der Republik durch die Übergabe von Rechten an sie gestärkt, die früher Moskau besaß. Es war vorgeschlagen worden, daß administrative Hebel den Behörden der Republik für den Eingriff in die Wirtschaft bei Preisen, Löhnen usw. bleiben sollten. Schließlich sprach der Programmentwurf der Volksfront über die Notwendigkeit der Dezentralisierung, über eine kleinere der Arbeitskollektive oder die Beteiligung von Arbeitern an wirtschaftlichen Entscheidungen.
Obwohl die Interessen der Ministerien und Autoritäten der Republik zweifellos einer der wichtigen Faktoren bei der Formulierung dieses Dokumentes waren, kann gesagt werden, daß die Ideologen der Front auf der Basis des demokratischen Sozialismus bleiben und die gleiche Vorstellung gesellschaftlichr Entwicklung vertreten wie der gemäßigte Flügel des westlichen Linken.
Die Moskauer Volksfront, in der der Einfluß marxistischer Ideen viel stärker ist, konnte natürlich nicht jeden Punkt des estnischen Programmes unterstützen, aber sie war bereit, sich mit einer Reihe von Vorstellungen zu solidarisieren. Als eine Delegation den Moskauer den Zug bestieg, um am estnischen Gründungskongreß teilzunehmen, war die Stimmung zuversichtlich. Der erwartete Erfolg der Esten schien ein Vorbote des gemeinsamen Erfolges zu sein. Tausende von Delegierten
Für die Leute von den „informellen" Organisationen aus Moskau, Leningrad, Jaroslawl, Minsk und anderen Orten so- ПОНТАДО Hilfe Moskaus zu stützen, das sie wie bisher als verläßliche Instrumente seines Willens sah. Die „echten" Kader andererseits suchten die Unterstützung der Intelligenz, indem sie ihre liberale und patriotische Orientierung betonten. Die „singende Revolution"
Die „singende Revolution" wurde möglich, weil die Gründer der Volksfront schnell Zugang zu den Medien in estnischer Sprache und später zu Radio und Fernsehen erhielten. Die Unterstützung der Volksfront von hochgestellten Mitgliedern der Parteiführung, einschließlich des für ideologische Fragen zuständigen Sekretärs I.Toome, war für niemanden ein Geheimnis.
Die Aktivisten der Volksfront in Moskau und Leningrad erkannten die Wider- РУБЛЕ
UDSSR mungsrecht der Esten zu respektieren. Natürlich haben andererseits die Esten jedes Interesse, die Arbeiterklasse in ihrer Republik und in der UdSSR im allgemeinen für ihre Sache zu gewinnen, wenn auch nur zur Schaffung eines Kräfteverhältnisses gegen die Bürokratie. Gegenwärtig begünstigt Glasnost die Ausbreitung des antibürokratischen Kampfes in der Sowjetunion und den anderen osteuropäischen Ländern. Aber das muß auch unlöslich mit sozialen Fragen sowie demokratischen, politischen und nationalen Forderungen verbunden werden. Das ist es, warum Kagarlitzki sich zu Recht um die soziale Dimension des Programmes der estnischen Front (aber das Problem entsteht überall) und den Kampf für eine Neubestimmung der allgemeinen Beziehungen zwischen den Nationalitäten der UdSSR sowie, würde ich hinzufügen. unter den sogenannten sozialistischen Ländern sorgt.
Bürokratische Manipulation kann Nationalgefühle verschiedener Nationalitäten ausbeuten, um zu teilen und zu herrschen. Da kann es keine Nachlässigkeit geben. In dieser Hinsicht ist Kagarlitzkis Stellungnahme ebenfalls nützlich. Ande rerseits sollte der Standpunkt der (russischen) Arbeiterklasse nicht bestimmt werden. indem grundsätzlich ungleiche nationale Bedingungen gleichartig behandelt werden.
Vetorecht für die Republiken le besseres demokratische Bindune zwi r. welche schen den Nationalitäten wäre und wie der Klassenstandpunkt mit dem nationalen in einer demokratischen Sowjetföderation verbunden werden sollte. Das Vetorecht der Republiken über Fragen, die sie betreffen, verbunden mit Formen wirklicher Volkskontrolle über nationale" Vertreter wäre zweifellos ein Mittel zur Bildung von Vertrauen. (Mehrheientscheidungen können sehr unterdrükkend sein, wenn es sich um nationale Fragen handelt.)
Es liegt bei den direkt Betroffenen, selbst zu entscheiden, ob es nützlich ist oder nicht. im Rahmen der Union zu kämpfen. Doch die Bereitschaft zur Einheit mit vorherrschenden Nationen schließt notwendigerweise bei den letzteren Zugeständnisse und die volle Anerkennung der Identität sowie der Rechte der Nationalitäten, die beherrscht wurden, ein.
stenz. zu erklären, einen Gründungskongreß abzuhalten und sich durch die staatlichen Massenmedien an die Gesellschaft zu wenden.
Der Aufstieg der Volksfront in Estland begann im Frühjahr 1988, als sich, wie in anderen Teilen der Sowjetunion, auch in dieser Republik eine harte Auseinandersetzung um die Wahl der Delegierten für die 19.Konferenz der KPdSU entwikkelte. Während es in Rußland nicht einmal möglich war, die unpopulärsten Delegierten abzuberufen, wurde in Estland unmittelbar vor Beginn der Konferenz ein Wechsel der Parteiführung bekanntgegeben.
Die einheimische Delegation wurde auf einer Versammlung von Hunderttausenden von Anhängern der*Perestroika auf dem Sängerfeld' in Tallin verabschiedet, wo die neuen Führer der Republik aufgefordert wurden, für radikale Änderungen in Moskau und für eine wirkliche Unabhängigkeit Estlands zu kämpfen. Die Initiativgruppe für die Volksfront stand im Zentrum aller dieser Ereignisse: alle Hoffnungen wurden damit verbunden. Ein Journalist nannte diese beeindruckende Veranstaltung „die singende Revolution". Tatsächlich gab es alles, was man von einer Revolution erwartet: Enthusiasmus der Massen, ein Wechsel in der Führung. die Bildung einer neuen Massenorganisation.
Volksfront oder In den Straßen von Tallin und anderen Städten wurden weiß-schwarz-blaue Fahnen offen geschwenkt - vor kurzem noch ein Staatsverbrechen. Die Moskauer