Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Volksfront oder nationale Front?

· Inprekorr Nr. 215, Mai 1989 · S. 36-38 · 1.095 Wörter

Sowjetunion

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Intelligenz diskutierte die „nationale Befreiungsbewegung in Estland", die westliche Presse sprach über das ,estnische Phänomen*: sowjetische Zeitungen nannten die Republik als Beispiel einer „erfolgreichen Perestroika"

Demokratische Aktivisten in der ganzen Sowjetunion haben sich an arößere Unabhängigkeit der Bildung von ,, Volksfronten,, beteiligt, indem als Vorbild jene Ion Moskal

Organisationen genutzt wurden, die es in verschiedenen osteuropäi- Inzwischen zeigte sich das estnische schen Ländern gibt und von denen vorausgesetzt wird, daß sie er- Phänomen von einer anderen Seite, die laubte Möglichkeiten politischer Tätigkeit für Kräfte bieten, die nicht dem fremden Beobachter zunächst nicht der Partei angehören. Nur in den baltischen Republiken haben diese deutlich war.Der schnelle Erfolg der Formationen bisher jedoch wirklichen Massencharakter angenommen. Volksfront wurde durch die offenkundige Sie sind darum für demokratische Aktivisten in anderen Teilen der Sympathie cines wichtigen Teils des örtlichen Partei- und Wirtschaftsapparates Sowjetunion von besonderem Interesse. Der folgende Artikel faßt die Urteile der Beobachter der Moskauer erreicht, der größere Unabhängigkeit von den Zentralbchörden in Moskau errei- Volksfront zusammen, die auf dem Gründungskongreß der baltischen chen wollte. Auf diese Weise wurde die Volksfront im letzten Herbst anwesend waren. Der Autor ist einer der Führer der Moskauer Gruppe. le warteten auf dieses Ereignis. A Der für Oktober 1988 geplante Kongreß der estnischen Volksfront sollte zum Wendepunkt in der Entwicklung der sozialen Bewegungen werdem Batikum. Cum ersten Mat in der Nach-Stalin-Ära hatte eine unabhängige Organisation in der Sowjetunion die Möglichkeit, offen und offiziell ihre Exi- Volksfront zu einem wichtigen Faktor im innerparteilichen Machtkampf. Die Front konnte Forderungen aufstellen, die die örtlichen Apparatschiks vollkommen unterstützten, aber bisher nicht bereit waren, im eigenen Namen aufzustellen. Endlich konnte sie cine Massenunterstützung mobilisieren, Tausende um die Forderungen sammeln - praktisch

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Russen aus, zumal es mißliche Bemerkungen auf dem Kongreß gab. Ein Sprecher forderte, im ganzen Lande Denkmäler für den Vorkriegsdiktator Ulmanis zu errichten, und ein anderer sagte, die deutschen Besatzer wären nicht so schlimm gewesen, wie sie hingestellt würden. Am 14.Oktober wurde das Organisationskomitee der Lettischen Internationalen Front eingesetzt. Es setzte sich aus 154 Vertretern von Instituten und Betrieben in Riga. Liepaja, Cesis und Kraslava zusammen.

Am 16.Oktober konnte man ein mit „Labvakar" [Guten Abend] betiteltes Flugblatt von einer „Slawen"-Vereinigung lesen, in dem die Russen aufgerufen wurden, am 22. Oktober auf die Straße zu gehen und gegen die Letten aufzutreten. Dieser Appell der „Slawen" wurde von der „Inter-Front" nicht unterstützt, die ihre Anhänger aufrief: Geht am 22.Oktober eurer täglichen Arbeit nach und haltet keine ,Gegendemonstrationen' oder ,Gegenversammlungen' ab, arbeitet Provokateuren nicht in die Hände." (Sowjetskaja Latwija, 10.Oktober 1988.) Vor dem Hintergrund der provokativen Agitation der „Slawen erschien die „Inter-Front wie eine gemäßigte und konstruktive Bewegung. Aber die Konfrontation zwischen der lettischen und russischen Gemeinschaft entwickelte sich entsprechend der Dynamik derartiger Situatonen.

In diesem Zusammenhang zeichnete sich der Kongreß der litauischen Bewegung für die Perestroika, „Sajudis" (die lokale Volksfront), durch Realismus und Mäßigung in seinen nationalen Forderungen aus. Die Resolution über die Beziehungen zwischen den Nationalitäten wurde von Anfang an zur Beruhigung der nichteinheimischen Bevölkerung abgefaßt, indem ihre Gleichberechtigung unterstrichen wurde.

Es sollte vermerkt werden, daß die Litauer weniger Grund zur Sorge haben. In ihrem Land stellen sie die überwiegende Mehrheit. Auch haben die russische, die jüdische und die polnische Gemeinschaft nie eine Einheit gebildet und darum keine Chance, mit den Litauern zu konkurrieren. Antirussische und antipolnische Flugblätter auf dem Hauptplatz in Vilnius wurden von Aktivisten der Volksfront abgerissen und auf dem Kongreß als provokativ" verurteilt.

Dennoch beherrschte nationale Begeisterung auch den Sajudis-Kongreß. Einer nach dem anderen hielten die Redner kleine poetische, aber cher abstrakte Ansprachen über unsere Heimat Litauen' Vor Eröffnung des Kongresses beschloß die offizielle litauische Führung die Wiedereinführung der alten Nationalflagge, die über dem alten Gediminas-Turm ge- UDSSR hißt wurde. Kurz darauf kündigte der Die Behörden antworteten auf die Losunneue Parteiführer, A.Brazauskas, den gen von Sajudis mit Appellen zur Vatererfreuten Sajudis-Aktivisten an, daß die landstreue, Treueschwüren auf unser hei- Kathedrale von Vilnius an die katholische matliches Litauen, mit symbolischen For- Kirche zurückgegeben würde. derungen und symbolischen Gesten. Während des Kongresses herrschte in Obgleich die Führer von Sajudis viel der Stadt Ferienstimmung. Die Menschen über die sozialistische Orientierung der schlenderten durch die Straßen, trugen Bewegung redeten, konnten sie den Deledie Nationalfarben und sangen nationale gierten der Konferenz keine eigene Stra- Lieder. Am Abend fand auf dem Platz tegie für die Entwicklung des Sozialismus vor der Kathedrale ein Nationalfest statt in Litauen vorschlagen und überließen und über dem Gediminas-Turm wurde die Initiative praktisch der Parteiführung. ein Feuerwerk abgeschossen. Der Kon- die ebensowenig etwas Konkretes anzugreß wurde von Funk, Fernsehen und bieten hatte. Lautsprechern in die Straßen übertragen, Jedenfalls war die litauische Bewegung wo sich die Leute ständig einfanden, um vorwiegend mit den eigenen Problemen sich über den Kongreßverlauf zu infor- beschäftigt. Arvidas Juozaitis, ein Mitmieren. Niemand zeigte die geringste glied der Initiativgruppe, erklärte den Abneigung gegen Russen. Mehr noch: Moskauern offen, ,russische Probleme auf dem Kongreß konnten Sajudis-Aktivi- interessieren uns nicht*. Somit waren die sten und Moskauer Vertreter beste kame- Moskauer Aktivisten, radschaftliche Beziehungen herstellen. nach denen die baltischen Fronten die Dennoch war es einfacher, die Natio- Lokomotiven sein würden, die nalflagge über der Hauptstadt aufzuzic- ganze Bewegung mitziehen" würden. hen als die wirklichen Probleme zu lösen. offensichtlich nicht realistisch. Die Abstraktheit und die entschiedene „Wir können uns nur auf uns selbst Sprache des Programms von Sajudis verlassen,* schloß der Moskauer Philomögen geholfen haben, breiteste soph Michail Maljutin, indem er das Er- Schichten der Bevölkerung zu gewinnen, gebnis der Diskussion in der Moskauer doch darin liegt auch seine Schwäche. Linken zusammenfaßte: „Bei allen Darum haben die Behörden auch sofort Schwächen der Moskauer Volksfront die Schwäche der Bewegung bemerkt und haben wir zumindest einen Vorteil - wir tun alles mögliche, indem sie Dialog und können aus den Fehlern anderer Leute Zusammenarbeit forderten, um sicherzu- lernen." stellen, daß sie sich auf symbolische Gesten beschränken können.

„Wir können uns nur auf uns Anmerkungen: 1. Der Platz des jährliche Festivals der Folklorechöre. Die selbst verlassen" ses Ereignis war eine der wichtigsten Veranstaltungen, dic mit dem estnischen „nationalen Erwachen" im letzten Jahr- Darüber berichtete uns bitter ein Ver- hundert entstanden 2. Eine 1893 gegründete Lokomotivenfabrik, die traditio treter aus Kaunas, der Arbeiter K. Uokas. nell ein bedeutendes Zentrum der estnischen Industrie ist. МОЧТА РСФСР 250 рУБ250

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