Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Argentinien

Peron - ein Bonaparte kehrt zurück

Inprekorr Nr. 21, 15. November 1972 · S. 21-22 · 722 Wörter

Argentinien

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ARGENTINIEN: PERON - EIN | BONAPARTE KEHRT ZURUCK ++++ -+++ ++++++ + Buenos Aires vom Militär besetzt, 30 000 bis zu den Zähnen bewaffnete Soldaten umzingeln den internationalen Flughafen... Noch nie "erfreute" sich ein Reisender eines solchen Empfangskomitees, einer solchen Eskorte. Offensichtlich hat der General Lanuise die kückkehr des Geächteten von gestern gut vorbereitet. Nichts wurde dem Zufall überlussen, und das hat • VADD 1K 11

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sei.en guten Grund... Peron, seit 17 Jahren durch einen Militärputsch von der Macht ausge bootet, bereitet seine Rückkehr vor seitdem. Und Lanusse hat seit mehr als einem Jahr sich ruerst damit abgefunden und dann geduldig vorbereitet, wobei er für seinen Plan die ent scheidensten Sektoren der Bourgeoisie und der Armee Argentiniens gewann. Aber paradoxerweise gibt es selten politische Operationen, die von so langer Hand vorberei werden und deren Auswirkungen trotzdem so viele unbekannte Möglichkeiten offenlassen. D argentinische Bourgeoisie sieht sich jetzt seit mehr als zwei Jahrzehnten mit einer Krise kos frontiert, die sie bisher nicht zu lösen vermochte, einer zugleich politischen und wirtschafli chen Krise. Dem Godenen Zeitalter, von dem sie während des Zweiten Weltkriegs und bis zum Koreakrieg profitierte - unter anderem dank der Zerstörung der europäischen Wirtschaft und der Desorganisation des Weltmarkts - folgte eine sehr tiefgehende ökonomische Krise. Diese ist einerseits von der Verengung der Absatzmärkte für die traditionellen Ausfuhrgüter des Landes gekennzeichnet (Fleisch, Weizen) als auch andererseits davon, daß die Industrie in der Periode der Prosperität praktisch aus dem Nichts geschaffen, den neuen Bedingungen des Weltmarktes strukturell überhaupt nicht angepaßt ist.

Jeder Versuch von Seiten der argentinischen Bourgeoisie, eine solche Krise zu überwinden, implizierte eine steigende Ausbeutung der Arbeiter, was nur durch eine brutale Offensive gegen die Arbeiterbewegung, die bestorganisierteste und kämpferischste von Lateinamerika, erreicht werden kann. Dieses Ziel haben sich die verschiedenen argentinischen Regierungon, die seit 1955, dem Jahr des Sturzes von Peron, aufeinanderfolgten, insbesondere das 1966 eingesetzte Militärregime, vorgenommen. Die Massenkämpfe von Cordoba 1969, die den Charakter von Aufständen annahmen, haben eine Periode hoher Kombativität des argentinischen Proeltariats eröffnet und dieses Ziel zum Scheitern verurteilt. Die Politik brutaler AF frontements wurde ersetzt durch eine subtilere, in der eine verschärfte Repression gegen die Arbeiteravantgarde und die bewaffneten Organisationen kombiniert wurde mit Konzessionen auf der politischen Ebene, um die relativ weniger kämpferischen Sektoren und politisch zurückgebliebeneren Teile der argentinischen Massen einzufangen.

In diesem Kontext kann der alte Bonaparte noch einen Dienst der Bourgeoisie seines Landes und dem Imperialismus leisten. Deshalb ist Peron zurückgekehrt.

Peron verdankt sein Prestige vor allem den Vorteilen, die er aus der guten Zeit der Nachkri jahre zu ziehen wußte, in der er am längsten herrschte. Erstens die Prosperität einer Industi bourgeoisie, die den Hauptnutznießer seiner Herrschaft darstellt. Aber dann vor allem wirt schaftliche wie soziale Konzessionen an ein Proletariat, dessen Unterstützung er sich dadure fest sicherte, daß er eine mächtige, von einer ihm ergebenen Bürokratie fest im Zaum gehaltenen Gewerkschaftsbewegung strukturierte. Gerade dieses Prestige, diesen Einfluß auf die Mehrheit der Arbeiterbewegung - in unterschiedlichem Grade - und auf breite kleinbür gerliche Schichten soll er jetzt auf Verlangen der Bourgeoisie und ihre derzeitigen Beauftra ten Lanusse in ihre Dienste stellen, um endlich einen Ausweg aus der Krise zu Finden. Peron zeigte, indem er nach Buenos Aires zurückkehrte, daß er dieses Spiel mitzumachen gewillt ist. Aber zu welchem Preis?

Wir der alte Caudillo damit einverstanden sein, nur die Rolle einer politischen Kaution, di man ihm geben will, im Rahmen eines Regimes zu spielen, wo die Armee die Ordnung ciehe oder wird er unter Ausnutzung der Situation relativer Stärke, in der er sich befindet, versu chen, sich gegenüber seinen Feinden von gestern - insbesondere der Armee - zu revanchiers und die Macht für sich und seinesgleichen zu übernehmen? Argentinien 1972 ist nicht mehe d der 50er Jahre. Der demagogische Populismus ist nicht mehr in Mode. Die argentinisches Massen werden sich dadurch nicht lange an der Nase herumführen lassen, und die Beschwä rungen des alten Führers werden bald nicht mehr in der Lage sein, die Mobilisierung abzubremsen. Gerade diese Mobilisierung wird von der Bourgeoisie, der Armee und auch von Peron am meisten gefürchtet. Denn über die Stimmung des alten Bonaparte und über die geheimen Feilschereien hinaus hat diese Rückkehr vor allem ein Ziel: die Mobilisierungen zu brechen, denn nur durch sie können nach dem Beispiel von Cordoba 1969 Makaraden wie die derzeitige von der argentinischen Szene weggefegt werden.

(J.P. Beauvais. Aus ROUGE Nr. 181 vom 25. November 1972)