Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Inprekorr 1976: Nach Maos Tod

Inprekorr Nr. 200, Februar 1988 · S. 22 · 781 Wörter

China Stalinismus und Bürokratie

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aus Inprekorr Nr.72, Dezember 1976 Nach Maos

Tod

Die Große Proletarische Kulturrevolution war das herausragendste politische Ereignis nach der Machteroberung 1949. Warum hat Mao sie ausgelöst?

Als erstes muß man den Charakter der Tendenz verstehen, an deren Spitze Liu Shao-chi stand. Grundsätzlich stellte sie die rechte Strömung innerhalb der KPCh während der sog. Übergangsperiode der Neuen Demokratie dar. ... Noch am 14 Juni 1950 hatte Liu Shao-chi . erklärt: ,Unsere Politik zur Erhaltung der reichen Bauern gilt sicher nicht nur vorübergehend, sondern langfristig. D.h. wir werden an der Ökonomie der reichen Bauern während der ganzen Periode der Neuen Demokratie festhalten. Die Ökonomie der reichen Bauern ist dann überflüssig, wenn auf dem Land im breiten Maßstab Maschinen eingesetzt werden können und auf dem Land eine sozialistische Umwälzung stattfinden kann. Aber das wird erst in relativ ferner Zukunft der Fall sein." In Bezug auf die Verstaatlichung der Industrie trat Liu Shao-chi noch 1957 für die Entfaltung spontaner kapitalistischer Tendenzen ein: „Man sollte die Existenz eines gewissen Anteils an kapitalistischer Industrie, Handel und Untergrundfabriken zulassen, um die Löcher zu stopfen (gemeint sind die Löcher in der sozialistischen Wirtschaft). ... Diese Tendenz, die in ihrem politischen Charakter eindeutig rechts war, wich von Maos Linie ab. Als man 1958 mit dem Großen Sprung nach vorn begann, führte Liu's Tendenz keinen offenen Kampf gegen Maos Linksschwenk. ... Aber die Differenzen zwischen den beiden Tendenzen bezogen sich nicht nur auf die Wirtschaftspolitik. Mao legte Wert auf eine besondere Beziehung der Bürokratie zu den Massen; seine Vorstellung war die, daß die Politik der Partei in Form von Massenbewegungen durchgeführt werden sollte, ohne sich auf eine besondere, soziale Schicht von Experten und Technokraten zu stützen, die die Funktion eines Mediums für die Umsetzung der Politik der Partei spielten. ...

In diesem Sinn war die Kulturrevolution ganz und gar ein politischer Kampf zwischen den beiden Tendenzen: im Verlauf der Kulturrevolution verfestigten beide ihren organisatorischen Apparat; dadurch wurden sie de facto zu Fraktionen. Mao war gezwungen, wegen seiner geschwächten Position in der Parteiführung und seiner Beziehung zur Massenbewegung die Kulturrevolution so in Gang zu setzen, wie er es tat. Damit beabsichtigte er, die schöpferische Energie der Massenbewegung freizusetzen und gegen die gegnerische Fraktion zu wenden.

Zunächst schien die Kulturrevolution nach Maos Plan zu verlaufen. ... Aber die Massenbewegung ging viel weiter, als Mao erwartet hatte. Durch ihre tiefverwurzelte Feindseligkeit gegen die Bürokratie, ihr Verlangen nach Vergeltung und ihre Entschlossenheit, offenen China nach Mao

Widerstand zu leisten, setzten die Massen weitgehend die Akzente im Kampf. Je mehr Masseninitiativen sich entfalteten, desto deutlicher trat der antibürokratische Charakter der Massenbewegung hervor. ... Als die Arbeiter und Studenten im Januar 1967 versuchten, in Shanghai ihre eigene Herrschaft zu errichten, war Maos Geduld und Vertrauen in die Massenbewegung am Ende. .. Ohne zu zögern schlug er sich auf die Seite der Bürokratie; es war das erstemal, daß er im Angesicht der revolutionären Massen die Revolution offen verriet. Dieser Verrat besiegelte das künftige Schicksal Maos: mit dem Erwachen des revolutionären Bewußtseins der Massen verlor das legendäre Image des Revolutionärs Mao immer mehr an Substanz. Die Kulturrevolution, die von Mao in Gang gesetzt wurde, hat dem chinesischen Volk die politische Wiedergeburt gebracht. ...

Die Ära Mao stellt in China einen historischen Prozeß dar, in dem sich die Drei Großen Revolutionen in besonderer Weise unter Maos Führung entfalteten. Diese Führung schwankte beständig zwischen den beiden entgegengesetzten Polen Stalinismus und revolutionärer Marxismus. Zugleich stellt diese Ära eine historische Nahtstelle dar, an der die KPCh trotz der Rückständigkeit der chinesischen Arbeiterklasse und der Stagnation der Weltrevolution einen Arbeiterstaat mit einem besonderen, entarteten Charakter errichtete. Schließlich ist in dieser Zeit die Bürokratie als gesellschaftliche Schicht gewachsen und Mao hat gegen diese Entwicklungstendenz der Bürokratie Widerstand entwickelt. In dieser Zeit hat es daher Konflikte zwischen Mao und der natürlichen soziologischen Entwicklung der Bürokratie gegeben. Hier ist Maos subjektivistische Herangehensweise an die Frage des Aufbaus des Sozialismus das deutlichste Merkmal. Ihren Höhepunkt erlebte die Ära Mao in der Kulturrevolution; in dieser Zeit ergriffen die maoistischen Ideen die Massen, die in ihnen den einzigen Weg zum Sozialimus sahen. ... Nachdem sich Maos subjektivistische Methode jedoch als Fehlschlag erwiesen hatte und Mao sich letztlich für die Verteidigung der Grundlagen des bürokratischen Systems entschieden hatte, stellt der Maoismus zum erstenmal im historischen Sinn keine revolutionäre und progressive Tendenz unter den chinesischen Massen mehr dar. Diese sehen nun den Weg ihrer Befreiung außerhalb des maoistischen Programms. Die Demonstration auf dem Tien An Men hat diesen historischen Trend lebhaft veranschaulicht.