Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Inprekorr 1977: Frauenbefreiungsbewegung: Feminismus und Klassenkampf

Inprekorr Nr. 200, Februar 1988 · S. 22-24 · 1.877 Wörter

Frauen Mexiko Gewerkschaften und Streiks BRD und DDR

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aus: Inprekorr Nr.68, 28.10.1976

Seite 23

Frauenbefreiungsbewegung

Feminismus und Klassenkampf 1968 gab es die bekannten, explosionsartigen Studentenkämpfe und —streiks; in jenem Jahr traten die ersten nicht-gemischten Frauengruppen in den USA,in Großbritannien, in der BRD und in einigen nordischen Ländern auf die Bewegung, die sich seitdem Frauenbefreiungsbewegung nennt. Diese Revolte berührt zunächst nur die privilegierten Schichten: Studentinnen, Intellektuelle, Frauen aus freien Berufen ... Obowhl sie die Möglichkeit hatten zu studieren, sind sie die ersten, die keine ihrer Qualifikation entsprechende Arbeit finden. ... Es ist kein Wunder, daß die Frauenbefreiungsbewegung zuerst in den Ländern entstanden ist, wo der Beschäftigungsgrad von Frauen relativ hoch war, wo die Bildungsreform zum massiven Einströmen von Frauen in Oberschulen und Hochschulen geführt hat, wo ein bestimmter politischer Liberalismus und die Tradition früherer Frauenbefreiungsbewegungen geherrscht haben.

Frauenbefreiungsbewegungen gibt es heute in allen hochentwickelten kapitalistischen Ländern, aber sie haben in letzter Zeit in den südlichen Ländern Europas einen Massencharakter bekommen und große Teile der werktätigen Frauen gewonnen, die sich im Zuge der Entwicklung der Klassenkämpfe radikalisiert haben und ihrerseits ein Bewußtsein für die doppelte Rolle entwickelt haben, die ihnen in dieser Gesellschaft vorgeschrieben ist. ... Die unmittelbaren Sorgen dieser Frauen sind nicht unbedingt gleichzusetzen mit denen, die von Studentinnen oder Intellektuellengruppen zum Ausdruck gebracht werden; ihre Forderungen richten sich meist auf ökonomische und soziale Probleme, die die gesamte Arbeiterklasse betreffen (Kinderkrippen, niedrige Löhne, steigende Preise), aber sie beziehen sich ebenfalls auf die Infragestellung der Mutterrolle und Hausfrauenrolle, ihrer Stellung als „ewige Zweite* und ihrer Passivität. Wir wollen nicht darauf beschränkt werden, Kinder zu kriegen, selbst wenn diese später gute Gewerkschafter werden** *, erklärte eine Arbeiterin auf der Delegiertenversammlung der Fabrikräte aus der Lombardei/Italien, die sich im vergangenen März getroffen hatten, um eine Kampagne gegen die Frauenarbeitslosigkeit zu starten...

Vor etwa zehn Jahren erkannten die revolutionären Marxisten angesichts des Drucks der entstehenden Bewegung (obwohl sie nur eine Minderheit umfaßte und in der ersten Phase von Frauen aus der Arbeiterklasse getrennt war) und angesichts der Bedeutung der subversiven Ideen, die diese Bewegung vertrat, die entscheidende Bedeutung der Existenz von nicht-gemischten Gruppen und einer autonomen Frauenbewegung. ... Eine in ihrer Struktur autonome Bewegung ist heutzutage notwendig, aber sie wird auch morgen, in der Übergangsperiode, notwendig sein, weil die reaktionären Ideen nicht wie Schnee unter der Sonne neuer sozialer Beziehungen schmelzen werden.

Das Verschwinden der Lohnunterschiede und der Ungleichheit vor dem Gesetz, die Bildung von Gemeinschaftseinrichtungen, die den objektiven Bedürfnissen der Arbeiterklasse entsprechen, der breiteste Vertrieb von Verhütungsmitteln guter Qualität und die Freiheit der Abtreibung — all diese Maßnahmen sind, selbst wenn sie eine erste Bedingung darstellen, ohne die von Emanzipation und Befreiung der Frau nicht die Rede sein kann, an sich nicht ausreichend, um den Status der Frau in der Gesellschaft zu verändern und eine radikale Veränderung der inneren Einstellung zu erreichen....

Es gibt einen neuen Aspekt bei diesen Kämpfen im Vergleich zu früher, wo die Frauen der Arbeiterklasse und generell die werktätigen Frauen für eine bestimmte Anzahl von ökonomischen Forderungen kämpften, die auch heute auftauchen (gleicher Lohn, Arbeitsbedingungen. Gemeinschaftseinrichtungen, Preise). Damals wurde jedoch die Frage der Autonomie nicht aufgeworfen (sei es in Form nicht-gemischter Treffen innerhalb der Gewerkschaft, sei es durch die Beteiligung der Frauen an der autonomen Frauenbewegung). Ebenfalls neu ist der explizite Kampf, den die Frauen gegen ihre Rolle in der Familie und in der Gesellschaft führen. Hinzu kommt die Dynamik der Arbeiterkontrolle, die manche Kämpfe annehmen.

aus Inprekorr, Nr.81, Juni 1977 MEXIO

Revolutionäre

Bauernbewegung in Mexiko

Am 29.März 1977 wurde auf einer Versammlung in Mexiko City die Coordinadora Campesina Revolucionaria Independiente (CCRI) gegründet. Daran haben die Führer 1977 der regionalen Bauernorganisationen teilgenommen, die die bedeutendsten Klimpfe der mexikanischen Bauernschaft in den letzten fünf Jahren geführt haben. ...

Mexiko macht gegenwärtig eine schwere Wirtschaftskrise durch, deren deutlichste Anzeichen der Rückgang der Produktion, die steigende Außenverschuldung, die Inflation, die zunchmende Arbeitslosigkeit und die zunehmende Abwanderung von Arbeitskräften innerhalb des Landes selbst und ins Ausland sind. Die CCRI ist eine Koordination verschicdener regionaler Bauernorganisationen.... Sie will die Schranken des regionalen Kampfes der Bauern überwinden, ihnen eine nationale Perspektive weisen und national konzertierte Aktionen der Bauernbewegung möglich machen. ... Alle regionalen Führer haben die bittere Erfahrung machen müssen, was es bedeutet, wenn Eingaben und Bittgesuche der Bauern den Dienstweg gehen. Sie alle kennen den Wert von Versprechungen von Beamten. Sic sind alle einmal auf die eine oder andere Weise betrogen und getäuscht worden. ... Sie haben daher bei ihrer regionalen Mobilisierung zur Methode der direkten Mobilisierung gegriffen, der direkten Aktion, um ihre Probleme zu 1ösen. Diese Methode umfaßt die Inbesitznahme von Boden und Wasserstellen, Demonstrationen und Bauernversammlungen, die bewaffnete Selbstverteidigung gegen die Lokalfürsten und die Regierung. ... Es gibt keinen einzigen unabhängigen Bauernführer, der nicht die Notwendigkeit begriffen hätte, seinen regionalen Aktionsradius zu überschreiten. ... Doch ihre eigene Tagespraxis und ihre schwachen Mittel drängen die Bauernorganisationen immer wieder in die Isolierung. Wir meinen, nur nationale Kräfte können die Bauernschaft national organisieren. Das sind entweder die organisierten Kräfte der Bourgeoisie (der Staat) oder die des Proletariats (die revolutionäre Partei). Es ist die Beteiligung der PRT ••. die es ermöglicht hat, daß der Wunsch der Bauern nach einer nationalen Koordination der Kräfte der unabhängigen Bauern Wirklichkeit wurde. Die PRT will nicht eine von der Partei dominierte Bauerngewerkschaft aufbauen. Wir glauben nicht, dail es die Funktion der Partei ist, ihre eigenen Massenorganisationen" aufzubauen. ... Die Führung der PRT hat immer auf der Notwendigkeit bestanden, daß andere Kräfte der Linken daran teilnehmen. Wir wollen auch keine „rote" Bauerngewerkschaft, d.h. eine sektiererische Gewerkschaft, die von der großen Masse der Bauern im Land abgeschnitten ist. Im Gegenteil, unser politisches Ziel ist es, die gesamte Masse der Bauernschaft jeder Region zu beeinflussen. ... Die Gründung der CCRI verfolgt drei Ziele: die Zersplitterung der Bauernbewegung überwinden; die Bauernbewegung mit ihren eigenen revolutionär-marxistischen Kadern ausrüsten und die Grundlagen für die Überwindung der historischen Spaltung zwischen Arbeiterklasse und Bauernschaft legen.

aus Inprekorr Nr.83, Juli 1977

Seite 24

1978 Die europäische Arbeiterbewegung und die Krise

Zwei Jahre Rezession, gefolgt von zwei Jahren eines zögerlichen, nicht-kumulativen Aufschwungs, Vier Jahre massive und chronische Arbeitslosigkeit mit katastrophaler Jugendarbeitslosigkeit: den traumatischen Schock, den die werktätigen Massen erleben, müssen die Gewerkschaften und reformistischen Massenparteien in Forderungen, Programme und Aktionsvorschläge umsetzen. Ihre Verwirrung erklärt sich aus dem theoretischen Unverständnis über die Wurzeln und den Charakter der Krise. ...

In einer ganzen Reihe von Ländern haben sich die sozialdemokratischen Parteien zu Anwälten und Hauptumsetzern der Sparpolitik gemacht: vor allem in Großbritannien, Westdeutschland, Portugal, Dänemark. Einige eurokommunistische Parteien sind ihnen auf dem Fuß gefolgt, wobei sie die sozialdemokratischen Parteien noch an „Engagement" übertreffen. Das trifft insbesondere auf die italienische und die spanische KP zu. Die PSOE hat denselben Weg eingeschlagen. Die KP Portugals nimmt eine gemäßigte Haltung ein, die grundsätzlich die Sparpolitik deckt, aber unter dem Druck der Arbeiter und Gewerkschafter gegen mehrere praktische Maßnahmen zu Felde zicht.

Unter den großen Arbeiterparteien Europas spricht sich gegenwärtig einzig die KPF entschieden gegen jede Sparpolitik aus, und zwar im Namen einer klassischen keynesianischen Anti-Krisen-Technik. Hierin schließt sich ihr cin großer Teil des linken Flügels der Sozialdemokraten an: die Arbeiterlinke in Großbritannien, die SPD-Linke, der CERES in Frankreich, der linke Flügel der PSI, die Arbeiterbruderschaft in Portugal, die Renardisten in Belgien, usw. ..

Der rechte Flügel der organisierten Arbeiterbewegung behauptet, daß ohne Einschränkung der Konsumausgaben die Wiederherstellung der Vollbeschäftigung unmöglich wäre. Helmut Schmidt gebraucht die demagogische Formel: Die Profite von heute sind die Arbeitsplätze von morgen." ... Dies ist jedoch nicht wahr. Die Profite können deutlich anwachsen, während die Beschäftigungsmöglichkeiten abnehmen. Die Gleichsetzung von Investitionen mit der Schaffung von Arbeitsplätzen ist eine Täuschung. Ein wachsender Reformismus in der Krise

Anteil von Investitionen geht in Rationalisic- Programm" der SP und KP in diese Richtung. rungsinvestitionen, die in den Industrien, in Es ist unbestritten, daß eine Einkommensdenen sie plaziert werden, mehr Arbeitsplätze steigerung der kleinen Löhne sich in kurzer vernichten, als in den Industriezweigen, die Frist in einen beachtlichen Aufschwung im die Ausrüstungsgüter herstellen, Arbeitsplätze Konsumgütersektor umsetzen kann. Alle Ergeschaffen werden. fahrungen der letzten 45 Jahre bestätigen das Die Vorkämpfer der Klassenkollaboration unter den verschiedensten Regierungen, vom und Sparpolitik schlagen sich jedoch noch auf New Deal Roosevelts bis zum ersten Jahr der einer zweiten Verteidigungslinie. Der wirt- Unidad Popular in Chile, von der Volksfrontschaftliche Wiederaufschwung sei nur mög- regierung in Frankreich 1936 bis zu den Regielich, wenn die Exporte erheblich ausgeweitet rungen in Portugal zwischen September 1974 und die Importe deutlich eingeschränkt wür- und November 1975. den. Die Wettbewerbsfähigkeit der „einheimi- Aber diese Erfahrungen bestätigen ebenso: schen" Industrie auf dem Weltmarkt sei daher • daß es keine automatische Rückwirkung abhängig von einer „Mäßigung" bei den dieses Aufschwungs im Konsumgütersektor Lohnerhöhungen. Daher sei die Sparpolitik auf produktive Investitionen großen Umfangs nötig zur Sicherung des Wiederaufschwungs gibt, die neue Arbeitsplätze schaffen. Das ist mit Hilfe der Exporte. ... Auch hier sprechen der Grund, weshalb der New Deal insgesamt die empirischen Fakten gegen diese These: ein Mißerfolg beim Kampf gegen die Arbeits- Diejenigen imperialistischen Länder, in denen losigkeit war; es Abbau oder Stagnation der Reallöhne gab • daß es unmöglich ist, heftige Reaktionen (vor allem Großbritannien und Italien), haben der Bourgeoisie zu verhindern, sobald das reaviel kleinere Exporterfolge vorzuweisen als le Einkommen der Arbeiter eine Schwelle die Länder, in denen das absolute Lohnniveau überschreitet, wo die Verteilung des Nationalim Laufe der letzten Jahre stärker gestiegen einkommens auf die Löhne und den gesamten ist: Westdeutschland und Japan. Die indu- Mehrwert sich umkehrt. Diese Reaktionen heistrielle Wettbewerbsfähigkeit hängt wesentlich Ben: Kapitalflucht, Investitionsverweigerung, von den Stückkosten ab. Diese sind bei den Wirtschaftssabotage, usw.; imperialistischen Mächten viel mehr bestimmt • daß das Zusammentreffen der beiden gedurch den technologischen Vorsprung, die nannten Punkte unweigerlich zu beschleunig- Größe der Produktionsserien, die relative Ver- ter Inflation führt, jedenfalls bei Aufrechterfügbarkeit von Kapital und Krediten, das Ge- haltung der kapitalistischen Produktionsverwicht der fixen Kosten, als durch die absolute hältnisse und der bürgerlichen Staatsmacht. Rate oder den Rhythmus des Lohnanstiegs. In Der Rückgriff auf neo-keynesianische Techder verarbeitenden Industrie machen die Lohn- niken zur Wiederankurbelung der Wirtschaft kosten kaum mehr als 23 bis 30% der gesam- kann also auf längere Sicht nur sehr begrenzt ten Produktionskosten aus. ... positive Wirkungen haben. Die ,gemischte Diejenigen, die die Sparpolitik ablehnen, Wirtschaft" ist ein Mythos. Eine kapitalistisind in der Regel Verfechter keynesianischer sche Wirtschaft kann nur blühen, wenn sie den oder neo-keynesianischer Techniken zur Wie- Interessen des Kapitals dient. Als Ausweg aus derankurbelung der Wirtschaft. Die Kaufkraft diesen Spannungen bietet sich nur die Rücder Arbeiter und der ärmsten Bevölkerungs- ckehr zur Sparpolitik an, was genau in der kaschichten anheben bedeutet, einen zusätzlichen pitalistischen Logik liegt — oder aber die Ent- Konsumgütermarkt zu schaffen, der das Wirt- eignung der Bourgeoisie und der Aufbau einer schaftswachstum wieder auf die Beine stellen sozialistischen Wirtschaft. würde. In Frankreich zielt das ,,Gemeinsame aus Inprekorr Nr.89, Februar 1978