Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Inprekorr 1973: Militärputsch in Chile: Lehren aus der Niederlage

Inprekorr Nr. 200, Februar 1988 · S. 18-20 · 968 Wörter

Chile

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Seite 19

Militärputsch in Chile lehrt uns, daß dies zwar der Fall war in Frankreich und Spanien 1936, in Frankreich, Italien, Griechenland, Indonesien und anderswo nach dem II. Weltkrieg, daß es aber nicht der Fall war in Jugoslawien, in der Tchechoslowakei und in China, wo die Präsenz bürgerlicher Minister in der Zentralregierung die sozialistische Transformation der Revolution nicht verhindern konnte. Der entscheidende Faktor war hier der Charakter der Staatsmacht, d.h. die Klassennatur derer, die die bewaffneten Kräfte behielten. Wenn die Bourgeoisie faktisch entwaffnet ist, dann sind die bürgerlichen Minister Geiseln der (bürokratisch deformierten oder nicht bürokratisch deformierten), proletarischen Macht. Wenn das Proletariat und die armen Bauern faktisch entmachtet sind, dann bedeutet das eine Niederlage für die Revolution. Wenn sowohl die Bourgeoisie als auch das Proletariat bewaffnet sind, dann wird durch die „Regierung" oder das Organ der „nationalen Koalition" die Doppelherrschaft nur bestätigt; d.h. sie markiert nur eine momentane Waffenruhe in einem Bürgerkrieg, der weitergeht und der nur mit dem Sieg der einen oder der anderen der beiden antagonistischen Klassen beendet werden kann. Die Bewegung in Südvietnam entwickelt sich entlang einer Reihe von bereits sichtbaren Linien, die eine Unterbrechung des politischen Kampfs unwahrscheinlich machen:

• auf dem Land die Vertiefung der Agrarrevolution, ihre Ausweitung auf ganz Südvietnam; die Entfernung der Großgrundbesitzer, Wucherer, Großhändler, Gefängniswärter des Thieu-Regimes; • in der Stadt der Kampf gegen die Verteuerung der Lebenshaltungskosten, die Spekulation, den Wucher, die Hortung von Lebensmitteln und gegen die Ausbeutung der Massen; • in der Stadt wie auf dem Land der Kampf für die Freilassung der 200.000 politischen Gefangenen und für die politischen Freiheiten; • in der Stadt wie auf dem Land die Auflösung des Militär— und Verwaltungsapparats der Marionettenregierung.

Alles deutet daraufhin, daß die Kader der Befreiungsfront und der KP Vietnams die Bevölkerung Südvietnams systematisch auf diesen politischen Massenkampf vorbereiten. Der Abzug der Amerikaner und die Perspektive einer Wiedervereinigung mit dem Norden sowie die Annahme des Prinzips freier Wahlen unter der Beteiligung aller heute in den Untergrund gedrängten Parteien werden zweifellos diese Massenkämpfe anspornen und das Kräfteverhältnis zugunsten der Revolution verändern. ...

In der Annahme einer Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens muß unsere Bewegung erklären, daß es in der Unterstützung der indochinesischen Revolution keinen Waffenstillstand geben darf. ...Ab sofort muß eine internationale Agitationskampagne für die sofortige Freilassung der politischen Häftlinge in Südvietnam und gegen den vom Thieu-Regime ausgeübten Terror vorbereitet werden. Lehren aus der Niederlage

Drei Jahre lang hatten die kommunistischen und sozialistischen Parteien der ganzen Welt das chilenische Beispiel als einen Beweis für die Gültigkeit ihrer Theorien vom Übergang zum Sozialismus in schwärmerischen Worten gepriesen. Das tragische Ende der Unidad Popular erfordert, daß man eine Reihe von grundlegenden Lehren aus dieser Erfahrung zieht.

Die Ereignisse in Chile zeigen, wie illusorisch die Perspektive einer demokratisch-antioligarchischen und antiimperialistischen Etappe** der Revolution ist, an der die Bourgeoisie teilnehmen könnte. ... Eine Bourgeoisie kann über absolut beschränkte Reformen nicht hinausgehen, ohne die fundamentalen Interessen des Imperialismus zu verletzen. ... Die chilenischen Ereignisse zeigen, daß der Arbeiterreformismus, selbst unter sehr günstigen Bedingungen schnell in einer Sackgasse endet. Die durchgeführten Reformen laufen Gefahr, selbst wieder infrage gestellt und ihres Inhalts beraubt zu werden, wenn sie nicht verallgemeinert werden. Eine solche Verallgemeinerung führt unvermeidlich zu einer Schwelle, die man nicht überschreiten kann, ohne den Mechanismus des kapitalistischen Systems selbst zu brechen. Teilmaßnahmen rufen unvermeidlich die Reaktionen der gegnerischen Kräfte hervor. Und noch einmal ist bewiesen worden, daß man das Kleinbürgertum nicht duch eine versöhnlerische Haltung gewinnen kann, daß man es nicht gewinnen kann ohne eine antikapitalistische Perspektive anzugeben.

Die chilenischen Ereignisse beweisen die Absurdität eines Übergangsprogramms ohne die Zerstörung des Staatsapparates in seiner Gesamtheit, diesen Apparat, den die herrschenden Klassen auf die wirksamste Art und Weise organisiert und strukturiert haben. ... Es handelt sich nicht darum, jegliche taktische Ausnutzung von legalen Möglichkeiten oder außergewöhnlichen Umständen, wie sie durch die Situation nach den Wahlen vom 4. September 1973 in Chile gegeben waren, abzulehnen. In einer Situation des revolutionären Aufschwungs der Massen ist es absolut und dringend notwendig, revolutionäre Organe der proletarischen Demokratie, Elemente der Doppelherrschaft. Kampfinstrumente für die Eroberung der Macht und Keimformen qualitativ neuer politischer Strukturen des aus der Revolution hervorgehenden Arbeiterstaates aufzubauen.

Die chilenischen Reformisten haben diese Notwendigkeit systematisch geleugnet, sie ha- 1973 ben sich darauf beschränkt, Organe mit sehr eingeschränkten Funktionen zu schaffen, die keinerlei wirkliche Autonomie gegenüber den „verfassungsmäßigen" Organen des Staates hatten. Unter dem Druck der Erfahrungen haben die Arbeiter, besonders im letzten Jahr, Organe wie die Cordones Industriales geschaffen, die vielversprechende revolutionäre Möglichkeiten in sich bargen. Aber ihre Initiativen haben sich erst spät entwickelt und wurden nicht verallgemeinert; schlimmer noch, sie wurden oft durch Manöver der Bürokratie, die entschlossen war, den Cordones ihren Charakter als potentielle Räte zu nehmen und sie in eine „konstitutionalistische" ,reformistische Strategie zu integrieren, teilweise ihres Inhalts entleert.

Die chilenischen Ereignisse haben schließlich ein weiteres Mai bewiesen, daß die These, es sei möglich, die kapitalistische Macht ohne bewaffneten Kampf zu stürzen, die selbstmörderischste aller Illusionen ist. Es ist unbedingt notwendig, daß man versteht, daß im entscheidenden Augenblick des Kampfes um die Macht der bewaffnete Konflikt in jedem Fall unvermeidlich ist und, um mit Lenin zu reden, „die militärische Frage die zentrale politische Frage ist* Die Arbeiterklasse muß sich systematisch auf eine solche Perspektive vorbereiten, indem sie jede spontaneistische Illusion zurückweist. Sie muß die Notwendigkeit einer zentralisierten Aktion verstehen, auch auf diesem Gebiet. Sie muß begreifen, daß eine rein defensive Haltung zum Scheitern verurteilt ist, wenn die entscheidende Stunde heranrückt, und sie muß dem Feind die Initiative entreißen. aus: Inprekorr Nr.28, 1973

Seite 20

Einbruch der Wirtschaftskrise