Neuere Literatur zu Osteuropa
Dietrich Beyrau, Wolfgang Eichwede (Hg.), der 70er Jahre bis um 1980. Der Autor, Gy- züge aus Lenins Werken oder denen anderer Auf der Suche nach Autonomie. Kultur und örgy Dalos, ist zugleich der einzige, der nicht Parteiführer), die zwar schon auf deutsch vor- Gesellschaft in Osteuropa, Bremen 1987, nur als Wissenschaftler, sondern als Teilneh- liegen, allerdings oft in schlecht greifbaren Donat & Temmen mer seinen Gegenstand beschreiben kann. Auf Ausgaben, ist natürlich das meiste direkt aus einen gemeinsamen Nenner können und wol- dem Russischen übersetzt. Es ist selbstver- In insgesamt acht Aufsätzen zu vier Ländern len die Verfasser die unterschiedliche Ent- ständlich unmöglich, die verschiedenen Thewerden verschiedene Aspekte - die auch wicklung in den verschiedenen Ländern nicht men hier auch nur ansatzweise aufzuführen. durch unterschiedliche Fragestellungen und In- bringen. Es vermittelt sich jedoch im großen Einmal abgeschen von „großen" Ereignissen teressen der Autoren bedingt sind - des Pro- und ganzen der Bindruck einer wachsenden umfaßt die Sammlung z.B. die Ehegesetzge-. blems behandelt, wie die Gesellschaft sich ci- gesellschaftlichen Eigendynamik. bung, Reiseberichte, Dienstgradordnungen nen gewissen Grad an Selbstbestimmung er- der Roten Armee usw. usf. Den beiden Bänkämpft und die absolute Kontrolle des Staates Zum Schluß sei noch auf folgende Dokumen- den sind darüberhinaus Tabellen und Schaubilüber sie zurückdrängt. So werden zur Sowjet- tensammlung hingewiesen: der sowie Bibliographien hinzugefügt. union die Entwicklung der Intelligenz als Trä- Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolugerin des Dissidententums und die Verände- tion bis zu Stalins Tod. Bd.1: Staat und Par- Allerdings sei auch kritisch angemerkt, daß, rungen in der „inoffiziellen Kunst" darge- tei, hg. von Helmut Altrichter, München während der 2.Band chronologisch geordnet stellt. Zu Polen werden das gesellschaftliche 1986 (dtv 2948). ist, die Gliederung des 1. Bandes - offensicht- Bewußtsein" der letzten Jahrzehnte, die Rolle Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolu- lich nach Themen - doch klarer hätte ausgeder mit der katholischen Kirche verbundenen, tion bis zu Stalins Tod. Bd.2: Wirtschaft wiesen werden sollen. Auch hätte man sich gealso halbwegs gestatteten Gruppen, sowie und Gesellschaft, hg. von Helmut Altrichter legentlich kurze Erläuterungen zu den Texten Werke des Schriftstellers Tadeusz Konwicki und Heiko Haumann, München 1987 (dtv gewünscht, die über deren Bedeutung bzw. analysiert. Auch zur Tschechoslowakei wird 2949). Folgen informiert hätten. Von den Themen her ein Schriftsteller vorgestellt, der Nobelpreis- geschen scheint mir nur die „nationale Frage" träger von 1984, Jaroslav Seifert. Ein weiterer An über 300 Originaldokumenten (viele davon etwas unterbelichtet. Ansonsten handelt es sich Aufsatz gibt einen Überblick über das Verhält- allerdings nur in Auszügen) laßt sich so die aber um eine sehr nützliche Dokumentennis von Gesellschaft und Staatsmacht seit 1945- Entwicklung der Sowjetunion über vier Jahr- sammlung, die bald auch um die Jahrzehnte 48. Den Abschluß bildet eine Beschreibung der zehnte verfolgen. Neben wenigen bekannten nach Stalins Tod ergänzt werden sollte. Anfänge der Opposition in Ungarn seit Beginn Texten (die verschiedenen Verfassungen, Aus- Walter Stein Informationsveranstaltung über die IV.Internationale
Am 12./13. Dezember findet in Thalhausen ein Informationsseminar über die IV.Internationale statt. Es gilt vornehmlich den jüngeren Mitgliedern der IN- PREKORR-Strömung und allen Interessierten aus der VSP.
Das Seminar informiert über die Entstehung der IV.Internationale aus der Linken Opposition in der KPdSU; über ihre Gründung und Entwicklung von 1938 bis 1968; über ihre jüngere Geschichte seit 1968 und ihr Selbstverständnis heute.
Anmeldung über: Inprekorr, c/o Buchladen Neuer Kurs, Zülpicherstr. 39, 5000 Köln 1, = 0221-23 80 87 Material wird auf dem Seminar selbst verteilt.
Das Seminar beginnt am Samstag, um 12h und dauert bis Sonntag, 15h.
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• Für die Unterstützer einer praktischen und kritischen Teilnahme an der Kampagne Aquino (mit oder ohne propagandistischen Boykott") war die Präsidentschaftswahl eine Gelegenheit zu einem wirklichen Kampf gegen die Diktatur, cinem großen Kampf. Die Wahlen vom Februar 1986 boten dem Regime, den oppositionellen Strömungen in der Armee (16), der oppositionellen Bourgeoisie und Washington natürlich Gelegenheit für viele Schachzüge. Die vollständige Geschichte der „Februarrevolution" ist, wie die aller großen Ereignisse, sehr komplex. Aber die Wahlkampagne war vor allem eine Kraftprobe, der Höhepunkt von Jahren anti-diktatorischer Mobilisierungen. Sie mußte deshalb der Ausgangspunkt für die Bestimmung der Politik der CPP sein. Dazu mußte man berücksichtigen, daß die Situation gemessen an den früheren festgelegten Schemata gänzlich neu war: der Sturz der Diktatur war möglich, aber nicht die unmittelbare Eroberung der Staatsmacht durch die werktätigen Massen. Die akute Krise des Marcos-Regimes fiel nicht im strengen Sinne mit einer revolutionären Krise zusammen. Wenn die Situation tatsächlich revolutionar gewesen wäre, hätte die Taktik des Boykotts das Signal für eine kraftvolle Offensive sein können. Aber .,im Dezember 1985 waren die Regionen um die Hauptstadt und die Städte nicht reif für einen politischen Aufstand - wenigstens noch nicht*. Man konnte sich aus den Ereignissen nicht heraushalten, denn es war ein wirklicher Kampf gegen die Diktatur im Gange, und man konnte auch nicht einfach zum Boykott aufrufen, denn die Situation war noch nicht reif für diese Sorte von direkter Offensive. „Gerade deshalb hätten die proletarischen Revolutionäre einen Umweg gehen müssen, wenn sie die Massen zu Millionen zu einer fortgeschritteneren Position führen und sie vorbereiten wollten auf einen direkten und revolutionären Angriff auf das faschistische Regime.. Aber unglücklicherweise wollten sie auf dem Weg zur Wahl auch nicht den geringsten Umweg gehen - nicht einmal eine kleine Kurve, eine leichte Abweichung. Sie wollten auf dem Weg zu dem Ziel, das Volk für den direkten revolutionären Kampf mobilisieren, um letztendlich die politische Macht zu übernehmen, in keinem Fall einen Zickzackkurs beschreiben (17)"
I Die Unterstützer der Politik des aktiven Boykotts — die bewußten Befürworter dieser Politik, die wußten, daß die Massen ihnen nicht folgen würden wollten den Weg für die Zukunft offen halten, indem sie der Wahlauseinandersetzung" und der bürgerlichen Führung um Aquino-Laurel jegliche Rechtmäßigkeit absprachen. Diese Position wurde noch nach der Februarerfahrung von Sol del Pilar in Praktika verteidigt. Es war demnach falsch, dem Wahlfieber", das die Massen ergriffen hatte, nachzugeben. Es gab prinzipielle Unterschiede zwischen Aquino und den Revolutionären (zum Beispiel hinsichtlich des US-Imperialismus): Es gibt Grundsätze, bei denen wir keine Kompromisse schließen können." Der Kampf konnte nicht in verschiedene Phasen aufgeteilt werden: Genossen, die Entscheidung ging nicht darum, ob wir uns zuerst auf den antifaschistischen Kampf konzentrieren sollten, um später den antiimperialistischen Kampf zu stärken, sondern um die Frage, ob wir Grundpositionen aufgeben sollten, um Marcos loszuwerden. "
So geschen konnte die Boykottpolitik nur zeitweilig unpopulär sein. Revolutionäre Festigkeit würde sich in Zukunft bezahlt machen, wenn die Massen sich ihrer Illusionen entledigt hätten: , Damit war die Boykottposition die einzige angemessene und wirksame Taktik, angesichts der dargelegten objektiven Bedingungen. Wir haben die Massen während der Wahl nicht im Stich gelassen, denn wir sind aufgestanden für ihr Recht zu wählen und haben den Wahlterror bekämpft. Die Massen haben erkannt, daß wir ihre Rechte verteidigen, auch wenn wir wissen, daß sie im Irrtum sind ... Der Gedanke, daß die Partei sich von den Massen entfremdet hat ... weil sie sie nicht in ihrem Irrtum bestätigen wollte, bedeutet, an der Intelligenz der Massen zu zweifeln ... Der Zickzackweg der Teilnahme an den Wahlen mag sich für Nationaldemokraten als der längere Weg zur endgültigen Emanzipation der Mehrheit der Bevölkerung herausstellen, sofern sie sich dabei nicht selbst aufgeben."
Die revolutionäre Bewegung hat die Initiative verloren Die Bedeutung dieser taktischen Debatte wurde im Herbst 1986 bereits in Artikeln in Inprekorr hervorgehoben. Heute kann man die Frage aus einer größeren Distanz betrachten. Mehr und mehr wird deutlich, daß die Randrolle der CPP zur Zeit der Februarwahlen ernste und dauerhafte Konsequenzen gehabt hat. Das paradoxe Ergebnis der Politik des aktiven Boykotts war — gemessen an den Zielen des Exekutivkomitees — daß die Legitimität von Corazon Aquino als scheinbar einzige PHILIPPINEN
Repräsentantin der „Volksmacht" und der Februarrevolution" erheblich gestärkt statt geschwächt wurde. Sie konnte ungehindert ihr persönliches Image und ihre religiösen Gesten einsetzen. Angesichts des ständigen Drucks der extremen Rechten in der Armee richteten sich die demokratischen Hoffnungen von breiten Teilen der Massen - nicht nur der Kleinbürger — auf die neue Präsidentin, trotz des bürgerlichen und pro-imperialistischen Charakters ihres Regimes, trotz des Ausbleibens gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen, trotz auch der Sabotage der Friedensverhandlungen, dem Anwachsen paramilitärischer Gruppen und einer manchmal blutigen Unterdrückung, die immer ungestraft blieb. Die revolutionäre Bewegung hat sich verschiedentlich Gehör verschaffen können. Sie verfügt weiterhin über bedeutende Kampfressourcen und eine tiefe Verankerung. Aber sie hat bis heute die politische Initiative nicht wiedergewinnen können. Die Autorität Corazon Aquinos wurde bei der Abstimmung über die Verfassung im Februar 1987 und bei den Parlamentswahlen im Mai weiter gefestigt. Das neue Regime hat sich als unfähig erwiesen, die Grundübel, unter denen die Bevölkerung leidet, ernsthaft anzugehen. Dennoch bleibt die Präsidentschaftskampagne eine bedeutende Wende im politischen Leben des Landes. Der Einfluß der ,,Februarrevolution" ging nicht in ein paar Monaten verloren.
All dies bestätigt meines Erachtens das Hauptargument derer, die die Linie des aktiven Boykotts kritisierten. Die Präsidentschaftswahl vom Februar 1986 war in der Tat ein Kampf, ein großer politischer Wendepunkt. Die revolutionäre Linke mußte in diesem Kampf ihre Verantwortung wahrnehmen und auch auf dem Gebiet des Wahlkampfs ihren Anspruch auf Führung im demokratischen Kampf anmelden. Sie hätte das nicht durch die Aufstellung eigener Kandidaten tun können, ohne Gefahr zu laufen sich zu isolieren. denn die Spaltung wäre als direkte Unterstützung für die Diktatur verstanden worden. Die Position propagandistischer Passivität - und dazu führte letzten Endes die „Politik des aktiven Boykotts" wurde der Situation nicht gerecht, wie die Erfahrung zeigte.
Die Aufgabe war nicht leicht, weil die Situation in der Tat komplex war und die revolutionäre Linke schon im Dezember 1985 teilweise die politische Initiative verloren hatte (18). Die konkreten taktischen Alternativen - kritische Teilnahme
PHILIPPINEN
Die philippinische Linke holt sich Rat bei den Revolutionären El
Salvadors.
an der Aquino-Kampagne oder ein „erzieherischer" Boykott kombiniert mit ciner aktiven Teilnahme am Wahlkampf konnten nur unter genauer Kenntnis des Kräfteverhältnisses und der Situation der betroffenen Organsationen entschieden werden. Trotzdem scheint mir hätte die CPP, dank ihrer Massenbasis und ohne sich der einheitlichen Mobilisierung entgegenzustellen, die antidiktatorischen Bestrebungen der Bevölkerung organisieren können, indem sie die Bildung von Volkskomitees unterstützte, durch die sie die Forderungen der werktätigen Massen in die Präsidentschaftskampagne eingebracht hätte — was Corazon Aquino, Salvador Laurel und ihre politischen Parteien weder konnten noch wollten.
Mir scheint, die CPP hätte sich gleichzeitig am Wahlkampf, am aktiven Kampf gegen die Diktatur beteiligen und Corazon Aquino das Monopol, das sie sich in der demokratischen Bewegung im Hinblick auf die Präsidentschaftswahlen aufzubauen suchte, streitig machen können. Die, revolutionäre Linke konnte sich gegen- über dem persönlichen Prestige Corazon Aquinos nur behaupten, indem sie ihre Fähigkeit unter Beweis stellte, in diesen entscheidenden Monaten die praktische Initiative, die Führung der antidikatorischen Mobilisierung der Massen zu ergreifen. Damit wären die revolutionäre Bewegung und die Volkomitees in der Lage gewesen, die Ereignisse nach dem 7.Februar 1986 zu beeinflussen. Nach Marcos' Sturz hätten sie wenigstens einen Teil der Legitimität der ,,Februarrevolution" verkörpert — mit allem, was das für die Fortführung des Kampfs der Massen bedeutet hätte. Auf eine ganz neue Situation mußte eine ganz neue Antwort gefunden werden.
„Politik ist Erneuerung"
Um diese sehr wichtige Frage der taktischen Orientierung hat sich die Debatte in der CPP polarisiert. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen finden wir das sehr leninistische Thema der konkreten Analyse einer konkreten Situation. Die Wahlpolitik der Partei hätte nicht mechanisch aus einer einseitigen Beurteilung der Prasidentschaftswahlen (ein Manöver der Diktatur) und allgemeinen prinzipiellen Überlegungen (dem revolutionären Projekt) abgeleitet werden dürfen, sondern hätte von einem tieferen Verständnis der Situation und ihrer Besonderheit ausgehen müssen.
„„Politik ist Erneuerung", schrieb Ernesto Rocque auf den Seiten von Liberation, dem offiziellen Organ der NDF. Der Februar 1986 ,,zeigt erneut, daß das wirkliche Leben seltsamer ist als die Fiktion und reicher als die fortgeschrittenste Theorie ... Wenige, wenn überhaupt jemand, sahen voraus, daß die Erhebung der Volksmacht eine so entscheidende und rasche Wirkung haben würde ... Daß einige National-Demokraten von den Ereignissen überrollt wurden, ist verständlich, aber bedauerlich. Hinterher ist leicht reden. Immerhin, die Richtung der Ereignisse wenn nicht ihre genaue Form und ihr Tempo - war voraussehbar ... Die Augen standen offen, aber sie sahen nicht, was geschah. Das stimmt allerdings mit der biologischen Tatsache überein, daß wir nicht mit unseren Augen sehen, sondern mit unserem Gehirn ... Die Theorie muß sich dauernd mit Kräften und Ereignissen auseinandersetzen, die nicht nach bekannten Mustern verlaufen. Politik ist Erneuerung. Die politische Führung braucht Offenheit und Flexibilität (19)" Zusätzlich zur Frage des inneren Funktionierens greift die Selbstkritik des Politbüros der CPP diese Frage auf, und nur diese: die konkrete Analyse einer konkreten Situation, und die sich daraus ergebenden taktischen Möglichkeiten. Andere Beiträge haben jedoch den Rahmen der Debatte erweitert. Ein Beispiel dafür ist der Nationale Jugend- und Studentenausschuß, der eine deutliche Kritik am Boykott folgendermaßen abschließt: „Zu guter Letzt geben wir zu, daß unsere Fragen weit über die Boykottpolitik hinausgehen. Hinter der Boykottaktik verbergen sich die tiefergehenden Probleme des antifaschistischen Kampfs, der Einheitsfront, des parlamentarischen Kampfs, der Massenbewegung in den Städten und, allgemein gesprochen, die ganze Strategie und Taktik der philippinischen Revolution. Es ist selbstverständlich, daß die ideologischen Wurzeln der verschiedenen Probleme einer genauen Untersuchung unterzogen werden müssen. Natürlich bedeutet das ein umfassendes und tiefgehendes Studium. Wir sind zuversichtlich, daß die Partei diese grundlegenden Probleme in den Griff bekommen wird (20)"
Neben der taktischen Inflexibilität 1985- 86 (21) wurde in der Debatte auch die Inflexibilität der strategischen Konzepte der Führung der CPP angegriffen. Der Nationale Ausschuß für Jugend und Studenten bemerkte insbesondere, daß die CPP einen „Drei-Jahres—Plan für eine 'strategische Gegenoffensive angenommen hatte. Es gibt nichts gegen einen Drei-Jahres-Plan zu sagen, der sich auf
die klassische Formel der strategischen Phasen im Volkskampf stützt. Was jedoch falsch ist, ist daß wir unsere Strategie und Taktik in eine Zwangsjacke pressen und dadurch die Bewegung daran hindern, die politisch-historischen Windungen und Wendungen zu erfassen (22)".
Strategische Überlegungen am Beispiel El Salvadors
Auf diese Weise warfen Kader und Gremien der CPP Elemente der strategischen Überlegung in die interne Debatte. Das gilt vor allem für Marty Villalobos (23), der in drei Diskussionsartikeln neuartige Überlegungen anstellte. Im ersten dieser Artikel analysierte er kurz die Beziehungen zwischen dem verlängerten Volkskrieg und dem Aufstand in verschiedenen Revolutionen der Dritten Welt. Er schließt damit: ,,Nicht nur die Taktik muß sich ändern, wenn sich die Umstände ändern. Wie man aus der Erfahrung anderer Revolutionen ablesen kann, insbesondere in Nicaragua, muß sich auch die Strategie ändern, wenn sie sich als falsch erweist oder nicht mehr mit wichtigen Veränderungen in der Gesamtsituation übereinstimmt. Unglücklicherweise waren wir hier auf den Philippinen so auf die Strategie des „verlängerten Volkskriegs" festgelegt, daß es zuviel Widerstand gegen eine grundsätzliche Änderung der Strategie gab, selbst als die Anzeichen für eine aufständische Situation bereits klar erkennbar waren ..."
1980-81, kurz nach der nicaraguanischen Revolution gab es eine bestimmte Anpassung der CPP in ihrer allgemeinen Strategie. Weil sie die stärkere städtische Konzentration auf den Philippinen (im Vergleich zu China und Vietnam zur Zeit ihrer Revolution), die stärkere Mittelklasse (besonders das städtische Kleinbürgertum) und die lange bürgerlich-demokratische Tradition in der philippinischen Politik erkannte, sah die Partei die wachsende Bedeutung des städtischen Kampfs und des offenen, legalen, demokratischen Kampfs im Rahmen unseres Volkskriegs. Sie erkannte die Bedeutung von drei strategischen Kombinationen: die Kombination des Kampfs auf dem Lande mit dem in der Stadt; die Kombination des Kampfs auf nationaler und auf internationaler Ebene, und die Kombination des militärischen und des politischen Kampfs. Der militärische Kampf, die politische Arbeit auf dem Land und die nationale Ebene würden weiterhin die zentrale Rolle spielen, aber der politische Kampf, die politische Arbeit in den Städten und die internationale Ebene würden nur wenig dahinter zurückstehen. Doch obwohl all diese Anpassungen eine Entfernung vom 'klassischen' chinesischen Modell der 'Einkreisung der Städte vom Land her' darstellten, vollzog die Partei keinen radikalen Bruch mit der 'Strategie des verlängerten Volkskriegs*.* Schon 1983 versuchten Teile der CPP, die Politik der Partei um eine aufständische Perspektive zu erweitern, wenigstens in bestimmten Zentren oder Regionen. Nach der Ermordung Benigno Aquinos in jenem Jahr und dem Ausbruch einer neuen politischen Krise wurde vorgeschlagen, sich auf „die Möglichkeit eines schnellen Wegs zum Sieg durch den Aufstand" vorzubereiten, ohne den langsamen Weg" des „verlängerten Volkskriegs" aufzugeben. Doch 1984-85 gab es keine grundsätzlichen Anderungen in der Strategie" Im Nachhinein, meint Marty Villalobos, hätte die Partei sich schon 1983, vielleicht sogar früher, einer aufständischen Strategie zuwenden sollen" (24). Demnach wurde der größte Fehler also nicht im Dezember 1985 (bei der taktischen Bewertung der Situation) gemacht, sondern mehrere Jahre zuvor (durch die Inflexibität der strategischen Anpassung). In einem zweiten Diskussionsartikel analysiert Marty Villalobos die jeweilige Rolle des bewaffneten Kampfs und des politischen Kampfs, des Kampfs auf dem Land und in den Städten und den Begriff der „strategischen Phasen" und der revolutionären Krise in einer Strategie des Volkskriegs und in einer aufständischen Strategie. Er kommt auf die Lehren vom Februar 1986 zurück und nimmt den Grundgedanken aus seinem vorherigen Artikel wieder auf: „Nach dem Attentat auf Ninoy Aquino gab es ein Entweder-Oder. Entweder man machte mit dem "verlängerten Volkskrieg' weiter oder man sattelte auf die Strategie des Aufstands um. Dazwischen gab es nichts. Man bereitet seine Kräfte für das eine oder für das andere vor ... da jede Strategie ihrem eigenen komplizierten Kurs folgt ... Wir versuchten einen Mittelweg. Wir blieben bei der Strategie des 'verlängerten Volkskriegs', , aber wir waren auch offen für eine Hinwendung zur Aufstandsstrategie'. Wir warteten ... bis die Ereignisse uns überholten (trotz aller Anpassungen der Linie, die dem politischen und dem städtischen Kampf eine größere Bedeutung zuerkannten (25)."
Schließlich analysierte Villalobos in einem dritten Artikel detaillierter die Erfahrungen des salvadorenischen Experiments von 1979-80 und die Lektionen für die PHILIPPINEN „Als die Menschen in den Wahlen eine Möglichkeit sahen, dem Regime einen Schlag zu versetzen, war die Partei nicht dabei, sie zu führen."
PHILIPPINEN philippinische Linke (26). Seine Thesen scheinen starken Widerspruch hervorgerufen zu haben, auch von einem Teil der Aktiven, die im Dezember 1985 die aktive Boykott-Linie kritisiert hatten. Dies gilt besonders für José Maria Sison, der, obwohl er seit seiner Verhaftung 1977 formal kein Mitglied der CPP mehr ist, wahrscheinlich noch immer einen starken politischen Einfluß auf die kommunistische Bewegung auf den Philippinen hat.
Joma tendiert dazu, die Konsequenzen der „taktischen Fehler" des Exekutivkomitees als zweitrangig zu betrachten und an der Kontinuität der grundsätzlichen strategischen und taktischen Orientierung der revolutionären Bewegung festzuhalten. Marty Villalobos ist hingegen der Ansicht, wenn die CPP bereits 1983 das Zentrum ihrer Strategie verschoben hätte, hätte der Sturz des Marcos-Regimes zu einer Situation führen können, die der von Rußland in der Zeit von Februar bis Oktober 1917 oder der in Nicaragua von 1977 bis 1979 entsprochen hätte. Es ist selbstverständlich schwierig, sich darüber eine Meinung zu bilden. Aber die Notwendigkeit, zeitgenössische revolutionäre Erfahrungen aus anderen Ländern viel systematischer einzubeziehen, wird in der philippinischen Linken vielfältig diskutiert. Debatte über die sozialistische Demokratie
Die Debatte über die Lehren von El Salvador bewegt auch andere Kreise als die der CPP, wie durch die Veröffentlichung eines Artikels von P.N.Abinales in der Diliman Review deutlich wird (28). In diesem Artikel diskutiert Abinales, ein unabhängiger Sozialist, besonders Villalobos' Schlußfolgerungen über den Aufstand, die er einseitig findet. Die Frage ist nicht einfach. Wie kann man in einem Land, in dem der bewaffnete Kampf ein realer Faktor in der Situation geworden ist, für die Weiterführung des revolutionären Kampfs eintreten und gleichzeitig die gegenwärtigen und zukünftigen Veränderungen voll einbeziehen?
Im August 1986 führte die englische Fassung einer langen Diskussion zwischen Fidel Castro und Pater Frei Betto, Fidel and Religion (hrsg. von Pathfinder Press, Pazifik und Asien), zu zwei bedeutenden Treffen in Anwesenheit der kubanischen Botschafterin, Ana Maria Gonzales (29). Das erste Treffen, das vor allem von der philippinischen sozialistischen Gruppe Bisig organisiert wurde, führte zu einer langen Debatte über Sozialismus und Demokratie auf Kuba. Das zweite, das von Priestern organisiert wurde, und an dem Ed de la Torre teilnahm, zeigte das Interesse, das die Filipinos an revolutionären Erfahrungen wie z.B. auf Kuba, und vielleicht mehr noch in Nicaragua haben — beides Länder mit einer christlichen Kultur und in diesem Sinne den Philippinen vielleicht näherstehend als das China von 1949. Ende 1986 trat die CPP in eine besonders schwierige politische Phase, als die Waffenstillstandsgespräche zwischen der Regierung und der National—Demokratischen Front begannen und als 1987 das Referendum über die Verfassung, der Abbruch der Friedensverhandlungen und die Kampagne zur Verfassungsgebenden Versammlung stattfanden. Die Parteipresse Ang Bayan bezog eine eher doktrinäre Position. Die Debatte scheint wenigstens zeitweilig verstummt zu sein. Es ist möglich, daß die Zeitschrift Praktika ihr Erscheinen einstellt.
Es ist verständlich, daß es in einer unstabilen politischen Situation und unter den Bedingungen fortgesetzter Untergrundarbeit nicht leicht ist, eine tiefgreifende Diskussion zu führen. Aber die CPP war schon 1986 durch eine Periode politischer Krisen gegangen. Trotzdem erlebte sie in dem Jahr eine Ausweitung der internen Demokratie. Die Diskussionsdokumente, die ich gesehen habe — ob sie von nationalen Gremien wie dem Politbüro, oder von örtlichen Einheiten oder von Individuen stammen — zeugen von wirklicher Qualität, von ausgereiften Positionen. Die Schnelligkeit, mit der diese Dokumente erstellt wurden, und die Klarheit der Argumentation zeigen, daß es nicht nur eine vorübergehende Debatte ist. Doch ist zweifelhaft, ob in Anbetracht der Tragweite der aufgeworfenen Fragen genügend Zeit bleibt, die Debatte in Ruhe auszutragen. Die Schärfe der Auseinandersetzungen über die einzuschlagende Politik zu den Friedensverhandlungen und zur Wahlkampagne spricht dagegen.
Es bleibt zu hoffen, daß die 1986 begonnene Diskussion in Zukunft weitergeht, zunächst für die Aktiven auf den Philippinen, aber auch für die Aktiven in anderen Ländern, die ebenfalls schwierige taktische und strategische Fragen diskutieren und von der revolutionären Erfahrung auf den Philippinen viel zu lernen haben. Anmerkungen:
1. Das Politbüro und das Exekutivkomitee sind zwei verschiedene Organe. Das PB hat etwa dreimal soviel Mitglieder wie das Exekutivkomitee. Beide sind dem Zentralkomitee gegenüber verantwortlich.
2. Dieses Rundschreiben ist in der Sprache Tagalog verfaße. Wir benutzen hier eine nicht-offizielle Übersetzung. 3. Präsidentin Corazon Aquino wurde von der Laban-Koalition aufgestellt, die ursprünglich von ihrem verstorbenen Ehemann gegründet worden war. Salvador Laurel, der heutige Vize-Präsident, war der Kandidat der konservativen Koalition UNIDO.
4. Die nationaldemokratische Bewegung konnte nicht mehr als ein paar tausend Aktivisten für den Boykott mobilisieren (nicht mehr als S- 10.000), während Hunderttausende gegen die Diktatur auf die Straße gingen und den Appellen Aquinos folgten.
S. Die Bezeichnung ..Nationaldemokrat" kennzeichnet die legalen, halblegalen oder Untergrundbewegungen, die sich mit dem Programm der nationaldemokratischen Revolution, wie es die CPP formuliert, identifizieren. 6. „Die Einschätzung des Verhaltens der Partei war falsch". Editorial in Ang Bayan, vol. XVIII, Nr.3. Mai 1986, S.1-3 Diese Selbstkritik wurde schon in Inprekorr Nr. 1987 vom September 1986 vorgestelle.
7. Ang Bayan, a.a.O., S.I.
8. Die Zeitschrift Praktika wird auch als theoretische Zeitschrift der Partei in den großen städtischen Zentren vorgestellt (Teoretikal an Dyrnal ng Partido sa Pambansang Punong Lunsod). Alex Magno zufolge ist sic das Organ der Nationalen Städtekommission der CPP (vgl. seinen interessanten Artikel: CPP: Rethinking the Revolutionary Process. in: Diliman Review, vol. 34, Nr.4, 1986, S.17 und 20). 9. Der Herausgeberkreis von Praktika schickte in der zweiten Dezemberwoche 1985 in seiner Eigenschaft als einer Kommission der Partei einen dringenden Appell an das Exekutivkomitee, in dem er eine vielseitige Taktik anstelle einer gradlinigen Politik des aktiven Boykotts vorschlug. Some Clarifications, Prakrika Nr.2, August 1986. S.I11-12. 10. Alex Magno, a.a.O., S.18 11. Ang Bayan, May 1986, S.I 12. Interview mit Satur Ocampo in: Philippines Informations, Nr. 46. Oktober 1986. S.4 13. Bernabe Buscayno, AMPO, vol.18, Nr.I 14. Eine Gruppe in der Armee, die auch die RAM und den damaligen Verteidigungsminister Enrile umfaßte, hatte seit Monaten einen Staatsstreich vorbereitet. Da der Plan aufgeflogen war, änderte sie ihn in letzter Minute in einen Überraschungsangriff auf den Präsidentenpalast um und ging am 22. Februar 1986 zur offenen Rebellion über. vgl. Al McCoy. Gwen Robinson und Larian Wilkinson, How the February Revolution was planned, in: Philippine Inquirer vom S.und 12. Oktober 1986 15. Herausgeberkreis, When a Zigtag Turn is Shorter than a Straight Route, in: Praktika Nr. 1, S.13 16. Nach der Krise, die zur Gründung der Koalition Bayan im Mai 1985 führte.
17. Ernesto Rocque, Politics is Innovation, in: Liberation, April-Mai 1987, S.25 18. Against the Snap Election Boykott, in: Praktika, Nr.1, S.36 19. Die CPP hat tatsächlich bei anderen Wahlen der Diktatur erfolgreich Boykottmaßnahmen propagiert. 20. Prakrika, a.a.O., S.35. Die drei Phasen im Volkskrieg sind die strategische Verteidigung, das strategische Patt und die strategische Offensive.
21. Marty Villalobos ist das Pseudonym eines Parteikaders, der auch ein Kollektiv repräsentiert und der sich mit der FMLN El Salvadors und mit deren Führer Joaquin Villalobos identifiziert (möglicherweise auch mit dem Vater des kubanischen Marxismus, José Marti?) 22. Marty Villalobos, Where the Party Foltered, An Analysis of the Snap Polls and the February Upsurge, Maschinenmanuskript, März 1986. S.7-8 24. Marty Villalobos, On the Insurrectional Strategy, A Sequel to Where the Party Faltered", Maschinenmanuskript, S.5-6 23. Marty Villalobos, Parallelism: The Philippines now and El Salvador 1979-80, in: Praktika Nr.2 25. s.besonders das Interview mit José Maria Sison in Inprekorr Nr. 190, Februar 1987 26. P.N.Abinales, Lessons from El Salvador, in: Diliman Review, vol.34, Nr.4, 1986 27. Eine philippinische Ausgabe dieses Buches ist im Druck 28. Joma Sison hatte in cinem Interview die Verhandlungspolitik der Führung der NDF 1986 schr heftig angegriffen. vgl. Solidaridad Ii, Bd.10, Nr.3-4, S.3. Außerdem veröffentlichte das Magazin Kasarinlan in sciner Ausgabe vom 2.Quartal 1987, Nr.4, vol.2 einen Artikel von Pepe Manolo mit der Uberschrift Political Strategy and the Political Negotiations. Manolo vertritt eine Auffassung, die ebenfalls kritisch ist, aber sich von der Joma Sisons stark unterscheidet.
Ende des ÖSTERREICH rinnen und andere, auf dem Arbeitsmarkt besonders schwache Gruppen, besonders hart betroffen sind. Selbst nach 17 Jahren sozialdemokratisch geführter Regierung