Die größte Autoservice-Firma Nicaraguas versuchte drei Jahre lang, die Gewerkschaft zu gängeln - nun setzte die GST bei ihrer Regierung die Enteignung durch. Harvey McArthur
Am 19. Juni übernahm das Arbeitsministerium Nicaraguas vorübergehend die Kontrolle über das Management von sechs Firmen, die zur Gruppe von Julio Martinez gehören.
Die Julio Martinez-Gruppe ist die größte Autoimportfirma und-werkstätte Nicaraguas. Sie beschäftigt im ganzen Land über 400 Leute. Zu ihr gehören das Importgeschäft, eine große Reparaturwerkstatt, ein Werk zum Umbau von Motoren, eine Reifenwerkstatt und der Handel mit Ersatzteilen. Sie befindet sich in Privatbesitz und unter der Kontrolle von fünf Direktoren.
Die Beschäftigten der Kette konnten erst nach dem Sturz Somozas eine Gewerkschaft organisieren und einen Tarifvertrag aushandeln. Ihre Gewerkschaft gehört zur Sandinistischen Arbeitertöderation (CSI), sie gab vor kurzem eine sechsseitige Liste aller Aneritte der Firma auf die Gewerkschaft heraus. 1983 weigerte sich das Manage ment, in neue Tarifverhandlungen einzutreten, hob jedoch einseitig 32 der 51 Klauseln des alten Tarifvertrags auf. Das Arbeitsministerium verfügte daraufhin, den alten Vertrag einzuhalten, solange kein neuer ausgehandelt sei. Die Firma legte dagegen Berufung ein und schaffte es mit juristischen Tricks, daß sich dieser Prozeß zwei Jahre lang hinzog. Inzwischen machte sich das Management an den Versuch, die Gewerkschaft zu spalten und zu schwächen. Es vergab systematisch Arbeitsaufträge an diejenigen Kollegen, die die Gewerkschaft ablehnten, an Gewerkschaftsaktivisten dafür garnicht mehr. Das ist eine wirksame Waffe, denn viele Autoarbeiter werden im Stücklohn bezahlt ohne garantierten Mindestlohn.
José Quintero Sanchez, Lackierer und Gewerkschaftsaktivist, sagte mir: 1986 war es soweit, daß einige Kollegen wochenlang keinen Pfennig sahen. Andere erhielten dafür sage und schreibe 200 000 Cordobas." (Das ist das Achtfache des Durchschnittslohns nicaraguanischer Industriearbeiter.) Die Julio-Martinez-Gruppe erhält vom Staat Zugang zu raren Devisen, um ihre Ersatzteile importieren zu können, die für die Gesamtwirtschaft von Bedeutung sind. Die Firma scheute sich nicht, einige der so importierten Ersatzteile auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, andere besonders treuen gewerkschaftsfeindlichen Arbeitern als Werksgeschenke zu geben, während gewerkschaftlich Organisierte von diesem Privileg ausgeschlossen waren. Durch die Häufung des ökonomischen Drucks sahen sich einige Gewerkschaftsaktivisten gezwungen zu kündigen. Andere wurden einfach gefeuert. 1985 schnitt die Firma das Büro der Gewerkschaftsvertretung von der Versorgung mit Licht, Telephon, Wasser und von der Belüftungsanlage ab. Im April 1986 wurde 50 Kolleginnen und Kollegen verboten, weiter in der Kantine zu essen. Gewerkschaftsführer wurden physisch bedroht. Im April 1986 verwies man sogar die Inspektoren des Arbeitsministeriums des Betriebsgeländes. Seit 1983 hatte die Gewerkschaft immer wieder Beschwerden und Petitionen an das Arbeitsministerium gerichtet. 1984 wurden zweimal Abkommen mit der Unternehmensleitung unterzeichnet, die das Ergebnis von Verhandlungen gewesen waren, die das Ministerium eingeleitet hatte - und jedesmal brach die Firma das Abkommen sofort.
Die Antwort der Belegschaft
Endlich, im Juli 1985, trat die Gewerkschaft in den Streik und besetzte eine der Werkstätten. Die Firmenleitung war gezwungen zu unterschreiben, dals sie sich an die Bedingungen des alten Tarifvertrags halten werde. AberschonzweiMonate später weigerte sie sich wieder, auch an die Gewerkschaftsvertreter den Lohn auszuzahlen Als Antwort kamen die Führer von CST-Gewerkschaften anderer Betriebe und Büros Managuas zu Hilfe und organisierten Proteste vor den Toren. Am 19. April brachten Arbeiter von Julio Martinez ihre Sache dem Präsidenten Daniel Ortega bei einem der „Rede und Antwort"-Versammlungen direkt zu Gehör. In anderen Autobetrieben wurde für die Kollegen gesammelt, denen die Löhne gekürzt worden waren. Am 12. Juni organisierte die CST eine Demonstration von 300 Kolleginnen und Kollegen zum Büro Ortegas, wo sie das Eingreifen der Regierung verlangten: „Für Julio Martinez: Alles beschlagnahmen!,, „Nationales Direktorat, befiehl! und „Volksmacht!" waren die Parolen. Die Demonstranten drängten sich in den Raum, der sonst für die Pressekonferenzen der höchsten Beamten reserviert ist. Dort sagte ihnen der Vizearbeitsminister René Vallejos dann, daß das Ministerium sich zur zeitweiligen Übernahme der Firma entschlossen habe, falls das Management nicht bis Mitternacht alle ihre Maßnahmen zurückgezogen habe. Die Haltung der Firma sei „beleidigend, verlogen und illegal" ; sagte Vallejos. „Wenn sie ihre Haltung nicht ändert, werden wir einen Plan ausarbeiten, wie wir die Firma selber betreiben können und die Verwaltung in die Hände der Belegschaft legen." Der Ausgang des Falles Julio Martinez werde ein warnendes Beispiel für alle anderen Privatunternehmer sein. „Hierzulande wird man keine Gewerkschaften vernichten können" , sagte er.
Am folgenden Tag rief die Gewerkschaft die Sandinistische Polizei, um die Lagerhallen der Firma zu bewachen, nachdem das Management versucht hatte, große Mengen von Ersatzteilen und Werkzeugen abzuschleppen. Und eine Woche später übernahm das Arbeitsministerium die Führung des Betriebs. In einem Interview sagte ein Beamter des Arbeitsministeriums, Donald Alemán, man habe diese Maßnahme gemäß einem Paragraphen aus der Arbeitsgesetzgebung der Somoza-Diktatur von 1945 ergriffen, der „Unternehmerstreiks" in wichtigen Branchen wie Transport verbietet. Der Fall Julio Martinez ist der erste, wo die Nationalisierung die gewerkschaftsfeindliche Haltung eines Unternehmers zum Grund hatte. Barricada schrieb am 20. Juli, die Übernahme durch die Regierung werde solange in Kraft bleiben, bis korrekte Arbeitsbe- Kücküberstellung an die Besitzer. Managua, im Juli
PARAGUAY
Am Vorabend des