Schisma zwischen Volks - Praktisch stehen sich in Nicaragua heute zwei Kirchen gegenüber. Während zum erstenmal breite Schichten ihr Eintreten für die Revolution christlich begründen, macht sich die Kirchenhierarchie zur aggressiven Vorreiterin der Konterrevolution.
Priester in die revolutionäre Regierung Maria Merri eingetreten. Der Kontlikt zwischen den beiden religiösen Projekten, die zugleich zwei radikal entgegengesetzte politische Eine der Besonderheiten der nicaragu- Projekte sind, ist der klarste Ausdruck anischen Revolution ist die massive, in der Krise der katholischen Kirche seit der modernen Geschichte einzigartige dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Teilnahme von Christen, meist Katholi- Dieses Konzil, das vor bald zwanzig Jahken, am revolutionären Prozeß. ren stattgefunden hat, hatte beschlos- Erstaunlichste ist nicht einmal, daß ein- sen, angesichts der bestehenden Kluft zelne Christen, sogar Pater sich der zwischen der Institution und der Gesell- FSLN angeschlossen und in der Guerilla schaft eine Kirche „in" der Welt zu ergekämpft haben wie Pater Gaspar Gar- richten. Gustavo Gutierrez, ein religiöcia.[1] Das Erstaunlichste ist die breite ser peruanischer Theoretiker der Beteiligung der Christen als Christen an Befreiungstheologie, schreibt dazu: „In der Revolution, daß ihr kämpferisches Lateinamerika bedeutet das, der un- Engagement nicht neben und schon gar menschlichen Armut und Unterdrüknicht gegen ihren Glauben stand, son- kung ins Antlitz zu schauen, in der die dern sich vielmehr aus ihrem Nachden- übergroße Mehrheit der Bevölkerun ken über das Evangelium ergeben hat. In ut diesem Kontinent lebt, und em einem Artikel von Giulio Girardi in der fänglich zu sein für ihr Streben nach Zeitschrift Nueva Nicaragua kann man Befreiung. "[3] Das Zweite Vatikanische Konzil hat diesen Weg für die Armen „Eine Kirche, die Christus treu ist, aber nur gestreift. kann nur auf der Seite der Armen stehen. [...] Das ist nicht einfach eine idealisti- Option sche Entscheidung, sondern es geht um die reale Beteiligung an dieser histori- für die Armen schen Aufgabe. Christ zu sein, bedeutet für viele Nicaraguaner, sich für die Revo- Die lateinamerikanische Bischofskonfelution zu entscheiden, d.h. für die Ar- renz in Medellin, Kolumbien, 1968 stellmen im Sinne des revolutionären gesell- te einen Wendepunkt dar. Jahrhunderschaftlichen Blocks; es bedeutet, den telang war die Kirche die treueste Glauben und den Kampf für die Befrei- Verbündete der Kolonisatoren, später ung als ein und dasselbe Engagement zu der herrschenden Bourgeoisie gewesen. leben."[2] Nun wollte sie , wahrhaft arm, missiona- So haben sich die Christen der FSLN risch und seelsorgerisch (sein), aller zeitangeschlossen, ohne deswegen ihre reli- lichen Gewalt entbunden und kühn der giöse Überzeugung aufgegeben zu ha- Befreiung des gesamten Menschen und ben. Nach der Machteroberung sind aller Menschen verpflichter."[4] Der Vorrang der Armen, den die Konferenz von Puebla, Mexiko, 1979 noch einmal bekräftigt hat, sollte ineiner „ wirklichen Solidarität mit den Armen (was) bedeutet, daß wir uns ihre Probleme und ihre Kämpfe zu eigen machen, für sie zu sprechen verstehen."[5] Die Konferenz von Medellin kann also als Geburtsstunde der Theologie der Befreiung verstanden werden. Innerhalb der Kirche hat diese Wende zum Enststehen von Basisgemeinden und „Abgesandten des heiligen Wortes" geführt. Daß Laien die Evangelisierung übernehmen, ist in der hierarchisch aufgebauten Kirche ein explosives Moment, auch auf ideologischem Gebiet.
Die Kirche Nicaraguas hat sich von der des restlichen Lateinamerikas nur wenig, wenn dann negativ unterschieden: es gab wenig Priester, die meisten waren Ausländer, die Gemeinden waren mit sich selbst beschäftigt, die Liturgie war nicht erneuert worden, die Hierarchie konservativ und eine Verbündete der Macht, die die Existenz der Diktatur erst zur Kenntnis genommen hat, als Teile der Bourgeoisie in die Opposition gingen. Die Erfahrung der Bauerngemeinde, die Ernesto Cardenal 1965 in Solentiname gründete, war die Ausnahme, die die Regel bestätigte. Es war „eine Kirche, die schlief, als die Stunde von Medellin geschlagen hatte."[6] Diese Konferenz fand zunächst in Nicaragua nicht den breiten Widerhall, den sie in Brasilien, Guatemala oder El Salvador fand. Dies änderte sich aber, als die Kämpfe in den Städten und auf dem
Lande einen neuen Aufschwung erfuhren.
Zwischen 1968 und 1970 entwickelten sich die Basisgemeinden in den ärmsten Pfarreien, vor allem in Managua, zur gleichen Zeit, als es unter den Studenten der Zentralamerikanischen Universität (UCA), die von Jesuiten geleitet wurde, wachsende Unruhe gab. Im Oktober und November 1970 und noch einmal 1971 besetzten die Studenten der UCA die Kathedrale von Managua, um gegen die Verhaftungen und die Folter zu protestieren. Sie wurden dabei von etwa zwanzig Priestern unterstützt. Der Erzbischof erklärte sich mit ihnen solidarisch, bedauerte und verurteilte aber zugleich die Aktion der Priester. Von diesem Moment an begann die FSLA mit den Priestern, den Ordensleuten, der katholischen Jugend und den Basisgemeinden Kontakt aufzunehmen. Die Movimiento Revolucionario Cristiano (MRC), von Pater Oriel Molina 1971 gegründet, hat zahlreiche Jugendliche herangebildet, die sich später entweder direkt dem bewaffneten Kampf der FSLN angeschlossen haben oder ihn unterstützt haben, indem sie Kurierdienste leisteten, Waffen und Menschen versteckten.[Z] Auch die Gemeinde des Armenviertels Riguero in Managua, die von Studenten der UCA und Pater Molina gegründet wurde, war ein Keimbett von Kämpfern und Kadern der Frente; Luis Carrion und Joaquim Cuadra stammen daher.
Das Erdbeben von 1972 hat diese Entwicklung beschleunigt. Die dramatische Lage der Bevölkerung, die schändliche Veruntreuung der Hilfsmittel durch Somoza — er riß fast die gesamten internationalen Spenden an sich - und die parallele Verschärfung der Repression erhöhten die Glaubwürdigkeit des bewaffneten Kampfs der FSLN als einer Möglichkeit, die Diktatur loszuwerden. Viele junge Christen schlossen sich ihr damals an, als ihre Aktionen immer kühner wurden.
Und die Kirchenhierarchie? Sie war seit 1971/72 auf Distanz zu Somoza gegangen. Sie nahm von nun an dieselbe Haltung ein wie die bürgerliche Opposition, die sich in der FAO (Frente Amplio de la Opposicion) oder in Wirtschaftsverbänden wie dem Unternehmerverband COSEP organisiert hatte und über eine Ablösung der Diktatur verhandeln wollte. Im Januar 1977 aberkannte die Kirche in ein und demselben Hirtenbrief sowohl dem Somozismus wie auch dem Sandinismus jede Legitimität und verurteilte jene Bewegungen, auf einer In
Köln am 19.
Jull 1985 die sich selbst befreiende nennen, aber den Überschwang der Leidenschaften fördern." Bis zuletzt, bis zum Sieg im Aufstand hat die katholische Hierarchie zusammen mit der oppositionellen Bourgeoisie versucht, von Caracas in Venezuela aus über die Ausweitung der revolutionären Junta, die Integration der Nationalgarde usw. zu verhandeln. In ihrer Erklärung vom 2. Juli 1979 anerkannte sie gezwungenermaßen den Aufstand: „ Wir alle leiden und sind berührt vom Extremismus revolutionärer Aufstände, aber man kann ihm nicht die moralische und rechtliche Legitimität absprechen." Hatte sie noch eine Wahl? Im selben Atemzug warnte sie vor „dem Mißbrauch, der mit jedem revolutionären Prozeß verbunden ist," etwa der Bedrohung des Privateigentums und der privaten Güter."
Der Sieg der Revolution am 19. Juli, die Rolle der FSLN als unbestritten einziger Organisation, die in der Lage gewesen war, den Kampf biszum revolutionăren Sieg zu führen, die Unterstützung, die der Sandinismus bei der überwältigenden Mehrzahl der Gläubigen fand brachten die Hierarchie in eine schwierige politische Lage. Der FSLN die politische Legitimität abzusprechen hätte bedeutet, sich von der Bevölkerung zu
isolieren und damit jede Glaubwürdigkeit zu verlieren. Umsomehr, als die scheinbare antisomozistische Einheit der letzten Jahre einen Riß innerhalb der Kirche überdeckte, der nur auf Kosten der Hierarchie größer geworden wäre, wenn sie eine solche Politik betrieben hätte. So hat auch die Kirche auf ihre Weise die Lehren aus der kubanischen Revolution gezogen: weil sie damals aktiv Partei für die Konterrevolution ergriffen hatte, ist sie dort langsam wie eine vertrocknende Haut geschrumpft. Vom Stillhalten zum Zusammenstoß
Die Haltung, die die Sandinisten nach der Eroberung der Macht einnahmen, ließ der Kirche wenig Spielraum. Die Sandinisten anerkannten die Rolle der Christen in der Revolution und beließen es dabei nicht bei platonischen Erklärungen. Die Regierungsjunta für den Nationalen Wiederaufbau (JGRN) berief vier Priester in die Staatsführung: Miguel d'Escoto als Außenminister, Ernesto Cardenal als Kultusminister, Fernando Cardenal als Verantwortlichen für die Alphabetisierung und wenig später Ed. gar Parales als Vizedirektor des Nicaraguanischen Instituts für Sozialversicherung. Insgesamt wurde ein Dutzend Priester mit verschiedenen öffentlichen Amtern betraut.
Schließlich entschloß sich die Hierarchie nach langen Monaten des Zögerns, den revolutionären Prozeß zu unterstützen. Der Hirtenbrief vom 1Z, November 1979 stieß auf Überraschung bei denen, die zu Recht dachten, die katholische Hierarchie wäre bis auf die Knochen reaktionär, und auf eine tiefe Freude bei all den Christen, die glaubten, die Bischöfe hätten sich nun entschlossen, dem revolutionären Prozeß zur Seite zu stehen. Beide Reaktionen sind verständlich, wenn man den Brief liest: , Wir wenden uns an das Volk von Nicaragua, dessen Teil wir sind, das den Weg der Wahrheit und der Verwirklichung der Gerechtigkeit sucht in der Gegenwart des revolutionären Prozesses, den unser Vaterland erlebt und auf den viele Menschen in der Welt ihre Augen gerichtet haben... Wirtundiesals Hirten der Kirche im Bewußtsein, daß viele Christen am Aufstand teilgenommen haben und jetzt an der Konsolidierung des Siegs arbeiten... Manchmal hört man die Angst und die Befürchrung, der gegenwärtige Prozeß werde zum Sozialismus führen. Wir müssen sehen: ... wenn dieser Sozialismus ein Sozialismus ist, von dem die Mehrheit der Nicaraguaner Vorteile hat, werden wir alle, Nicaraguaner, an der Planwirtschaft mitarbeiten, wenn der Reichtum dem Gemeinwohl dient, wenn der Unterschied zwischen reich und arm, zwischen Stadt und Land verringert wird,... dann ist ein solcher Sozialismus ein Segen für unsere Revolution."
Wie soll man die „himmlische" Verwunderung erklären, den dieser Hirtenbrief hervorrief, da die mehrals gemäßigten Stellungnahmen vor der Revolution und die Entwicklung seither bekannt waren? Die „offizielle" Kirche bezieht sich heute in keiner Weise mehr auf diesen Brief, den sie wahrscheinlich selbst als Produkt eines Moments der Verwirrung begreift, bedingt durch das Vordringen des Marxismus in ihren eigenen Reihen. Drei Faktoren spielten eine wichtige Rolle. Zum ersten war die Kirchenhierarchie zum damaligen Zeitpunkt des revolutionären Prozesses darüber gespalten, welche Haltung sie einnehmen sollte, und sie ist es noch heute. Sie wartet ab. Zweitens beteiligten sich damals zahlreiche Priester, Ordensleute und Laien aktiv am Aufbau dieses neuen Nicaragua, ohne die Direktiven der Bischöfe abzuwarten. Sie relativierten damit selbst das Gewicht und die Autorität der Kirche. Schließlich, und dies ist sicher der entscheidende Faktor, wartete auch die Bourgeoisie ab. Diese spürte zwar, daß sie die politische Macht nicht mehr in ihrer Hand hielt, aber sie wußte doch nicht, wie sie sich gegenüber der FSLN verhalten soll- Anfang Mai 1980 traten die bürgerlichen Führer Violeta Chamorro und Alfonso Robelo aus dem Staatsrat aus und hofften, damit eine politische Krise auszulösen. Einige Tage später ließ die Kirche der Presse folgende Erklärung zukommen: „Angesichts der Tatsache, daß der Ausnahmezustand heute überwunden ist, können die öffentlichen Ämter, die einige Priester bekleiden, ebensogut von Laien wahrgenommen werden." Schwer, hier an einen Zufall zu glauben. Weniger als ein Jahr nach dem Sieg brach der Konflikt zwischen der katholischen Hierarchie und der sandinistischen Regierung offen aus gleichzeitig mit demersten bedeutenden Bruch zwischen der FSLN und der oppositionellen Bourgeoisie.
Wenn man die großen Etappen dieser Krise zwischen der Kirche und dem revolutionären Staat von 1980 bis heute untersucht, stellt man fest, daß sie immer genau mit den Angriffen auf die Revolution zusammenfallen und eine internationale Dimension angenommen haben. Es wäre falsch, hierin nur einen inneren Konflikt zu sehen, dessen Protagonisten sich auf die Kirchenhierarchie Nicaraguas, die FSLN und die revolutionären Christen beschränkten. Der US-Imperialismus hat parallel zur Bewaffnung der Contra zusammen mit dem Vatikan eine ideologische Kampagerleide.
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Von 1981 an, als Washington mit der massiven Hilfe an die Söldner begann, gab es drei wichtige Ereignisse, die die Eskalation durch die Kirchenhierar- •chie belegen. Im Juni 1981 richtete das Episkopat ein Ultimatum an die Priester in der Regierung, in dem es ihnen befahl zwischen ihren priesterlichen Funktionen und ihren öffentlichen Ämtern zu • wählen. Im August 1983 stellte sich die Kirche gegen den Patriotischen Militärdienst (SMP) und verurteilte die „bewaffnete Gewalt" der Sandinisten. Im • April 1984 rief der Erzbischof im Hirtenbrief der Osterwoche zur „nationalen Versöhnung" auf, also zum Dialog mit der bewaffneten Konterrevolution. Bischof Vega ging so weit zu erklären, daß „ein Volk, das seine bürgerlichen und gesellschattlichen Rechte nicht gesıchert sieht, auch das Recht hat, Hilfe zu suchen, wo es kann." Damit spielte er auf die Finanzierung der Contra durch die USA an. Hinzu kommen der Kampf gegen die Bildungspolitik der Regierung, der Versuch, den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen jede Legitimität abzusprechen, und parallel dazu die immer heftigere Verurteilung der Priester und Ordensleute, die sich gegen die Hierarchie stellten und die sie als falsche Propheten bezeichnete. Dies alles entspricht genau den Kampflinien der inneren Opposition, der Coordinadora Democratica Nicaragüense (CDN), des COSEP und von La Prensa sowie der äußeren Contra, die sich in der FDN zusammengeschlossen hat.
Trumpfkarte in der Hand der Konterrevolution
Heute besteht kein Zweifel mehr, daß die Kirche die Trumpfkarte der Opposition gegen die Revolution ist. Die bürgerlichen Parteien sind schwach und wenig glaubwürdig. Sie genießen im Volk keine Unterstützung und sind unter sich zerstritten. Die Wahlen von 1984, die sie mit lautem Getöse gefordert hatten, haben gezeigt, daß sie auf sich allein gestellt unfähig sind, gegen die Sandinisten zu kämpfen. Nur die Kirche ist in der Lage, ideologisch gegen die FSLN anzugehen und ihrer Regierung die Legitimität abzusprechen.
Die Kirche versucht, die Unzufriedenheit oder zumindest die Ermüdung. die es in einigen Schichten der Bevölkerung gibt, auf ihre Mühlen zu lenken - Erscheinungen, die mit der tiefen wirtschaftlichen Krise, der realen Verschlechterung der Lebensbedingungen und der wachsenden Not zusammenhängen. Nach dem Befreiungskrieg, der viele Menschenleben gekostet hat, drückt der verheerende Aggressionskrieg, dessen Ende nicht absehbarist, auf das Bewulstsein der am wenigsten politisierten Schichten der Bevölkerung. Die Appelle, den Wehrdienst zu verweigern oder mit der Contra in den Dialog zu treten, finden in diesen Schichten einen gewissen Widerhall. Die Angriffe auf die Priester in der sandinistischen Regierung und im allgemeinen auf alle Christen, die sich am revolutionären Prozeß beteiligen, verfolgen dasselbe Ziel: die Christen sollen sich von der Revolution lösen. Die „Volkskirche" ', verstandenals die Kirche der Regierung, wird der einzig rechtmäßigen Kirche, der Roms und der katholischen Hierarchie, entgegengesetzt und damit bewiesen, daß Marxismus und Christentum Gegensätze sind Aus eigener Kraft wäre auch die nicaraguanische Kirche nicht in der Lage, diese Aufgabe durchzuführen. Es ist schwer, die Zahl der Priester in Nicaragua heute genau zu schätzen. Es sollen etwa 200 bis 250 sein, davon etwa 60 % Ausländer.[8] Der nationale und der Diözesanklerus, oftmals eine Personalunion, ist in der Regel reaktionärer eingestellt als die Ordensleute und der ausländische Klerus. Traditionell hat es in Nicaragua immer eine Mehrheit von Ausländern unter den Priestern gegeben. Es wäre noch gewagter, eine politische Karte des Klerus zu zeichnen. Es wird geschätzt, daß 1984 ca. 46 % dieser Priester revolutionã:
ren Prozeß in der einen oder anderen Weise unterstützten, während 54% nenr oder weniger großer Vorsicht betrachten. Man darf auch nicht vergessen, daß die Bischöfe seither einen guten Teil der engagiertesten Priester über die Grenze geschickt haben und dafür andere haben kommen lassen, deren ideologische Ansichten besser zu den ihren paßten. Die Kräfte der Kirche sind schwach, und es steht sehr viel auf dem Spiel. Der Kampf der Kirche und in der Kirche geht heute nicht nur Nicaragua an, sondern ganz Lateinamerika. Das haben das Weiße Haus wie der Vatikan sehr wohl begriffen.
Die heilige Allianz
Vom ersten Augenblick der Präsidentschaft Ronald Reagans an haben seine Berater sein Augenmerk auf die Gefahr gelenkt, die die Theologie der Befreiung für die Herrschaft der USA über den Hinterhof ihres Imperiums darstellt. Im Dokument von Santa Fe erklärte die Republikanische Partei: „Die US- Außenpolitik muß beginnen, sich mit der Theologie der Befreiung, wie sie in Lateinamerika vom Klerus dieser Richtung eingesetzt wird, auseinanderzusetzen, nicht mehr nur nachträglich auf sie zu reagieren. Die Rolle der Kirche ist in Lateinamerika lebensnotwendig für das Konzept der politischen Freiheit. Leider haben die marxistisch-leninistischen Kräfte die Kirche als politische Waffe gegen das Privateigentum und das kapitalistische Produktionssystem benutzt und in die religiösen Gemeinden Ideen eingeschleust, die eher kommunistisch als christlich sind."
Um entsprechend zu intervenieren, hat der Imperialismus eine Reihe von Institutionen geschaffen. Die mächtigste darunter ist das Institute for Religion and Democracy (IRD), das 1981 von einer Gruppe der neuen amerikanischen Rechten, der Coalition for a Democratic Majority (CDM), gegründet wurde, die unter ihren Mitgliedern niemand geringe zählt als Jeane Kirkpatrick. Das IRD wird hauptsächlich von den Stiftungen von Smith Richardson und Sarah Scaife unterstützt, die bereits in zahlreichen Fällen ihren Namen für Finanztransaktionen der CIA hergegeben haben. Dieses Institut, das mit einem erstaunlichen Sinn für Nuancen die Theologie der Befreiung zu einem Teil der sowjetischen Strategie auf Weltebene erklärt, hat seine ganzen Bemühungen in den letzten Jahren auf Nicaragua konzentriert. Ganz ökumenisch verteilt es seine Gelder auf einige Mitglieder des Nationalrats der Evangelischen Kirchen in Nicaragua (CPEN), die damit gegen das Komitee für Entwicklungshilfe (CE- PAD) kämpfen, das die Mehrzahl der protestantischen Kirchen vereint und als „marxistisch-leninistisch" eingestuft wird, und auf die katholische Hierarchie über die Kommission für Gesellschaftliches Voranschreiten (COPRO- SA) des Erzbistums Managua.
Mgr. Obando wurde 1982 persönlich vom IRD ausgezeichnet. Die COPRO- SA, die die Zeitschrift Iglesia herausgegeben hat, die im vergangenen Oktober von der Staatssicherheit beschlagnahmt wurde, bemüht sich um den Aufbau von Gemeindeprojekten und die Schulung der Seminaristen. Finanziell muß sie recht gut ausgestattet sein, da sie auch Subventionen von Aid for International Development (AID) erhält, das dem State Department verbunden ist. Bis Okto ber 1985 hat AID 593 000 Dollar überwiesen. Das ist nicht alles. Auch eine Privatgesellschaft, die W.R. Grace Corporation trägt ihren Obolus zu den guten Werken des Kardinals bei. Ihr Direktor ist John Peter Grace, der Gründungspräsident des American Institute for Labor Development (AIFLD), das bekanntermaßen mit der CIA verbunden ist. Im Mai 1984 hat einer der Leiter der Firma, John Mecham, an seine Vorgesetzten einen Bericht geschrieben, in dem er von seinen Diskussionen mit Obando berichtet und zu dem Schluß kommt: „Der Erzbischof hat einen Plan ausgearbeitet, um die marxistisch-leninistischen Umtriebe der Sandinisten zu vereiteln. [...] Er braucht Hilfe, und wenn wir glauben, daß er recht hat, sollten wir ihn materiell unterstützen, denn er scheint in der Lage, seine Opposition
zum Ziel zu führen. Läßt man die Kirche beiseite, gibt es keine solide Opposition, die so viel lokale Unterstützung genießt." Die Argumentation wohl ins Schwarze getroffen, denn kurz darauf hat diese Gesellschaft mehr als 30 000 Dollar an die COPROSA überwiesen.
Aber materielle Hilfe, obwohl notwendig, ist nicht ausreichend. Die Kirchenhierarchie beansprucht heute für sich, die einzig legitime Kirche zu sein und wird darin vom Vatikan bestärkt. Die Kampagne, die Johannes Paul II. gegen alles führt, was die Tradition der Kirche infragestellt, sowohl auf dem Gebiet der Theologie als auf dem der Institutionen, treibt den Vatikan dazu, eine Politik zu machen, die im Falle Nicaraguas sich objektiv mit der der Regierung der USA deckt. Rom hat seine ganze Autorität in die Waagschale der Hierarchie gegen die Christen geworfen, die in der Revolution aktiv sind. Die Frage der Präsenz von Priestern in der sandinistischen Regierung verdeutlicht dies am besten.
daß diese Priester, Es ist für Nicaragua auferst wiChvie: kerung eine ungeheure Popularität genießen, in der Regierung bleiben. Ebensowichtig ist es für den Imperialismus und die Opposition, dal sie die Regierung verlassen oder ihr Priesteramt niederlegen. Doch alle haben diese ultimativ vorgetragene Alternative abgelehnt. Gestützt auf das kanonische Recht vom Oktober 1983, das es Ordensleuten untersagt, öffentliche Amter zu bekleiden, hat der Vatikan das kirchenrechtliche Wirrwarr, das daher rührt, daß die vier Patres ganz unterschiedlichen Statusbesitzen, kurzerhand dadurch beseitigt, daß er sie im Januar 1985 a divinis ihrer Funktionen entkleidet hat, dabei noch die regulären Instanzen der Kirche übergehend. Der Papst, dem sein erregter Auftritt vor der Menge der Gläubigen bei seinem Besuch in Nicaragua im März 1983 nicht gefallen hat, wollte ein Exempel statuieren für all diejenigen, die sich auf die Theologie der Befreiung berufen. Verhärtete Fronten
Was heute in Nicaragua vor sich geht, hat Rückwirkungen auf die gesamte Kirche. Jeder muß hier „sein Lager wählen" . Der Papst hat seines gewählt, indem er den Erzbischof von Managua, Obando, zum Kardinal ernannt hat, wohl wissend, daß er damit seine Rolle als „Kardinal des Friedens" , wie die Contra ihn nennt, sanktioniert, legitimiert und aufwertet. Obando hat sich dafür erkenntlich gezeigt: er hat den Kardinalspurpur im vergangenen Juniin Miami vor der versammelten Crème der Contra angelegt, vor den Robelos, Eden Pastora und Arturo Cruz.
Diejenigen, die in der Kirche gegen den „ideologischen und organisatorischen Willen zur Restauration à la Metternich" kämpfen, müssen auch ihr Lager wählen. Als Fernando Cardenal aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen wurde, hat ihm der Zentralamerikaverantwortliche des Ordens seine Solidarität ausgedrückt. Der Prior der Franziskaner hat sich gegen die Anschuldigungen verwahrt, die Obando in Rom gegen diejenigen vorgebracht hat, die sich weigern, der Obrigkeit zu gehorchen. Als Obando am 15. Oktober 1985 die Verhängung des Ausnahmezustands als einen weiteren Schritt zum Totalitarismus bezeichnete, antworteten etwa hundert Priester und Ordensleute, die Hierarchie sei zum großen Teil für diese Lage verantwortlich. Der Rils, den es zum Zeitpunkt der Revolution in der Kirche gab, hat sich zu einem Graben ausgeweitet, der kaum noch überwindbar scheint.
Heute fordert die nicaraguanische Revolution selbst die Theologie der Befreiung heraus, denn „bislang war diese Theologie im Zusammenhang mit einer nur möglichen, imaginären Revolution erarbeitet worden." Heute geht es aber nicht mehr allein um die Verteidigung des Rechts, gegen Ausbeutung und Unterdrückung, gegen die herrschende Ordnung zu kämpfen, sondern darum, etwas Neues zu schaffen. Die Revolution legt ihren Finger auf den Widerspruch, der in dieser Theologie angelegt ist. Es ist nicht der zwischen Marxismus und Christentum, sondern der zwischen konsequenter Treue zu den Armen und der Treue zur Kirche als Institution. Leonardo Boff, einer der „ Väter" dieser Theologie, wurde vom Vatikan zum- Schweigen verdammt und hat dies mit der Bemerkung akzeptiert: „Ich bleibe lieber in der Kirche, als daß ich mit meiner Theologie alleine weitergehe." Die Brüder Cardenal und Miguel d'Escoto, die härter verurteilt wurden, haben sich für das Gegenteil entschieden. Sie haben sich entschlossen, nicht allein weiterzumarschieren, sondern mit ihrem Volk auf dem Weg der Revolution voranzuschreiten, anstatt mit einer Kirche, die sie verstoßen hat.
Wie sind heute die Beziehungen zwischen der katholischen Kirche und dem revolutionären Staat? Hat die Kirche wenigstens teilweise ihr Ziel erreicht? Hat sie das Vertrauen der Massen in die FSLN erschüttern können, wenigstens bei einigen Schichten? Dies scheint nicht der Fall zu sein. Im Gegenteil, in den letzten Monaten hat die FSLN gegenüber dem Episkopat einige Punkte machen können. Dieses ist inzwischen gespalten. Die Taktik des Erzbischofs von Managua wird offensichtlich nicht von der ganzen Hierarchie geteilt. Ihrist klar geworden, daf sie, wenn sie mit ihren Provokationen gegen die Regierung zu weit geht, das Gegenteil von dem erreicht, was sie will. Das ist günstig für die FSLN und erschüttert die Glaubwürdigkeit des Episkopats. Die Weigerung, die Übergriffe der Contra zu verurterlen, das stillschweigende Einverständnis, daß die Contra Namen und Titel des Kardinals zur Rechtfertigung ihrer Taten benutzen kann, die bombastischen Aktionen und Erklärungen in der Art der Messe in Miami diskreditieren die katholische Hierarchie in den Augen der Massen, sie zeigen sie zu sehr in ihrem wahren Gewand, demjenigen einer konterrevolutionären, parteiischen Kraft und nicht im erwünschten neutralen. Andererseits hat die gesamte Kirche, die offizielle wie die Volkskirche, mit einer allgemeinen Entwicklung zu tun: daß die Religiosität unter den Jugendlichen vor allem in den Städten abnimmt. Kann man jetzt schon von einem tiefgehenden Prozel der Entchristianisierung sprechen? Dies wäre verfrüht, aber eines ist sicher: die Religion und die Kirche haben vor der Revolution ein geistiges und materielles Vakuum gefüllt. Heute ist dieser Platz bei der überwältigenden Zahl der Jugendlichen durch den Kampf für die nationale Befreiung und die FSLN besetzt. Die sozialen Dienstleistungen in der Bildung und im Gesundheitswesen, die die Kirche zur Zeit Somozas vollbrachte und damit Mängel des Staates ausglich, der sich immer stärker auf seine Rolle als „Bande bewaffneter Männer" reduzierte, werden heute für die ganze Gesellschaft vom revolutionären Staat übernommen. Niemand kann sagen, wie lange Nicaragua noch „ein sehr katholisches Land" bleiben wird.
Managua, 3. Februar 1986 [1] Gaspar Garcia Liviana schloß sich der sandinistischen Guerilla an und starb an der Südfront am 11. Dezember 1978.
(2) Giulio Girardi, -Glaube an die Revolution-, Nueva Nicaragua, 1983.
[3] Gustavo Gutierrez, • Vatikan Il und die lateinamerikanische Kirche-, Diakona Nr. 36, Dezember 1985. [4) Medellin./ wuentud, 15.
[5) Medellin, Pobreza, 13.
[6] Envio, Dezember 1983.
[7) Pater Molina ist die treibende Kraft des ökumenischen Zentrums Antonio Valdivieso, in dem katholische und protestantische Pfarrer aktiv sind, die die Revolution unterstützen. Zusammen mit dem Mittelamerikanischen Institut für Geschichte, das die Zeitschrift Envio herausgibt, ist er das schwarze Schaf in der katholischen Hierarchie.
[8] Zahlen nach Envio Nr. 30, Dezember 1983; sie bezie hen sich allein auf die Anzahl an Priestern; über die Zahl der Ordensleute gibt es keine Angaben.