Interview mit dem Streikenden Larry Hyett, der bei der Sunday Times entlassen wurde, und seiner Frau Jackie, die im Stadtteil Lambeth eine Unterstützergruppe für den Streik organisiert. Inprekorr: Worum geht der Streik? All dies wäre für die Gewerkschafts- Larry Hyett: In der Druckindustrie mitglieder gesetzlich verbindlich. Die gibt es fünf Gewerkschaften: die Society Geschäftsleitung hat sogar gefordert, of Graphical and Allied Trades(SOGAT dais jeder Gewerkschaftsvertreter seiner 82) - das ist meine Gewerkschaft — die Funktion enthoben werden kann, wenn National Graphics Association (NGA), er sich etwas hat zuschulden kommen die Amalgamated Union of Engineering Workers (AUEW), die National Union Wir sind vollständig gegen diese Beof Journalists (NUJ) — sie steht nur zum dingungen. Wir wollen unabhängige Teil im Streik — sowie die Electrical, Gewerkschaften. Vor 18 Monaten ha- Electronic, Telecommunications and ben die Verhandlungen bei der Sunday Plumbing Union (EETPU) — das ist die Times begonnen. Es wurde eine Verein- Gewerkschaft der Elektriker, die sich barung unterzeichnet, die aber von der zur Zeit nicht am Streik beteiligt. Ein Firma für Unternehmensberatung Pole Teil der EETPU-Mitglieder arbeitet als Carew, eine bekannte Gewerkschafts- Streikbrecher für Murdoch in Wapping. killerin, wieder zerrissen wurde. Die Der Streik wird hauptsächlich um die Vereinbarungen betrafen den Umzug in gewerkschaftlichen Rechte und die An- eine neue Druckerei und die Erweiteerkennung der Gewerkschaften im neu- rung der Seitenkapazitäten. In der jetzien Werk geführt. Ohne Verhandlungen gen Druckerei können nur 80 Seiten gehat Rupert Murdoch den Gewerkschaf- druckt werden. Wir unterschrieben, daß ten folgende Bedingungen für die Über- wir für die Sunday Times 170 Seiten nahme der Belegschaft in die neue drucken würden. Wir wußten, daß dies Druckerei diktiert: eine Verlagerung der Produktionbedeu- Es soll keine closed shops (verpflich- ten würde. Auch bei der News of the tende Mitgliedschaft) geben. Das bedeu- World wurde eine Vereinbarung untertet, dais Beschäftigte, die Mitglied einer zeichnet, nach Wapping umzuziehen. Gewerkschaft sind, jederzeit aus ihraus- Diese wurde ebenfalls vor den Augender treten können. Dies ist eine Grundsatz- Gewerkschaften zerrissen. Deshalb sind frage, weil dadurch die gewerkschaftli- wir in den Streik getreten. che Kraft ausgehöhlt wird.
- Jeder, der sich an einem Streik oder IPK: Inzwischen hat Murdoch schon einer anderen gewerkschaftlichen Ak- neue Leute in Wapping eingestelle? tion beteiligt, soll unverzüglich entlas- L. Hyett: Ja. Er hat uns erzählt, er sen werden können, ohne das Recht auf bereite die Herausgabe einer neuen Zeit- Berufung. Das Streikrecht soll also auf- schrift vor, der London Post. Dafür gehoben werden. brauche er zusätzliches Personal. Heute - Betriebliche Gewerkschaftsvertre- wissen wir, daß das eine Lüge war. Das tungen sollen nicht anerkannt werden Management hat dieses Manöver eingeund nicht als Verhandlungspartner gel- fädelt, um die Verhandlungen hinauszuten. Betriebliche Vereinbarungen sollen zögern. Im Verlauf der zweiten Verdamit verunmöglicht werden. handlungsrunde rückte Murdoch dann Neue Technologien sollen beliebig mit seinem Ultimatum heraus. Der eingeführt werden können, auch wenn Streik wurde ganz klar von der Gesie zu Entlassungen führen. schäftsleitung provoziert. Durch Indis- Der Unternehmer soll das alleinige kretionen haben wir später erfahren, Entscheidungsrecht im Betrieb haben. man habe Murdoch geraten, die Beleg- Die Geschäftsleitung soll mit anderen schaft zu entlassen, während sie im Worten nach ihrem Gutdünken heuern Streik steht. Dies sei gesetzlich der beste und feuern, versetzen und herunterstu- Weg, sie los zu werden. So wurden dann fen können. 6000 von uns entlassen. IPK: Was ist die Haltung der EETPU zu Fleet Street in diesem Streik? L. Hyett: Die Drucker der EETPU sind sehr militant. Sie unterstützen unseren Streik. Sie haben sich bisher aber unserem Kampf nicht angeschlossen. Meine Meinung ist, daß wir den Kampf ausweiten müssen. Dazu gibt es viele Möglichkeiten.
Eine ist, zu einem Boykott der Presse aufzurufen, die Propaganda für die Gegenseite gegen die Streikenden und ihre Freunde macht. Eine andere ist, den Streik auf weitere Zeitungen auszudehnen. Jede andere Zeitung wartet nur den Ausgang von Murdochs Kampf mit den Gewerkschaften ab, um ähnliche Maßnahmen bei sich durchführen zu können. Jede Zeitung hat mittlerweile Anträge auf Entlassungen und auf Einführung neuer Technologien gestellt. Beim Daily Telegraph sind z.B. die Verhandlungen mit den Arbeitern der Tag- und der Nachtschicht auf Eis gelegt, um den Ausgang des Streiks bei Murdoch abzuwarten. Beim Daily Mirror ist das gleiche. Der Kampf bei Murdoch muß eskaliert und andere überregionale Zeitungen miteinbezogen werden.
IPK: Welche Unterstützung habt Ihr von der Labour Party bekommen?
L. Hyett: Sehr wenig. So viel wie die Bergarbeiter. Andere Gewerkschaften unterstützen uns heute mehr als sie letztlich die Bergarbeiter unterstützt haben. Der Nationale Exekutivrat der Transport and General Workers Union (TGWU) hat die Mitglieder angewiesen, unsere Streikposten nicht zu durchbrechen. Die Fahrer haben sich leider nicht daran gehalten. Andere Gewerkschaften haben uns finanziell und moralisch unterstützt. Durch den Druck in ihrer Mitgliedschaft beteiligen sie sich jetzt auch verstärkt an den Streikposten. Wir treten jetzt für Massenstreikposten ein und haben endlich auch die SOGAT für diese Linie gewonnen. Die Nationale Exekutive der SOGAT
sträubte sich anfänglich, und der Streik mußte vom Londoner Bezirk geführt werden. Die Teilnehmerzahl an den Streikposten ist inzwischen von einigen Hundert in die Tausende gestiegen. Am 15. März standen zwischen 8000 und 10 000 Arbeiterinnen und Arbeiter in Wapping Streikposten. An diesem Tag hat man eine wirkliche Arbeitermacht auf der Straße gesehen. Erst haben sie die äußere Umzäunung der Festung niedergerissen. Dann haben sie Barrikaden auf größeren Kreuzungen errichtet, um die Lieferwagen zu stoppen. Drucker und andere Gewerkschaften postierten sich hinter ihnen. Mit Fahrzeugen wurden die Straßen blockiert. Die Polizei versuchte alles, konnte uns aber nicht schlagen. In der Nacht standen Frauen und Männer Seite an Seite beim Niederrei- Ben von Gebäuden und dem Bau von Barrikaden.
Das ist die Form von Aktion, mit der wir glauben, die antigewerkschaftliche Welle in diesem Lande brechen zu können. So üben wir Druck auf die nationalen Gewerkschaftsverbände aus. Ich habe nicht viel Vertrauen in sie, aber sie beginnen, ihr Verhalten zu ändern. Brenda Dean, die Generalsekretärin der SOGAT, hat gesagt: , Wir werden uns auf die traditionellen Kampfmethoden der Gewerkschaften stützen." Ich verstehe das so, daß die Erzeugnisse Murdochs weltweit boykottiert werden müssen, daf Massenstreikposten organisiert und die Hilfe der breiteren Gewerkschaftsbewegung gegeben werden müssen.
IPK: Jackie, was ist Deine Rolle in diesem Streik?
Jackie Hyett: Ich habe in unserem Stadtteil eine Unterstützergruppe aufgebaut, vom ersten Tag des Streiks an. Wir haben versucht, die Namensliste der anderen Frauen zu bekommen, aber bisher gab es da kein Entgegenkommen der Gewerkschaftsgruppe im Betrieb. Die Frauen haben sich an der Frauendemonstration beteiligt, aber es ist schwer, sie dafür zu gewinnen, Streikposten zu stehen. Die erste Frauendemonstration war völlig spontan und nicht angekündigt. Und trotzdem kamen 3000 Frauen. Beim zweitenmal, am 8. März, dem internationalen Frauentag, kamen 6000 Frauen, auch aus anderen Gewerkschaften. In dieser Nacht haben wir die Produktion gestoppt. Aber viele Frauen hatten Kinder dabei und wollten nicht Streikposten stehen.
Ich habe damals beim Bergarbeiterstreik geholfen, eine Unterstützergruppe aufzubauen, und bin jetzt seit einiger Zeit politisch aktiv. Wenn diese Tory- Regierung und Maggie Thatcher weiter machen, was sie wollen, in diesem Land, wird es bald keine Gewerkschaften mehr geben.
IPK: Was macht die Unterstützergrupper J.Hyett: Wir haben eine erste Veranstaltung organisiert, zu der 100 Leute kamen. Wir haben diskutiert, wie wir die Leute dazu bringen können, Streikposten zu stehen - viele wollen da nicht alleine hingehen. Wir haben Versammlungen organisiert. Larry und seine Kollegen haben auf 70 oder 80 Versammlungen gesprochen. Wir haben etwa 3000 $ gesammelt. Wir haben sehr viel Unterstützung von der NALGO, der Gewerkschaft der Kommunalbediensteten, erhalten, von der National Union of Teachers (NUT), von Frauengruppen, Homosexuellen und von Organisationen der Schwarzen. Es gibt in London jetzt 17 Unterstützergruppen, aber auch außerhalb Londons, und sie sind alle in einer Koordination zusammengeschlossen.
Das _frelwillige Konzentrationslager der EETPU IPK: Habt Ihr internationale Solidarität erbalten?
J.Hyett: Ja, wir haben vor zwei Wochen eine öffentliche Veranstaltung im Wembley-Stadion gemacht. Wir haben Solidaritätsadressen aus Skandinavien, Kanada und den USA erhalten. Vertreter unserer Gewerkschaft werden in Australien, wo das Zeitungsunternehmen herkommt, auf einer nationalen Kundgebung sprechen. Wir sind froh über diese und jede andere Unterstützung aus anderen Ländern.
Solidaritätsadressen können an folgende Adresse geschickt werden:
SOGAT 274-288 London Road
Hadleigh, Essex
Tel.: 01-261 9302 Kontakt zu Larry und Jackie bekommt man über:
Lambeth Support Unit
Tel.: 01-733 5607
USA