Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Salvador

Bericht aus dem befreiten Gebiet: Interview mit Marc Engelbrecht, der in den befreiten Gebieten arbeitet, 13. November 1982

· Inprekorr Nr. 152, 3. Februar 1983 · S. 11-12 · 2.333 Wörter

Mittelamerika USA und Kanada

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Interview mit Marc Engelbrecht, der in den befreiten Gebieten arbeitet, von Frans Värenbergh, Brüssel, 13. November 1982.

Bei der letzten Offensive der FMLN erfolgte die Antwort der Re- cion sendet, sicherlich Ergebnis der amerikanischen Hilfe in Sagierungstruppen unter direktem Einfluß des amerikanischen Un- chen psychologischer Kriegsführung. Dazu bemerkt Inforpress terstaatssekretärs für die Verteidigung, Fred Ikle, und des Kom- Centroamerica, daß »in den letzten Wochen der 'geheimnisvolle mandanten der amerikanischen Streitkräfte in der Panama-Zone. Sender anfing, eine Frequenz zu benutzen, die neben der vom Re des Generals Wallace Nutting, die sich beide in El Salvador aufhiel- bellensender Radio Venceremos liegt, und demobilisierende Sen- In und auch Honduras besuchten. Sie selbst organisierten zusam- dungen auszustrahlen, um die Stimmung der Aufständischen zu inca mit ihren Beratern die militärische Gegenoffensive der Regie- untergraben. Nachdem er zuerst versuchte, die Reihen der Rebellen ng vom 10. November an, bei der zwischen 7 000 und 9 000 Sol- zu spalten mit der Nachricht, daß sich eine Gruppe von FMLN-Redaten in der Gegend von San Miguel und Morazan sowie zwischen bellen den von der FDR-FMLN vorgeschlagenen Verhandlungen 2 000 und 3 000 Soldaten in Chalatenango zum Einsatz kamen. widersetze. forderte er die Guerilleros auf. 'die Waffen niederzule während die salvadorianische Luftwaffe diese Regionen bombar- gen, weil der Feind uns schlägt. Schließlich kündete dieser Sender letzte Woche an, Kommandant Marcial - Salvador Cayetano Car

Zwei neue Tatsachen fielen bei dieser Gegenoffensive auf: die pio -. ein sehr berühmter, geradezu charismatischer Führer der sal- Mobilisierung der honduranischen Truppen an der Grenze zu El vadorianischen Guerilla, wäre im Kampf getötet worden. Radio Salvador und die Anwendung von Lügenpropaganda im psycholo- Venceremos dementierte den Tod des Rebellenführers und warnte gischen Krieg. seine Anhänger vor den 'konterrevolutionären und provokatori- Nach der in Ciudad de Guatemal erscheinenden Zeitschrift In- schen Sendungen", die Teil der 'aggressiven Pläne gegen Mittelaforpress Centroamerica vom 25. November 1982 wurden »zwi- merika' seien.«

schen / 000 und / 500 honduranische Soldaten mit Unterstützung Unsere Genossen von La Gauche, der Zeitung der »Ligue Réschwerer Artillerie in die Gegend von Guarita (Lempira) und die volutionnaire des Travailleurs« (LRT), der belgischen Sektion der Grenzzone von Morazan transportiert, um angeblich zu verhin- Vierten Internationale, führten mit Marc Engelbrecht, einem belgidern, daß Ausländer den Boden des Vaterlandes betreten.« Gemäl schen Genossen, der eben von einem anderthalbjährigen Aufent- Radio Venceremos kam es zu Scharmützeln zwischen Kräften der halt in den von der FMLN kontrollierten Gebieten zurückkehrte. FMLN und den honduranischen Soldaten, bei denen letztere 20 ein Interview darüber, wie die Kräfte der FMLN in den »befreiten Leute verloren. Gebieten« organisiert sind und wie stark eine regionale Ausweitung

Uberdies ist die Tatsache, daß neuerdings Radio Reorienta- des Konflikts droht.

La Gauche: - In welcher Weise konntest du wiesen, daß man eine richtige Volksarmee Revolutionar-Demokratischen Front am Kampf der Nationalen Befreiungsfront haben und daß die ganze Bevölkerung dran (FDR) - FMLN sowohl auf der politischen Farabundo Marti (FMLN) von El Salvador teilnehmen muß. In dieser Periode wurde als auch auf der militärischen Eroberung citeilnehmen? auch in allen befreiten Gebieten eine Art von Volksorganisation geschaffen, welche Viele Leute bekommen den unmittel- Mare Engelbrecht: - Ich arbeitete im Ge- die ganze Macht in den Händen hält. baren Anstoß dazu, am Kampfe mitzumasundheitswesen der vom Widerstand kon- chen, durch die Tatsache, daß ein Vertrollierten Gebiete. In diesen Regionen le- - Beschreib' uns doch, wie eines dieser be- wandter von ihnen von der Armee umgeben etwa 100 000 Leute, die man de facto freiten Gebiete intern organisiert ist. bracht wurde. Die FDR-FMLN versucht zu als Flüchtlinge betrachten kann, die in ih- erklären, daß mannicht nur deshalb gegen rem eigenen Land geblieben sind. Auf- - Ein Dorf hat seine Verantwortlichen für diese Armee kämpft, weil sie einen Bruder grund der Umstände mußten wir auch mili- die Produktion, den Gesundheitsdienst, oder eine Mutter getötet hat, sondern weil tärmedizinisch tätig sein: die Verwundeten das Schulwesen und die Justiz. Diese wer- sie ein System der Unterdrückung und Ausversorgen, Operationen durchführen.... Ein den durch einen Volksrat gewählt, an dem beutung beschützt. Man erklärt den Leuten erheblicher Teil meiner Tätigkeit bestand die ganze Bevölkerung von 15 Jahren an auch, daß der Feind nicht in den Soldaten teilnimmt. Dieser Rat trifft auch sämtliche der Regierungsarmee zu sehen ist, sondern nimmt man dort sehr wichtig: jeder, der Entscheidungen. Alles wird durch ihn gere- in den Großgrundbesitzern und in der Re Kenntnisse besitzt, soll diese den anderen gelt; die Kampagne medizinischer Vorbeu- gierung. Wir wissen ja, daß es in der Regiegemaßnahmen, das Schulwesen, die Justiz. rungsarmee sehr viele Soldaten gibt, die Das ganze Land ist Eigentum der Dorfge gerne in unser Lager überwechseln würden, - Kannst Du uns kurz erzählen, welche Er- meinschaft und wird gemeinsam bebaut. In wenn sie die Gelegenheit dazu hätten. Man eignisse es während Deines Aufenthalts jedem Dorf gibt es eine Volksmiliz, die für erklärt also, wie man vorgehen muß, damit gab? die Verteidigung des Dorfes sorgt. Eigent- sich ihnen diese Chance bietet. Nach wie lich ist diese Miliz von der richtigen Volk- vor ist das Megaphon eine der besten Waf- - Bei meiner Ankunft im April 1981 stand sarmee völlig unabhängig - letztere ist wirk- fen der FMLN. Mit den Megaphonen nă man noch unter dem Trauma der fehlge- lich militärisch strukturiert. hern sich die Widerstandskämpfer den Kaschlagenen Offensive vom Januar. Ich kam sernen und erklären ihnen, wie sie es main eine Gegend, die nicht besonders gut - Hat man zum Ziel, die befreiten Gebiete chen müssen, um auf die andere Seite zu gestrukturiert war: die Volksarmee war eher systematisch auszuweiten, bis sie ganz Sal- langen. eine Art Miliz, die Soldaten lebten nicht in vador umfassen?

Kasernen und wurden nicht ausgebildet. - Mit Erfolg?

Die Leute taten sich nur zusammen, um ge- - Aus zwei Gründen muß es eine befreite gen Angriffe von der Regierung Wider- Zone geben. Ersten als Basis für die Gueril- - Ein Viertel der Widerstandsgruppen bestand zu leisten. Aber im März 1982 gab es la, und zweitens als Basis für den Aufbau steht aus Überläufern, und etwa die Hälfte eine mächtige Offensive seitens der Rebel- einer neuen Gesellschaft. In diesem Sinne ihrer Bewaffnung kommt von der Regielen, und das war nur möglich, weil sie ein kann man sagen, daß auf lange Sicht Salva- rungsarmee: entweder wurden diese Waf- Jahr lang politisch und militärisch ausgebil- dor zu einem großen befreiten Gebiet wer- fen von Ex-Regierungssoldaten mitgedet worden waren. Die Erfahrung hatte er- den wird. Heute beruht die Taktik der - 11

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bracht, oder sie wurden erbeutet. Die Regierungsarmee steht in Gefahr, eines Tages auseinanderzubrechen. Zu stark ist die Repression, die in ihr herrscht. Die Soldaten, welche zu uns überlaufen, erzählen schreckliche Sachen: wer sich den Chefs nicht bedingungslos beugt. ist ein toter Mann. Urlaub bekommen die Soldaten nicht mehr, weil man weiß, daß sie dann nicht mehr zurückkommen.

- Das muß sich doch auf die Überlebenschancen der Junta auswirken. Wie stark ist sie denn noch, abgesehen von ihren Bindungen zu den Vereinigten Staaten. - Theoretisch ist es gar nicht mehr eine Junta, sondern eine demokratisch gewählte Regierung. Gleich nach den Wahlen vom März 1982 war die Regierung ziemlich gestärkt, weil sie eine enge Koalition mit der extremen Rechten gebildet hatte, um die Christdemokraten zum Schweigen zu bringen. Damals versuchten sie noch einmal, cinen militärischen Sieg zu eringen. Sie verstiegen sich sogar zu der Behauptung, der Widerstand sei nicht mehr zu einer neuen Offensive in der Lage. Aber mit der FMLN-Offensive vom Oktober 1982 stürzte dieses Gleichgewicht ein. Die Regierungsarmee wurde ganz einfach weggefegt, eine ganze Reihe von Posten wurden eingenommen, ohne daß ein Schuss losging, und seither waren die Regierungstruppen nicht mehr in der Lage, die verlorenen Territorien wiederzuerobern. Man kann sagen, daß im Norden und Nordosten die ländlichen Gebiete in der Hand der Widerstandskämpfer sind, während die Regierungsarmee sich auf die wichtigsten Städte zurückgezogen hat.

Aus der Sicht von ausschließlich Salvador ist die Junta - Entschuldigung, die Regierung -am Ende.

- Ist das der Grund, warum die FDR- FMLN kürzlich Verhandlungen anbot? - Ja, genau. Und innerhalb der Regierung wird sehr ernsthaft darüber diskutiert. Eine Diskussion. die zwischen der extremen Rechten und denen, die etwas weniger rechts sind, abläuft. Major Roberto d'Aubuisson. der Führer der rechtsextremen Partei »Alianza Republicana Nacionalista« (ARENA), und ein Teil der »Partido de Conciliacion Nacionalu (PCN, Partei der Nationalen Versöhnung), die auch auf der extremen Rechten liegt, sagen: » Wir wollen keine Verhandlungen!« Die Christdemokraten unter der Führung von Napoleon Duarte und eine andere Fraktion der PCN wollen dagegen Verhandlungen. Diese Debatte verläuft jetzt auf parlamentarischer Bühne. Da ist die Situation sozusagen patt, 29 Abgeordnete sind für Verhandlungen, 29 dagegen, und 2 wissen noch nicht, was sie wollen. Der letzte Unfall: Roberto d'Aubuisson wollte einen rechtsextremen Staatsstreich aufziehen, um Verhandlungen zu verhindern. Aber zur gleichen Zeit wurde dieser Staatsstreich von Napoleon Duarte und von Deane Hinton, dem US- Botschafter in San Salvador, denunziert. Jetzt ist die Position von Roberto d'Aubuisson ziemlich wackelig, und er wird ganz sanft zur Seite gelegt. Das haben die Amerikaner schon immer gewollt. Jeder weiß ja. daß er ein Mörder ist, einer der Führer der paramilitärischen Organisationen. Die CIA (Central Intelligence Agence) hat sogar versucht, ihn zu ermorden, kurz vor den Wahlen. Er war keine »tragbare« Persönlichkeit mehr, auch für die Amerikaner nicht.

Unter diesen Umständen hat die Regierung kein Gewicht mehr. Die Regierungsarmee ist nicht mehr in der Lage, den Widerstand einzudämmen. Aus politischer Sicht hat diese Regierung ja nie die Macht besessen, und wirtschaftlich hängt sie vollkommen von den Vereinigten Staaten ab. Sicht man es nur national, dann steckt die Regierung wirklich in der Scheisse. - Mehr denn je haben also die Vereinigten Staaten alles in der Hand?

• So ist es. In Wirklichkeit ist Deane Hinton, der amerikanische Botschafter, Präsident von Salvador. Alles, was gesagt wird, kommt erst aus dem Munde von Deane Hinton, bevor es alle Abgeordneten über die Lippen bringen. Es ist klar, dass die USA jetzt zugeben mussten, dass militărisch die Lage doch ziemlich schwierig geworden ist: sie müssen zwischen einem neuen Vietnam und einer neuen Politik wählen. Deshalb fassen sie wieder ins Auge. Verhandlungen mit dem Widerstand aufzunehmen, allerdings mit der Vorbedingung. dass die FMLN die Waffen niederlegt und an Wahlen kilnimmt, was völlig ausser Betracht steht. Ich habe den Eindruck, sie wollen wieder auf Napoleon Duarte setzen. um so über eine politisch tragbare Alternative zu verfügen und den amerikansichen Senat zu militärischer Unterstützung zu zwingen.

- Heißt das, daß die USA eine vor allem mittelamerikanische Militäroffensive wollen (also eine Offensive der salvadorianischen Regierungsarmee und eventuelle der von Honduras oder anderer Länder), um solange wie möglich die Intervention amerikanischer Truppen selbst hinauszuschieben? Oder wollen sie doppelgleisig fahren und hängt die Intervention von US- Truppen nur noch davon ab, dass man den günstigsten Moment dafür findet? - Die Intervention ist bereits imgange. Man liefert Waffen und Munition an die salvadorianische Armee, die CIA hat alles in der Hand, und die politischen Entscheidungen werden in Washington getroffen. Als nächste Etappe steht eine indirekte Intervention durch das zwischengeschaltete Honduras auf dem Terminkalender. Man will also ausländische Truppen intervenieren lassen, um die salvadorianische Regierung zu retten versuchen, aber auch um sein Gesicht nicht zu verlieren und nicht mit US- Truppen intervenieren zu müssen. - Ist Deiner Ansicht nach also die Intervention schon eine beschlossene Sache? • Ja, der Beschluss wurde bereits gefaßt, und das ist nicht nur meine persönliche Meinung. Auch in Kuba und in Nicaragua sagt man, daß schon alles bereit und festgelegt ist. Jetzt fehlt nur noch das Datum und die Unterschrift.

- Und wie antwortet der Widerstand? - Sowohl in Nicaragua als auch in Salvador sagt man: » Wenn sie kommen wollen, lajst sie kommen. Für uns gibt es nur die Alternative: Sieg oder Tod!« Ich meine, dass Mittelamerika in der Lage ist, den Vereinigten Staaten zu widerstehen. Aber das bedeutet auch - was ziemlich klar angedeutet wird - daß Kuba und Nicaragua Opfer eines begrenzten atomaren Krieges werden können. Die Amerikaner wissen, daß wenn sie in Mittelamerika einfallen, Kuba sofort Nicaragua helfen wird.

- Zielt die Strategie des Widerstands darauf ab, sich auf eine unausweichliche Intervention vorzubereiten?

- Nein. Derzeit versucht man, sich durchzuschlängeln, um eine Intervention zu vermeiden. Wenn man mit anschaut, welche Geduld Nicaragua zutage legt gegenüber all den Interventionen der Konterrevolutionăre und der Hilfe, welche diese von Washington erhalten, dann versteht man, daß Nicaragua alles dransetzt, um durch Verhandlungen und gemäßigte Stellungnahmen die Intervention zu vermeiden versuchen und die Vereinigten Staaten nicht zu provozieren. Was für eine Geduld sie den Amerikanern gegenüber haben, das ist wirklich erstaunlich. Sicher wollen sie eine Intervention vermeiden, aber gleichzeitig sagen sie sich: »Wenn sie kommen, dann laßı sie kommen« Wenn man sich für sein eigenes Volk schlägt, dann versucht man natürlich, eine solche Intervention, deren schreckliche Konsequenzen man gut kennt, zu vermeiden.

- Inwiefern beeinflußt die internationale Situation die Lage in Mittelamerika? - Ich glaube, dass nach den Wahlen vom 28. März in Salvador die internationalen Solidaritätsaktionen einen schweren Schlag erlitten. Den Vereinigten Staaten ist es gelungen, politisch ihre Wahlfarce akzeptieren zu lassen. Die Presse brachte nur positive Nachrichten, oder sie brachte überhaupt nichts. Das ermöglichte den Vereinigten Staaten eine ganze Reihe von absolut unglaublichen Sachen: die Massenschlächtereien zwischen März 1982 und heute konnten geschehen, ohne daß nennenswerte Proteste zu hören waren.

Die derzeit laufenden Friedensoffensive der FDR-FMLN trifft in Holland. Frankreich oder Mexiko auf geringes Echo. obwohl diese drei Länder die FDR als repräsentativ anerkannt haben. Es ist also ziemlich wichtig, dass eine neue Offensive zur Anerkennung der FDR-FMLN. für Verhandlungen und gegen die Intervention gestartet wird.

Die Solidarität kann und muss eine intervention unmöglich machen und so den Salvadorianern ihr Recht auf Selbstbestimmung sichern.