Salvador: Stand der FMLN-Offensive Januar 1983 Inzwischen ist die Rebellion des Militärkommandanten der Provinz Cabanas, des Oberstleutnants Sigfredo Ochoa Perez, zu Ende. Eine Woche lang hatte sich dieser in seiner Garnison von Sensutepeque 80 km nördlich der Hauptstadt San Salvador verschanzt. Gestützt auf eintausend Mann, die direkt unter seinem Befehl standen, verlangte der Offizier den Rücktritt von Verteidigungsminister General Guillermo Garcia.
Ochoa Perez ist kein Unbekannter. Er gilt als einer der besten salvadorenischen »Spezialisten« für den Kampf gegen die Guerilla. Er organisierte die paramilitarischen Kommandos, auf deren Konto die Ermordung von zahllosen Zivilisten geht. Offen bekennt er seine Zugehörigkeit zur extremen Rechten und zu seinem Chef, den »Major« d'Aubuisson. Er gehört zu denen. die immer noch die militärische Vernichtung der Guerilla für möglich halten - natürlich unter der Bedingung, daß man sich die dazu notwendigen Mittel verschafft. Dall man »voll durchgreift«, wie er das in seinen Presseerklärungen ausdrückt. Der derzeitige Verteidigungsminister und seine Schutzherren aber haben seiner Meinung nach nicht den richtigen Mumm dazu. Da sie Verhandlungen nicht von vornherein rundweg ablehnen, »fallen sie auf die Subversion rein«, macht er deutlich. Aber die anderen Militärführer folgten dem meuternden Offizier nicht. Andererseits weigerten sie sich aber auch in ihrer übergroßen Mehrheit, sich von ihm zu distanzieren. Nach langem Hin-und-Her willigte er also damit ein, wieder in die Reihe zu treten, ohne daß er bestraft wird. Man sieht darain, wie gespalten die Militärs sind. aber auch wie unklar das Kräfteverhältnis zwischen den verschiedenen Cliquen ist. Daß es Spaltungen gibt, ist nicht neu; aber in den letzten Monaten vertieften sie sich. während die Revolutionäre auf dem Kampffeld zahlreiche Gewinne davontru- Wie in einem anderen Artikel (von Vincent Kermel) in diesem Heft ausgeführt wird, schlugen diese im Monat Oktober zu einer neuen Offensive los. Innerhalb von wenigen Wochen besetzten sie an die zwanzig Ortschaften, die bislang unter Kontrolle der Armee gestanden hatten, in den Provinzen Chalatenango, Morazan und San Miguel. Als die Truppen der Diktatur sich wider zusammenschlossen und mithilfe der amerikanischen Berater eine breit angelegte Gegenoffensive starteten, bei der sie sämtliche Elite-Bataillone der Armee einsetzten, zogen sich die Kommandos der FMLN in den meisten Fallen ohne Verluste zurück. Zwei Wochen später kontrollierten sie schon wieder fast sämtliche dieser Ortschaften und weiteten ihren Einfluß auf E neue Gebiete aus, vor allem in der Provinz — von Jean-Pierre Beauvais, 18. Jan. 1983. La Unión nahe der Grenze zu Nicaragua. »Man muß schon sagen, daß ihre Offensive bisher erfolgreich verlief, erklärte Ende Dezember jemand vom Oberkommando dem Sonderkorrespondenten der Washington Post...
Am 19. Dezember zog Radio Venceremos eine Bilanz der ersten siebzig Tage der Offensive. Nach Angaben dieses Senders der FMLN, der in Salvador selbst stationiert ist, sollen elfhundert Soldaten getötet oder verwunder worden sein, während zweihundertachtundsiebzig gefangen genommen und beträchtliche Mengen an Waffen erbeutet worden seien.
Zur gleichen Zeit, wo auf dem Schlachtfeld solche Erfolge errungen wurden, nahmen die Aktivitäten der Revolutionäre in den städtischen Zentren - vor allem in der Hauptstadt - einen großen Aufschwung. in enger Verbindung damit, daß sich auf gewerkschaftlicher Ebene, wo die systematische Repression lange Zeit alles zum Stillstand gebracht hatte, wieder etwas rührte. Mitte November gab es mehrere wichtige Streiks, was man seit fast zwei Jahren nicht mehr erlebt hatte. Zuerst legten die Bauarbeiter, dann die Textilarbeiter und schließlich die Angestellten der Behörden die Arbeit nieder - eine ziemlich gefahrliche Sache für Leib und Leben angesichts des riesigen Repressionsapparats. Als Miguel Angel Vasquez, ein Führer des Arbeiterbundes von Salvador (FENA- STRAS), während des Streiks von einem Korrespondenten der mexikanischen Zeitung Uno mas Uno interviewt wurde, erinnerte er daran, das die salvadorenische Arbeiter halb im Untergrund handeln müssen. »Hätten wir öffentliche Büros, dann würde EL SALVADOR un pueblo en lucha Informationen über EL SALVADOR Informationsstelle El Saloador e, J. :Kibansplatz 5 8000 München 2 batscheckkonto 1802 69-80 schen Arbeiter seiner Meinung nach wein jedesmal höheres Bewußtsein... Sie beweisen, daß man selbst durch die brutale Repression die Arbeiterklasse auf die Dauer nicht daran hindern kann, sich zu mobilisieren.«
FENASTRAS ist einer der fünf Gewerkschaftsbünde, die der FDR (Revolutionär-Demokratischen Front) angeschlossen sind. Sie stellten zusammen ihre eigenen Koordinationsstrukturen auf, nämlich das CUS (Comitê de Unidad Sindical = Komitee gewerkschaftlicher Einheit). Nach Angaben von Miguel Vasquez koordiniert das CUS »80 % der gewerkschaftlich Organisierten von Salvador«. Es ist in »allen Bereichen der Produktion, auch in den strategischen« verankert.
Vor kurzem unternahm das Komitee große Anstrengungen, um zwei Gewerkschaftsorganisationen anzusprechen, die bislang nicht zur FDR gehörten: das CSI (Comité des Sindicatos Independientes • Komitee Unabhängiger Gewerkschaften) und die UPD (Union Popular Democratica = Demokratische Union des Volkes). Die Hauptkomponente der UPD wird von einer Organisation der Kleinbauern und Landarbeiter gebildet, der UCS. Bei den Wahlen vom März letzten Jahres hatten UCS und UPd noch die Christdemokraten des früheren Juntachefs Napoleon Duarte unterstützt. Seither entwickelten sich beide Organisationen ziemlich weg von den Christdemokraten und nahmen immer unabhängigere und radikalere Positionen ein. So kam es, daß am 15. Dezember schließlich CUS. CSI und UPD eine gemeinsame Erklärung unterzeichneten, in der sie den Zusammenschluß ihrer Kräfte ankündigen, um »die Werktätigen zu verleidigen«, die »immer vergessen oder übergangen worden sind«. Das Dokument enthält auch eine gemeinsame Plattform von Sofort forderungen wie, daß die Militarisierung der Angestellten im öffentlichen Dienst aufhört, daß die Organisations- und Streikfreiheit respektiert wird, daß die Löhne erhöht werden - vor allem für die ausgebeutetsten Schichten - und die Preise für die Grundnahrungsmittel eingefroren. Daß die Werktätigen der Hauptstadt sich wieder mobilisieren, ist natürlich nicht so spektakulär wie die Fortschritte im Guerillakampf, aber offensichtlich von erheblicher Bedeutung. Ein Ansporn für die Solidaritätsbewegung, die dadurch umso notwendiger wird.
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