Am 2. Mai brach der großte Arbeiter. streik aus, der jemals in Schweden stattge- ) funden hat. Beendet wurde er am 11 Mai. Dieser Streik war Ergebnis von zwei. monatigen Verhandlungen über die Tarıf verträge. Die Gewerkschaften haben frei. lich den Kampf vorzeitig beendet, obwohl erst die Halfte der ursprünglichen Forder. ungen durchgesetzt waren. Mit der An nahme einer Vereinbarung verzichteten sie darauf, die Kaufkraft der Luhnabhangigen fui 1980 zu verteidigen Aber dieser Kampf hat auch gezeigt. dak die schwedische Arbeiterklasse nicht bereit ist, die harten Angriffe der Bourgeoisie hinzunehmer: So hat der Konflikt beispielsweise den Lehe top verhindert, den die Regierung und die Unternehmer durchsetzen wollten Von den 900 000 Arbeitern und den zehntausenden Beschaftigten des Dienst. leistungssek tors, die in den Kampf gegen die Unternehmer getreten waren, wurden mehr als 800.000 (also die Mehrzahl) ausgesperrt Kaum 100.000 waren den Aufrufen der Gewerkschaftsführungen LO (Nationaler Gewerkschaftsbund) und TCO (Nationaler Angestelltenbund) zu Teilstreiks gefolgt Aber der von den Gewerkschaften verhangte radikale Stop sämtlicher Uber stunden und Neueinstellungen erfaßte melır als eine Million Lohnabhängiger (siehe weiter unten). Man muß dabei in Rechnung stellen, daß Schweden nicht mehr als 8,5 Millionen Einwohner zahlt Der Konfink: begann im öffentlichen Sektor, lange bevor die Verhandlungen in der Privatwirtschaft endgultig geplatzt waren. Erst am 30 April wurde es klar, daß der Ausbruch des Konflikts bevorstand. Dies verlieh den Mobilisierungen zum 1. Mai großen Auftrieb
Massive Demonstrationen am 1. Mai gehören zur Tradition der schwedischen Ar beiterbewegung seit 90 Jahren. Dieses Jahr gab es eine extrem hohe Beteiligung an den Demonstrationen und Versammlungen zum 1. Mai. Laut Angaben der Führungen der Arbeiterbewegung haben mehr als 900.000 Menschen in 350 Stadten im ganzen Land demonstriert, das ist ein wenig mehr als ein Zehntel der gesamten schwedischen Bevolkerung von Tom Gustafsson
Die wichtigsten Losungen dieser Demonstration lauteten "Genug' Schluß wit den Lohnstop Erläßen! Schluß mit den Se medspruhen der Bourgeore' veg ant der bürgerlichen Regierung!". Fast das ganze Land lahmgelegt Im Verlauf des Konflikts wurde Schweden fast vollig lahmgelegt. Zuerst wurden wichtige Bereiche des Sozialwesens er falst. als der öffentliche Dienst in den Kampf trat: einige Krankenhäuser und Sezialzentren für Kinder standen im Streik oder waren von Aussperrungen betroffen. Alle Flughafen waren geschlossen, in Stockholm stand die U-Bahn still, in Göteborg (die zweitgrößte Stadt des Landes) fuhren keine Straßenbahnen mehr, in den anderen Regionen wurden die Eisenbahnen und die öffentlichen Verkehrsbetriebe ebenfalls von der Streikbewegung erfaßt, Zoll; und Hafenbehörden arbeiteten im Schneckentempo, die Radioprogramme wurden beträchtlich reduziert und das Fernsehen strahlte nur mehr die Nachrichtensendungen aus. Als sich spater dann der Konflikt auf die Privatwirtschaft ausdehnte und die Industrie erfaßte, kam das Land fast völlig zum erliegen: diejenigen Bereiche, die nicht direkt betroffen waren, bekamen indirekt die Auswirkungen des Streiks zu spuren; die Backereien, die Restau rants, die Hotels und die Supermarkte wurden in der einen oder anderen Weise von dem Konflikt erfaßt.
Als Gerüchte über bevorstehende Versorgungsengpasse auftauchten, begannen die Leute, Brot, Milch, Hefe und andere Produkte zu horten. Die bedeutendste Bewegung aber wurde durch die Ankundigung der Gewerkschaften ausgelöst, in drei der vier großen schwedischen raffinerien den Streik auszurufen und den Ol. und Benzintransport durch die Trans portarbeiter fast gänzlich blockieren zu lassen. Dies war die Antwort der Ar beitenden auf die verlangerte Aussper. rung. die die SAF (Nationaler Unter nehmerverband) beschlossen hatte Die Aussperrung - eine langfristige Investition Wodurch wurde dieser generalisierte Streik der schwedischen Arbeiterbewegung hervorgerufen? Und wie wurde er beendet?
Die Tarifvertrags-Verhandlungen über die Lohne für das Jahr 1980 hatten gleich nach den Parlamentswahlen des vergangenen Septembers begonnen • Wahlen, die den drei bürgerlichen Parteien eine schwache Regierungsmehrheit von einem Parlamentssitz gebracht hatten. Die Un. ternehmer und im besonderen die SAFF haben von Anfang an eine sehr harte Haltung wahrend der Verhandlungen einge. nommen. Die SAFF, deren Mitglieder in uberwiegender Mehrzahl aus Unternehmen der Großindustrie und des Handels bestehen, ist wahrend der Tarifvertrags- Verhandlungen ununterbrochen und sehr energisch für Lohnstop eingetreten; dabei hat sie sehr rasch die Unterstützung der bürgerlichen Regierung erhalten. Was bei den Lohnabhängigen eine steigende Wut provoziert hat, mußten doch diese gleichzeitig miterleben, wie die Preise den ganzen Winter und Frühling hindurch in die Höhe kletterten. Im Verlauf der letzten drei Jahre haben die schwedischen Arbeiter rund zwei Monatslöhne eingebußt. Dazu kommen nun noch die Auswirkungen einer achtprozentigen Preissteigerung bei den Waren des alltäglichen Bedars • nur sechs Monate vor dem Inkrafttreten des neuen Abkommens (das heißt seit dem 1. November).
Diese harte Linie der SAFF kann zur Zeit nicht auf eine Verlangsamung der schwedischen Exporte zuruckgeführt werden. Im Gegenteil, zahlreichen schwe dischen Exportunternehmen geht es sehr gut. Sie erhöhen ihre Profite und schutten oft an ihre Aktionare exorbitante Dividenden aus. Aber die Direktoren der großten Unternehmen und die Bankiers wissen nur zu gut, daß sich eine neue in. ternationale Rezession zusammenbraut und daß sie sicher von ihr in Mitleidenschaft gezogen werden.
Die schwedische Industrie ist in einem großen Ausmaß von ihren Exporten ab-
hangig, im besonderen von den Eisenerz: Stahl, Papier- und Papiermasse. Ausfuhren. Die Spezialstahl-Erzeuger, die Autoindustrie (Volvo und SAAB) und die Elektroindustrie werden auch mit einer verschärften Konkurrenz auf dem von einer Stagnation oder Rezession erfaßten internationalen Markt zu kämpfen haben. Das ist der Grund, weshalb die Führer der SAFF. Olof Ljunggren und Curt Nicolin, nun die massive Aussperrung als "eine gute langfristige Investition" bezeichneten.
Die Mehrzahl der in den Kampf getretenen Arbeiter - 800.000 • wurden ausgesperrt. Die schwedischen Gesetze bieten den Unternehmern einen großen Spielraum, um Aussperrungen durchzuführen. Nach dem Arbeitsrecht, das erst 1976 von der sozialdemokratischen Regierung beschlossen worden ist, ist Aussperrung eine legitime Antwort auf einen Streik oder eine gewerkschaftliche Weigerung zur Leistung von Uberstunden. Es gibt auch keine Höchstgrenze bezüglich der Zahl der Arbeiter, die ausgesperrt werden dürfen, wenn die Aussperrung
Woche zuvor angekündigt worden ist. Dieselben Gesetze schränken auch das Streikrecht erheblich ein. Die Führung der LO kann sich jedem harten Streik widersetzen, und das Gesetz schreibt hier auch wieder vor, daß der Streik im vorhinein angekundigt werden mul. Die Streiks sind glattwegs verboten wahrend der Laufzeit der Tarifvertrage, und es gibt ein obligatorisches Schiedssystem. Die Unzufriedenheit der Arbeitenden Die schwedische Gewerkschaftsbewegung ist bekannt dafür, daß sie nicht gerade sehr kämpferisch ist. Der generalisierte Streik wurde diesmal einerseits durch die harte Haltung der Unternehmer hervorgerufen und andererseits durch die Unzufriedenheit immer breiterer Schich. ten der Arbeitenden über den Abbau der Löhne und die arbeiterfeindliche Wirtschaftspolitik der Regierung
Die Führungen von LO und TCO waren einem derartig starken Druck der Basis ausgesetzt, daß es diesmal für sie unmöglich war, einem so ungünstigen Abkommen wie die beiden vorhergehenden Male zuzustimmen. Im Verlauf des Winters und des Frühlings erhoben die Gewerk. schaften nacheinander auf lokaler Ebene Forderungen nach bedeutenden Lohnerhöhungen, und dies nicht nur in der Industrie, sondern auch im Gesundheits. wesen, im Sozialwesen für Kinder usw. Die Kampagne für das Recht auf Un. terzeichnung von sek toren bezogenen Verträgen erhielt auch eine breite Unterstützung, insbesonders bei den Metall. arbeitern; diese Kampagne war im Vorjahr gestartet worden auf Initiative der starken Gewerkschaft in der Autofabrik Volvo in Göteborg, die gleichzeitig die bedeutendste Gewerkschaftssektion ganz Skandinaviens ist.
Die nationale Gewerkschaftsführung bemühte sich sehr, zu einem "annehmbaren Der Kampf der schwedischen Hafenarbeiter Anfang schaft ("Transportarbetarförbundet") eine Opposition, die die Führung kri. tisierte. Die Kritiken kamen von den Führern der Schauerleute, die als hauptamtliche Gewerkschaftsfunktionare angestellt waren. Die Gewerkschaftsführung reagierte in der selben Weise, wie sie es schon immer gegenüber einer kämpferischen Opposition getan hatte - die Funktionäre wurden von ihren Posten abgesetzt.
Als Folge dieser Säuberungen beschlossen die Gewerkschaftsaktivisten der Docker, ihre eigene Gewerkschaft zu gründen: 1972 entstand demnach eine eigene Hafenarbeitergewerkschaft ("'Hamnarbetarförbundet"). Die zur nationalen Gewerkschaftsföderation LO gehörende Transportarbeitergewerkschaft umfaßt mehrere Berufsgruppen. Unter anderem sämtliche Beschäftigten der Transportindustrie und der Docks. Für alle diese Gruppen hat nur die Führung der Transportarbeitergewerkschaft das Recht, Lohnabkommen zu unterzeichnen. Das bedeutet, daß die neue Hafenarbeitergewerk • schaft mit ihren 2500 Mitgliedern nicht das Recht hat, ein Abkommen zu unterzeichnen. Die LO weigerte sich, die Hafengewerkschaft als unabhängige Gewerk schaft nach dem Vorbild der Transportgewerkschaft aufzunehmen. Die Antwort lautete: "Entweder ihr tretet in die Transportarbeitergewerkschaft ein, oder ihr bleibt ausgeschlossen aus der LO und der Arbeiterbewe- Seit damals hat die Hafenarbeitergewerkschaft ihre Mitglieder mehrere Mal ! zum Streik aufgerufen, um das Recht zu erlangen, ihre eigenen Tarifvertrage zu unterzeichnen.
Gegenwärtig stehen die Docker neuerlich für die Erringung dieses Rechts im Streik. Sie kämpfen auch für die Aufrechterhaltung ihrer Reallöhne. Die Docker stellen traditionell einen der kämpferischsten Teile der schwedischen Arbeiterklasse dar. Sie haben mehrmals Solidaritätsstreiks für Gewerkschaften in anderen Ländern durchgeführt. Erst jüngst wieder, als die britischen Stahlarbeiter im Streik standen, haben sie sich im Zeichen der Solidarität mit den britischen Arbeitern geweigert, Schiffe zu entladen, die britischen Stahl transportierten. Kompromiß" zu gelangen, um schließlich ren daran gewöhnt, mit den sozialdemo mit großer Verspätung ihre Lohnforder- kratischen Regierungen ungen vorzulegen. Gefordert wurde eine beiten • dies galt bis 1976, als die Sozial. Erhöhung von 11,3 %. demokraten ihre Regierungsmehrheit ein. Die LO-Führung hatte zwei Monate vor büßten. Heute haben sie Angst; besonders Ausbruch des Generalstreiks ihr Verbot wirtschaftlichen von Überstunden in der Industrie aufge- ation, die sich von Tag zu Tag verschlech- "um den Regierungsvermittlern die Möglichkeit zu lassen, neue Verhandlung Sowohl die Gewerkschaften als auch en zu eröffnen". Diese Maßnahme ertolg die Sozialdemokratische Partei scheuten te zu einem Zeitpunkt, da die Weigerung. sich, die Arbeiter gegen die Regierung zu Überstunden zu leisten, mobilisieren. Obwohl die jüngsten Umfra kungen zeigte. aber die Führungen wa- gen ergeben hatten, daß die Sozialdemoren neuerlich gezwungen, die Uberstun- kraten im Fall von Neuwahlen mit 44% den zu verbieten, nachdem die Vermittler der Stimmen rechnen und mit Unter unter dem Druck der bürgerlichen Regie stützung der VKP (der Moskau-treuen rung ein "letztes Angebot" von lächer- KP) über eine Mehrheit verfugen könnten. lichen 1,5 % unterbreitet hatten. sprach sich die Gewerkschaftsfuhrung geschlugen auf diese Weise die Tür vor der gen eine Politisierung des Konflikts aus. Nase der LO-Verhandlungsdelegation zu. Die sozialdemokratische Parteiführung die immer gehofft hatte, zu einem Kom- wiederum bekannte, dals sie nicht tereit promiß gelangen zu können. Von da ab› sei, eine Krise auf parlamentarischer Ebe. wurde der Generalstreik zu einer Reali. ne auszulosen, die zum Arbeitskonflikt noch dazukommen wurde schwierig wäre so etwas allerdings nicht gewesen angesichts der Tatsache, dak die Bour Zögernde Haltung der Sozialdemo- geoisie im Parlament uber eine Mehrheit kraten von nur einer Stimme verfügt. Palme, der sozialdemokratische Dieser Konflikt zeitigte einen sehr star- Parteichef, und Gunnar Nilsson, ken Widerhall auf politischer Ebene Die des LO und sozialdemokra- Unternehmer wissen, daß die Regierung Abgeordneter, kritisierten zwar ihren Forderungen gegenüber sehr "auf die Regierung. weigerten sich aber, im geschlossen ist. Auf der anderen Seite Parlament einen Mißtrauensantrag zu stel ist die Gewerkschaftsführung seit 44 Jah- 1X
Unterdessen unternehmen aber Vertreter der streikenden industriearbeiter sowie Angestellte der Krankenhäuser und U-Bahn Techniker eine Veranstaltungstournee in ganz Schweden, wobei die meisten dieser Versammlungen hohe Teilnehmerzahlen aufwiesen. In zahlreichen Städten fanden Protestdemonstrationen gegen die Aussperrungen und die Erhöhung der Dividenden, die an die Aktionäre ausbezahlt wurden, statt. Zehntausende schwedischer Arbeiter haben als Streikposten ihre konkreten Erfahrungen gemacht, wobei sie von Zeit zu Zeit auch mit Aktionen von Streik brechern konfrontiert waren.
Allgemein betrachtet läßt sich feststellen, daß die Unternehmer nicht versucht haben, die Streiks im großen Maß. stab zu brechen. Und sämtliche diesbezügliche Initiativen, die trotzdem stattgefunden haben, stießen auf eine massive Reaktion der Arbeiter. Wir konnten auch zum ersten Mal eine von den Streikposten durchgeführte Demonstration erleben, die sich gegen die skandalöse Berichterstattung über den Streik in den bürgerlichen Massenmedien richtete. Die Gewerkschaften sind traditionell stark bürokratisiert, aber wenn sie sich einmal in Bewegung setzen, so geschieht dies mit beeindruckender organisatorischer Kraft. So sind beispielsweise 97 % der schwedischen Metaller gewerkschaftlich organisiert. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder in gewissen anderen Sektoren wie im Gastgewerbe oder im Handel, ist indessen wesentlich geringer (rund 60 %). Verhandlungen trotz Kampf
Ungeachtet des Streiks wurden die Verhandlungen fortgesetzt. Aber die Schlichter, die von der Regierung ihr Mandat erhalten hatten - jeweils eine Schlichtungskomission für den staatlichen und privaten Sektor - standen unter Befehl der Regierung. Nicht etwa in formaler Hinsicht: die Regierung streitet ab, einen aktiven Anteil an den Verhandlungen gehabt zu haben. Aber alle Welt weiß, daß sie unter der Hand durch informelle Kontakte und bestimmte Initiativen eingegriffen hat. Der Premierminister Thorbjörn Fälldin hatte sich bereits bei einer laut bürgerlichen Presse "verfrühten" Intervention die Finger verbrannt: geraume Zeit vor Ausbruch des Konflikts hatte er Geheimverhandlungen über den Lohn- und Preis- Stop aufgenommen. Und dies gerade, nachdem die schwedische Bevölkerung einen besonders starken Anstieg der Preise und Mieten erlebt hatte! Die wichtigsten Gewerkschaftsorganisationen verwarfen dieses Abkommen; bloß einige Angestellten- und Lehrerverbände stimmten .zu. Die Sozialdemokratische Partei verweigerte ebenfalls dieser Initiative ihre Unterstützung, und die liberalen Koalitionspartner Fälldins zögerten, Partei zu ergreifen.
Als sich aber der Konflikt immer mehr ausdehnte und der Kampf immer massivere Züge annahm trotz der skandalösen Stimmungsmache in der bürgerlichen Presse, deren Uberschriften andauernd von "unserer schlechten wirtschaftlichen Situation", den "unverantwortlichen Aktionen der Gewerkschaften" und den "Verlusten für die Sparer" sprachen, da sah sich die Regierung doch noch gezwungen, die gesamte Situation neu zu überdenken.
Für die Regierung wurde es immer klarer, daß die Perspektive eines langen Konflikts, um den Einfluß der Gewerkschaften und den Streik zu brechen, viel zu kostspielig wäre und auf Grund der prekären Situation auf parlamentarischer Ebene auch gar nicht möglich sei. Die Regierung mußte schließlich auf jeglichen neuen Versuch verzichten, diesbezügliche Gesetzesbestimmungen einzuführen. Die Regierung ändert ihre Taktik Deshalb war die Regierung nunmehr auch gezwungen, ihre unnachgiebige Haltung aufzugeben. Plötzlich war es einer neuen "unabhängigen" Schlichtungskomission möglich, ein neues "letztes Angebot" zu machen, das immerhin dreimal höher war als das vorausgegangene "letzte Angebot", , aber immer noch bloß der Hälfte der Gewerkschaftsforderungen entsprach. Obendrein waren die Forderungen der Gewerkschaft die "verlorenen Jahre" (des Stillhaltens an der Lohnfront) nicht berücksichtigt worden, obwohl diesbezügliche Forderungen von breiten Teilen der Arbeiterklasse erhoben wurden, die auch bereit waren, für ihre Durchsetzung zu kämpfen.
Nach einigen Tagen Bedenkzeit akzeptierten die Gewerkschaften das Angebot der Schlichtungskomission. Die Behörden des öffentlichen Dienst gaben ebenfalls ihr Einverständnis. Aber der Unternehmerverband SAF lehnte ab.l Er begründete seine Haltung in einer Erklärung in drei Punkten, die unter anderem besagte, dal die schwedischen Exporteure empfindliche Verluste erleiden würden und
die Wettbewerbsfähigkeit Schwedens geschwächt werden würde, wenn sie das Schlichtungsangebot akzeptieren wurden. Nach einer heftigen Debatte und auf Einschaltung der Regierung hin gab der SAF schließlich doch nach, erklärte allerdings gleichzeitig die Regierung für die weitere wirtschaftliche Entwicklung für voll verantwortlich und brachte seine Ablehnung offen zum Ausdruck.
Laut Angaben sowohl der Gewerkschaften als auch der Unternemmer und der Massenmedien beruht dieses Abkommen, das in der Nacht vom 11. auf den 12. Mai unterzeichnet wurde, auf einer Lohnerhöhung von 6,8 % in der Privatwirtschaft und von 7,3 % im öffentlichen Dienst. Das Abkommen erhält eine Reihe sehr komplizierter Klauseln. Aber eines ist gewiß: die angekündigten Lohnerhöhungen wurden überschätzt. Das Abkommen gilt nicht nickwirkend ab 1. November. Einige der Vereinbarungen treten ab 15. April in Kraft, andere noch später. Die Gesamterhöhungen sind in Wirklichkeit geringer als diejenigen, die öffentlich verlautbart wurden. Was die Löhne betrifft, handelt es sich um ein ungünstiges Abkommen. Es wurde zu fruh ausgehandelt, zu einem Zeitpunkt, da die Streik fonds noch voll waren, die Streikfront sich gerade erst gebildet hatte und die feind. lichen Linien einige Brüche aufzuweisen begannen.
Zieht man Bilanz, so läßt sich feststellen, daß breite Teile der Arbeiter klasse eher skeptisch sind bezüglich der tatsächlichen Gewinne, die durch dieses Abkommen erreicht wurden, wiewohl nicht alle am Kampf beteiligten Lohnab. hängigen sich einig sind darüber, was gewonnen hatte werden konnen, wenn der Streik fortgesetzt worden wäre. Gewiß ist aber, daß das gewerkschaftliche Selbstbewußtsein nach diesem Konflikt nun stärker und verbreiteter ist. Und das ist sehr wichtig. "Wir haben die Unternehmerstrategie des Lohnstops zunichte gemacht" und Wir haben ihnen gezeigt, daß wir nicht bereit sind, alles hinzunehmen" , so lauteten einige der häufigsten Kommentare am Tan darauf Der erste allgemeine Streik der achtziger Jahre
Die Erfahrungen und das Selbstvertrauen, die im Verlauf dieses Kampfes gesammelt wurden, werden während des bevorstehenden Jahrzehnts von Nutzen sein. In den Verhandlungen auf lokaler Ebene werden sicherlich wiederum mehrere explosive Forderungen aufgeworfen werden. Eine Reihe dieser Verhandlungen, und Kraftproben auf örtlicher Ebene werden noch vor der Wiederaufnahme der zentralen Verhandlungen, also vor Auslaufen des gegenwärtigen Tarifvertrags Ende dieses Jahres, stattfinden. Der "soziale Frieden" ist keinesfalls wieder hergestellt worden, hat doch die schwedische Gewerkschaftsbewegung den Kampf aufgenommen, um den Lebens- Die Arbeiterkämpfe in Schweden Die wichtigsten Konflikte in Schweden waren seit Beginn des XX. Jahrhun derts der "allgemeine Streik" von 1909 und der Streik der Stahlarbeiter von 1945. An keinem dieser Streiks waren soviele Arbeiter beteiligt wie an dem vom Mai 1980.
Hier die wichtigsten Konflikte, die von dem Gewerkschaftsbund LO geführt - 1909: "'Allgemeiner Streik" mit 3 bis 400 000 Beteiligten. Er begann im Sommer und endete erst im Dezember. Sein Grund: die 1908 begonnene Rezession, aufgrund derer die Unternehmer eine zehnprozentige Lohnreduzierung forderten.
• 1928: Aussperrung in der Papierindustrie und den Sägewerken von 43 000 Arbeitern. Der Konflikt dauerte von Januar bis April. • 1933 • 34: 35 000 Bauarbeiter streikten. Die Wirtschaftslage war katastrophal, und die Unternehmer forderten Lohnreduzierungen. Eine Schieds. stelle wurde abgelehnt, und die Regierung versuchte zu vermitteln. Erst 1934, fast ein Jahr später, wurde der Konflikt beigelegt - mit Lohnreduzierungen für die Arbeiter.
• 1937: Wieder brach ein Konflikt in der Bauwirtschaft aus. Er dauerte vom 1. April bis zum 10. Mai und endete mit gewissen Lohnerhöhungen. - 1938: Zwei Konflikte in der Druckindustrie. Die Arbeiter setzten eine Lohnerhöhung von 11 Prozent durch. Mit diesem Konflikt begann der berühmte schwedische "Sozialfrieden" ("'Saltsjäbadsandan"). 1945: Ein Streik in der Metallindustrie, an dem an die 100 000 Arbeiter teilnahmen, dauerte 5 Monate. Die Metallergewerkschaft mußte 42 Millionnen Kronen an Streikgeldern zahlen, und die Forderungen wurden nur teilweise durchgesetzt.
1951: Konflikt im öffentlichen Sektor, der 3 000 Beschäftigte berührte Ergebnis: die Wochenarbeitszeit ging aus 42 Stunden zurück. 1953: Fünfwöchiger Konflikt in der Nahrungsmittelindustrie. 19 000 Beschäftigte waren beteiligt.
1969-70: Das sind die klassischen Jahre der schwedischen Arbeiterbewegung. mit einer ganzen Reihe von Streiks. Die beiden wichtigsten betrafen Hafenarbeiter von Göteborg und die Eisenbergwerker von Kiruna. Letzterer war der großte "wilde" Streik in der Geschichte Schwedens: 4 800 Kumpels blieben 57 Tage der Arbeit fern. Das Ergebnis war ein Teil sieg; unter anderem wurde der Monatsiohn erreicht. 1974 • 75: Die Putzfrauen in den Fabriken streikten. 1975: Streik der Holzfäller: ein wilder.Streik, der 15 000 Arbeiter erfaßte Die wichtigste Forderung war die nach Monatslohn. standard der arbeitenden Bevölkerung zu sichern.
Der Konflikt, den wir soeben erlebt ha ben, wird nicht der letzte allgemeine Streik der achtziger Jahre bleiben. Wenn die Unternehmer in Zusammenhang mit der von ihnen praktizierten Aussperrungs• Strategie von "langfristigen Investitionen" sprechen, dann muß sich die Arbei. terk lasse ebensolche "Langzeit-Investitionen " einfallen lassen.
Der Konflikt ist kaum noch beendet, da spricht die bürgerliche Regierung bereits von neuerlichen Austeritatsplänen als an. gebliche Konsequenz der jungsten Lohnabkommen. Sie versteigt sich dabei gleich zur Behauptung, wonach die öffentlichen Ausgaben nunmehr um mehrere Milliarden reduziert werden müßten. Die Lohnabhängigen müssen sich ihrerseits organisiert auf die kommenden Kraftproben vorbereiten.
La Hague, Tihange, Plogoff: