Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Der Sturz Wu Thes und die Frage der mittleren Kader

Inprekorr Nr. 95, Januar 1979 · S. 7-9 · 1.565 Wörter

China Stalinismus und Bürokratie

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DER STURZ WU TEHS UND DIE FRAGE DER MITTLEREN KADER Die Absetzung Wu Tehs von seinem Po. sten als Chef des Stadtkomitees von Peking markiert einen Wendepunkt im Kampf der Fraktionen.

Man muß hervorheben, daß es der Druck der Massen war, ausgeübt durch eine gewaltige Wandzeitungskampagne, der die Absetzung Wu Tehs vorbereitete. Diese Kampagne, in der Wu Teh offen benannt ist, währte fast ohne Unterbrechung zwei Jahre lang. Einer der Hauptgründe für den Hass gegen Wu Teh liegt darin, daß er für die direkte Unterdrükkung der Kundgebung auf dem Tien An Men verantwortlich war.

In einigen Dazibaos wird Wu Teh auf noch eine andere als der persönlichen Ebene angegriffen, nämlich wegen seiner Verantwortung dafür, daß das Leben in Peking langweilig und miserabel sei, sowie deshalb, weil es keine demokratischen Rechte gibt. Diese kritische Minderheit hat sich geweigert, die Angriffe gegen das tägliche Elend der Massen zu beenden, nachdem Wu Teh im September offiziell abgesetzt worden war.

Indes muß die umständliche und späte Lösung der Frage Wu Teh, auch wenn sie der Führung während zweier Jahre auf dem Tisch lag, doch etwas verwunder. Die gesamte Bürokratie ist sich sicherlich der Tatsache bewußt, daß sie riskiert, einen dynamischen Prozeß in Gang zu setzen, wenn sie den Forderungen der Massen unmittelbar nachgibt. In der Tat könnten die Massen begreifen, daß sich das Kräfteverhältnis zwischen ihnen und der Bürokratie beträchtlich verbessert hat, Druck ausüben, damit ihnen die Ansprüche erfüllt werden, die sie für gerechtfertigt halten. Das aber ist genau die Situation, der die Bürokratie seit dem Tode Maos und dem Sturz der „Viererbande" zu entgehen sucht.

Gegenwärtig ist das Problem Hua Kuofengs keine Frage des Schwebezustands zwischen zwei Linien in der Führung mehr. Die Orientierung Teng Hsiao-pings triumphiert offen. Die Schwierigkeiten Huo Kuo-fengs spiegeln die tiefe Krise der Kader der Bürokratie wider.

In ihrer Septembernummer veröffentlichte die Zeitschrift Hongqi (Rote Fahne, monatliches theoretisches Organg der KPCh) einen wichtigen Artikel ihres Sonderkommentators unter dem Titel „Die Einheit stärken auf der Grundlage der Linie des 11. Parteitages". Zur gleichen Zeit, im August und September, befaßten sich eine ganze Reihe von Artikeln, veröffentlicht in Renmin Ribao und Quang Ming Ribao, mit dem gleichen Problem, das im Editorial der Hongqi untetrichen wurde. Das Problem lautet: wie kann die Krise der Kader überwunden werden?

Im Artikel der Hongqi wird zugegeben, daß Faktoren, die die Einheit der Partei untergraben tatsächlich existieren". Nachdem festgestellt wird, wie tief die Krise ist, versucht man ihre Faktoren zu bepien des Proletariats und dem Interesse der Partei".

Diese Kader meinen immer Recht zu haben" und „die einzigen Revolutionäre zu sein", was praktisch „das reaktionäre System der Theorie, der Sichtweise und des Denkens von Lin Piao und der "Viererbande'" wiederspiegele. Ein großer Teil der Bürokratie, wenn nicht gar die Mehrheit, bildet die Zielscheibe dieser Angriffe.

In einem anderen Artikel des Dong Xiang wird auf genau diesselbe Situation hingewiesen. Nach Interviews, die diese Zeitschrift in Peking und Kanton führte, TENG HSIAO-P'ING

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seien es nur die höchsten Führer und die Massen, die die gegenwärtige Politik mit Enthusiasmus unterstützten. Viele mittlere Kader, besonders jene, die während der Kulturrevolution auf ihren Posten kamen, seien der Meinung, daß man heute in China „die Restauration des Kapitalismus" und „das Einschlagen des revisionistischen Weges " betreibe.

im Artikel der Hongqi werden ebenfalls die Auswüchse an Bürokratismus der Kader attackiert, die Korruption, der Betrug (sowohl an den Massen als auch gegen übergeordnete Stellen in der Bürokratie), die Weigerung, die offizielle Linie anzuwenden, usw. Was der Artikel nicht erwähnt, was aber berücksichtigt werden muß, um die heutige Lage verstehen zu können, ist, daß es eine große Zahl von Kadern gibt, die sich von der politischen Verwirrung der letzten zwölf Jahre nicht erholt haben und heute gründlich demoralisiert sind.

Die gegenwärtige Krise ist um so heikler, als sie nur durch politische Mittel gelöst werden kann. Jede organisatorische Lösung bliebe wirkungslos, wenn sie nicht sogar unmöglich ist, weil es sich die Bürokratie nicht einfach erlauben kann, sich aller Kader zu entledigen, die während der Kulturrevolution eingesetzt wurden. Desgleichen verschärften sich die Fraktionskämpfe bereits aufgrund der massenhaften Rückkehr der Kader, die während der Kulturrevolution oder sogar schon in den Kampagnen gegen die Rechte Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre ihre Posten verloren hatten. Im Hinblick darauf ist die philoso. phische Debatte ebenfalls auf die breite Mehrheit der Kader ausgerichtet in der Hoffnung, ihr Denken und ihre politischen Ziele im Sinne der heutigen Führung verändern zu können.

Aber bis heute deutet nichts darauf hin, daß die beiden Hauptlager, die den bürokratischen Apparat Chinas bilden, die rehabilitierten alten Kader und jene, die die Prüfung der Kulturrevolution überstanden oder seither in ihre Positionen eingesetzt wurden, in einem harmonischen Prozeß zueinander finden könnten. Wie der Artikel der Hongqui zeigt, macht sich die Führung offenischtlich keine Illusionen über die Möglichkeiten, die Krise rasch durch einfache disziplinarische Maßnahmen beilegen zu können. Immer wieder wird gesagt, daß die Kader das Recht hätten, Irrtümer zu begehen, wenn sie sich rechtzeitig berichtigen. Klar ist: übt die Führung zu großen Druck auf die Kader aus, so setzt sie damit alles auf einmal aufs Spiel: entweder bekommt sie den totalen Erfolg, oder den totalen Mißerfolg. Konsequenz einer solchen Niederlage wäre die Lähmung der gesamten Bürokratie. Dieses Risiko ist zu groß.

Zum Teil hierauf ist zurückzuführen, daß Hua Kuo-feng seine Stellung an der Spitze der Kommunistischen Partei Chinas bewahren kann - denn ihn abzusetzen wäre sehr viel einfacher, als die gegenwärtige Krise der Bürokratie zu überwinden. Indes wird das Festhalten an Hua Kuo-feng gleichzeitig die Unstimmigkeiten innerhalb der Führung vorantreiben. Die bürokratische Führung ist gezwungen, das Wesen der gegenwärtigen Politik positiv zu erklären. Aber eine solche Erklärung wäre wenig überzeugend, wenn nicht gänzlich unnütz, wenn sie nicht zurückgeht auf alle wichtigen politischen Entscheidungen, die seit dem Großen Sprung nach Vorn gefällt wurden. Aus genaus diesem Grund ist die gesamte Bürokratie in zwei Tendenzen zerfallen: „die decken" und die nicht dekken". Alle versuchen sich auf die in der Vergangenheit gültigen Orientierungen zu beziehen; das aber bleibt ein vergebliches Unterfangen, wenn man nicht gleichzeitig auf die Initiativen Mao Tsetungs und seiner Ideen zurückgreift. Folglich sind „die decken" und „die nicht decken" in dieser Frage gespalten. Denn was jetzt zur Debatte steht, sind nicht nur die Mao Tse-tung - Ideen selbst, sondern ihre Rolle in der Ideologie der chinesischen Bürokratie. Die momentane 'politische Debatte" belegt die Existenz dieser Spaltung im Innersten der KP Chinas. Einer der Journalisten des Cheng Ming weist in folgender Form (die die offizielle Sichtweise in China werden könnte, wenn Teng Hsiaoping die derzeitige Auseinandersetzung gewinnt) darauf hin:

.Über die Einschätzung der Mao Tse-tung - Ideen existieren im Innern der KP Chinas zwei konfligierende Richtungen, von denen die eine als 'dualistisch' und die andere als 'universalistisch' bezeichnet werden könnte.

Die 'Dualisten' meinen, daß das Denken Mao Tse-tungs nicht monolithisch war (...). 'Dualistisch' bedeutet, daß zwei Teile zu unterscheiden sind: ein Teil, der richtig ist und ein Teil, der falsch ist. Der zweite Teil kann selbst wieder in zwei Elemente geschieden werden: das, was grundsätzlich falsch war - was bedeutet, daß es bereits im Moment seiner Entste hung falsch war — und das, was nur überholt ist - was bedeutet, daß diese Ansichten zwar im Moment ihrer Entstehung richtig waren, aber durch die Entwicklung der Lage überholt sind und falsch richtig waren, aber durci: die Entwicklung der Lage überholt sind und falsch wurden. Es ist notwendig. diese herholten 1n sichten new einzuschätzen und Jaraus die Konsequenzen zu ziehen. Seit dieser Analyse verteidigen die 'Dualisten' den Gedanken, daß man zwar nicht jedem Wort des Vorsitzenden (Mao) folgen dürfe, andererseits aber auch nicht meinen durfe. den anderen, richtigen Weisungen misse nicht mehr gefolgt werden.

Die 'Universalisten' vertreten gegenteilige Ansichten. Warum werden sie 'Universalisten' genannt? Weil ihr Glaubensbekenntnis das der 'Universalitat' ist: wừ unterstützen standhaft jede Entscheidung des Vorsitzenden Mao; wir gehorchen ent schieden jeder Direktive des Vorsitzenden Mao (...). Diese Tendenz lehnt es ab, die Mao Tse tung - Ideen unter einem dualistischen: Gesichtspunkt zu analysieren. Sie vergottlicht Mao Tse tung selbst sowie seine Gedanken, überzeugt, daß jedes Wort des Vorsitzenden Mao in die fraxis umgesetzt werden muß. "

einen Prozel der Entmavisierung" an, während dem ein Teil der Politik und der Mao Tse- tung Ideen im nachhinein kritisiert werden müßten.

Diese Krise des Maoismus erinnert in dieser Hinsicht an die Krise des Stalinismus nach dem Tode Stalins. Beide reigen deutlich, dab die Berokratie, wenn es ihr gelingt, alle geselischaftliche Macht in ahren Handen zu konzentrieren, dennoch vollig uefadrig biert, ahre eigene ileclogie zu schaffen un! sie mit einer wirklichen historischen Perspektive zu verschen denn die Bürokrate Lann keine fastorisch fortschrittliche Rolle spieler Nas wird das chinesische Volk viet. leicht nicht sofort verstehen. Aber ae Krise der chinesischen Brokratie ist eine Tatsache, die nicht ohne schwerwiegen.'e Folgen auf das Bewulitsein der Massen bleiben wird. Tatsächlich haben sich durch die Krise des Maoismus die Be. singungen für die unabhangige Entwick lung ries politischen Rewußtseins des Proletariats up.l der chinesischen Massen (und damit für ihre unabhängige Aktion) sichtbar verbessert.

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Die chinesische von PIERRE ROUSSET