Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Dossier

Gewerkschaften und Sowjetstaat

Inprekorr Nr. 78, 15. April 1977 · S. 24-27 · 2.965 Wörter

Gewerkschaften und Streiks Trotzki und Geschichte IV. Internationale Sowjetunion

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Von der Machtergreifung der Bolschewiki im Okto- Bedeutung" verloren?

ber 1917 bis 1925 und sogar bis 1929 (bis Tomski Tatsächlich war die ganze Diskussion über die Geals Präsident des Zentralrats der Gewerkschaften werkschaften 1920/21 noch in dem politischen Rahausgeschaltet wurde) gab es zahlreiche Diskussio- men gefangen, den das Programmdes IX. Parteitags nen über die Gewerkschaftsfrage in der Sowjetunion. (1919) und der Kriegskommunismus abgesteckt Alle versuchten in der einen oder anderen Form hatten, d. h. in der Frage der "Verstaatung". Alle den Platz der Gewerkschaften in der Gesellschaft Tendenzen, angefangen von der "Gruppe der Zehn" und im Staat zu bestimmen, ihr Verhältnis zur Lei- (Lenin und dessen Unterstützer, die sich gegen eine tung der Wirtschaft und ihr Verhältnis zur Partei. überstürzte "Verstaatung"aussprach) bis zur kleinen Dabei ging es letztlich immer um die Frage des Ver- "vierten Tendenz" bekannt als die Tendenz des "dehältnisses der Massen zur Revolution. Diese Dis- mokratischen Zentralismus" (die für eine Zusammen kussion ist im allgemeinen unbekannt mit Ausnah- legung der Gewerkschaften mit dem Volkskommisme der Diskussion, die 1920/21 geführt wurde und sariat für Arbeit war, was Stalin 12 Jahre später, die viel gründlicher analysiert wurde, sowohl von 1933, auch durchführte) argumentierten vor diesem seiten der Historiker der russischen Revolution politischen Hintergrund, der beherrscht war von der (E. Carr, I. Deutscher, usw. ) als auch von seiten Frage der "Verstaatung" Die Differenzen drehter derer, die sich auf das Erbe des Bolschewismus be- sich um das Tempo und die Methoden dieser "Verrufen. staatung"das Prinzip selbst wurde von niemandem in Frage gestellt.

Wir glauben, die Erklärung dafür ist nicht schwer zu finden. Die Diskussion von 1920/21, in der Lenin Ein konkretes Beispiel verdeutlicht dies: zur Zeit sich erfolgreich gegen die Tendenz Trotzki/Bucharin der Diskussion von 1920/21 gab es in der Russischen und gegen die"A rbeiteropposition'(1) durchsetzen Föderativen Sozialistischen Sowjetrepublik das Sykonnte, ermöglichte es in der stalinistischen Ära, stem der Zwangsgewerkschaft. Dies System hatte eines der hartnäckigsten Fehlurteile zu konstruieren, sich nach und nach in der Periode des Kriegskommu die es je gegeben hat: das, Trotzki habe die nismus durchgesetzt. Nun ist niemand, nicht einmal "Schraube anziehen" und die Gewerkschaften ver- die Arbeiteropposition, gegen dies Prinzip aufgetrestaaten, sprich militarisieren wollen; Schliapnikow ten. Im Gegenteil: es wäredurchaus vorstellbar gehabe die Rolle der Partei auf ein Nichts reduzieren wesen, daß der "Kongreß der Produzenten" wollen, indem er die Gewerkschaften dem sowjeti- nach Meinung dieser Tendenz die Gewerkschaften schen Staat und der Partei entgegen stellte; und vertreten und die Wirtschaft leiten sollte, nur durch schließlich auf der andern Seite der weise Lenin, Zwangsmitgliedschaft in den Gewerkschaften für alle der unterstützt von Stalin die Idee der Gewerkschaf- Produzenten repräsentativ gewesen wäre. ten als einer Schule der Arbeiter vertrat (eine Schule für die Leitung und Verwaltung der Wirtschaft Auf dem XI. Kongreß der Bolschewistischen Partei und für den Kommunismus). Das ist das Bild, das dagegen (vom 27. März 1922 bis 2. April 1922) wurde die "Geschichte der Kommunistischen Partei der das Prinzip der Zwangsgewerkschaft fallengelassen Sowjetunion (Bolschewiki)" in ihrer Ausgabe von Auf diesem Kongreß wurde auch wieder das Streik- 1938 zeichnet und das alle offiziellen Geschichts- recht anerkannt. Dieser Kongreß verlief weit weni schreiber in der Sowjetunion seither übernommen ger turbulent als die vorhergehenden (es gab keine haben (2). Aber es ist auch diese Geschichtsschrei- harten Tendenzauseinandersetzungen) (4) und er ist bung, die zumindest einen Teil einer ganzen Reihe von Werken über die Gewerkschaftsfrage unter- auch weit weniger von den Historikern studiert worschlagen und unzugänglich gemacht hat(3). den.

Doch hat nicht schon Lenin auf dem X. Kongreß der Bolschewistischen Partei, auf der diese Diskussion Um "das Seil nun etwas in die andere Richtung zu abgeschlossen wurde, gesagt, sie sei im Grunde ein überspannen" und gewissermaßen den XI. Kongreß unnötiger Luxus gewesen? Und hat Trotzki später der Bolschewistischen Partei zu "rehabilitieren", in seiner Autobiographie nicht gesagt, sie sei nicht geben wir hier die bisher unveröffentlichte Übernur an der eigentlichen Frage vorbei gegangen, son- setzung der Rede Trotzkis über die Gewerkschaftsdern habe auch zur Zeit des Kongresses selbst "jede frage auf diesem Kongreß wieder.

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Die Bedeutung der Beschlüsse vom XI. Kongreß der Kommunistischen Partel Rußlands darf nicht unterschätzt werden: auf der Grundlage dieser Beschlüsse sprach sich der V. Kongreß der Gewerkschaften für die Autonomie der Arbeiter in den Tarifverhandlungen aus, sowohl im sozialistischen Sektor wie auch im staatskapitalistischen Sektor; auf dieser Basis wurde im November 1922 das zweite Arbeitsgesetzbuch der RSFSR verabschiedet, in dem die gewerkschaftlichen Freiheiten anerkannt wurden: auf dieser Grundlage wurde 1923 ein Gesetzbuch der Zivilverfahren der RSFSR verabschiedet, das die Immunität der Streikfonds der Gewerkschaften garantierte, usw.

Einige Geschichtsschreiber haben gemeint, der XI. Kongreß habe den Rückgang des Ein flusses der Gewerkschaften festgeschrieben (5). Das ist eine falsche Einschätzung, die sich vor allem aus der Lektüre der Resolution über die Aufgaben der Ge werkschaft ergibt, in der beschlossen wurde, die Gewerkschaften aus der direkten Beteiligung an der Leitung der Betriebe herauszuhalten. In Wirklichkeit drückte dieser Beschluß ganz und gar nicht einer Rückgang des Einflusses der Gewerkschaften, sondern die neue Orientierung hin zu einer größeren Unabhängigkeit der Gewerkschaften von den Leitungs organen der Wirtschaft aus : man kann nicht einmal mitbestimmen und sich zugleich die Position verschaffen, die gefällten Beschlüsse wieder anzufechten.

Trotzki hat auf dem XI. Kongreß diese Resolution unterstützt, indem er seinemalten Kampfgefährten von der Zeitung "Nashe Slovo" und der Interrayon- Organisation Losowski energisch den Rücken stärkte (eine etwas ungewöhnliche Rückendeckung übrigens, da Trotzki Losowski sonst nicht sehr hoch schätzte). Trotzkis Intervention bezog sich auf einen einzigen Punkt, nämlich auf die Beziehungen zwischen der Leitung der Wirtschaft und der gewerkschaftlichen Aktivität. Nicht ohne Ironie stellte Trotzki fest, daß vor allem unter diesem Gesichtspunkt die Resolution vom X. Kongreß, die er bekämpft hatte, sich als unbrauchbar herausgestellt hat. Ebenfalls nicht ohne Ironie erinnerte er daran, daß Anfang 1920 er der erste war, der im Zentralkomitee Maßnahmen gefordert hatte, die in der Richtung des später mit der NEP eingeschlagenen Wirtschaftskurses lagen.

Das Besondere an der Rede Trotzkis ist jedoch vor allem, von welcher Seite her er die Frage der Gewerkschaften angeht. Sein Ziel war natürlich, die Zweideutigkeiten, die die Positionen des X. Kongresses geprägt hatten, zu beseitigen. Es war nicht länger möglich, von einer Beteiligung der Gewerkschaften an der Ausübung staatlicher Funktionen zu reden, wenn die alte Zentralisierung der Wirtschaft gerade aufgehoben wurde. Es galt also die Zweideutigkeit zu überwinden. Aber wie? Trotzkis Argumentation verlief an diesem Punkt in besonderen Bahnen. Während er -- im Gegensatz zum Gewerkschafter Riazanov -- sehr wohl begriffen hatte, was der neue Gewerkschaftskurs , der auf eine Verteidigung der Interessen der Arbeiter orientiert war, für eine auf der "chozzastschët' basierendeWirtschaft bedeutete und was andererseits eine auf der "chozzas schët'basierende Wirtschaft für die Arbeiter bedeutete (6), legte er die Hauptbetonung dennoch nicht auf die "Verteidigungsfunktion" der Gewerkschaften, sondern auf die Erfordernisse und die Effektivität der Wirtschaft. In seiner Rede versuchte Trotzki nicht so sehr nachzuweisen, daß unter den neuen Bedingungen die Einbindung der Gewerkschaften in den Staat nicht mehr gerechtfertigt war, well diese nun die Arbeiter verteidigen mußten, sondern daß die Gewerkschaften nicht in die Wirtschaft eingebunden werden sollten, um die Wirksamkeit der Wirtschaft reform nicht zu gefährden. Trotzkis Argumentation geriet damit sehr gewunden, formallogisch, und fhrte ihn zu Positionen, die in genauem Gegensatz zu dem standen, was er ein Jahr zuvor vertreten hatte (daß in einem Arbeiterstaat die Gewerkschaften die Arbeiter nicht länger zu verteidigen bräuch ten, usw.).

Dieser formallogische Aspekt findet sich auch in der Struktur seiner Rede wieder. die um die Frage herum aufgebaut ist: "Wer hat Recht in der Interpretation der neuen Gewerkschaftspolitik, Losowski oder Riazanov? " Die eigentlichen Grundprobleme, die Tomski (7) in seiner Rede aufwarf, hat er nicht angeschnitten. Trotzki gab übrigens zu, die Rede Tomskis nicht gehört zu haben Trotzki griff die Position Riazanovs (der ebenfalls ein alter Kampfgefährte von "Nashe Slovo" und vom Interrayon und auch Gewerkschafter war) scharf an. Riazanov, der im allgemeinen den Positionen Tomskis, des Vorsitzenden des Zentralrats der Gewerkschaften, ziemlich nahe stand ( gegenbeide wurden im Mai 1921 Disziplinarstrafen verhängt), hatte sich in seinen Interventionen auf dem Kongreß von ihm gelöst. Obwohl alle bolschewistischen Führer sich für die Rückkehr zum Streikrecht aussprachen, das sie als eine letzte antibürokratische Garantie be trachteten, führte Riazanov Nachhutgefechte, nicht gegen das Streikrecht, sondern gegen die Tatsache, daß man davon sprach. Er behauptete hartnäckig. dies Recht sei niemals legal aufgehoben worden, es handele sich um ein "elementares Recht der Arbei terklasse" und er, Riazanov, habe seine Position seit dem 26. Oktober 1917, als er den Petrograder Gewerkschaftsrat veranlaßte, eine Resolution zu verabschieden, in der die Arbeiter aufgerufen wurden, das Streikrecht nicht gegen die neue Macht einzusetzen, nie geändert!

In seiner Rede hatte sich Riazanov auch gegen die Rückkehr zur freiwilligen Mitgliedschaft in der Gewerkschaft ausgesprochen , denn dies sei das Organisationsprinzip der "gelben Gewerkschaften" Trotzki war es ein leichtes, sich über die ewigen und nicht sehr dialektischen Weisheiten, die Riaza nov von sich gab, lustig zu machen und ihm nachzuweisen, er sei grundsätzlich unfähig, die Grundsätze des Marxismus, die er in der Theorie so gut kannte, in die Praxis umzusetzen. Die Heftigkeit von Trotzkis Kritik an Riazanov verwundert etwas. Dazu muß man daran erinnern, daß auf dem X. Kongreß Riazanov vergeblich vorgeschlagen hatte, alle Wahlen zum Zentralkomitee auf der Basis einer Plattform sollten von nun an verboten werden, um zu verhindern, daß das Zentralkomitee auf der Basis von Plattformen gewählt würde, die sich mit zweitrangigen Fragen beschäftigten (dabei war die Frage der Gewerkschaften zu diesem Zeitpunkt eine zweit rangige Frage geworden, und es war Sinowjew, der die Wahl des Zentralkomitees auf der Basis von Plattformen vorgeschlagen hatte,' um einige Gegner auszuschalten). Trotzki geißelte daher hier den Genossen, der gute Absichten verfolgt und dabei einen Schnitzer nach dem anderen macht. Das er-

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klärt auch die etwas obskure Passage in der Rede Trotzkis, wo er von den Sanktionen gegen Riazanov im Mai 1921 spricht. Hierzu sei einiges gesagt, da die Historiker die Ereignisse nicht immer sauber interpretiert haben (9).

Riazanov hatte im Mal 1921 die kommunistische "Fraktion" Im Gewerkschaftskongreß dazu veranlaßt, eine Resolution zu verabschieden, in der eine Reihe von Grundsätzen über die Arbeit der Kommunisten in den Gewerkschaften festgehalten waren. In Wirklichkeit wiederholte der Text nur die Beschlüsse des X. Kongresses der Partei, die vor allem die Notwendigkeit der Wiederherstellung der demokratischen Spielregeln innerhalb der Gewerkschaften und die Pflicht des Zentralkomitees der Partei betonten, einen neuen, stabilen Kern von Gewerkschaftsführern zu schaffen, der in der Lage sei, die Gewerkschaften zu führen, ohne daß sich das Zentralkomitee tagtäglich in ihre Probleme einmische. Diese Resolution, die von der Fraktion angenommen war, sollte dem Gewerkschaftskongreß vorgelegt werden. Da griff jedoch das Zentralkomitee ein und hieß die Fraktion, die Resolution zu annullieren. Riazanov wurde aus der Gewerkschaftsbewegung entfernt und Tomski wurde mit einem Auftrag nach Turkestan geschickt. Der menschewistische Historiker und Gewerkschafter S. Schwartz hat behauptet, Riazanovs "Verbre chen" sei gewesen, bei seiner Verteidigung der Unterordnung der Gewerkschaften unter die Partei zu 'zynisch" gewesen zu sein (10). Diese Interpretation ist ziemlich unhaltbar, denn sie setzt voraus, Riazanov habe zu den Beschlüssen vom X. Kongreß eigenes "hinzugefügt". Doch der Text der Resolution, den Riazanov vorgeschlagen hatte und an den er den XI. Kongreß in seiner Verteidigungsrede noch einmal erinnerte, zeigt, daß dem nicht so ist. Riazanov wurde deswegen bestraft, weil die Richtlinien des X. Parteikongresses für die Partei bestimmt waren und dem Gewerkschaftskongreß nicht vorgelegt, auch nicht zur Abstimmung gestellt werden sollten (11).

Der Raum, den Trotzki in seiner Rede der Kritik an Riazanov einräumt scheint in keinem Verhältnis zu denen kritisierten Positionen zu stehen. Obwohl Trotzki seine früheren Positionen widerruft, scheint er über die Grenzen, die er sich selbst gesteckt hat, nicht hinausgehen zu wollen, d. h. sich auf eine "Verteidigung und Darlegung"' der Politik des Politbüro beschränken zu wollen. Seine Positionen leiden daher unter derselben Beschränktheit wie der Mehrheit der Partei: es fehlen Überlegungen darüber, wie sichergestellt werden kann, daß sich der Apparat der Wirtschaftslenkung nicht immer mehr von den Arbeitern entfernt (während hinter diesem Apparat zugleich eine "Arbeiterpartei" steht, die immer mehr als deus ex machina auftritt), und wie die Arbeiter an der Leitung der Wirtschaft über andere Strukturen als über die Gewerkschaften beteiligt werden können. Solche Überlegungen, die im Zentrum der Positionen der Tendenz Schliapnikow-Kollontai standen (wenn sie auch einseitig und unrealistisch formuliert waren), stellte die Mehrheit der Bolschewiki 1922 noch nicht an.

Schließlich sei gesagt, daß Trotzki hier formell mit den Positionen bricht, die er 1920/21 zur Frage des Verhältnisses zwischen den Gewerkschaften und dem sowjetischen Staat vertreten hat (die Gewerkschaften eine "revolutionäre Repression" ausüben und die Arbeiterklasse "disziplinieren" müssen) (12). Später beschrieb er das als Errichtung eines "brutal zentralisierten Apparats ... auf der Basis der gewerkschaftlichen Organisationen" (13). Doch dieser Bruch ist nur ein relativer, da er im wesentlichen mit der Theorie der verschiedenen Stadien der Übergangsperiode begründet wird (die "Wende" in der Wirtschaft schaftspolitik habe ein neues Stadium eingeleitet), eine Theorie, die Riazanov fremd ist. Diese Rechtfertigung schränkt den selbstkritischen Gehalt von Trotzkis neuen Positionen stark ein; langfristig hält er an der Idee der "Verstaatungder Gewerkschaften-wie man noch sehen wird-- fest. Erst als er seine Kritik an der Entartung des Arbeiterstaats entwickelt, laßt er diesen Gedanken fallen. Aber das steht auf einem andern Blatt.

P.S. Im ersten Band seines "Archipel Gulag" hat Solschenizyn der Passage in der Rede Trotzkis, in der dieser vom Selbstmord des Chefingenieurs der Moskauer Wasserwerke spricht (14), eine gewisse Aktualität verliehen. Es war dies ein unpolitischer Ingenieur, einer jener bürgerlichen "Spezialisten", die die russische Wirtschaft so bitter nötig hatte; die unablässigen Schikanen, mit denen ihn die Kommunisten in seinem Betrieb traktierten, hatten ihn zum Selbstmord getrieben. Solschenizyn zitiert seinen Fall als ein Beispiel für die vielen Ungerechtigkeiten, die die Revolution zu verantworten hat, auch in den ersten Jahren ihres Bestehens. Trotzki dagegen rechtfertigtedie exemplarische Strenge, mit der der Oberste Gerichtshof beim Zentralen Exekutivkomitee des russischen Sowjets die Kommunisten, die den Ingenieur Oldenberger verfolgt hatten, verurteilte. Er tat dies im Namen der Notwendigkeit, die Arbeiter, auch die Kommunisten, zu erziehen, mit allen Mitteln, wenn nötig auch den härtesten, um zu verhindern, daß ihr rückständiges kulturelles Niveau sie zu katastrophalen Handlungen hinreiße. Dieser Teil der Rede Trotzkis, demTomski in seiner abschließenden Berichterstattung ausdrücklich zustimmte, zeigt, wie einseitig die von Solschenizyn vertretene These ist.

Doch ist die These Solschenizyns unannehmbar, so ist der Standpunkt Trotzkis nicht unanfechtbar. Hier tritt die Tendenz hervor, alle Arbeiter der Wasserwerke in einen Topf zu werfen und zu übersehen, daß unter ihnen nicht nur unkultivierte Kommunisten (die neu Arrivierten) waren, sondern auch qualifizierte Arbeiter, die schon lange Jahre auf ihrem Posten waren und die Oldenberger auch in den loka len Sowjet gewählt hatten.

Guy Desolre

ANMERKUNGEN :

(1) Die Arbeiteropposition war eine linke Tendenz in der Bolschewistischen Partei; sie bildete sich Ende 1920. In ihrem Programm forderte sie die Leitung der Industrie durch die Gewerkschaften, die Nivellierung der Löhne und ihre Auszahlung in Naturalien. Die hauptsächlichen Führer dieser Tendenz waren Alexandra Kollontai und A. Schliapnikow. Auf dem X. Kongreß der KPR (B) 1921 wurde sie geschlagen, war aber mit A. Schliapnikow weiter im Zentralkomitee vertreten, bis 1922.

(2) vgl. A. G. Titov, "Bor' ba partii s trockizmom v , die für die "Arbeitsdis ziplin" sorgen, 26 gody stroitel' stva socializma v SSSR! , Moskau 1975,

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sare (Sownarkom) am 9. August 1921 beschlossen.

(3) Eine Kritik dieser Positionen findet sich in der Von diesem Beschluß spricht Trotzki in seiner Rede, Studie von E. Germain "Die Diskussion über die Ge- wenn er die Entscheidung erwähnt, "die am 11. Auwerkschaftsfrage in der Bolschewistischen Partei gust 1921 veröffentlicht wurde". (1920/21)", in: Quatrième Internationale, 13. Jg. Bd. (7) Die wichtigsten Passagen von Tomskis Rede 13, Nr. 1 - 3 (März 1955), S. 50 bis 59 sind von Mervyn Matthewe in "Soviet Government", (4) Die Gewerkschaftsresolution hatte Lenin auf der London 1974, S. 409-12 übersetzt worden. Grundlage der Berichte von Andrejew (Unterzeichner der Plattform Trotzkis auf dem X. Kongreß) und von (9) I. Deutscher (op. cit. S. 62/63) Irrt sich im Datum Rudzutak (Unterzeichner der Zehner-Plattform) re- und zusätzlich noch in der Interpretation der Ereigdigiert; sie wurde einstimmig vom Politbüro vorge- die er als Konflikt in der Frage der Lohnpolilegt und einstimmig mit zwei Enthaltungen angenom- tik nach dem IX. Kongreß betrachtet. (10) S. Schwartz: "Lénine et les syndicats", Paris, (5) I. Deutscher, "Soviet Trade Unions"", Royal Insti- Spartacus 1971, S. 71 tute of International Affairs, London 1950, S. 61-62. Auf dem XI. Kongreß schlug Larin vor, das Ver "chozzastschöt" : dies Wort ist ein Kürzel für bot der gewerkschaftlichen Betätigung für Riazanov "chozjajstvennyi raschét" (Wirtschaftskalkulation); wieder aufzuheben. Der Antrag wurde nach einer es ist schwer, eine treffende Übersetzung dafür zu sehr harten Intervention Sinowjews abgelehnt. finden. Es bezieht sich auf das System der autono- (12) Trotzki: "Terrorismus und Kommunismus" men Leitung der Betriebe, das mit der NEP einge- (13) Trotzki: "Thèses sur la situation économique führt wurde. Im Deutschen wird es gern mit "ausge- de la Russie soviétique du point de vue de la révoluglichener Betriebsführung" übersetzt, was aber nicht tion socialiste" (1922), in: Critique de l' Economie die ganze Bedeutung des Wortes wiedergibt. Der Politique, Nr. 7/8, S. 107. Sinn dieses Systems war, dafür zu sorgen, daß die (14) Solschenizyn: "Archipel Gulag", I-II, Paris, staatlichen Betriebe keine Last für den Staat würden. YMCA-Press 1973, S. 340-345. Es wurde auf der Sitzung des Rats der Volkskommis-