Das Frgebnis der Parlamentswahlen auf der Maurilius-Insel hat den bedeurenden politischen Fintuit der Mauritian Militant Mosemem MMAD im land bestätigt Die Niederlage der bürgerliehen Parteien sowie die der aus dem Amr scheidenden Regierungs koalition (Labour-Party und Muslini Artion Commit teelbesiegeln den Bankron des neo-kolonialen Regimes. Dureh parlamemarischen Kuhhandel Ist schließlich doch eine Koalition aus der Labour-l'arty und der Sozialdemokratischen Parter von Maurisus an die Regierung gekommen, Die herrschende Klasse hat sich damit in emem direkten Affront iber das Mehrheitssotum der Massen Son Mauris himreggesetzt. Die kommende Periode wird in 2unehmendem Maß Unruhen, Streiks und Repression bringen: es sei denn, die Koalition bracht in einigen Monaten auseinander und macht den Weg frei fir ein Abkommen zwischen der Labour-l'arty and der NEMAL
Die kommenden Monate werden emscheidend sem Sie werden zeigen. wie groß die Auswirkungen des Wahlsiegs der MVM auf das Bewußtsein der Vasse bewegung wirklich sind und wie groß die Klun zwischen den reformistischen Illusionen der ersteren und dem Druck der Massen fir ihre Forderungen. Sobald die Wahlergebnisse bekannt wurden. hai die Rechte gezeigt daß sie zum Mittel der Einschüchterung greifen will. Die Konflikte zwischen den Rassengemeinschaften können jederzeit dazu genutzt werden, eine Massenbewegung zum Scheitern zu bringen. Der auf Grund der strategischen Lage der Insel vielfältige Druck der Imperinlisten auf die Bourgeoisie von Mauritius wird leiztlich für deren Haltung bestimmend sein, denn diese ist unfihig. sich allein auf eine Kratprobe einzulassen. DIE NIEDERLAGE DER LABOUR-PARTY
In den Wahlen von 1967 (den Wahlen zur Unabhlingig keit erhielt die Labour-Partv unter der Führung von Ramgoolam durch die Unterstützung der Hindu- Mehrheit auf der Insel einen bequemen Vorsprung vor der Partei der bürgerlichen Weißen und Kreolen, der Sozialdemokratischen Partei von Mauritius (SDPA unter der Führung des Reaktionärs Gaetan Duval, Die moslemische Minderheit hatte sich in zwei Tendenzen gespalten: die eine sammelte sich um das Moslemische Aktionskomitee (MAC), das mit der Labour-l'arty eine Koalition eu gegangen ist, und die andere schloß sich der SDPA an. Diese Wahlen haben wieder einmal die reaktionäre Funktion des "communalism" (der Trennung in Rassengemeinschafen) auf der Insel Mauritius deutlich gemacht (1), der diese Gemeinschaften ermuntert, unkritisch ihren Führern und Vertreten zu folgen.
Ein großer Teil der einheimischen Bourgeosie war gegen die Unabhängigkeit. Aber sie hat sehr bald GABRIEL die Lehren aus threr Wahlniederlage gezogen, 1969 konnte der fran.üsische Imperialismus dank der Verminlung von Machel Debre, damals gaullistscher Angeordneter der Nachbarinsel De de la Remion, die Labour-l'ary und die Str'st dazu bewegen,sich gegenselig zu verständigen. Die Koali- Housregierung wurde also durch den Kintrin der Mannselan Duvals in die Regierung gestärke. Aur ome T0 Mann starke Angeordnezenkammer komm cine Regierung mit 21 Ministern'!? Das parlamenarische Gleichgewichr will es so. Dural wurde Außenminister und kalpfle grie Beziehungen zu Südafrika. Der Regierung stand keine parlamentrische Opposition mebe gegenüber. Die Wahlen von 1952 seite dar Regierung einfach auf unbefristete Zeit ab. Die Presse der Opposition wurde streng überwache und gegen die Gewerkschaftshewegung cme Reihe von fromalen Angriffen verübt. 1951 gab es schon 30.000 Arbeitslose. Die ausgewogene Versperung der Rassengemeinschaften in der Regierung verhinderie keineswegs Zusammen- Stöße zwischen Moslems und kreolen.
Während die SOPA in den ersten Jahrent der tahhängigkeil mühelos die Karte der demokratischen Opposition und der sozialen Demagogie ausspielen konnte. bat ihr Eintritt in die Regierung ihre Glaub würdigkeit untergraben, selbst bei den arnisien Schichten der Kreolen. Der wachsende Unmut in der Bevölkerung, die offensichdlich abgenützte Popularias vonlamgoolam (Labour-l'arty) und die Aussicht auf baldige Wahten bewegten die SOPM 1969 dazu, wieder aus der Regierung auszutreten. Somit nahm die Großbourgeoisie von Mauritius gewissermaßen wieder Abstand von einer Regierung. deren neo-kolomales Regime auf den Widerstand der Arbeiter und der Kleinbauern stick. DER AUFSTIEG DER MAM
Zu Anfang war die MMM nur ein kleines Grüppchen das sich Movement of Militant Students nannte. Zum erstenmal trat sie 1969 auf, als die Prinzessin Alexandra von England die Mauritius-Insel besuchte: ihr Mann. ein gewisser Ogilvy, ist Groß aktionär des lonrho-Konzerns, ein imperialistischer Konzern, der Interessen in Mauritius hat. Die von der MMM einberufene Demonstration stieß auf großes Echo und zog die politische Aufmerksamkeit der Jugend auf sich, Sehr bald gewann die Gruppe um Paul Beranger Vertrauen und in weniger als zwei Jahren konnte sie sich fest in der Arbeiterklasse verankern. Ihre Propaganda richtet sich vor allem gegen den "communalism" gegen die Wahl-Illusionen und gegen die kapitalistische und imperialistische Herrschaft. Durch ihr linksradikales Vokabular hat sie sich bei der internationalen extremen Linken ein gewisses Gehör ver schafft. 1973 erklärte sie in einem Programment-
wurf: "der Marxismus, auf den wir uns berufen und den wir dem Besten von Marx selbst, von Lenin, Gramsci. Luxemburg und Mao entnehmen, ist ein tiefgehend durch libertäres Gedankengut gereinigter Marxismus". Doch hat der diffuse ideologische Einfluß vom französischen Mai 68 auf das politische Denken von Béranger nichts am Empirismus und am politischen Eklektizismus der MMM geändert.
Im September 1970 konnte die MMM bei einer parlamentarischen Teilwahl einen weiteren Schritt vorwärts in ihrer Propaganda tun. Der Kandidat der MMM, Dev Virahswmy, wurde mit einem Vorsprung von 5. 000 Stimmen gewählt. 1971. als die Regierung zögernd den Ausnahmezustand aufhob und an dessen Stelle ein "Extremisten"-Gesetz erließ, das als "Public Order Act" bekannt ist, errang die MMM in den Kommunalwahlen in Curepipe und in Beau Bassin nochmals einen Wahlerfolg. Die Streiks vom August und September 1971 deuten auf die Verankerung hin, die die MMM vermittels der Gewerkschaft General Workers Union gewonnen hat.
Zu der Zeit ließ die Aussicht auf allgemeine Parlamentswahlen keinen Zweifel daran. daß die MMM die Wahlen gewinnen würde. Vorsichtig fädelte die Regierung Unterredungen mit Béranger ein. Selbst Vertreter der Weltbank wollten ihn treffen, koste es was es wolle... Damals hatte die MMM in Stadi und Land etwa 60 Gruppen, kontrollierte den Rai von etwa 30 Dörfern (95 sind es im ganzen). darunter 12 der größten mit einer Bevölkerung. die manchmal über 12.000 Einwolmer lag. Seit Ende 1971 strebt die Führung der MMM vor allem die Übernahme der Regierungsmacht an: sie stellie ein "Schattenkabinett" nach britischem Muster auf und konzentrierte ihre Kräfte auf den Wahlkampf. Auf imperialistischen Druck hin rief die Regierung den Ausnahmezustand aus. verbot 13 Gewerkschaften der General Workers Union, griff zu Einschüch terungsmaßnahmen gegenüber den Aktivisten der MMM und verschob die Wahlen.
Brutale Angriffe. Attentate, Verhaftungen und Prozessefolgten nacheinander, um die Bewegung zu unterdrücken. Aber da die Handlungsmöglichkeiten der Regierung sehr beschränkt waren, mußte sie auf die Hilfe der Schlägerbanden der SDPM und faschistischer Grüppchen zurückgreifen. Nun tral die MMM in eine Periode der Halblegalität. DER WAHLSIEG UND DAS REGIERUNGSPRO- GRAMM DER MMM
Das jetzige Regierungsprogramm der MMM trägt den Titel: "Für eine freie und sozialistische Insel Mauritius". Im Vorwort legt es lang und breit eine nicht-kapitalistische Perspektive dar und bezeichnet eine etwaige MMM-Regierung als fünfjährige Übergangsperiode. Doch das Programm selbs! laßt keinen Zweifel am reformistischen Charakter der MMM:
- Die Beziehung zwischen Regierung und Massen wird nur insoweit verändert, als die Regeln der bürgerlichen Demokratie verbessert werden. obwohl auch einige unverbindliche Wort über Selbstverwaltung im Programm stehen.
- Es wird nur von der Einschränkung der Ressourcen der einheimischen Bourgeoisie gespro. chen; das Problem des Imperialismus wird im allgemeinen nur unter dem Aspekt seiner militärischen Präsenz behandelt.
- Das Programm ist stark von der Orientierung des europäischen Reformismus, besonders des portugiesischen und des französischen. beeinflußt. Es bezieht sich vielfach explizit auf das "Gemeinsame Programm" der Linken in Frankreich. - Das Nationalisierungsprogramm (Transportwesen, Werften, 5 Zuckerfabriken gegen Entschädigunglist einzig und allein Ausdruck des reformistischen Willens, die Beziehungen zwischen dem Staat und dem kapitalistischen Markt zu rationalisieren.
- Die Sofortperspektive ist die eines "working arrangements, eines Pakts zwischen Unternehmern Staat und Arbeitern. Diesen Pakt bezeichnet es selbst als "konfliktträchtig"
Es bliebe zu wissen, was das für Konflikte sind. Zur Rechtfertigung dieser klassenversöhnlerischen Politik steht im Programm naiv geschrieben: "wie in Frankreich z. B. muß man auch hier einen Unterschied machen zwischen den sog. "fortschrittlichen Unternehmern (die in Frankreich in Verbänden wie "Entreprise e: Progrès" oder "'Centre des Jeunes Dirigeants d' Entreprise" organisiert sind) und den alten Reaktionären bei uns und anderswo" (2).
Auch aus ihren langfristigen Perspektiven mach: die MMM keinen Hehl, wenn sie schreibt: "wenn wir dem Kapitalismus auch energisch den Rücken kehren, so ist unser Gesellschaftsmodell doch nich das des Staatssozialismus in den Ostblockstaaten" Zweifelsohne geht es hier nicht um antibiirokratische Bekenntnisse, sondern um eine Strategie. die der Errichtung eines Arbeiterstaats entgegengeset: ist.
Was die MMM. wenn sie einmal an der Regierung is!, vorhal. beschreibt sie in folgenden Worten: sie sei "in den Monaten nach ihrer Regierungsübernahme vor allem auf der Grundlage ihrer täglichen wirtschafflichen Leistung zu beurteilen. d.h. ihrer Fähigkeit, die Inflation einzudämmen, das lebenshaltungsni veau zu heben, in die gegenwärtige Unordnung der COLAS und derl öhne wieder Ordnung zu bringen, Arbeitsplätze zu schaffen, usw. ". Diese Ziele sind durchaus vereinbar mit den Beziehungen die sie mit den Unternehmern knüpfen will. DIE BEDEUTUNG DES WAHLSIEGS
Dennoch hat der Wahlsieg der MMM für die Insel und selbst für die ganze Region eine enorme Bedeutung. Zweifellos empfindet die große Masse der Arbeiter diesen Sieg als ihren eigenen. Das politische Leben auf Mauritius hat schon während des Wahlkampfs stark zugenommen. Einige Kandidaten der MMM haben in den Wahlversammlungen vor einer begeisterten und aufmerksamen Zuhörerschaft eine wirklich antikapitalistische Propaganda gemacht. Genau dagegen bereitet die Rechte ihre Angriffe vor Die Labour - SDPM-Koalitionsregierung ist in der
Equateur • Ansten
Mauritius ist eine Insel im Indischen Ozean. 880 km östlich von Madagaskar gelegen. Sie wurde 1968 nach 150 Jahren britischer Kolonialherrschaft unabhängig. Amtssprache ist englisch, aber weithin wird auch französisch gesprochen und die Kreolensprache dient als eine Art Freisprache Von 875. 000 Menschen Gesamtbevölkerung sind etwa 100. 000 Hindus. 220. 000 Weiße oder gemischter, euro-afrikanischer Abstagmung. und 130. 000 Moslems. Hindus und Moslems wurden von den Briten auf die Insel geschleppt, um dort in den Zuckerplantagen, dem größten Wirt- Minderheit. Sie kann nur ein Übergangsstadium sein zu andern Regierungskombinationen. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die MWW in absehbarer Zeit Verhandlungen mit der Labour-Party aufnimmt. Aber dieser Weg kann noch in Frage gestellt werden. wenn es zu Massenmobilisierungen kommt. die die Alleinregierung der MMM fordern "Militanı", die Zeitschrift der MMM. veröffenilichte in ihrer Ausgabe vom 24. November als freien Diskussionsbeitrag einen langen Artikel über die Wahlen. Der Autor. dersich auf den revolutionären Marxismus berief schloß seine Argumentation folgendermaßen: " es reicht nicht aus, einfach zur Stimmabgabe für die MMM aufzurufen. denn entscheidend ist. was nach den Wahlen sein wird. Neben der Aufforderung. für die MMM zu Stimmen, müssen wir heute schon eine ganze Reihe von Forderungen aufstellen. deren Erfüllung die Arbeiter von einer MMM-Regierung erwarten können. Wir erklären den Arbeitern. daß sie sich organisieren und mobilisieren müssen. damit ihre Forderungen erfüllt werden. und daß sie bereit sein müssen. gegen die Reaktion von innen und außen zu kämpfen. Wir warnen sie. daß es erst dann einen Sozialismus geben wird, wenn es ihnen gelingt. in der Industrie und in der Landwirtschaft die Arbeiterkontrolle einzuführen, wenn das Prival eigentum an Produktionsmitteln aufgehoben ist und Arbeiterdemokratie nicht nur in den Gewerkschaften besteht, sondern ebenso in allen politischen Institutionen, wenn die Frauen überall dieselben Rechte genießen wie die Männer. usw. Aber wir wissen auch, daß wir erst dann diese Gedanken einer großen Zahl von Arbeitern auf wirksame, und nicht nur auf propagandistische Weise vermitteln können, wenn die Bedingungen dazu günstig sind; wir glauben, daß ein Wahlsieg der MMM solch günstige Bedingungen schaffen würde und wir sind davon überzeugt, daß ein Wahlsieg der Labour-l'ar ty. des Moslemischen Aktionskomitees oder der .SDPM diese Aufgabe tausendfach erschweren würde. Uns scheint es nicht ausgeschlossen. daß der (fast sichere) Wahlsieg der MMM breite Kräfte der Avantgarde freimachen würde, auf die man sich beim Aufbau einer revolutionären Massenpartei Stützen könnte, um den revolutionären Prozeß in Richtung der Schaffung eines Arbeiterstaats auf Mauritius und Rodrigues zu lenken. " 24. Dezember 1976 ANMERKUNGEN :
(1) Jeder Kandidat für die Abgeordnetenkammer muß angeben, zu welcher Rassengemeinschaft er gehört (Verfassungszusatz 1 Art. 3.10). Im Parlament gibt es heute 8 Zusatzsitze, die dazu dienen. das Gleichgewicht in der Vertretung der Rassengemeinschaften zu wahren. Das ist auch der Grund. warum trotz des Wahlausgangs eine Labour-SDPM- Regierung zustandegekommen ist. Es ist üblich. daß die einzelnen Parteien als besondere "Verteidiger" der einen oder anderen Gemeinschaft auftreten. Die Labour-Party als Interessenvertreterin der Inder, das MAC für die Moslems. usw. Dieses Spiel hat feste institutionelle Formen angenommen und der Bourgeoisie ist es regelmäßig gelungen. die Gemeinschaften gegeneinander auszuspielen, um die Massenbewegung zu spalten und zu schwächen. (2) In Bezug auf die gehobenen Mittelschichten und das Kleinbürgertum entfaltet die MMM in ihrem Programm den Gedanken des "historischen Blocks" von Garaudy.
FRANKREICH
Die politische Krise der Bourgeosie PIERRE JULEM Die Journalisten, die vor kurzem die politische Bilanz des Jahres 1976 gezogen haben, haben vor allem den 25. August als das Datum und das Symbol des politischen Bruchs zwischen Giscard und Chirac hervorgehoben. An jenem Tag hat der Premierminister seinen Rücktritt verkündet und offiziell erklärt, der Präsident gebe ihm nicht die Mittel zu regieren.
In Wirklichkeit war der Rücktritt schon seit zwei Monaten vorgesehen, das Geheimnis war während ler Sommerferien gehütet worden. Im Juni hatter sich die beiden Männer auf einem "Arbeitswochenende" über die politische Taktik zerstritten, die angesichts der Wahlerfolge der Union de la Gauche (der Gemeinsamen Linken) einzuschlagen sei. Chirac. der rasch vorzeitige Neuwahlen ausschreiben wollte, wurdevon Giscard zurückgepfiffen. Seitdem war der Bruch vollzogen.
Die Kantonalwahlen im März hatten der Rechten in der Tat eine klare Niederlage gebracht. Die Kommunistische und die Sozialistische Partei hatten allein 49% der Stimmen auf sich vereinigt. Es waren die ersten Wahlen im nationalen Maßstab seit dem dünn en Sieg Giscards bei den Präsidentschafts wahlen 1974 (1) gewesen und sie bescheinigten der Präsidentschaftsmehrheitdas Scheitern ihrer Politik, deren Bilanz sich so zusammenfassen läßt: 1000 Arbeitslose mehram Tag!
Diese Situation wurde noch durch Meinungsumfragen bestätigt, die die Wahrscheinlichkeit eines Siegs der Linken bei den nächsten Parlamentswahlen voraussagten und feststellten, daß die Popularität des Staatspräsidenten mit jedem Tag sinke (2). Angesichts dieser Lage begann die französische Bourgeoisie nun offen darüber zu diskutieren. wie dieser Tendenz entgegenzuwirken sei. Im großen und ganzen schälten sich zwei Positionen heraus. VORGEZOGENE NEUWAHLEN ODER NICHT?
Die erste Position setzte auf eine Politik der so- 'fortigen Erpressung mit den Methoden der Angst vor dem "Kollektivismus" und der Verteilung von Wahlgeschenken an die Mittelschichten, die tradi- (1) Ciscard hatte im zweiten Wahlgang 50, 8% der Stimmen erhalten, Mitterand 49, 2°%. (2) Im Dezember ist die Popularitätskurve Gis cards auf einen Tiefpunkt gesunken; für einen französischen Staatspräsidenten der tiefste Punkt seit Bestehen der V. Republik überhaupt.
tionell der Mehrheit günstig gesinnt sind. Diese Position befürwortete vorgezogene Neuwahlen (3). Die Politiker, die sie unterstützten, dachten immer noch, sie könnten das Kleinbürgertum erschrecken und gegen die aufsteigende Linke aufhetzen und so einige hunderttausend Stimmen auf die Seite der Mehrheit herüberziehen, gerade so viel wie die Mehrheit noch einmal brauchte um an der Macht zu bleiben. Ihrer Meinung nach arbeitete die Zeit für die Linke und es war daher ratsam, den Lauf der Dinge zu beschleunigen.
Die zweite Position setzte auf "Reformen", die die neuenMittelschichten, die bisher von der Sozialdemokratischen Partei (SP) angezogen wurden, für die Mehrheit gewinnen und damit vor den Wahlen vop 1978 eine Tendenzwende herbeiführen sollten. Sie behauptete also, die sog. "Reformpolitik". die im Wahlprogramm des Präsidentschaftskandidaten der Mehrheit 1974 festgeschrieben war, fortzuführen.
Einen Augenblick lang zögerte Giscard, dann beschloß er, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Chirac, dem klar war, daß eine solche Politik scheitern mußte, zog es daraufhin vor. das Schiff zu verlassen. Seiner Meinung nach konnten "Reformen", die in jedem Fall angesichts der Wirtschaftskrise wenig Glaubwürdigkeit besessen hätten neue Schichten, die sich eh schon für die Linke entschieden hatten, nur ermutigen, noch höhere Forderungen zu stellen, damit aber die soziale Basis der Mehrheit bei den rückständigsten Schichten des Kleinbürgertums und des Proletariats nur schmälern.
DER KONSENS IST GEBROCHEN
In jedem Fall spiegelten die beiden Positionen die Verwirrung einer Mehrheit wider, die heute in Frankreich in der Minderheit ist. Der starke Staat. der nach dem Putsch De Gaulles 1958 die IV. Republik ablöste, war auf einem sozialen Konsens um den Bonaparte De Gaulle herum aufgebaut worden. der alle Sektoren der Bourgeoisie, des Kleinbürgertums und breite Schichten des Proletariats umfaßte. Man vergesse nicht, daß De Gaulle 1958 der Kommunistischen Partei 1 Million Stimmen wegschnappte.
Mai 68 hat diesen Konsens jäh in Frage gestellt. (3) Fristgemäß müssen die Parlamentswahlen im März 1978 stattfinden.
Zunächst wurde infolge der starken Kapitalakkumulation in den 60er Jahren das Proletariat sozial gestärkt und dehnte sich aus, neue Mittelschichten (Angestellte, Techniker, Lehrer) traten hervor und das traditionelle Kleinbürgertum schrumpfte stark zusammen. Schließlich eröffnete der Aufschwung der Arbeiterkämpfe, die ihren Höhepunkt im Generalstreik von 1968 fanden, eine Periode der zunehmenden Zersetzung dieses Konsensus. Das schlug sich auf der Ebene der Wahlen im Stimmenzuwachs der Linken nieder, vor allem nach der Unterzeichnung des Gemeinsamen Programms der Linken (1972); auf sozialer Ebene drückte sich diese Zersetzung darin aus, daß Schichten, die von den verschiedensten Bereichen her in den Kampf traten (Bauern. Autonomisten, Polizisten, Richter. usw.). sich zunehmend um die Arbeiterbewegung scharten. Die damit eingetretene Veränderung im Kräfteverhältnis zwischen den Klassen, die Unfähigkei: des Kapitalismus, auf die neuen Bedürfnisse in Bezug auf Arbeitsbedingungen und Lebensqualität eine Antwort zu finden, der Mangel an "Pufferstrukturen" in einem starken Staat, der um einen Bonaparte- Präsidenten herum gegliedert ist. verschärften die politische Polarisierung und führten zur Bildung eines großen sozialen Blocks der Mehrheit der Lohnabhängigen um die Union de la Gauche. DER PLAN GISCARD
Unter diesen Bedingungen bemüht sich die Bourgeoisie seit Jahren, den zerrütteten Konsens wieder aufzubauen. Vor seinem Tod hatte sich Pompidou, der Messmer zum Ministerpräsidenten bestellt hatte, vorgenommen. um die Losung "Sicherheit und Ordnung" wieder einen Block zwischen der Großbourgeoisie und dem traditionellen Kleinbürgertum aufzubauen. Mit dem Sieg Giscards bei den Präsidentschaftswahlen 1974 wird nun ein anderer Plan erprobt.
Der neue Präsident, der sich der gesellschaftlichen Umwälzungen bewußt ist, die in Gang sind, plant eine dauerhafte Allianz zwischen der Bourgeoisie und den neuen Mittelklassen. dem historischen Produkt der kapitalistischen Entwicklung. Daraus leitet er einen politischen Plan ab, der vorsieht, die Kommunistische Partei zu schwächen, die Union de la Gauche zu spalten und mittels der Errichtung eines wirklichen Präsidialregimes ein politisches System zu schaffen, in dem sich eine erneuerte konservative Partei und eine gesetzte sozialistische Partei abwechselnd um die Gunst dieser neuen Mittelschichten streiten würden (4). Dieser Plan überschätzt nicht nur die zahlenmäßige und strategische Bedeutung dieser Schicht, er (4) Unter diesem Gesichtspunkt sind auch die Gerüchte zu sehen, wonach Giscard in Bälde eine Wahlrechtsänderung ankündigen will und das Mehrheitswahlrecht in ein "modifiziertes" Verhältniswahlrecht abändern will. Alle Parteien, mit Ausnahme der Gaullisten, haben sich dafür ausgesprochen.
übersieht auch ein entscheidendes Moment: die wirtschaftliche, politische und soziale Systemkrise die einer neuen Periode des Aufschwungs der Massenbewe gung Nahrung gegeben hat, zwingt die reformistischen Führungen dazu, auf die Frage der Macht eine Antwort zu geben. Die Union de la Gauche ist gerade eine Antwort auf dies Problem, unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse in Frankreich, und wenn sie ihre Glaubwürdigkeit in den Augen der Arbeiter bewahren wollen, sind die Kommunistische und die Sozialistische Par tei dazu verdammt, zumindest bis zu ihrem Regierungsantritt zusammenzubleiben. In Wirklichkeit haben alle "Reformen", die Giscard seit dem Antritt seiner siebenjährigen Amtszeit versucht hat (vorwiegend auf der Ebene der Sitten: Abtreibung. Scheidung. usw. ), die soziale Basis und das Wählerpotential der Mehrheit in keiner Weise erweitert. Es ist im Gegenteil die Sozialistische Partei, die durch ihre Demagogie der "Selbstverwaltung" von der Radikalisierung der neuen Mittelschichten profitiert hat.
DIE OPERATION CHIRAC