NATIONALER KONGRESS DER AMERIKANISCHEN TROTZKISTEN +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ -++++++++ Die SOCIALIST WORKERS PARTY, die die trotzkistische Weltbewegung in den Vereinigten Staaten vertritt, hielt vom 8. bis zum 12. August in Cleveland (Ohio) den größten Kongreß ihrer Geachichte ab. Vor mehr als 1 100 Delegierten und Beobachtern wurden 10 Hauptpunkte diskutiert; danach fand eine dreitägige Schulung in Oberlin (Ohio) statt, von der YOUNG SOCIALIST ALLI- ANCE veranstaltet.
Folgende Angaben über die Teilnehmer zeigen das Anwachsen der Partei auf zwei Arten, einmal rein zahlenmäßig und zum andern geographisch. Sie zeigen ebenso das Ansteigen der Aktivitäten innerhalb von Massenbewegungen. Es waren 113 Delegierte anwesend im Alter zwischen 19 und 67 Jahren. Alle bis auf sieben waren unter 36 Jahre alt. Nahezu doppelt so viel Beobachter waren anwesend als beim Kongreß von 1969. Von diesen hatten 596 noch nie einen Kongreß der SWP besucht. Mehr als die Hälfte der Delegierten sind noch nicht länger als 5 Jahre in der Organisation. 718 Teilnehmer sind in Massenorganisationen (Antikriegs- oder Frauenbewegungen) aktiv; 157 sind Gewerkschaftsmitglieder. Die Delegierten und Beobachter kamen aus allen Teilen des Landes: 77 aus dem Süden, 102 aus dem Südwesten, 265 aus dem Mittleren Westen und 457 aus dem Osten. 19 Gäste von Ländern außerhalb der Vereinigten Staaten waren anwesend. Die Mitgliederstatistik, die während des Kongresses bekanntgegeben wurde, zeigt, daß die Partei seit dem Konreß im Jahre 1969 nahezu doppelt so groß geworden ist. Die Zahl der Schwarzen und Chicanos (spanischsprechende Minderheit der USA) in der Partei wuchs um mehr als das zweieinhalbfache. 22 % aller Parteimitglieder sind erst seit Anfang 1971 zur Partei gestoßen.
Der Kongreß begann mit einem Bericht und anschlfßender Diskussion über die politische Weltlage. Das Referat wurde von Joseph Hansen, dem Herausgeber von INTERCONTINENTAL PRESS, gehalten. Im Mittelpunkt seines Referats stand die ökonomische Krise des Kapitalismus, das beständige Anwachsen des Klassenkampfes auf internationaler Ebene, der weltweite Charakter der Jugendradikalisierung, die weiterhin zentrale Bedeutung des Indochina-Krieges in der Weltpolitik und die Folgen aus den Verhandlungen zwischen Nixon und dem Mao-Regime. Der Bericht und die nachfolgende Diskussion zeigten deutlich die Explosivität der Weltlage, die zunehmende Intensität revolutionärer Erhebungen (wie zum Beispiel der Kampf um Bangla Desh) und die Notwendigkeit, die Diskrepanz zwischen der Reife der objektiven Bedingungen und der Schwäche der revolutionär-sozialistischen Führung aufzuheben. Der Bericht wurde einmütig gebilligt.
Der nächste Tagesordnungspunkt war ein Referat von Mary-Alice Waters, Herausgeberin des MILITANT, über die gegenwärtigen Entwicklungen innerhalb der trotzkistischen Weltbewegung. Waters beschrieb das Anwachsen der IV. Internationale, die zunehmenden Möglichkeiten, und die Diskussion über verschiedene Fragen, die jetzt im Zuge der Vorbereitungen für den kommenden Weltkongreß geführt werder.
Der Diskussion folgte ein Referat von Gus Horowitz über Israel und die arabische Revolution. Der Kongreß war einmütig in seiner Haltung gegen den Zionismus und den Staat Israel, ebenso wie in seiner unbedingten Unterstützung des nationalen Befreiungskampfes der Palästinenser. Die Hauptaufgabe, vor der die amerikanischen Revolutionäre stehen, bleibt die Information und Aufklärung der radikalisierten Jugend über die wirkliche Geschichte der zionistischen Bewegung und über den revolutionären Charakter des palästinensischen und arabischen Kampfes zur Zerstörung des israelischen Staates. Verbunden damit ist die Notwendigkeit, die Intervention der herrschenden Klasse Amerikas im Mittleren Osten aufzudecken und ihr entgegenzutreten.
Unterschiedliche Auffassungen ergaben sich in zwei Fragen. Eine Minderheitsresolution, vorgetragen von Jon Rothschild, schlug vor, daß die Gründung eines Arbeiterstaates in Palästina gefordert werden sollte - nicht die
eines demokratischen, sekulären (religiös ungebundenen) Palästina. Weiterhin soll, so diese Resolution, nach erfolgreicher Revolution und nach Schaffung eines arabischen Arbeiterstaates in diesem Gebiet den israelischen Juden - als nationaler Minderheit - das Recht auf Selbstbestimmung garantiert werden.
Die Mehrheit brachte vor, daß diese Forderung, auch wenn sie vielleicht nach Beseitigung des Zionismus und Kapitalismus in diesem Gebiet berechtigt wäre, die unbegründete Furcht vor der arabischen Revolution verstärken würde, die gegenwärtig die israelische Gesellschaft beherrscht. Das Recht zur Selbstbestimmung sei nur auf unterdrückte Nationen anwendbar, trifft also nur dann auf die Israeli zu, wenn diese tatsächlich von den Arabern unterdrückt werden würden. Die Mehrheit blieb bei der Forderung nach einem demokratischen sekulären Palästina als einem demokratischen Slogan. Die Minderheitsresolution erhielt 7 Stimmen.
Nächster Tagesordnungspunkt war der Bericht und die Diskussion der politischen Situation in den Vereinigten Staaten selbst. Jack Barnes, der nationale Sekretär, wiederholte und erweiterte in seinem Referat die Analyse der SWP über die gegenwärtige Radikalisierung und die Möglichkeiten, die Massenbewegung und die revolutionäre Partei aufzubauen. Diese Radikalisierung ist die stärkste und tiefgreifendste der amerikanischen Geschichte. Sie begann mit der kubanischen Revolution, der Bürgerrechtsbewegung der 50er und frühen 60er Jahre, erstarkte in der Bewegung gegen die US-Aggression in Indochina und hat nun Millionen von Amerikanern in Bewegung gesetzt. Neue Massenbewegungen treten auf, die mit jedem neuen Kampf die bestehenden vorwärtstreiben und ihrerseits weitere auslösen. Die Entwicklung der Massenkämpfe um demokratische und Übergangs-Froderungen wie z.B. jenen der Frauenbewegung und der unterdrückten nationalen Minderheiten hat an der Macht der herrschenden Klasse gerüttelt, noch bevor die Arbeiterklasse als bewußte Kraft die politische Arena betrat. Wenn sich die Arbeiter in Bewegung setzen, was sie unter dem Druck der Kriegsfolgen und angesichts der sich vertiefenden Krise des Kapitalismus tun werden, stoßen große neue Kräfte zur revolutionären Bewegung. Die Formen, die die zukünftige Bewegung der Arbeiterklasse annehmen wird, sind in der gegenwärtigen Radikalisierung begründet.
Die SWP hat sich von anderen linken Kräften hauptsächlich dadurch unterschieden, daß sie sich fähig gezeigt hat, das Ausmaß der Radikalisierung zu erkennen, von den neuen Kampfformen zu lernen und das marxistische Programm schöpferisch auf die veränderte Situation anzuwenden. Dieser Radikalisierungsprozeß stellt den Schlüssel zum Aufbau einer revolutionären leninistischen Partei dar. Barn es betonte, daß, obwohl die SWP in den letzten Jahren beträchtlich gewachsen ist, sie sich noch im Stadium der Kernbildung der leninistischen Massenpartei befindet, und daß ihr Problem die Zuteilung von relativ bescheidenen Mitteln an ein rapid wachsendes Feld von Expansionsmöglichkeiten ist. Diese Mittel müssen den sich gegenwärtig in Bewegung befindlichen Kräften zufließen; den Studenten, den Schwarzen, den Chicanos und den Frauenbewegungen - alles Bewegungen, die nicht allein als Rekrutierungspotential für die revolutionäre Partei von Bedeutung sind, sondern auch als Bestandteile der kommenden sozialistischen Revolution in Amerika.
In der Diskussion, die dem Kongreß voranging, hatten sich vier Minderheiten gebildet. Drei davon brachten Gegenresolutionen zu der politischen Resolution ein, die vom Politischen Komitee vorgelegt wurde; zwei waren durch Delegierte vertreten. (Die Minderheit zur Resolution über den Nahen Osten unterstützte die von der Mehrheit getragene politische Resolution und stellte ihre Resolution nicht zur Abstimmung.) Die zahlenmäßig stärkste Minderheit befürchtet, daß das Anwachsen der Zahl der Studentengenossen in der Partei während des letzten Jahrzehnts zu einer gefährlichen sozialen Schichtung innerhalb der Partei geführt hätte. Die Partei hätte sich nicht auf die Rekrutierung von Arbeitern und Jugendlichen der Minderheiten konzentriert; das Ergebnis davon wäre, daß die Partei sich dem Milieu, in dem
sie arbeitete, angepaßt hätte. Diese Minderheitsposition beantragte durch Ralph Levitt in einer Gegenresolution, daß die Partei eine völlige Neuorientierung ihrer Interventionsfelder vornehmen sollte. Sie solle das Hauptgewicht auf die Gewerkschaftsbewegung verlegen und die Frauenbefreiung und die Aufgaben, die sich im Zusammenhang mit der Dritten Welt ergeben, hauptsächlich durch Aktivität in den Gewerkschaften durchsetzen. Wenn dies nicht befolgt würde, sein die Partei in Gefahr zu degenerieren. Diese Ausführungen wurden von der Mehrheit der Delegierten zurückgewiesen. Sie war der Meinung, daß die Rekrutierung einer so großen Zahl von Studenten, die schom im Kampf gegen die herrschende Klasse auf die Probe gestellt wurden, keine Gefahr bedeute, sondern eine der größten Aktiva der Partei dar- Eine andere Minderheitsposition, auf dem Kongreß durch David Fender vertreten, war der Ansicht, daß die Partei und die ganze internationale trotzkistische Bewegung seit dem Tode Totzkis zunehmend entartet sei. Fender forderte eine völlig neue Einschätzung der Geschichte der revolutionären Bewegung seit 1940.
Die nächsten Tage des Kongresses wurden darauf verwendet, die Dynamik der Frauenbewegung, des Kampfes der Schwarzen, der neu entstandenen Chicano- Bewegung und der Jugend- und Studentenbewegung zu analysieren. Die Resolution zur Frauenbewegung war die erste dieser Art, die von der Partei angenommen wurde. Der Bericht zur Resolution, von Betsey Stone vorgetragen, befaßte sich mit mit den Hauptauswirkungen, mit denen die neue Bewegung konfontiert wird. Sie führte eine Reihe demokratischer Forderungen an, die dazu geignet seien, Frauenmassen für den Kampf zu mobilisieren. Der Bericht zur Befreiungsbewegung der Schwarzen, vorgetragen von Derrick Morrison, Mitarbeiter des MILITANT, analysierte das gegenwärtige Stadium des schwarzen Befreiungskampfes. Morrison wies auf das steigende Nationalgefühl bei den Schwarzen in der Armee und an den Hochschulen hin. Gleichzeitig wurde die Führungskrise in der schwarzen Bewegung noch nicht überwunden; das Fehlen einer Führung hat bis jetzt verhindert, daß neue Schritte nach vorne unternommen wurden. In der dem Bericht sich anschließenden Diskussion wurde vor allem hervorgehoben, wie sichtig es sei, die schwarze Jugend durch die Antikriegs- und Frauenbewegung mit in die Aktionen einzubeziehen.
Die Resolution zur Chicano-Bewegung war wie die zur Frauenbewegung die erste zu dieser Frage, die von der SWP angenommen wurde. Der Bericht, vorgetragen von Antonio Camejo, zeigte die Wichtigkeit der "Raza", der unabhängigen politischen Chicano-Organisationen, die Wichtigkeit der Chicano- Antikriegsbewegung und der zunehmenden Chicano-Befreiungsbewegung. Der von Cindy Jaquith vorgetragene Bericht über die Jugend zeigte, daß in den letzten zwei Jahren ermutigende Erfolge der YOUNG SOCIALIST ALLIANCE zu verzeichnen seien. Sie sagte, die YSA rechne damit, innerhalb des kommenden Jahres ihre Stärke zu verdoppeln.
Der Organisationsbericht von Barry Sheppard schlug für die kommenden Monate vier Hauptkampagnen vor, auf die sich die Partei konzentrieren sollte: Erstens: Die Vorbereitung der am 6. November stattfindenden regionalen Massendemonstrationen gegen den Indochinakrieg, die von der National Peace Action Coalition schon angekündigt sind. Die weiterhin zentrale Bedeutung des Indochinakrieges für die politische Weltsituation, die Veröffentlichung der Pentagon-Papiere und die um sich greifende Antikriegsstimmung geben der Aktion am 6. November die Grundlage und die Vorraussetzung dafür, daß sie zur wichtigsten Aktion im gegenwärtigen Zeitpunkt wird. Zweitens: Die Vorbereitung der am 20. November in Washington und San Franstattfindenden nationalen Demonstrationen für die Abschaffung der Abtreibungsgesetze. Dazu wurde auf einem nationalen Frauenkongreß, der vom 16. bis zum 18. Juli in New York stattfand, aufgerufen. Diese Demonstration am 20. November kann, wenn sie enthusiastisch unterstützt wird, INPREKOR R 15.9.71 S. 16
das Startsiganl. zu einer gut organisierten nationalen Bewegung geben, die die Kraft haben würde, die herrschende Klasse zu zwingen, diese Forderungen anzuerkennen.
Drittens: Sheppard schlug vor, die größte Verkaufskampagne der revolutionär-sozialistischen Presse, die je in der Geschichte der Partei versucht wurde, zu starten. Für den MILITANT sollen 30 000 neue Abonnenten während einer elfwöchigen Periode, die am 1. September beginnt, geworben werden. Die größte Kampagne dieser Art in der Vergangenheit fand 1946 während des größen Nachkriegsstreiks statt; 19 000 Abonnenten waren geworben worden. Viertens: Die folgende Kampagne wurde vom Kongreß selbst beschlossen: bei den Präsidentschaftswahlen von 1972 einen Wahlvorschlag der SWP zu präsentieren. Diese Kampagne wurde auf einer Massenversammlung in Cleveland (Ohio) am letzten Tag des Kongresses ins Leben gerufen. Uber 1 000 Personen waren auf dieser Versammlung anwesend. Die profiliertesten Sprecher dabei waren die beiden Kandidaten: Linda Jenness, Präsidentschaftskandidatin, und Andrew Pulley, Bewerber für das Amt des Vizepräsidenten. Beide Kandidaten repräsentieren die gegenwärtige Radikalisierung und die Aktivitäten der SWP. Jennessist seit über vier Jahren in der Antikriegsbewegung aktiv; sie ist eine der führenden Sprecherinnen der Frauenbewegung und war 1970 SWP-Kandidatin für den Gouverneurssitz des Staates Georgia. Sie gehört zu den Parteiführern, die die ersten Stützpunkte der Partei im Süden gegründet haben. Pulley war Gründer der Fort Jackson GI-Vereinigung gegen den Krieg. Er war zusammen mit 7 anderen GI's wegen der von ihm in der Armee organisierten Aktivitäten eingesperrt worden. Er ist im Befreiungskampf der Schwarzen aktiv und war 1970 SWP-Kandidat für den Kongreß in Berkeley (Kalifornien).
Das zentrale Thema der Massenveranstaltung und der Kampagne selbst wurde durch Jennes wie folgt formuliert: "Wir sprechen für die Mehrheit derjenigen Leute in diesem Land, die gegen den Krieg sind; wir sprechen fpr die Mehrheit der Frauen, die die Abschaffung der Abtreibungsgesetze fordern; wir sprechen für die Mehrheit der Hochschul- und Collegestudenten, die ihre eigene Ausbildung kontrollieren wollen; für die Mehrheit der schwarzen und farbigen Amerikanern, die ihre eigenen Gemeinschaften kontrollieren wollen; für die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung, deren Lebensstandard durch Inflation und Arbeitslosigkeit bedroht wird; für die "gay people", die sich weigern, sich vor den reaktionären Gesetzen zu verbeugen." Andere Sprecher auf der Massenveranstaltung waren Cindy Jaquith, dem nationalen Koordinator der "Young Socialists for Jenness and Pulley" - Bewegung, und Jerry Gordon, Koordinator der National Peace Action Coalition. Die Kampagne zu den Präsidentschaftswahlen 1972 verspricht, den größten Effekt aller bisherigen Kampagnen in der Geschichte der SWP zu haben, besonders weil die Verfassungsänderung angenommen wurde, durch die das Wahlalter auf 18 Jahre herabgesetzt wurde. Auf der Massenveranstaltung wurden mehr als 6 600 Dollar gespendet für die Propagandakosten der Kampagne. Zusätzlich zum offiziellen Ablauf des Kongresses wurden Stücke und 'Workshops' über die praktischen Aktivitäten der Partei abgehalten. Dieses Programm schloß Diskussionen über Fragen der Schulung ein, des Verkaufs von revolutionärer literatur, der Verteidigung politischer Gefangener in Lateinamerika, des 'gay liberation movement', der Verteidigung der radikalen Bewegung gegen Terrorakte von Rechts in Houston (Texas) und die Frage des Kampfes für das Recht Ernest Mandels, die Vereinigten Staaten zu besuchen.
Dem Kongreß folgten drei Tage Schulung. Einige der wichtigsten Themen waren Lenins Position zur nationalen Frage, das Übergangsprogramm, die Geschichte des Trotzkismus in England, die gegenwärtige Situation in Frankreich, Dynamik der Revolution im Nahen Osten, die Geschichte der irischen nationalen Befreiungsbewegung und die Grundlagen marxistischer Ökonomie. Die Teilnehmer waren einhellig der Meinung, daß der Kongreß wegen seines Ausmaßes, der Qualität der Diskussionen und den geplanten großen Kampagnen einen entscheidenden Schritt vorwärts im Aufbau der amerikanischen revolutionären Kampfpartei darstellt. (Aus INTERCONTINENTAL PRESS, 6.9.71)