Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Der Kampf von 'Upper Clyde Side' (Großbritannien) macht aus dem Work-In

· Inprekorr Nr. 7, 15. September 1971 · S. 18-20 · 1.510 Wörter

Großbritannien Gewerkschaften und Streiks

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DER KAMP! VON UPPER CLYDE SIDE / GROSSBRITANNIEN:

MACHT AUS DEM WORK-IN EIN SIT-IN !

+++++++++++++++++++++++++++ ++++++++• 70 000 Arbeiter demonstrieren Das wichtigste neuerliche Ereignis war die massive Demonstration in Glasgow am Mittwoch dem 18. August, an der mindestens 70 000 Arbeiter teilnahmen. Wie bei der Demonstration vom 23. Juni lag die Organisation wieder hauptsächlich bei den Shop-stewards, und das Kontaktnetz, das von den UCS (=Upper Clyde Side) - Stewards mit einer großen Anzahl von Arbeiterführern der Basis in anderen Industriebetrieben geknüpft worden war, machte es ihnen möglich, eine nahezu doppelt so große Demonstration als das letztemal auf die Beine zu bringen.

Ein sehr beachtenswertes Merkmal der zweiten Demonstration war der große Zuwachs der Flaggen vor Gebieten außerhalb des Westens Schottlands: Edinburgh, die Kohlengebiete von Fife und Lothian, Dundee und zahlreiche englische Gegenden bis hinunter nach Newhaven. Es ist schon seit einiger Zeit klar, daß weite Kreise der Arbeiterklasse dieses Gebietes den Kampf der UCS als eineentscheidende Probe für die Fähigkeit der Tory-Regierung betrachten, ihnen ihre arbeiterfeindliche Politik aufzuzwingen, und daher muß der Kampf auch als Probe für die Fähigkeit der Arbeiterklasse selbst betrachtet werden, zurückzuschlagen. Jeder Arbeiter vom Clyde Valley hat die Drohung von Entlassungen gespürt, als er die Ereignisse in den Werften verfolgte. Die große Unterstützung der Demonstration am Mittwoch und die Spenden für den Kampffonds, die aus allen Teilen des Landes einfließen, zeigen, daß diese Lehre in das Bewußtsein der fortgeschrittensten Arbeiter in ganz England eindringt.

Ein Beispiel hierfür sind die Rückwirkungen, die die Ereignisse von UCS gehabt haben: nämlich daß Teile der Arbeiterklasse beginnen, die Kampfmethoden zu übernehmen, die bei der UCS angewendet werden. Die Idee der Fabrikbesetzungen als einer Taktik, den Entlassungen entgegenzuwirken, ist in weiten Kreisen, wie bei den River Don Stahlwerken, bei Rotherham, GEC-EE, Witham, Essex + Plessey und Alexandria in Betracht gezogen worden. Es ist offensichtlich, daß der Kampf von UCS in Zukunft als Beispiel für andere Versuche dieser Art dienen wird. So ist eine lang vergessene Taktik der Arbeiterklasse durch das Beispiel der Aktion wieder aufgegriffen wor- Ein bedenklicher Zug der Demonstration am Mittwoch war die Anwesenheit vieler Führer der Labour-Party und der Gewerkschaftsorganisationen, die sich opportunistischerweise der Sache anschlossen. Da sie die Ausmaße des Kampfes erkannten und dessen Popularität bei der arbeitenden Klasse, sahen sie ein, daß ihre Karriere bedroht sein könnte, wenn sie sich nicht mit ihm identifizieren, so scheinheilig das auch aussehen mag. Die Gefahren, die es mit sich bringt, solchen Leuten die Führung der Bewegung zu gewähren, zeigt klar der Plan der TUC (Des Gewerkschaftsverbandes), der von Feather am Vorabend der Demonstration vorgebracht wurde, um eine "Clydeside Development Authority" zu gründen. Solche Gründungspläne einer weiteren Kommission von Trade-Union-Bürokraten und Industriellen sind nichts Neues für die schottischen Arbeiter, die im Laufe der Jahre viele solcher "bevollmächtigten" Gremien gesehen haben, wie sie völlig versagt haben, das Ansteigen der Arbeitslosigkeit zu bremsen (so daß die Arbeitslosenquote heute durchschnittlich bei 6,3 % liegt) oder auch die beständige Auswanderung aufzuhalten (es gibt jährlich mehr als 30 000 Auswanderer). Die TUC-Führer wollen abwarten, bis die Arbeit auf den Werften nach einem gewissen Zeit raum aúsgelaufen ist, während dem, so hoffen sie, auch die Dynamik des Kampfes sich legt.

Reid/Airlie und die Rolle des Mister Kelly

Doch nun wurde ein anderes Ablenkungsmanöver von einem gewissen Mister Kelly in Gang gesetzt. Mr. Kelly ist self-made Millionär und Besitzer einer kleinen Schiffswerft in Dublin, die den Ruf hat, äußerst erfolgreich zu sein. Seit einigen Tagen geben die Zeitungen Gerüchte wieder, daß Reid und IN PREK OR R 15.9.71 S. 18

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Airlie, die beiden Shop-Stewards - Führer, heimlich auf die Insel Islay gefahren seinen, wo Mr. Kelly gerade seine Ferien verbringt. Ungefähr folgendes Angebot soll er gemacht haben:

1. Kelly hat angedeutet, daß er gegen das Work-in sei und volle Kontrolle über die Arbeitskräfte verlangen würde. Es wurde zwar nicht ausgesprochen, aber es ist völlig klar, dass wies das Recht mit einschließt, Arbeiter zu entlassen.

2. Während er Interesse an der Übernahme der Govan-Werft und des Linthouse- Werkes bekundet hat und bereit ist, über Clydebank zu diskutieren, hat Kelly das Scotstoun-Werk nicht erwähnt (dieses Werk soll am Ende des Jahres nach dem Plan der Konkursverwaltung geschlossen werden). 3. Kelly hat angedeutet, daß er etwa 1 Million Pfund in die Werften pumpen könnte. Dies wären gerade die Löhne für vier Wochen! Es könnte leicht 40 oder 50 mal so viel kosten, um allein die Clydebank-Werft auf den Stand ihrer fortgeschrittensten Konkurrenten zu bringen, wie bereits in vorangegangenen Artikeln im RED MOLE aufgezeigt worden ist.

4. Kelly besteht darauf, daß er die Werften ohne finanziellen Rückhalt der Regierung nicht weiterlaufen lassen kann. Doch sind Gespräche in Glasgow nach der Demonstration vom Mittwoch mit dem Industrieminister Sir John Eden an der starren Haltung der Regierung gescheitert; sie ist nicht bereit, noch mehr Geld zu geben, ohne daß massive Entlassungen stattfinden. So können alle Illusionen, daß der Kelly-Plan die Arbeitsplätze von 8 500 UCS-Arbeitern zu retten vermöge, aufgegeben werden. Es muß klargestellt werden, daß Kompromisse solcher Art den völligen Ausverkauf der Werftarbeiter und das effektive Ende dessen, was sie bisher erreicht haben, bedeuten würde. Unglücklicherweise wird der Druck auf die Stewards, sich auf solche Kompromisse einzulassen, unvermeidlich anwachsen, je länger der Kampf andauert.

RED MOLE hat in seinen Clydeside-Flugblättern bereits die Implikationen, die die gegenwärtige Taktik mit sich bringt, genauer analysiert. Während dieser Artikel geschrieben wird, werden die ersten Arbeiter, die entlassen wurden, zur Arbeit ins Clydebank-Werk gehen. Von den 160 Entlassenen haben nur wenige die Entlassung freiwillig akzeptiert; die große Mehrheit arbeitet weiter und wird aus dem Kampffonds bezahlt. Was die Arbeiter und ihre Hunderte von Kollegen, die in den nächsten Wochen entlassen werden, tun, ist nichts anderes, als ihre Arbeitskraft den Bossen kostenlos zu überlassen, während sie von anderen Teilen der Arbeiterklasse getragen werden. Dies ist ein bewundernswertes Arrangement vom Standpunkt der Werft-Besitzer und ihren Gläubigern aus gesehen, und es wird selbst noch attraktiver durch die feste Absicht der Stewards, sicher den Bau der verbliebenen Schiffe schnellstmöglich zu vollenden und gegen jedes Zeichen von Nachlassen bei den Arbeitern anzukämpfen. Die gegenwärtig verfolgte Taktik führt also dazu, daß die Arbeitskraft von UCS teilweise von anderen Arbeitern bezahlt wird in einem verzweifelten Kraftakt, weiter zu arbeiten, bis keine Arbeit mehr da ist. Dies ist das erschreckende Ergebnis der Taktik der K.P. in diesem Kampf!

Die Widersprüche dieser Situation werden bereits von der bürgerlichen Presse ausgenützt. So ist ein Artikel erschienen über ein Ehepaar, die bei Clydebank arbeiten, und die insgesamt 50 Pfund die Woche aus dem Kampffonds ausgezahlt bekommen, wenn ihr üblicher Lohn weiterbezahlt wird, sobald sie entlassen werden. Die Absicht solcher Artikel ist, die Arbeiterklasse zu spalten und insbesondere Zweifel bei solchen Arbeitern aufkommen zu lassen, die wie die der Glasgow Corporation D.L.D. 12 Pfund in der Woche verdienen und mit all den anderen Kollegen eingewilligt haben, 50 p wöchentlich in den UCS-Kampffonds zu zahlen.

Die Redlichkeitsbesessenheit der KP bahnt den Weg für die Niederlage Die Strategie von Reid, Airlic und den anderen Steward-Führern basiert auf der Theorie, daß die UCS-Arbeiter ein "ehrbares" Image gewinnen durch ihre harte und disziplinierte Arbeit, und daß dies letzten Endes die Regierung von der Gerechtigkeit ihrer Sache überzeugen wird. Eine solche Politik

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1sl von Grund ul talsen una kann aul - ungere siene nue sul mecueeage führen, denn die Strategie der Regierung und ihrer Kollaborateure wird nun deutlich: sie werden weiterhin versuchen, die Stewards zu kaufen mit Kompromissen der einen oder anderen Art, doch sie werden sich nicht allzusehr um deren Erfolg kümmern, denn sie sehen nun deutlich, daß, je länger der Kampf weitergeht, desto schwächer die Position der UCS-Arbeiter wird, sowohl was ihre Kampfmoral betrifft als auch hinsichtlich der Unterstützung von außerhalb des Betriebs. Aus diesen Gründen ist es die Pflicht eines jeden Militanten, dieser Strategie entgegenzuwirken, indem er für folgendes eintritt:

1. Aufrechterhaltung und Ausweitung der Unterstützung für die UCS-Arbeiter 2. Ausweitung dieser Unterstützung, die über Geldspenden und Demonstrationen hinausgehen muß, also militante Aktionen, die auch die eigenen Unternehmer treffen - Warnstreiks oder besser längere Streiks, die wenn möglich in einem Generalstreik gipfeln; Betriebsbesetzungen aus Solidarität mit den UCS-Arbeitern, usw.

Da die Regierung bereit ist, das Work-in in absehbarer Zukunft weiterlaufen zu lassen, vorausgesetzt, daß es auf seiner bisherigen Basis bleibt, kommt den Arbeitern der UCS die Aufgabe zu, den Kampf auf die Spitze zu treiben. In den Werften selbst wird von den Arbeitern eine Änderung der gegenwärtigen passiven Politik der Co-operation mit der Unternehmensleitung verlangt, nämlich die Verwandlung des Work-in in ein Sit-in, was bedeuten würde, die Werft auf längere Zeit hin zu besetzen und die Arbeit nicht wieder aufzunehmen, bis sie vöölig nationalisiert und unter Arbeiterkontrolle gebracht wird mit Beschäftigungsgarantie für alle Arbeitskräfte.

• (Tony SOUTHALL, Glasgow 23.8.71. Aus RED MOLE vom 1.9.71)