OSTBERLINER KONFERENZ
Begreift man die ganze Kompliziertheit des Prozesses der Krise des Stalinismus. dann kann man wie sie sowohl von "rechten" als auch von Kommentatoren vorgetragen wird. Die sowjetische Bürokratie muß alles. was in den Kommunistischen Parteien vor sich geht, nicht nur in Funktion zu ihren "Entspannungs"-beziehungen und -planen mit dem Imperialismus beurteilen, sondern auch in Funktion zu ihren Beziehungen zu den arbeitenden Massen in de n "Volksdemokratien" und in der Sowjetunion selbst.
Genau da drückt der Schuh. Genau hier droht die von kommunistischen Führungen, die sich vom Kremi distanzieren, aısgelöste Dynamik die Burokratie noch verwundbarer zu machen. Hier droht sie den Reifeprozeß der politischen Revolution voranzutreiben.
WAS DER KREML VERD AUEN KANN
Gewiß, wenn Berlinguer, Marchais und Santiago Carrillo der Diktatur des Proletariats abschwören und sich für "parlamentarische Wege über Wahlen zum Sozialismus" aussprechen, wenn sie für ein Bündnis mit bürgerlichen Parteien eintreten, wenn sie versichem. daß si e sogar das Atlantische bund nis respektieren werden. falls sie in einer kegie rungskoalition Ministerposten bekommen sollten, dann verzieht der Kreml das Gesicht hierzu das Gesicht nur aus reiner Spiegelfechterei. Seit langem, enau seitdem die KPF in Frankreich für die Kriegs credite stimmte und seit dem Vll. Kongreß de Komintem, verlief die Praxis der Kommunistischen Parteien zu wiederholten Malen in diese Richtung... Die Theorie hat jetzt lediglich die Praxis eingeholt. Die Kommunistischen reformistischen Parteien haben hier nur den Prozeß der Revision des Marxismus wiederholt, den die Sozialdemokraten zu Anfang dieses Jahrhunderts eingeleitet hatten. Der Kreml ist hiermit grundsätzlich ein verstanden. Der Diktatur des Proletariats abschwören, um drei Ministersessel einzuhandeln? Das ist ein glänzendes Geschäft! Unter Stalin hat man noch ganz anderes erlebt !
Fürchtet sich der Kreml davor, daß diesmal die Integration in den bürgerlichen Staatsapparat vollständig sein wird und daß im Falle eines Konflikt zwischen der europäischen Bourgeoisie und dem Kreml die kommunistischen Massenparteien das Lager ihrer eigenen Bourgeoisie gegen das der Sowjetunion tauschen werden › Zweifelsohne. je mehr Anhänger die Kommunistischen Parteien von rechter Seite her gewinnen, desto geringer wird der Unterschied zur Sozialdemokratie, desto zahlreicher werden die Mandatsträger und Bürokraten sein, die bereit sind, diesen Sprung zu vollziehen (diese Elemente waren bereits im August/ September 1939 außerordentlich zahlreich, das nächste Mal werden es noch mehr sein). Aber für die Kommunistischen Parteien insgesamt bedeutet die Tatsache, Es bedeutet. sich auf einen nd der dazu fehren würde, von der Sozialdemo- von dem es kein Zurück gibt kratie aufgesogen zu werden. Angesichts der bedeutenden materiellen Basis. die ihnen ihre selbständige Existenz verschafft, ist es wenig wahrscheinlich, daß die Führung dieser Parteien den Prozeß der Sozialdemokratisierung bis zu Ende genen und mit Moskau völlig brechen wird. Die Beziehungen wie sie jetzt sind kommen ihnen genau entgegen.
Wenn aber Berlinguer, Santiago Carrillo und Marchais von der Pluralität der politischen Parteien beim "Aufbau des Sozialismus" sprechen, wenn treten, wenn sie sich für das Streikrecht nach dem sie für die Unabhängigleit der Gewerkschalten ein- Sturz des Kapitalismus einsetzen. wenn sie -wenn auch noch zögemd und unzulänglich-- die Verletzungen und Verbrechen anprangern, die an der proletarischen Demokratie und den elementaren Menschenrechten in der Sowjetunion und in den "Volksdemokratien" begangen werden, dann entrüstet sich die sowjetische Bürokratie und gerăt in Panik Nenn man nur den Gesichtspunkt "Kapitulation voi der Bourgeoisie " ins Auge fåßt im "Eurokommunismus" dann begreift man nicht, daß die italienische die französische, spanische und portugiesische KP sich heute in einer vorrevolutionären Situation unter dem Druck einer Arbeiterklasse entwickeln, die eine Reihe der Verbrechen des Stalinismus begriffen hat und durchaus entschlossen ist, ihre Wiederholung mit allen Mittel zu verhindem. Wenn man in den Beteurungen von Berlinguer und Carrillo nur Konzessionen an die Bourgeoisie sieht, dann begreift man nicht die mächtige antibürokratische komponente.
die den revolutionären Aufschwung im kapitalistischen Europa begleitet. Sie war bereits im Mai 1968 sichtbar. Sie hat sich im revolutionären portugiesischen Prozeß als mächtig erwiesen. Sie wird in der aufsteigen den spanischen, italienischen und französischen Revolution noch gewaltiger sein. Die Berlinguers. Marchais, Santiago Carrillos und Cunhals lieben die Arbeiterräte nicht mehr als Breschnew. Husak und Kadar, Sie können aber nicht frontal dagegen angehen, solange wir uns in der aufsteigenden Phase des revolutionären Prozesses in Südeuropa befinden. Sie werden eher gezwungen sein zu lavieren als zuzuschlagen. sie werden ener manövrieren müssen als li quidieren können. Das macht übrigens auch ihre Rolle vom Standpunkt des Schicksals der sozialistischen Revolution aus umso gefährlicher. Denn diese Manöver zielen unbestreitbar auf eine Restabilisierung der bürgerlichen Ordnung ab. Aber um diese Manöver durchführen zu können, müssen sie einenideologischen und politischen Preis zahlen. Und genau das schlug in Ostberlin wie eine Bombe ein. Genau das stif tete innerhalb der Bürokratie Zwietracht. Genau las wirkte sich für den Kreml wie ein boomeran aus. Die Aktion der polnischen Arbeiter gegen die Preiserheshungen, die zeitweilig einen Ertolg davon retragen hat, kann im übrigen die Gefahren. die der Kreml von verschiedenen seiten gegen seine Herrschaft aufziehen sieht, nur verstärken. Die Führungen der Kommunistischen Parteien Westeuropas verteidigen einige elementare Grundsätze der Gewährung demokratischer Freiheiten und des Schutzes der Menschenrechte in der Phase des Aufbaus des Sozialismus in ihren eigenen Ländern, ohne daß der Kreml sie exkomuniziert, wie er es noch mit Tito und Mao getan hat. Man kann demnach für ein Mehrparteiensystem, wirkliche Pressefreiheit, fur ein wirkliches Streikrecht der Arbeiter nach dem Sturz des Kapitalismus eintreten, ohne automatisch zum "tollwüti- Imperialismus, oder azzeiten enten des Trotzkisten" abgestempelt zu werden. Dann , oder gar zu einem aber stellt sich sogleich die Frage: und wenn ein ischechoslowakischer Kommunist, ein ostdeutscher, ein Combate de la einen genen tant se fansen polnischer, bulgarischer. wird er dann zum "Antikommunisten", zum "Anhänger der kapitalistischen Restauration", : zu einer "giftigen Schlange", zu einem "antisowjetischen
*génossen Sait ago car das federguer, Ns die Berlinguer, Marchais ganz olten in Ostberlin erklärt haben? Nach einer Information, die aus einer im allgemeinen gut informierten Quelle kommt (obwohl vir die Echtheit des Dokuments, das wir erhalter haben, noch nicht bestätigen können), wurde an die Teilnehmer der Konferenz in Ostberlin eine Stellungnahme verteilt, aus der wir bald Auszüge veröffentlichen werden (1): es wurde von einer Reihe von Führer der KP der CSSR verfaßt, die während der "Normalisierung" abgesägt worden sind. (Dubcek selbst soll es jedoch nicht unterschrieben haben). Dieser offene Brief spricht von einer "Fraktion" tschechoslowakischer Kommunisten, die mit den "Eurokommunisten" einverstanden sind, deren Thesen sich auf der Konferenz. durchgesetzt haben. daß man deshalb die Repression.
man sie wieder in ihre Rechte einsetzt, weil ihre politische Linie de facto rehabilitiert worden ist ! Um nicht in Verlegenheit zu geraten. hat die "strittigen" Stellen aus Prawda praktisch alle den Reden der "eurokommunistischen" Fahrer in Ostberlin zensiert. Aber das hat sofort zu einer neuen Verschärfung der Krise geführt. Andere Bürokratien der "Volksdemokratien" konnten das Vorgehen Moskaus nicht völlig nachahmen. Die Bürokratie der DDR z.B., die bisher immer die strengste. die untertänigste in ihrer Kreml-Hörigkeit war, war gezwungen, die Reden von Berlinguer und Co. ohne jede Auslassung zu veröffentlichen, undzwar aus dem einfachen Grund weil Rundfunk und Femsehen in der DDR sie "life" ubertragen hatten und Millionen sie dashalb bereits kannten. Wieder einmal hat sich die revolutionäre Wirkung einer "sofortigen Übertragung von Ereignissen " in Momenten einer großen politischen und sozialen Krise gezeigt, diesmal allerdings in Osteuropa.
Die große Furcht des Kreml betrifft also nicht so sehr die Tatsache. daß er seinen Einfluß auf die Kommunistischen Parteien Westeuropas schwinden sieht. Große Furcht flößen ihm die Auswirkungen des "Eurokommunismus" und die Konzessionen an die antibürokratischen Empfidungen der Massen ein. die er aufrührt. Auf ihre Weise kündet die Verschärfung der Krise des Stalinismus aut der Ost: erliner Konferenz von dem großen Gewitter, das sich über Osteuropa und der Sowjetunion (sogar über China) zusammenzieht und nach den ersten Siegen der proletarischen Revolution im kapitalistischen Europa ausbrechen wird.
Man muß sich deshalb die frage stellen, warum der Kreml letzten Endes dem Eurokommunismus" und dem "Polyzentrismus" nachgegeben hat, wenn die Auswirkungen in der eigenen Einflußsphäre so unheilvoll zu werden drohen. Die Antwort ist ganz einfach die, daß sonst das angewandte Heilmittel schlimmere Auswirkungen gehabt hatte als das Ubel selbst. Ein neues, drittes "Schisma" im stalinistischen Universum, verbunden mit der offenen Exkommunikation der spanischen, italienischen, französischen, britischen KP-Führer, hätte noch mehr zentrifugale Kräfte in den "Volksdemokratien" und in der Sowjetunion freigesetzt. Insbesondere angesichts der großen Ereignisse. die in Spanien und Italien bevorstehen, hätte eine solche Exkommunikation, die den Kreml seiner Interventionsmöglichkeiten im politischen Leben des kapitalistischen Europa beraubt hätte, schwerwiegende Folgen gehabt. Dies sowohl im Hinblick auf len Imperialismus als auch auf die am wenigster entpolitisierten Massen in der Sowjetunion und in Osteuropa. Breschnew hat deshalb das von-seinem Standpunkt aus kleinere Übel gewählt. EIN SCHRITT VOR, UND ZWEI
SCHRITTE ZURUCK
Bedeutet dies. daß wir den Erfolg des "Polyzentrismus" und des "Eurokommunismus" in Ostberlin begrüßen? Das hieße, ein einseitiges und opportunistisches Urteil über die Bilanz dieser Konferenz fallen.
Zunächst einmal bedeutet der Prestigegewinn. den Berlinguer und Co. so billig in Ostberlin davongetragen haben, daß ihre Fähigkeit, die im Westen aufsteigende proletarische und im Osten aufstei- • gende politische Revolution besser zu manipulieren und so auch zu verraten, zunimmt. Ein beredtes Zeugnis dafür sind die überschwenglichen Kommentare von Robert Havemann (im "Spiegel" vom 5. Juli 1976), der immerhin ein ehrlicher. kritischer, linker Kommunist ist, ein wütender Gegner der Bürokratie. Begeistert von den kratischen" Glaubensbekenntnissen der "eurokommunistischen" Führer und in der Erwartung tausenderlei segensreicher Auswirkungen für die oppositionellen Kommunisten und die Arbeiter der "Volksdemokratien", sieht Havemann nicht die entscheidenden. Konzessionen an die Bourgeoisie. nicht, daß jeglicher Kampf für die Zerstörung des bürgerlichen Staatsapparats aufgegeben wurde. die Selbstorganisation der Massen abgewürgt wird -als unvermeidliche Folge des Klebenbleibens an den parlamentarischen bürgerlichen Institutionen --. und daß all dies die Gefahr der Niederlage der sozialistischen Revolution in Südeuropa heraufbeschwört. Die verheerenden Auswirkungen. die eine solche Niederlage für die Arbeiterklasse und die kritischen Kommunisten in Osteuropa nach sich ziehen würde, sind augenscheinlich. Die ideologischen Rückzüge der Führer der Kommunistischen Massenparteien Westeuropas lösen' auch eine objektive Dynamik aus. Sie haben verheerende Auswirkungen auf kommunistische Kader, auf militante Kommunisten und Arbeiter. Eine ganze Generation von Arbeitern der Avantgarde. die sich den KPn anschliessen, weil sie in ihnen die kämpferischsten und antikapitalistischsten Parteien sehen, wurde dann systematisch delormiert: sie würden die demokratischen Freiheiten der Massen mit den bürgerlichen demokratischen Institutionen verwechseln, sie würden Opposition gegen die bürokratische Diktatur und die Einpareienherrschaft mit der Opposition gegen die Macht der Arbeiterräte verwechseln und sogar die von einer Koalitionsregierung mit der Bourgeoisie auferlegte "austerity' zur Wiederherstellung der ka- ›italistischen Profitrate mit der "Etappe des Übergangs zum Sozialismus" verwechseln.
Das könnte bei einer entscheidenden Kraftprobe zwischen dem bürgerlichen Staatsapparat und den
Organen einer entstehenden Arbeitermacht schwerwiegende Folgen haben, wie dies bereits in Deutschland 1918/19 oder im republikanischen Spanien 1936/37 der Fall war.
All dies zeigt die Verantwortung • der revolutionären Marxisten, die zwar die neue Bresche, die in die stalinistische Mauer durch die "Eurokommunisten geschlagen wurde, ausnützen, dies aber auch mit einem unbeugsamen Kampf für eine revolutionäre antikapitalistische Strategie in Westeuropa kombinieren müssen. Die Bresche erweitem bedeutet auch, die "eurokommunistischen" Fahrer in den Fragen der proletarischen Demokratie in die Enge reiben.
Denn eine Sache ist es, sich vor einem breiten Publikum in Rom, Paris. Madrid oder gar Ostberlin mit demokratischen Tugenden zu brüsten, und eine ganz andere Sache ist es, die proletarische Demokrate dort zu praktizieren, wo man wirklich die Macht hat. Diesen Widersp nich müssen wir dick unterstreichen und zugunsten der Arbeiterklasse ausnützen.
Worauf warten denn die großen Demokraten noch, das Recht zuzulassen, innerhalb der kommunistischen Gewerkschaft CGT in Frankreich, der CGIL in Italien oder in den ehemals regionalen, jetzt nationalen Koordinationsausschüssen der Arbeiterkommissionen in Spanien. die sie kontrollieren, Tendenzen zu bilden? Worauf warten sie denn, zuzulassen, daß die Delegierten zu allen Gewerkschaftskongressen auf allgemeinen Vollversammlungen gewählt werden. und zwar nachdem nicht nur der offizielle Bericht. sondem auch Ko-Referate von jeder gewerkschaftlichen Tendenz und ideologischen Strömung gehalten wurden, die in den Gewerkschaften vertreten sind? Worauf warten sie denn, die Pressefreiheit in der Gewerkschaftspresse und offene Diskussionstribünen für die verschiedenen Tendenzen einzuführen? Sind sie bereit, ein für allemal die bürokratische Praxis des Ausschlusses revolutionärer Minderheiten aus den Gewerkschalten aulzugeben? Woraul warten sie denn, das Tendenzrecht in ihren eigenen Reihen zu verwirklichen?
Ihre ersten schüchtemen Proteste gegen die von der Bürokratie begangenen Verbrechen an der Arbeiterdemokratie, an den Rechten der Arbeiter, an den Menschenrechten können niemanden zufriedenstellen, Führer der spanischen KP erklären. Trotzki sei ein großer Revolutionär gewesen (s. die Auszüge im Anhang zu diesem Artikel). Diese: Zugeständnis begrüssen wir als einen Schritt nach vom. Daraus aber ergibt sich sofort. daß die gleichen Führer öffentlich die von der GPU gegen Andres Nin, gegen die Führer der POUM, gegen die Trotzkisten und die linken Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg begangenen Verbrechen anprangem müssen.
Aber daraus ergibt sich noch mehr: ein ehemaliges Mitglied (oder ist er vielleicht sogar immer noch Mitglied?) der KP Spaniens, Ramon Mercader, ist der Mörder des großen Revolutionärs Trotzki, Er lebt in Moskau, ist mit einem hohen sowjetischee Orden dedem et winden und veteringt genu- same Tage, indem er eine Geschichte über spanischen Bürgerkrieg verfaßt (wer weiß, vielleicht wird auch sie "kritisch" sein 2). Die Führer der KP Spaniens, Italiens, Frankreichs müßten die Anklageerhebung gegen diesen gemeinen Mörder vor einem Gericht fordem, das von der intemationalen Arbeiterbewegung gebildet wird, Sie müßten die öffentliche Rehabilitierung von Trotzki Bucharin, Sinowjew. Kamenew. Rakowski und aller alten Bolschewiki fordern. Sie mußten fordem, daß die Werke der großen Revolutionäre frei in der Sowjetunion und in den "Volksdemokratien" gedruckt und verbreitet werden. Tun-sie das nicht. Auszug aus einem Dialog zwischen Fernando Claudin. dem ehemaligen Führer und ehemaligen Mitlied der KP Spaniens, und Manuel Azcarate, der leute Mitglied des Exekutivausschusses dieser Partei ist. Dieser Dialog erschien in der spanischen Wochenzeitschrift "Triun fo " vom 3. Juli 1976 unter dem Titel : "Azcarate und Claudin diskutieren über den Eurokommunismus"
CLAUDIN : " In der UdSSR entstand (was immer auch die historischen und die objektiven Gründe hierfür sein mögen) ein bürokratisches System Nach Trotzki gibt es dort einerseits sozialistische Strukturen, andererseits einen bürokratischen Überbau (er nannte dies einen entarteten Arbeiterstaat). der im Widerspruch zu dieser sozialistischen Struktur steht. Aber gegen Ende seines Lebens hat Trotzki selbst behauptet, daß wenn dies zu einem stabilen Regime werden sollte, diese bürokratische Klasse sich in eine herrschende Klasse verwandeln würde, und zwar nicht als eine Gesamtheit von Privateigentümer und eines Staates, der diesen Privateigentümern unterworfen ist, sondern eher durch die Funktion, die ihre Bestandteile innerhalb des Staates und der Partei innehaben. Aus diesem Grund scheint es mir nicht eine mechanische Ableitung zu sein zu behaupten, daß es dort einerseits sozialistische Produktionsverhältnisse gibt und andererseits einen nicht-sozialistişchen politischen und ideologischen Überbau. Das ist eines der großen Probleme, das die Marxisten jetzt studieren und das sie diskutieren müssen, um auf möglichst wissenschaftliche Weise den Charakter des sowjetischen Systems zu definieren, das man nicht mit dem westlichen kapitalistischen System gleichsetzen kann, das aber meiner Meinung nach auch nicht ein sozialistisches System ist.
Du sagst, faß eines der wichtigsten Probleme die Frage der Beziehung zwischen Staat und Partei Warum aber
Friste s gangs als auch in der sozialistischen Gesellschaft verschiedene Parteien geben kann und muß? Ist dies eine taktische Frage. oder ist dies ein tieferliegendes Problem, das einem Erfordernis der sozialen Wirklichkeit in den verschiedenen Etappen auf dem Weg zum Sozialismus entspricht? AZCARATE : Man wird leicht feststellen können, daß ich mit Trotzki mehr übereinstimme als Du.(Lachen) Das stört mich gar nicht. Trotzki war ein großer Revolutionär, ein großer marxistischer Denker und ein Großteil seiner Kritik am sowjetischen System erweist sich --unabhängig von einigen seiner Theorien, die falsch sind. vor allem die der letzten Phase-- im Lichte der heutigen Zeit als richtig. Das trifft vor allem auf die bürokratische Entartung des sowjetischen Systems zu. Ohne eine Diskussion weiter vertiefen zu wollen, die man fortsetzen muß und für die man auch weiter forschen muß. möchte ich nur sagen, daß das sowjetische System ein sozialistisches Primärsystem ist und zwar wegen seines außerordentlich niedrigen Ausgangsniveaus, wegen der intemationalen Bedingungel, unter denen es entstanden ist, und wegen einer Reihe furchtbarer Deformationen. deren Ausdruck der Stalinismus war, der das System auf dem primären Stadium blockiert hat. Ich bin damit einverstanden zu sagen, daß es einen gewaltigen Abstand gibt zwischen der sowjetischen Wirklichkeit und unsermsozialistischen Ideal.. Was unsere Auffassung über den Marsch zum Sozialismus betrifft, so muß man von der Pluralität der Parteien ausgehen: sowohl die sozialistischen Parteien wie auch die Parteien der Feinde des Sozialismus, die Sektoren vertreten, die nicht mit dem Sozialismus einverstanden sind, die man aber unserer Meinung nach politisch durch die Tatsache besiegen wird, daß die Parteien, die Anhänger des Sozialismus sind, stärker sein werden als sie. Weder bei Marx, noch bei Lenin gibt es den Gedanken, daß Sozialismus Einparteienstaat bedeutet..
dann sind die Eide, die sie auf die sozialistische Demokratie ablegen, wenig glaubhaft. Das gleiche gilt auch für die Vertreter des "liberalen Kommunismus" in Osteuropa. Es scheint, daß Tito und Ceaucescu dem "Eurokommunismus" heftig Beifall klatschen. Aber die Verletzung der Regeln der Demokratie (und der Selbstverwaltung ! - Zeugnis hierfür ist die Behandlung der marxistischen Philosophieprofessoren von Belgrad) nimmt in Jugoslawien ständig zu, während das innere Regime Rumäniens eines der repressivsten und stalinistischsten der "Volksdemokratien" ist. Mögen doch diese Herren damit beginnen, daß sie Taten und Worte in Übereinklang bringen ! Sonst wird die Glaubwürdigkeit ihrer "demokratischen" und "pluralistischen" Schwüre noch mehr untergraben. Die Konferenz in Ostberlin spiegelt nicht nur eine Vertiefung der Krise des Stalinismus wider. Sie zeigt auch eine Vertiefung des ideologischen und theoretischen Bankrotts des Stalinismus an. In dem Augenblick, in dem das internationale kapitalistische System seine schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg durchmacht, sind die Kommunistischen Parteien Europas völlig unfähig. hieraus irgendwelche Schluss e für die Arbeiter in Europa und in der Welt zu ziehen. Ste haben ihnen nichts anderes anzubieten, als die vorgestrigen neokeynesianischen Ersatzlösungen, die bereits von der Bourgeoisie selbst in Frage gestellt werden. weil sie sich als immer weniger wirksam erweisen. Zu einer Zeit, in der die Internationalisierung der Produktivkräfte und der Konflikte ein Ausmaß erreicht hat. wie wir es in der Vergangenheit noch nicht erlebt haben, sind die Kommunistischen Parteien stolz auf einen immer deutlicheren Rückzug zum Nationalismus.
Angesichts dieses Bankrotts verkörpert die IV. Interationale als legitime Erbin des Kommunismus und der Kommunistischen Intemationale heute das lebendige marxistische Gedankengut. den proleischen Intemationalismus und den Kurs aul die proletarische Revolution. Mit noch schwachen und sicherlich noch äußerst unzureichenden Kräften im Verhältnis zu den gigantischen Aufgaben unserer Epoche, aber dennoch mit Kräften, endlich wachsen und sich im Lauf der letzten Jahre verzehnfacht haben, sagt sie den Proletariem Europas und der Welt: "Die kombinierte Krise von Kapitalismus und Stalinismus erleichtert die Löung eurer historischen Aulgabe. Vorwarts zur sozialistischen Revolution. zum Sturz der Herrschaft des Kapitals, zur demokratischen Macht der Arbeiterräte, zu den Vereinigten Sozialistischen Staaten Europas und der Welt!"
Vor 40 Jahren schrieb Trotzki: "Vieles weist darauf hin, daß der Zerfall der Komintem, die keine direkte Stütze in der GPU hat, dem Fall der bonapart istischen Clique und der thermidorianischen Bürokratie im allgemeinen vorangehen wird" Als Tito im Gefolge von Berlinguer in Bezug auf die Ostberliner Konterenz versicherte, sie sei "ohne Vergangenheit und ohne Zukunft", , hat er auf seine Weise die Prognose Trotzkis bestätigt: In Warschau flüstert man sich zu, in Ostberlin sei Stalin zum dritten Mal gestorben, er sei aber noch nicht endgültig tot Der Sieg der proletarischen Revolution in Europa wird ihnendgültig beerdigen.
13. Juli 1976 (1) Das Dokument ist inzwischen in "Was Tun" Nr. 115 vom 15.7.1976 veröffentlicht worden (Anm. vom Übersetzer).
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