Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Kambodscha

· Inprekorr Nr. 61, 18. Juni 1976 · S. 25-31 · 4.452 Wörter

Vietnam und Indochina Frankreich Philippinen und Südostasien USA und Kanada

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kambodscha fragen Zur revolution PIERRE ROUSSET

Seit einigen Monaten ist die Lage in Kambadscha in mehreren Ländern Anlaß zu einer intensiven antikommunistischen Hetzkampagne. Der amer kanischen Wochenzeitschrift "Time" zufolge soll mit dem Sieg der "Roten Khmers" ein reines Terrorregime errichtet worden sein: "Ganze Dörfer sind dem Massaker zum Opfer gefallen, die Opfer scharenweise aneinandergebunden und mit Planier- Ströme von Brut Für François Ponchaud (1) von "Le Monde" schätzt die Time" die Zahl der Toten nach der Befreiung von Phnom Penh zu niedrig (500.000). realistischer wären 800.000. In einer Dokumentation für die Presse will er "Licht auf die Realpolitik der kambodschanischen Führung werfen" und zitiert die Aussage eines Roten Khmer: "wenn nicht mehr als 20.000 Jugendliche in Kambodscha übrigbleiben, dann bauen wir das neue Kambodscha mit diesen 20,000 auf!". Die Zahl der Toten eskaliert weiter: die "New York Times" spricht von 1 Million, "Newsweek" munter von 1, 5 Millionen. In einem Jahr soll das neue Regime oviel Opfer von der kambodschani chen Regierung gefordert haber wie , Jahre amerikanischer Krieg un‹ massive Bombardements. Die westliche Presse hat keine Hemmungen im Umgang mit Zahlen.

ES IST VERLEUMDUNG DABEI

Das fast vollständige Schweigen der kambodschanischen Regierung. die Schifeßung der Grenzer des Landes geben einer solchen großangelegten • Hetzkampagne noch Nahrung. Das heißt aber nicht, sah es kige ormen anderen hier einige Beispiele daß es keine Verleumdungen gibt, aus der französischen Presse dazu.

Die Wochenzeitung "Paris- Match" hat eine Fotoserie unter dem Titel "Terror in Kambodscha" veröffentlicht, die später im Fersehen wiedergegeben wurde. Sie sollen angeblich "von einem Flüchtling mitgebracht" worden sein. Dieselben Fotos waren jedoch schon in einer thailändischen Tageszeitung. "thai Rath", erschienen; hier hieß es, sie seien mit einem Teleobjektiv von der Grenze aus aufgenommen worden. Auf einem Foto ist eine kleine Versammlung zu sehen. Laut "Thai Rath" handelt es sich hierbei um eine "Szene der politischen Indoktrination" (Zitat aus "Liberation vom22.4.76). In "Paris-Match" wird daraus eine "Gruppenheirat" "gegeben" wo junge Mädchen verdienten Kämpfern werden. Am 26. Mai veröffentlichte die Pariser "Figaro" das Bild einer zu Boden lie- Tageszeitung genden Frau, "heimlich im April 1975 von einem inwohner Phnom Penhs aufgenommen worden sel In allen Einzelheiten erfährt man nun, wie diese Fret worden ist. Liberation (vom 23 ai est- tötet worden ist. ler Sache nachgegangen: das Foto wurde 1974 ron einem Korrespondenten der AFP in einer anderen Gegend aufgenommen; und die Frau ist nicht tot, sondern in Tränen zusammengekauert; ein anderes Foto zeigt sie wiederaufgerichtet... Weder "Figaro" noch Agence France Presse haben eine Erklärung dazu abgegeben.

Die Verleumdungskampagne stützt sich im wesentlichen auf Berichte von Flüchtlingen, die meist nach Thailand geflohen sind. Auch hier müssen ihre Zeugenaussagen, so interessant sie sind, mit

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KAMBOD SCHA größerer Vorsicht behandelt werden, als dies ublicherweise der Fall zu sein scheint. Am 18. April und objektive Zeitung, hat "Le Monde" eine anerkanntermaßen seriöse das dramatische Zeugnis eines Flüchtlings, len Souvannari, veröffentlicht. Derselbe Flüchtling war vom Le Monde-Korrespondenten in Bangkok interviewt worden (s. "LeMonde vom 8. November 75) und hatte damals ein viel Sihanouk and Khieu Samphan.

unblutigeres Bild der Situation gezeichnet als wenige Monate später. Es ist nicht das erste Mal. daß Bangkok Herd von "Desin formationen" ist. Die Flüchtlingslager, wo die Greueltaten in Flüster- ›ropaganda verbreitet und aufgebläht werden und lie thailändischen, amerikanischen und französischen Geheimdienste sehr aktiv sind, geben einen sehr fruchtbaren Boden für die Manipulation von Informationen ab. Die Verleumdungskampagne pagne existiert wirklich.

Wie kann man bei dieser Verleumdungskampagne und beim Schweigen der kambodschanischen Führung noch die Wahrheit von der Lüge unterscheiden? Es ist unmöglich, wirklich Bilanz zu ziehen iber die Entscheidungen der Führung der "Roten KhTs an tans der Rungen anstellen il anstellen und versuchen, einige Probleme aufzuwerfen. Dazu muß man die Orientierung der "Roten Khmers" analysieren, wie sie sich in den wenigen offiziellen Dokumenten und den Informationen niederschlägt, die F. Ponchaud der schwerlich im Verdacht zu großer Nachgiebigkeit gegenüber dem neuen Regime steht, beim Abhören von Radio Phnom Penh oder von Flüchtlingsaussagen gesammelt hat (2). Dazu muß man auch die aktuellen Probleme in den Kontext der Geschichte der kambodschanischen Revolution und der kommunistischen Führung Kambodschas stellen.

ENTSCHEIDUNG FUER DIE AUTARKIE

Die Evakuierung der Bevölkerung Phnom Penhs kurz nach det Befreiung durch die FUNK hat zum Teil konjunkturelle Gründe. Es herrschte Hungersnot. Die Verkehrswege waren zerstört und für rasche Versorgung unbrauchbar und in jedem Fall waren die schon vorher befreiten Gebiete nicht in der Lage, die Masse der Bevölkerung. die zuvor durch die amerikanische Luftbrücke verpfelgt worden war (ca. 30% der Gesamtbevölkerung). zu emähren. Da die Regenzeit begann, mußten alle produzieren.

Aber die konjunkturellen Gründe reichen allein nicht aus, um das Ausmaß und die Form zu erklären, die die Bevölkerungsverschiebung angenommen hat. Das Mißtrauen der Kader und der Soldaten, die aus einem Bauemaufstand gegen das parasitäre und korrupte Phnom Penh hervorgeg an ten waren. schlug sich beim Einmarsch der FUNK n die kambodschanische Hauptstadt nieder. F. Ponchaud erinnert an die Worte eines "politischen Kommissars" am 18. April 1975: "Die Leute müssen lernen, daß ihre Existenz am Reiskom hängt. Erst wenn der Mensch im Schweiße seines Angesichts Land urbar macht, sät, anbaut und emtet. lernt er den wahren Wert der Dinge kennen... Die Stadt ist schlecht, nicht die Menschen: denn die Menschen können sich besser. aber nicht die Stadt. Die Stadt bringt Geld und Korruption " nicht nur eine Anekdote: der Zwangsexodus der Stadtbevölkerung stellt in aller Schärfe auch die Frage nach den Entscheidungen und den Priorită ten der Entwicklung.

Die Hauptparole der kambodschanischen Kommunisten ist heute die der "Unabhängigkeit und Sou veränität". Ihr Plan für einen wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes zielt darauf ab, diese Unabhängigkeit sofort herzustellen. "Unser Volk, erklärt der Vizepremierminister leng Sary, ein Arbeiter- und Bauemvolk, bleibt bei seiner Position: es will unabhängig und souverän sein, auf die eigenen Kräfte zählen, und Herr seines Landes und seines eigenen Schicksals sein " (Ansprache vom 17.4.76, übersetzt von der Botschaft der GRUNK in Paris). Sicher müssen die Betriebe wieder in Schuß gebracht werden, aber die Abhängigkeit von auswärtiger Hilfe kann nur dann geminwird, daß man sich selbst ausreichend mit gelegt dert werden, wenn der Schwerpunkt daraut rungsmitteln versorgen und zudem noch soviel Reis exportieren kann, daß wieder Devisen ins Land kommen und der Außenhandel neu angekurbelt wird. Die meisten Arbeitskräfte müssen daher auf dem Land beschäftigt werden und an den Bewässerungsarbeiten teilnehmen. "Wenn wir kleine Deiche bauen, so erklärte Radio Phnom Penh am 21. Februar 1976, haben wir Wasser; wenn wir Wasser haben, haben wir Reis; wenn wir Reis haben, können wir alles haben"

Diesem wirtschaftlichen Entwicklungsplan --Suche nach Autarkie in der Nahrungsmittelversorgung durch Einspann der eigenen Kräfte, Schaffung eines exportierbaren Überschusses und Einnahme von Devisen, kontrollierte Wiederbelebung des Außenhandels-- entspricht eine argwöhnische nationalistische politische Orientierung. In den offiziellen Reden deutet man natürlich sehr vage auf die Notwendigkeit der intemationalen Soli darität hin. "Die Revolution in Kampuchea (Kambodscha) kann nicht losgelöst von den revolutionăren Bewegungen in der Welt betrachtet werden" erklärte leng Sary in seiner Rede. Aber das Leitmotiv ist gesenwärtig ein ganz anderes, wie die Rede des Präsidenten der FUNK in Frankreich anläßlich des ersten Jahrestages des Siegs der Revolution deutlich machte. Er sagte dort: "Unser Volk und unsere Armee sind bereit, koste es was es wolle die territoriale Integrität des Landes, .... seiner Flüsse. seines Bodens.. seiner Seegrenze verteidigen gegen jeden Stoben o zen... großen oder kleinen Aggressor, komme er von fern oder nah" Und er zog die Bilanz des antiimperialistischen Krieges, ohne ein einziges Mal auf den gemeinsamen Kampf mit den Völkem Laos' und Vietnams einzugehen. Mit Viet-

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525 Asom 525 Khieu Samphan and Sihanouk 1973 nam gibt es Grenzstreitigkeiten und alles deutet daraufhin, daß mit dem "nahen Land" Vietnam gemeint ist.

Die Produktionsanstrengungen, die die FUNK der Bevölkerung aufgebürdet hat, sind zum Teil eine zwingende Notwendigkeit, weil die USA das Land in einem ruinösen Zustand zurückgelassen haben. Die Bombardierungen von 1973 als Washingtor eine ganze Luftwaffe in Indochina auf Kambodscha konzentriert hat, haben das Land schrecklich verwüstet. Die Zahl der zerstörten wirtschaftliheute vonstigt, ist seich tuch. Aber diese aber- die die GRUNK mäßig intensiven Anstrengungen sind auch eine Folge der Entscheidung der Führung der Roten Khmers zugunsten einer autarken Entwicklung. Es hätte noch eine andere Möglichkeit gegeben. Maßnahmen des Wiederaufbaus ermöglicht unc die weit fortgeschrittenere verhindert hätte. daß die Bevölkerung wie eine Armee auf dem Land organisiert wird: die Orientierung auf eine indochinesische Entwicklung und auf einen entwickelten Tausch mit und auf die Hilfe der bürokratisierten Arbeiterstaaten. Selbst ein vernünftiger Handel mit den kapitalistischen Ländem hätte anvisiert werden können. RUECKFALL IN NATIONALISMUS

Die Orientierung des kambodschanischen Angkar (die "Organisation") sanktioniert de facto den Bruch der revolutionären indochinesischen Front, die sich im Laufe des Kriegs herausgebildet hatte. Der Rückfall in den Nationalismus ist heute eines der Schlüsselprobleme der indochinesischen Revolution. In Kambodscha taucht es in besonders zugespitzter Form auf. Um das zu verstehen, muß man auf die Geschichte der Führungen zurückgreifen. Die ersten kommunistischen Khmers waren Mitglieder der Indochin esischen Kommunistischen Partei und dort, zusammen mit den Laoten, gegenüber den Vietnamesen stark in der Minderheit. In den 30er Jahren verfolgte diese Partei den Plan einer stark integrierten indochinesischen Revolution, die in eine "Union der Sowjetrepubliken Indochinas" münden sollte : so wollte es der Resolutionsentwurf über die Arbeit unter den ethnischen Minderheiten, die dem Kongreß der KPI 1935 vorlag Damals wurde das Selbstbestimmungsrecht der Minderheiten.hr Recht auf Gründung eigener Staaten der Khmers und der Bauernstämme, aninbegriffen. Aber das Ausmaß des nationalen Aspekts des Befreiungskampfes ist offensichtlich nicht voll Vietnam. Laos und Kambodscha hielt erst die französische Herrschaft und dann die amerikanische Intervention zusammen. Es trennten sie tiefgreifende Unterschiede in der sozioökonomischen Struktur, ihrem Selbstbewußtsein, ihrer Kultur (sino-konfuzianische aut der einen und hindu-buddhistische auf der andein Seite) und ihrer Zivilisation. Nun war jedoch die Behauptung der nationalenldentitätgegenüber dem Imperialismus einer der Hauptmotoren des revolutionären Aufschwungs. Die Revolution sollte eine vietnamesische, eine laotische und eine kambodschanische sein, bevor sie eine indochinesische war. Die Wende in dieser Frage leitete die kommunistische Bewegung 1941 mit der Gründung des (vietnamisesischen) Vietminh ein; sie mündete 1951 in die Gründung von drei verschiedenen kommunistischen Parteien: der Arbeiterpartei Vietder Revolutionären Volkspartei in Laos und der Kommunistischen Khmerpartei. Die Fahrung einer jeden dieser Parteien ist iedoch aus der KPI hervorgegangen. Es banden sie sehr enge historische Beziehungen aneinander. In Kambodscha kam es später noch zu einem doppelten Bruch: er war politisch und durch Generationenprobleme motiviert.

Die Mehrzahl der heutigen Führer der "Roten Khmers" hat den ersten antifranzösischen Widerstand nicht miterlebt. Als die kambodschanischen Kommunisten 1954 von Sihanuk in den Schatten gestellt wurden, waren sie die ersten Opfer des Genfer Abkommens und des Spiels der Großmächte • Die laotischen Revolutionäre konnten sich auf zwei Provinzen im Nordosten zurückziehen und die Vehten Repense orden durch, doch die der Demo- Khmers mußten entweder in den Untergrund gehen oder nach Nordvietnam ins Exil (3). Son Ngoc Minh und die meisten kommunistischen Kader aus Cambodscha scheinen nach Nordvietnam geflohen zu sein. Geblieben sind wahrscheinlich die unbekanntesten Aktivisten und einige Kader, darunter die Vertreter deslinken Flügels des Widerstands der Issarak Khmers gegen das Genter Abkommen; sie gründeten den Pracheachon, (die Volkspartel). Die ersteren sicherten die Kontinuität der inaktiven Guerillabasis (und tun dies wahrscheinlich heute noch), die zweiteren bekleiden heute Posten ron zweitrangiger Bedeutung: Sien An ist Botschafter in Hanoi und Keo Meas in Peking geworden.

Diejenigen unter den Mitgliedern der gegenwärtigen Regierung. deren politische Geschichte man kennt, sind meistens in den 50er Jahren in Frankreich . wo sie studierten, zur Kommunistischen Partei gestoßen. Dies gilt besonders für Hou Youn (früher Minister für den Plan in der GRUNK; er scheint in den Kämpfen 1975 ums Leben gekommen zu sein). für leng Sary (Vizepremierminister und Außenminister) für Mai Mann (Führer des inneren Widerstands in Phnom Penh), für Khieu Samphan (Präsident des Präsidiums) und für Saloth Sar (einer der bedeutendsten Führer der Partei). Sie sind alle der Französischen Kommunistischen Partei beigetreten und waren Führer der Khmer Studenten vereinigung. Während dieser Periode schrieb Hou Youn seine Arbeit über die Khmerbauern und Khieu

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CAMBODIA leng Sary

Samphan die seine uber die Industrialisterung Kambodschas.

Zurück in Phnom Penh, manchmal via Hanoi, gliederten sich diese Aktivisten in das politische Leben der Hauptstadt ein, zusammen mit einigen anderen wie Hu Nim, dem Informationsminister. wurde der Pracheachon Opfer der Repression; sein Generalsekretär Nong Suon und dreizehn andere Mitglieder wurden verhaltet und zu tode verurteilt. Im Jahr darauf verließ eine bedeutende Anzahl von Intellektuellen und Aktivisten Phnom Penh, um bei der Reorganisierung von Guerillaherden mitzuhelfen; darunter waren leng Sary. Son Sen, Saloth Sar, leng Thirith (Sozialminister und Frau von leng Sary) und andere. 1967 brach in Battambang. wo die kommunistische Tradition am stärksten und die Konzentration an Grundbesitz am größten ist. ein Bauemaufstand aus. Sihanuk antwortete darauf mit einer antikommunistischen Kampagne und wiederum schlossen sich drei Abreordnete der Guerilla an: Hou Youn,' Hu Nim und Khieu Samphan. Von diesem Zeitpunkt an erlebten die "Roten Khmers" einen bedeutenden Aufschwung, bis zum Staatsstreich Lon Nols am 18. März 1970.

An der Spitze des inneren Widerstands stand also eine ziemlich homogene Führungsmannschaft, die auch bald die Hegemonie innerhalb der FUNK gegen die Sihanukisten errang. A's der Sieg kam. hatte Sihanuk nicht einmal mehr den Schatten der Macht inne (3) Im Dezember 1975 trat der 3. "Nationale Kongreß der Volksvertreter" zusammen. Am S. Januar wurde eine neue Verfassung verkündet, Die Monarchie wurde offiziell abgees Wahlen zur Nationalversammlung.

nuk zurück und am 6. dankte die Regiering Penn Nouth, sein treuer Minister, ab. Die Macht gehört der Angkar-Rote Khmers.

Wahrscheinlich ist es diese Verbindung aus wiedererwachtem Khmer-Nationalismus, dem politischen Trauma des Genfer Abkommens. dem Verrat der stalinistischen Bürokratie am-Befreiungskampf und der Generationsablös ung. die in Kambodscha trotz einer gewissen Kontinuität viel krasser erfolate als in Laos oder Vietnam, die erklärt, warum das Programm von 1935 aufgegeben wurde und der kambodschanische Kommunismus in Nationalismus zurückfiel. Während man auf eine revolutionäre Entwicklung in Thailand, dem größten Land Südostasiens. noch zu warten hatte, bot ein enges Bündnis mit Vietnam objektive Gefahren: 7 oder 8 Mio. Kambodschaner gegenüber 50 Mio. Vietnamesen, die sozio-ökonomische Rückständigkeit Kambodschas, usw... Aber diese Gefahren wie weniger schwer als die. die die par-force - Tour zwingen und als der entschiedene Rückzug der Führung der Angkar auf die Autarkie. Eine wirtschaftliche Entwicklung Kambodschas ist in der Tat zumindest außerhalb des regionalen Rahmens kaum denkbar. Die Regulierung des Mekong z.B. kann nur Teil einer indonesischen Politik sein, die direkt Vietnam und Laos und morgen, wenn die Revolution in Thailand siegreich sein wird. auch Thailand einschließen muß. Nur eine solche regionale Zusammenarbeit kann einen einigermaßen ausgeglichenen interationalen Handel gewährleisten und verhindern. daß die sozialen Kosten der wirtschaftlichen Entwicklung zu hoch werden. "RADIKALE" MASSNAHMEN

Am Tag nach dem Sieg wurden radikale Maßnahmen eingeleitet. "Der Staat Kampuchea ist der Staat der Arbeiter, Bauem und der andem Werkso steht es im Artikel 1 Artikel 2: "Alle wichtigen Prostaats und des gesamten Volkes"

die sofortige Nationalisierung des gesamten Bodens nicht einmal die einschneidendste Maßnahme: traditionellerweise war der Boden Eigentum des Königs, der den Ertrag dem Bebauer überließ, und die Privatisierung des Bodens, die mit der Beiedlung einge leitet worden war. hatte sich nur schwach durchsetzen können. Aber das Geld ist jetzt abgeschafft und die Güter werden administrativ beschlagnahmt, durch Verteilung und manchmal anscheinend durch Tauschhandel zwischen den Untemehmen.

Der hervorstechendste Zug

Führung der'Roten Khmer" liegt in dieser administrativen und bürokratischen Organisierung der Gesellschaft. Die Bevölkerung ist wie eine Landarmee organisiert, um die Produktion neu zu beleben. Das erklärte Ziel betrifft die Menge an Nah- "So viele Deiche wie möglich so schnell wie möglich vor der Regenzeit im nächsten Jahr werden wir diese Deiche verschönem und noch befestigen" (Radio Phnom Penh am 10. Januar 1976). "Ganz Kampuchea muß in ein rechtwinkliges Netz von Dämmen und Kanälen aufgeteilt werden und das ganze Land mit einem Schachbrett von Reisfelder überzogen werden" (Sen dung vom 21. Februar). "Wir suchen Reiskömer nicht wie die Reichen. die guten Reis wollen, sondem wie die Armen, die viel Reis wollen " (Sen dung vom 15. Januar). Alles für eine rasche und massive Produktion.

Die ersten Ergebnisse beeindrucken. Kambodscha ist von Natur aus ein reiches Agrarland, aber es war eins der Lander des asiatischen Südostens, in denen die Arbeitsproduktivität am niedrigsten lag. Und in der ersten Zeit nach dem Sieg herrschte ein fast an Hungersnot grenzender Mangel. Alle Beobachter sind sich heute darin einig. daß die Emte Ende 1975 Anfang 1976 außerordentlich reichhaltig war. Die Ration Reis pro Kopf ist laut Rein letzter Zeit au Testscha gekon oens, daß in vielen Regionen sich die Landschaft dank der Bewässerungsarbeiten vollständig reandert hat (s. W. Burchett: "Afrique-Asie" vom 3/16. Mai 1976) Die Autarkie in der Emährung scheint nun erreicht und das Ergebnis ist nicht zu unterschätzen im Vergleich zu dem, wie der Krieg das Land zugerichtet hatte. B sind auch kleine Fertigungsbetriebe wiedererrichtet worden: Radio Phnom Penh spricht von verschiedenen Textilien, Gummi, Fahrrädern, Batterien, Farbe, Glas. Seife. Papier, Nahrungsmittel, Zigaretten, Holzschneidem aschinen, Zementwerken, kleine Hochöfen, usw.

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Diese Anstrengungen zur Steigerung der Produktivität bringen für eine Bevolkerung. für die dieses der Mentallat mit son, ilese munizing rein auch an die Familienstruktur: die Kinder gehen oft fem von ihrem Dorf zur Schule: Jungen und Mädchen sind in Gruppen zusammengefaßt; die Heiratserlaubnis wird nicht von den Item einge nolt, die nichts mehr zu sagen haben, sondern von der Gruppen führerin der jungen Mädchen. Auch die Frau bekommt durch die Infragestellung der der Albeit einen meilen Plate Ner Centisa Die Frau kann nun einen Mann zur Heirat auffordem und das Radio hebt lobend die Gleichheit am Arbeitsplatz hervor: "Das was die Männer können, können die Frauen auch" (Sendung vom11. Februar). Auf Verwaltungsebene und sozialer Ebene sind neue Strukturen geschaffen worden. Jede Organisationsebene untersteht einem Triumvirat: dem Präsidenten, Vizepräsidenten und Sekretar, Zehn ›is fünfzehn Familien bilden eine "Gruppe" (krom). mehrere Gruppen ein Dorf (phum) und dann einen Kanton (khum), dessen Präsident (laut F. Ponchaud) Fachmann in Fragen der Repression sein soll. dann kommt der Bezirk (srock), dann der Distrikt (damlan) und dann die acht Regionen (phumpheak). Es werden auch Genossenschaften errichtet. Ihre Funktion und ihre Organisationsweise ist kaum bekannt: in jedem Fall gibt es Verteilungsgenossenschatten und die Arbeit ist kollektiv organisiert. Der Ausdruck "Genossenschaft" scheint an die Stelle der alten "Solidaritätsgruppe für die Produktion" Solidaritätsgruppe fur die Errichtung von Deiche und die Aushebung von Kanälen" und die "Gruppen für gegenseitige Hilfe" zu treten. Es scheint, daß Gruppe" der zehn Familien nominell zur Kooperative wird und daß die "Gruppe der Kooperativen" an die Stelle des Dorfes"tritt. DIE ALLMACHT DER ANGKAR

Aber diese radikalen Maßnahmen scheinen durch autoritäre Versetzung der Bevölkerung durchgesetzt worden zu sein, von der vielleicht nur die Bevölkerung der alten befreiten Gebiete verschont wurde. Die Mehrzahl der städtischen Bevölkerung wurde aufs Land geschickt, neuen Boden urbar zu machen oder auf Bauplätze. In den Dörfern ist die Bevölkerung in "drei Kräfte" organisiert worden: die "erste Kraft" die jungen Ledigen über 14 Jahre, werden weit weg von ihrem Heimatdorf in "mobile Gruppen" geschickt; die zweite Kraft", die Ehepaare "mittleren Alters" ", werden mit der Feldarbeit beauftragt: die "dritte Kraft" altere Personen, passen auf die Kinder auf und übernehmen kleinere Arbeiten. Die Baustellen" haben zahlenmäßig zugenommen: sie dienen der Aushebung von Kanälen und dem Bau von Deichen. Die. umfassen 400-500 Arbeiter bis 25.000.

sität gefordert und der Rhythmus der Arbeitstolge auf den Feldern und den Baustellen soll sehr schnell sein.

In diesem Zusammenhang scheinen die Massenor- Rolle zu spielen. Ser Apparat der Angrar verligt Der Apparat der Angkar verfügt uber die gesamte Macht. Natürlich haben die Wahlen zur Nationalversammlung --in die 150 Bauern, 50 Arbeiter und andere Werktätige und 50 Vertreter der Armee gewählt wurden -- daran nichts geändert. Die politische Struktur Kampucheas unterscheidet sich wesentlich von der Vietnams, vo die Massenorganisationen der Bevölkerung eir inderes Gewicht haben und die Partei der Arbeit eine andere politische Tradition. Aber es gibt zwar eine autoritäre Organisation und einen bürokratischen Zwang gegenüber den Massen, aber es hat, im Gegensatz zu den Behauptungen der westlichen Presse, keine massive physische Liquidierung gegeben.

Schenkt man vor allem den "Dokumentationen" von F Ponchaud Glauben, "scheint es nicht viele Massenexekutionen in den ersten Tagen gegeben zu haben" . Gruppenexekutionen sollen laut Zeugenaussagen im wesentlichen Offiziere der Mafionettenarmee getroffen haben, und das in den verschiedenen Regionen in unterschiedlichem Maß. In den Regionen Battambang-Siemreap soll die Repression am schärfsten gewesen sein. In andren Fallen sollen die Offiziere der Marionettenarmee verhaftet und in Gefangenenlager gesteckt wor-

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KAMBODSCHA den sein. Der Grad der Willkür scheint weitgehend von der Qualität der örtlichen Führung abzuhängen. Eine soziale Schicht, die der Offiziere und Funktionäre des Marionettenregimes und der städtischen Elite, ist am härtesten getroffen worden, selbst wenn es heute schwer ist, eine emsthafte Bilanz der Repression zu ziehen, die auf den Sieg folgte. Aber der Großteil der Flüchtlinge ist nicht vor dem Terror, sondern vor der Hungersnot und der harten Arbeit geflohen.

"Der Grund für die Flucht der Militärs und der Funktionäre des alten Regimes scheint die Angst vor der Beseitigung gewesen zu sein; aber die andern Flüchtlinge gaben als Grund meistens nicht nur die äußerst harten Lebensbedingungen, sondern vor allem den Hunger und die Hofinungslosigkeit. daß sich die elementare Lebenssituation kurzfristig anderean(Dokumentation vom Januar 1976, S.11). Die Hungersnot ist nicht das Werk der 'Roten Khmers." Sie ist in Phnom Penhunter der Herrschaft der USA ausgebrochen. Amerikanische Dokumente schätzen, daß am Vorabend der Befreiung täglich 250 Menschen in der Hauptstadt starben. Washington hat voraus- Bereuen genen ben der tausenden vin Men - daß der Abbruch der Luftbrücke in den schen das Leben kosten würde (Patrick Ruel in "Libération " vom 18.4.76). Es sind die Verantwortlichen für die Verwüstung Kambodschas unter den Bomben, die heute im Namen der menschlichen Werte die Trommel der antikommunistischen Kampagne rühren.

Dennoch hat der Sieg wahrscheinlich soziale und politische Kluft danken" (Dokument der Botschäft der GRUNK in Paris).

Wiederum ist man mangels konkreter und sicherer Informationen aut Vermutungen angewiesen. Die Ergebnisse. die in einem Jahr erzielt wurden, die Rückkehrbewegung. die ihren Ausdruck in der jüngsten Erklärung der 127 Kambodschaner findet, die Fähigkeiten, die während des Befreiungskampfes unter Beweis gestellt wurden, untersagen übereilte und endgültige Beurteilungen. Aber die Tatsache daß die Angkar es nicht für nötig hält, weiter auf die Verleumdungskampagne einzugehen, noch ihr Programm, Inre Onenterung, ihre Pläne klarer zu bestimmen, wirft schwerwiegende Fragen auf Es steht zu befürchten, daß die Anonvmität der "Organisation " ein Schutzschild fur die bürokratische Macht lokaler Potentaten ist, und daß die Probe, der ein Teil der Bevölkerung nach der Bereing unterzogen worden ist, auf die Dauer von der Revolution Vom reinen Standpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung aus gesehen, die oberste Priorität der Führung der Roten Khmers" zu sein scheint, wird die Entscheidung für die maximale Produktion rasch zu einer Senkung der Wachstumsrate führen, vor allem, wenn man noch die autoritäre Arbeitsorganisation berücksichtin so mien wehen king, tag si mat Bauer Wachstumsrate muß die realen Mobilisierungstähigkeiten der Massen berücksichtigen. Selbst die Hungersnot rechtfertigt nicht die Brutalität, mit der die städtischen Massen "zur Produktion abkomman• diert" wurden. Dringende Hilferufe und eine internationale Solidaritätskampagne hätten andere Möglichkeiten eröffnet, der Nahrungsmittelkrise zu be- "Roten Khmers"

zwischen der Führungevölkerung aufge- rissen. Der 17. April 1975 hat der Bevölkerung und einem Teil der der alten befreiten Gebiete wahrscheinlich bessere Lebensbedingungen gebracht, der Bevölkerung der neu befreiten Gebiete aber Exodus und Deportation. Krankheit und Unteremährung haben, so scheint es, vielen alten Stadtbewohnern den Tod gebracht. Unter diesen schwierigen Sieg wäre um einen ›olitischen Bruch und weitere soziale spannungen zu vermeiden Eine solche demokratische Organisierung der Massen gibt es nicht und die Angkar scheint mehr als jede andere Bewegung in Indochina die Rolle der "Fuhrungspartei" übemommen zu haben. Diese "revolutionäre Organisation" ist ebenso allmächtig wie ungreifbar. Die Organisationsgrenzen, ihr politisches Programm, ihre Beziehungen zu andem nicht eindeutig festgelegt, Vietnam z. B. Es scheint, als könne man die Angkar mit dem politisch-administrativen Machtapparat gleichsetzen. Sicher gibt es keinen Personenkult in der ehrung und in der Arbeit Aber das die Aber daß die "Organisation anonym ist, garantiert noch nicht ihren demokratischen Charakter. Und ihre Fahrungsrolle geht aber das Stell vertreterverhältnis der Partei gegenüber den Massen, wie es in andem indochinesischen Länder der Fall ist, hinaus. Das hat sich ganz deutlich bei den Wahlen zur Natonalversammlung gezeigt, wo das Radio erklart hat: "um der Angkar zu danken für die Ehre, daß man Abgeordnete wählen kann, sind alle entschlosdie Produktion zu entfalten und voranzutreiben" (Sendung vom 7 FApril): "Alle Siege, klärte leng Sary am 17 April 1976, haben wir im wesentlichen der weitsichtigen und richtigen Führung unserer revolutionären Organisation zu verfon und das neue Belspiel von lio (nach der Schlie- Das alte Beispiel der russischen Revolusung der Grenze zu Thailand) sind mahnende Erinnerungen.

Trotzdem scheinen die antikommunistischen Bewegungen in Kambodscha sehr schwach zu sein und völlig von Thailand abhängig. Sie sind zersplittert, umfassen jede maximal einige hundert Mitglieder und agieren vor allem von der thailandischenGrenze aus. Der einzige etwas stabilere antikommunistische Guerillaherd im Cardomangebirge scheint nun ausgelöscht. Die Grenze ist oft durchlässig und spärlich bewohnt, was gewissen Joralisten erlaubt, von "befreiten antikommunistischen Gebieten " zu reden. Aber das Grenzgebiet scheint eher der Lieblingsort von Schmugglern als Widerstandsherd gegen das neue Regime zu sein. 4. Juni 1976 ANMERKUNGEN :

(1) François Ponchaud, der lange in Kambodscha relebt hat, arbeitet heute bei "Echanges France- Åsie" im Rahmen der (katholischen) ausländischen Gesandtschaften von Paris". Diese Organisation veröffentlicht eine Reihe von Dokumentationen aber China, Vietnam, Kambodscha, usw. (2) Dokument "Echanges France-Asie" vom Januar bis Mai 1976 (rue de Babylone, 26, 75007- Paris). Die Zitate von Radio Phnom Penh, deren Quelle hier nicht extra angegeben ist. sind dieser Dokumentation entnommen. Man findet auch Übersetzungen von Sendungen von Radio Phnom Pene der secte mary tor roast:

Über die Gründe für Sihanuks Einfluß und fur le Entwicklung des Krätteverhältnisses innerhalt der FUNK.s.: Die Revolution in Kambodscha und der Sihanukismus" IV. Intemationale vom Mai/August 1973 und Inprekor" Nr. 14 vom 28.11.74.

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SCHWEDEN:

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