Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Perspektiven des revolutionären Kampfes in Bolivien (Interview mit H. Gonzales Moscoso)

Inprekorr Nr. 6, 15. August 1971 · S. 12-17 · 3.550 Wörter

Bolivien, Peru und Anden Gewerkschaften und Streiks Jugend und Studenten

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PERSPEKTIVEN DES REVOLUTIONÄREN KAMPFES IN BOLIVIEN (INTERVIEW MIT H. GONZALEZ MOSCOSO)

++*+++ ++ +++++++++++ Wir haben in INPREKORR Nr. 4 vom 15.6.71 ein Interview mit Hugo Gonzalez Moscoso zur grundlegenden Einschätzung der Situation und des po.. litischen Kampfes in Bolivien abgedruckt. Wegen der Aktualität des revolutionären Kampfes in Bolivien bringen wir heute ein neues, im Juli 1971 aufgenommenes Interview, in dem vor allem zur Frage des bewaffneten Kampfes Stellung genommen und andere aktuelle Fragen präzisiert werden.

Wie schätzt du die jetzige Lage ein? Welche Möglichkeiten siehst du Rechtsputsch, welche Maßnahmen müssen in einem solchen Fall ergriffen werden?

Wir glauben, daß die derzeitige Lage äußerst instabil ist. Die Staatskrise hält seit 1964 an. Auffällige Zeichen dafür sind z.B. die Arguedas-Affäre (1) und jener Tag im letzten Oktober, an dem es nicht weniger als 4 Regierungen gab. Diese Krise vertieft sich weiter. Die Regierung Torres ist sehr schwach und ohne Einfluß. Sie wird einzig und allein durch die Angst, die die Armee vor einem Chaos, das bei einem möglichen Wechsel eintreten könnte, hat, an der Macht gehalten. Torres selbst wird von zwei Seiten unter Beschuß genommen. Auf der einen Seite steht die Armee, die im großen und ganzen noch eine Einheit bildet. Sie ist nicht in Auflösung begriffen, sie hat keine Niederlagen erlitten, ihre Krisen sind unbedeutend und haben sie nur an der Oberfläche angekratzt in einer Weise, die ihre Einheit nicht gefährdet. Auf der anderen Seite stehen die Arbeiterbewegung und die Linken Boliviens, die sich auf der Grundlage eines schon ziemlich hohen politischen Bewußtseins in wachsendem Maße in Richtung Sozialismus radikalisieren. Sie haben mit den bürgerlich-demokratischen Methoden gebrochen, und nur ein Weg bleibt für sie noch: der Kampf für den Sozialismus. Dies kann man den Erklärungen der Arbeiterorganisationen oder den Äußerungen jedes x-beliebigen Arbeiters oder Bauern entnehmen. Es handelt sich hier um mehr als nur um verbale Protestformen. Die Bergleute der Grube Matilde wollen Bergwerk selbst kontrollieren. Hier handelt es sich um unmittelbaren Kampf um Sozialismus. Torres steht also zwischen den Massen auf der einen Seite und der Armee, der bürgerlichen Justiz, der Falange, der MNR (2) und Paz Estensorros auf der anderen Seite. Er hat keinerlei eigene Macht. Ein Beispiel für seine Schwäche gaben die Fahrpreiserhöhungen für Autobusse. Die Regierung gab die Erlaubnis für diese Erhöhungen, mußte sie aber innerhalb von 24 Stunden wieder zurückziehen: das Volk nahm die Erhöhungen nicht hin, es kam zu massiver Mobilisierung und zum Boykott der Busse. Die Transportunternehmer streikten, aber dieser Streik endete mit einer Niederlage, und die Fahrpreise blieben die alten. Dieser Vorfall zeigt deutlich die Ohnmacht der Regierung: unter dem Druck der Transportunternehmer ordnete sie die Fahrpreiserhöhungen an, und unter dem Druck der Arbeiter mußte sie diese wieder zurücknehmen. Die Regierung wird von der Rechten gehaßt, und auch von der Linken wird ihr Haß und Mißtrauen entgegengebracht. Die Rechte, d.h. die Bourgeoisie, ist schwach. Sie lebt vor allem von Importgeschäften. Als Einheit, als Klasse ist sie schwach und hat kein politisches Instrumentarium. Das einzige Werkzeug, über das sie verfügen kann, ist die Armee. Diese fühlt sich in der jetzigen Situation überhaupt nicht wohl und hält Torres nur aus einem Grund an der Macht: aus Furcht vor einem Volksaufstand. Aber gleichzeitig sieht sie, daß Torres nicht fähig ist, die Bewegung der Massen einzudämmen und zu integrieren, und daß er deshalb nutzlos ist. Diese Regierung treibt mit ihrer schwankenden Haltung indirekt die Mobilisierung der Massen voran, anstatt ihre Rolle als Bremser zu erfüllen. Die Armee und der Imperialismus verfolgen diese Ereignisse mit Besorgnis. Sie bereiten einen Staatsstreich vor. Das ist ein Prozeß, der sich unter INPREK OR R 15.8.71 S. 12

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der Oberfläche entwickelt. Sie warten nur auf den richtigen Augenblick. Aber das ist nicht einfach in der gegenwärtigen Situation, denn die Wachsamkeit der Massen wird nicht so ohne weiteres einen Regierungswechsel erlauben. Sie müssen ihren Putsch noch weiter aufschieben. Die Armee versuchte es zwar am 11. Februar, aber das Ergebnis war eine ungeheure Mobilisierung der Massen. Nochmals versuchte sie es in Santa Cruz und besetzte die Stadt in zwei Stunden; aber sie mußte sich wieder zurückziehen. Sie möchte sich bestimmter Teile des Volkes für ihre Putschversuche bedienen, und zu diesem Zweck versucht sie, Teile der MNR und der Bauern zu benuten. Aber diese angespannte Situation kann nicht mehr lange dauers. Sie wird ihren Putsch versuchen, selbst wenn die Gefahr eines anfänglichen Blutbades besteht.

•t wird Torres im Falle eines Staatsstreiches nachen?

Ich glaube, er würde resignieren und zu einem Übereinkommen mit der Armee gelangen. Inter den jetzigen Bedingungen kann die Armee - als Vertreterin der Bourgeoisie - der Linken und den Massen nicht erlauben, daß diese ihre Schwäche überwinden und somit ihre Kräfte entwickeln. Wir sind uns sicher, daß der Putsch kommen wird. Wir haben uns vorbereitet. Heute besteht eine Diskrepanz zwischen der politischen Radikalisierung der Massen und der Stärke der Arbeiterorganisationen. Daraus müssen wir schließen, daR bei einem Staatsstreich zum jetzigen Zeitpunkt die Armee und die Rechte der militärischen Sieg davontragen würden. Aber dieser Sieg würde ihnen bestenfalls die Kontrolle über einige Städte geben. Er würde den bewaffneten Kampf wieder entfachen, und zwar auf einer viel höheren Stufe als zu Zei- Obwohl wir uns der Armee nicht in frontalem Kampf entgegenstellen können, würden der Putsch und die Armeekontrolle über Staatsmaschinerie und einige Städte einen vielseitigen Kampf eröffnen: in den Städten, auf dem Lande, in den Bergwerken und an der Guerillafront in den Bergen. Bei dem derzeitigen Kräfteverhältnis ist das die wahrscheinlichste Entwicklung. Wir sahen dies schon in der Krise vom letzten Oktober voraus und gaben damals eine Erklärung ab, in der wir die Meinung vertraten, daß das Regime Torres nicht einen Sieg des Volkes darstellte, sondern eine Niederlage für die bolivianische Linke. Die Oktoberkrise hätte die Massen an die Macht bringen müssen, aber was fehlte, deo war ein einheitlicher politischer Wille, eine Volksarmee und Repräsentations- und Ausführungsorgane der lassen. Wenn es uns nicht gelingt, diese Probleme zu lösen, wird jede Krise zugunsten der Armee und Teilen der Bourgeoisie gelöst werden. Seit jener Zeit bis heute haben die Massen nur die Bildung einer Volksversammlung zustandegebracht. Und in einem halbherzigen Aufruf hat die COB (3) die Arbeiter aufgefordert, sich zu bewaffnen. Aber die Form, in der dieser Aufruf gekleidet war, zwingt mich, in ihm nicht mehr als reine Propaganda zu sehen. Sie organisieren das Oberkommando, noch bevor die Milizen geschaffen sind, bevor die Strategie des bewaffneten Kampfes diskutiert worden ist. Wir haben genau diese notwendigen Sghritte aufgezeigt. Sie haben diese Idee zwar aufgenommen, aber das war nicht ernsthaft. Es gibt keine organisierten Milizen in Bolivien; man muß sie also schaffen. Zuerst wird in den Sektoren, in denen wir Einfluß haben, damit begonnen. Während der 1.Mai-Demonstration marschierte eine Abteilung von uns beeinflußter Arbeiter unter dem Transparent "Wir brauchen eine revolutionäre Volksarmee", und dahinter marschierte eine Gruppe ausgewählver Arbeiter in Guerillauniform, in Waffen, mit dem Barett und dem Stern Che Guevaras. Das war vielleicht euphorisch, aber sehr lehrreich für das Volk. Aber die Gewerkschaftsführung denkt anders darüber.

Wenn die Bewaffnung der Arbeiter nicht organisiert wird, wenn sich die Volksarmee nicht entwickelt, dann, so glauben wir, wird es für die Putschisten ein leichtes sein, die Armee wieder als Kotrollmacht einzusetzen. Diese Situation wird der Beginn des Krieges sein. Wir dürfen nicht in starren Modellen denken; es wird ein Bürgerkrieg sein, auf nationaler Ebene,

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mit verschiedenen Fronten. Es wird der Beginn eines langandauernden Krieges sein, den wir schon jetzt vorbereiten.

Was hält die POR von der Volksversammlung und von der Stellung der PCB (bolivianische KP pro-Moskau), der POR (Lora)(4), von Lechin und der PRIN (Revolutionäre Partei der Nationalen Linken) dazu? Wir glauben, daß sie eine Kraft ist, die einige Nachteile der bolivianischen Linken und des revolutionären Prozesses überwinden kann. Sie muß sich zu einem Machtinstrument der Arbeiterklasse entwickeln, sie muß eine Doppelherrschaft errichten und die Arbeitermacht der Bourgeoisie entgegenstellen. Wir meinen, daß die Volksversammlung nicht nur die Regierung kritisieren oder die Interessen der Arbeiterklasse verteidigen muß (wie es in ihren Statuten steht), sondern sie muß auch folgende beide Fragen beantworten: die Arbeiterfrage und die nationale Frage. Wenn das nicht getan wird, wird sich die Volksversammlung in eine Art bürgerliches Parlament umwandeln. Der revolutionäre Prozeß braucht einen demokratischen Körper, der den Willen der Massen in der Frage der Machtübernahme aus+ drücken kann. Die Versammlung kann sich in Zukunft in zwei Richtungen entwickeln. In der einen wird sie von der Regierung neutralisiert werden. In der Volksversammlung arbeiten Kräfte in dieser Richtung, reformistische Stömungen, die schon einträchtig mit der Regierung zusammenarbeiten, besonders die PCB(pro Moskau). Wie gewöhnlich ist die Position der Lora-Grup-pe schwankend. Sie meint, daß die Volksversammlung ein Organ der Macht sein muß. Aber warn? In unbestimmter Zukunft. Bis dahin soll man nationale Probleme in reformistischer Weise diskutieren. Filemon Escobar, der POR (Lora)- Bergarbeiterführer, sagt, es sei notwendig, die Frage von Prozessen für Arbeitermörder und das Problem der Bergwerke zu diskutieren. Dies sind wichtige Dinge, aber nur dann, wenn sie in den Rahmen einer Doppelhert... schaftsstrategie eingefügt sind. Nehmen wir einmal an, die Versammlung nimmt sich der Massaker, die in den Bergwerken stattfanden, an. Soll Torres um die Bestrafung der Schuldigen gebeten werden? Lora spricht von Doppelherrschaft; aber er glaubt nicht, daß die Zeit für eine wirkliche Doppelherrschaft schon reif sei. ..

Auch die PRIN und Lechin, ihr Führer, reden von Arbeitermacht. Aber hier bleibt offen, wann diese Macht errichtet werden soll: in einer ersten Periode sei es notwendig, sich mit nationalen Fragen zu befassen, ohne die Machtfrage zu stellen. Um es deutlich zu sagen: sie wollen keine Konfrontation, sondern sie wollen die Volksversammlung etablieren. Aber diese Frage kann nur in den Kategorien des Klassenkampfes gelöst werden. Angenommen, die Armee greift an und setzt ein Regime vom Typ Barrientos ein. Die Volksversammlung wird zusammenbrechen, nicht ohne vorher nach Kräften Widerstand geleistet zu haben, ren Ort verlegt werden und weiterhin funktionieren und sich dabei auf den Kampf der bewaffneten revolutionären Kräfte. stützen. Wir glauben, daß die Volksversammlung in ein Militärregime integriert werden könnte. Aber wir glauben auch, daß die revolutionären Kräfte, die in der Volksversammlung arbeiten und die mit den Massen sehr fest verbunden sind, ebenso wie die Krise des kapitalistischen Regimes und die Machtkrise, daß diese Faktoren darauf hinweisen, daß sich die Volksversammlung wahrscheinlicher in die Richtung auf Arbeitermacht hin entwickelt. Es wird zwei Tendenzen geben. Anfänglich kann die Integrationstendenz eine gewisse Rolle spielen, aber sie wird sehr schnell zurückgedrängt werden. Das ist nicht nur einfach eine Frage politischer Manöver, sondern aach eine Frage der Geschicklichkeit der Regierung bei ihren Zugeständnissen an die Massen. Sie kann jedoch keine einzige Reform gewähren. Z.B. kann sie keine Gesellschaft nationalisieren, denn solche Unternehmen existieren nicht mehr. Der Druck der Massen wird jene Tendenz verstärken, die zur Doppelherrschaft strebt. Diese Tendenz wird auch den Termin des Putsches und der Konfrontation wieder in die Nähe rücken lassen. Wir wissen, daß die Doppelherrschaft nur eine relativ kurze Zeitspanne währen wird, wo sich zwei Kräfte um die Kontrolle des Landes streiten. Wir müssen sie zu nutzen wissen.

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Welche Formen wird der bewaffnete Kampf wahrscheinlich annehmen? Verschiedene. Es ist unmöglich zu sagen, ob sie vom Typ Kuba oder Guatemala sein werden. Der bewaffnete Kampf wird sich an die bolivianischen Bedingungen anpassen, an den hier vorhandenen Bewußtseinsstand und an die Schwächen der Linken. Wenn eine Armee auf der Basis der Gewerkschaften und der Bauern aufgestellt werden könnte, würde es zwei Armeen geben, und der Kampf hätte einen besonderen Charakter. Aber diese Problem ist noch nicht gelöst. Jedenfalls wird die Konfrontation die charakteristische Form des revolutionären Krieges annehmen, eines Guerillakrieges und eines Bürgerkrieges mit verschiednen Fronten.

Im Februar haben die Rangers (5) die Stadt Santa Cruz innerhalb von zwei Stunden eingenommen und die örtliche Verwaltung ausgewechselt. Sie könnten dasselbe hier in La Paz oder sogar in Cochabamba tun: die Armee kommt und nimmt die Stadt in einer Nacht. Es gibt keine organisierte Kraft, die darauf vorbereitet wäre, zu widerstehen. Die Massen würden auf die Straßen gehen, Geplänkel würden stattfinden, aber später hätten wir einen Krieg von Kommandoeinheiten, einen Guerillakrieg zu führen.

In den Bergwerkgebieten sind sie besser organisiert, und auf dem Lande bilden sie schon bewaffnete Regimenter. Dort wäre die Situation anders, es würde andere Kampfformen geben. Aber abgesehen von den Former, die der Kampf annehmen wird, wüssen zwei Fragen im lichte der jetzigen Situation untersucht werden. Es wird eine Armee geben, die von einer Partei, und eine andere, die auf der Ebene der Gewerkschaften zusammengestellt und geführt wird. Im geeigneten Augenblick werden sie sich zusammentun. Wir leben in der bolivianischen Realität. Es gibt Arbeiterorganisationen, die das Prinzip des bewaffneten Kampfes akzeptieren, aber aus der Sicht ihrer Organisationen.

Welche Antwort, welche Parolen müssen wir aufstellen? Wir sagen, daß es notwerfig ist, die Volksarmee der Arbeiter zu organisieren. Die COB hat dieselbe Parole angenommen wie wir. Unsere Genossen, Arbeiter und Bauern, müssen zur selben Zeit, no sie die Partei organisieren, auch diese Volksarmee aufbauen und zu ihrem Kern werden. Wir sehen keine Widerspruch zwischen dem Aufbau einer Armee, die von einer Partei geleitet wird, und dem Aufbau einer Volksarmeę. Unsere Fortentwicklung durch die Schaffung einer revolutionären Armee würde eher der Arbeiterklasse helfen, sich als Klasse zu bewaffnen.

Ob die Volksarmee zu einer Realität wird oder nicht, in jedem Fall wird der zukünftige Bürgerkrieg auf massive Unterstützung des Volkes rechnen können. Und in der Zukunft wird sich eine revolutionäre Armee, die der Armee der Partei überlegen ist, entwickeln können, und wir werden selbstverständlich den Kern dieser Armee bilden.

In Bolivien sind die Parteien, die den bewaffneten Kampf unterstützen, die ELN (6), die Pro-Chinesen (die den langandauernden bereiten) und die MIR (7). Unsere Konzeption ist die ausgewogenste; wir betrachten das Problem als ein ganzes und nicht nur die Frage der Organisation. Wir glauben, daß wir ein der ELN und der MIR ebenbürtiges Prestige erlangt haben, und wir haben gute Beziehungen zu den prochinesischen Gruppen. Wir sind in der Lage, unsere Aktionen mit ihnen zu koordinieren. Diese Einstellung ist grundsätzlich von unserer politischen linie abzuleiten. Aber es gibt noch etwas: das Gewicht der IV. Internationale und besonders der Kampf unserer argentinischen Genossen erhöhen unser Ansehen. Wir meinen, daß es möglich ist, die Arbeit in dieser Massenbewegung zu koordinieren und der Aufbau einer militärischen Organisation in die Wege zu leiten, die viel bedeutender sein wird als die gegenwärtige. Wir sind der Ansicht, daß es notwendig ist, mit bewaffneten Aktionen unmittelbar zu beginnen, die mit der Lösung der Arbeiterfrage gekoppelt sein müssen. Wir haben z.B. bei den Landbesetzungen in der Provinz La Paz mit-

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gewirkt. Eine andere Gelegenheit wurde uns durch die Entscheidung des unabhängigen Bauernbundes Boliviens, die latifundien zu liquidieren, gegeben. Wir intervenierten, um diese Forderungen durchzusetzen. Wir führen ähnliche, wenn auch nicht identische Aktionen durch wie unsere Genossen in Argentinie Was für Beziehungen habt ihr heute zur ELN, und wie sah es damit in der Vergangenheit aus?

Unsere gegenwärtigen Beziehungen zur ELN sind, wie ich schon gesagt habe, freundschaftlich, wie es revolutionären Organisationen zukommt, die im bewaffneten Kampf un den Sozialismus stehen. Seit ihrem öffentlichen Auftrete unter der Führung von Che Guevara in der Guerilla von Nancahuazu wurde die ELN von unserer Organisation offen unterstützt. Und nicht nur das; wir haben sogar unsere Teilnahme als Kampfgenossen vorgeschlagen. Dennoch waren diejenigen, die mit der städtischen Organisierung der ELN beschäftigt waren (vom Mai 1967 bis zum Oktober desselben Jahres) nicht in der Lage, die von Che gebilligte Rekrutierung zu realisieren.

Nach der Ermordung von Che ist es uns innerhalb von wenigen Monaten gelun-gen, unsere Arbeit miteinander zu verbinden, wobei wir allerdings trotz allem die organisatorische Trennung beibehielten. Wir wollten gemeinsam und in Verbindung mit den Massen die Fortsetzung der Guerilla reorganisieren und vorbereiten, an der städtischen Front, unter den Bergarbeiterr und auf dem Land. Diese gemeinsame Arbeit, die von uns und Inti Peredo entwikkelt wurde, zerbrach an der Repression von 1969, als Mitglieder der POR und der DIN getötet und gefangengenommen wurden. Auch Inti fiel unter den Schlägen der Repression. Diese war grausam und zerstreute die Mitglieder der beiden Organisationen zeitweise in alle Winde. Danach fand aus verschiedenen Gründen der Wiederaufbau der beiden Organisationen getrennt statt. Dann kamen Teoponte und andere Rückschläge. Die Ereignisse und die Geschichte der letzten Jahre haben gezeigt, daß ELN und POR Organisationen sind, die untereinander sehr viele Gemeinsamkeiten haben im bewaffneten Kampf für Sozialismus. Deshalb besteht Einklang zwischen ihnen, obwohl es Differenzen in der Konzeption des bewaffneten Kanpfes gibt. Differenzen, die in dem Maße schwinden, wie die Schlüsse aus den in der Vergangenheit gemachten Erfahrungen gezogen werden. Wir heben immer das Prinzip einer Guerilla, die mit den Massen verbunden ist, verteidigt. Sie entsteht in den wichtigen Städten, in den Gruben, wo gich die radikalisiertesten und politisiertesten Teile des Proletariats befinden, und Lande in Verbindung mit den bäuerlichen Massen. Diese Konzeptionen haben nichts gemein mit der Focustheorie.

Wie löst ihr das Problem, den bewaffneten Kampf mit dem politischen Kampf der Massen zu verbinden?

In Bolivien stehen die Fragen der bewaffneten Aktionen und des politischen Kampfes der Massen in enger Verbindung zueinander. Unsere Partei arbeitet offen mit ihren Genossen. Wir haben beispielsweise auf dem Kongreß der Bauern unser Programm vorgeschlagen, und fünf unserer Genossen sind in die Exekutive gewählt worden. Wir arbeiten auf dem Land, in den Universitaten und in den Arbeiterorganisationen. Wir versuchen, die gegenwärtige politische Situation auszunutzen. Wir gewinnen führende Stellungen in den Organisationen der Arbeiter und der Bauern.

Am wichtigsten ist vielleicht die Tatsache, daß der Unabhängige Bauernbund Boliviens von uns beeinflußt ist. Die Führung ist aufgeteilt zwischen uns selbst, den Pro-Chinesen, der MIR und der MNR, welche nur eine Minderheit ist. Der Bund selbst ist besonders stark im Distrikt von La Paz, auf der Hochebene und ebenso in der Gegend von Santa Cruz. Wir beginnen einen Kampf, der darauf abzielt, die Organisationen der Regierung auf dem Lande zu zerstören. Wir machen Fortschritte auf dem Lande, besonders auf der Hochebene indin Santa Cruz. Dort konzentrieren wir augenblicklich unsere Kräfte.

Wir arbeiten in den Bergwerken, besonders in Huanuni, dem größten nationa-

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lisierten Bergwerk, das 4 000 Arbeiter beschäftigt, und wo einer unserer Genossen die Bewegung führt. In den Gruben Catavi und Siglo XX wurden unsere Genossen unter dem Barrientos-Regime hinausgeworfen. Heute arbeiten sie wieder dort und beginnen sich wieder zu organisieren. Wir besitzen auch die Führung der Arbeiterunion von Blé, die 6 000 Arbeiter vertritt. Desgleichen machen wir wichtige Fortschritte an den Universitäten von La P:az, Oruro und Cochabamba. In Zusammenarbeit mit der ELN haben wir zum an der Universität beigetragen und die den Unabhängigen Marxisten und uns selbst eine Einheitsfront bildete. Wir waren im Zentrum dieser Aktivitäten, und unsere politischen Positionen haben dabei ein großes Echo gefunden.

Unsere Partei setzt sich vor allem aus Arbeitern und in einem geringeren Weil wir unser Programm für die Universität nicht adaptiert haben, ist der Sektor der Intellektuellen unserer Partei wenig entwickelt. Wir sind der Meinung, daß dies eine Schwäche darstellt, vor allem wenn man das niedrige kulturelle Niveau des Landes und die wichtige und notwendige Rolle der Intellektuellen berücksichtigt. Die Radikalisierung der studentischen Intellektuellen kann die Führung für die Arbeiterklasse und die Bauernschaft liefern. Unsere Arbeit ist zur Zeit durch den Mangel an Kadern auf diesem Niveau gehemmt, und auch aus diesem Grund sind wir an der Universitätsarbeit interessiert.

Wir meinen, daß der Aufbau der Partei in kombinierter Arbeit auf politische und militärischer Ebene geschehen muß. In der Barrientos-Periode mußten wir uns fast ausschließlich auf militärische Arbeit beschränken, denn die Gelegenheit für offene Arbeit gab es nicht. Heute sind die Bedingungen dafür vorhanden, und wir machen mithilfe von beiden Arbeitsmethoden Fortschritte: nach zahlreichen Versuchen haben wir es fertiggekriegt, die politische und Untergrund-Arbeit miteinander ins Gleichgewicht zu bringen. Wir glauben, daß wir trotz allem, trotz der harten Repression uns gegenüber seit dem letzten Oktober Fortschritte gemacht haben.

LA PAZ, im Juli 1971 (1) Der Fall Arguedas zeigt beispielhaft den Mangel an Stabilität. Arguedas war Innenminister der Barrientos-Regierung, und in Bolivien erinnert man sich noch an ihn, weil er an dem Bergarbeitermassaker und an anderen Repressionen beteiligt war. Er rühmt sich, ein Agent der CIA im Kabinett gewesen zu sein; aber er war verantwortlich dafür, daß das Tagebuch, die Totenmaske und die Hände von Che nach Kuba geschickt wurden. Heute hält er sich in Kuba auf.

(.) C.O.B.: Confederación Obrera de Bolivia, Bolivianische: Gewerkschaftsbund (:) M.N.R.: Movimiento Nacional Revolucionario, Revolutionäre Nationale Bewegung. Sie kam in der Revolution von 1952 an die Macht und hat sich seither immer mehr dem Imperialismus verkauft.

(5) Rangers: Von den Amerikanern ausgebildete Elitekampftruppen, die gegen Che Guevara eingesetzt worden waren.

(6) E.I:N.: Ejercito de Liberación Nacional, von Che gegründete Nationale Befreiungsarmee (7) M.I.R.: Movimiento de la Izquierda Revolucionaria, Bewegung der Revolutionären Linken (8) M.R.Espartaco: Revolutionäre Spartakusbewegung, Linksabspaltung der M.I.R.