Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Über J. Medvedev: Interview mit J. Medvedev

Inprekorr Nr. 55/56, 9. April 1976 · S. 28-40 · 9.097 Wörter

Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie

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J.MEDVEDEV können erst in einer Situation ernsthafter politischer oder wirtschaftlicher Krise in Bewegung geraten. Eine solche Perspektive ist aber weder wahrscheinlich, noch wünschenswert"

Die praktische Konsequenz aus dieser Analyse ist der Schwerpunkt aut einer im wesentlichen propagan distischen Aktivität, die an die Mitglieder der Partei und der Intelligentsia gerichtet ist. In diesem Zusammenhang muß man die Bedeutung und das Interesse zweier Werke von Roy Medwjedev hervorheben, die auf französisch erschienen sind: "Der Stalinismus" und "Von der sozialistischen Demokratie einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis und Analyse der UdSSR. Bei der Lektüre dieser Werk überrascht übrigens die Kluft zwischen der Analyse der sowjetischen Gesellschaft und den daraus entwickelten Aktionsperspektiven.

sicher teilen wir einige der Analysen von Roy und Jaures Medwjedev nicht, besonders über die Rolle der verschiedenen sozialen Kräfte im antibürokraaber wir meinen, daß die Eröfflung einer breiten Debatte zwischen revolutionăen Marxisten und dieser wichtigen Strömung in der Opposition wichtig und dringend ist. Die Veröffentlichung dieses Interviews Ist ein erster Schritt in dieser Richtung. (Schließlich weisen wir darauf hin, daß bei Maspero demnächst breite Auszüge aus der Zeitschrift XX. Jahrhundert veröffentlicht werden; diese Zeitschrift wird seit mehr als einem Jahr von Roy Medwjedev im Samizdat vertrieben).

Jaures MEDWJEDEV. Geboren in Tblissi in Georgien. 1937 verhaftet und deportiert. Sein Vater, Philosoph on eMirer st de 1941 in einem Lager. J. Medwjedev, Genetiker und Biochemiker von Weltruf, beteiligt sich am Kampf gegen die Rehabilitierung Stalins. Im Mai 1970 wird er in eine psychiatrische Klinik eingeliefert unter dem Vorwand eines medizinischen Gutachtens. Durch den Druck einer breiten Mobilisierung der sowietischen und internationalen wissenschaftlichen Intelligenz Seine namhaftesten 10 Jahre nach Ivan Denissovitsch, Intemierung im psychiatrischen Krankenhaus): das letzte Buch schríeb er zusammen mit seinem Bruder Roy.

ROY MEDWJEDEV ist Historiker und lebt in der Sowjetunion.

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ROY UND JAURES MEDWEJEW INTERVIEW MIT

J. MEDVEDEU

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interview INPREKORR : In den 60er Jahren gab es unter den verschiedenen Gruppen von Dissidenten eine gewisse Einheitlichkeit. Inzwischen ist jedoch eine Differenzierung eingetreten. Einige der bekanntesten Wortführer wurden gezwungen auszuwander. Zwischen den verschiedenen oppositionellen Gruppen in der Emigration und in der Sowjetunion waren heftige Diskussionen im Gange. Glauben Sie, daß man heute von einer Krise ler Opposition in der Sowjetunion sprechen kann? Und wenn ja, wo liegen die Gründe dafür? MEDWEDJEW : Man kann tatsächlich sagen, es eine Krise gibt, die sich einerseits in harten Diskussionen und tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Gruppen äußert, andererseits aber zu einer Verringerung ihres Ein flußes in der Sowjetunion und in geführt hat. Es gibt vielfältige Grinde für diese kil- wisser Weise auch ihrer Popularität im Ausland Grund liegt natürlich in den energischen Maßnahmen, die von den Behörden gegen diese Bewegung ergritten wurden. Das wurde in besonders brutaler Weise 1973 beim Prozeß von Jakir und Krassin deutlich, die anfangs sehr bekannt waren. Aber in der Voruntersuchung und während des Prozesses haben sie völlig mit dem KGB (dem sowjetischen Geheimdienst) zusammengearbeitet. Sie "Vergehen" zugegeben, vollständige Reue rezeigt und eine sehr große Zahl von Menschen in Gefahr gebracht. Bei der Jakir-Krassin-Affäre wurden über 200 Zeugen vorgeladen. Fast alle aktiven Mitglieder der verschiedenen Gruppen wurden zum Verhör vorgeladen. Die Jakir-Krassin-Affäre hat ile Opposition in Verrut gebracht. Jakir und Krassir haben nicht nur vollständig mit dem KGB zusammen gearbeitet, sondern auch falsche Zeugenaussagen gemacht. Sie haben nicht nur alles erzähit, was passiert ist; sie haben nicht nur von ihren Verbinlungen zu den Emigrantengruppen. insbesondere zum NTS (1) gesprochen und vom Geld, das sie von Ihnen bekommen haben, sondem sie haben auch in einer Pressekonferenz falsches Zeugnis abgelegt. Sie behaupteten, daß überhaupt niemand verfolgt würde, daß die psychiatrischen Kliniken und Dokumente wie die Chronik der laufenden Ereignisse" verleumderische Erfindungen seien, usw. ben sich wie echte Provokateure benommen. Und diese Sache, in der eine der im Ausland bekanntesten Gruppen eine solche Rolle gespielt hat, hatte zu diesem Zeitpunkt eine sehr demoralisierende Auswirkung. Außerdem fiel sie mit der sehr lebhaften Kampagne gegenSacharow und Solschenizyn in Verbindung mit der Veröffentlichung des "Archipel Gulag" zusammen. In der Folgezeit wurde Solschenizyn ausgewiesen; Sacharow hat seinen Einfluß verloren. Zuvor hatte er zu wirtschaftlichen und polider Presse freiheit, usw, von einem liberal-soziali- tischen Fragen, zu Problemen der Bürgerrechte stischen Standpunkt aus Stellung genommen. Er ist zu anti-sozialistischen Positionen übergegangen und begann, seine Forderungen im wesentlichen aut Probleme der Emigration und des Jackson-Amendement zu beschränken. Er forderte den amerikanischen Kongreß auf, das Jackson-Amendement anzunenmen, weil er glaubte, dies würde die sowjetische Regierung zwingen, Konzessionen zu machen. Das war ein Irrtum denn für jeden. der die Sowjetunion kennt, war klar, daß die sowjetische Regierung unter dem Druck des Jackson-Amendements keine Konzessionen machen werde sondern daß dies im Gegentell negative Auswirkungen haben werde.

Solschenizyn, der als Schriftsteller und moralischer Führer, als einer, der in den Lagern gelitten hat, außerordentlich populär war, veröffentlichte, als er im Westen war, seinen Brief an die sowjetischen Führer, Er fordeme rie sowiehfür die Monarchie eintrat.

schen Führer auf an der Spitze des Staates zu bleimit autortären Methoden au tieren, d.h. askend d.h. Diktatoren zu sein, aber nicht mehr Parteiführer. Sie sollten nicht mehr mit Hilfe der Partel regieren, völlig un annehmbar ist und sich vor allem im Mund sondem eine liberale Diktatur errichten, was Solschenizvns seltsam ausnimmt. für den jede Diktatur rasch totalitär und blutrünstig wird. te außerdem, daß alle Parteien und politische Gruppen verboten werden sollten und man allein religiöse Vereinigungen erlauben solle. In der ersten Variante des Briefes war die einzige politische Bewegung, die weiterbestehen sollte In der zweiten Variante hat er auch den Komsomoi gestrichen. Er schlägt also ein Programm vor, nach lem die Gesellschaft von den augenblicklichen

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Führern geleitet werden soll, und zwar deswegen, weil sie seiner Meinung nach aus Machthunger Führer sind und es zu einer tiefgreifenden Desorgadiese Macht entziehen wollte. nisation der Gesellschaft käme• eder die politi- wenn man ihnen schen Parteien noch politische Freiheit sind seiner Ser met gene unter den Wasench le tem den Kräften, der Intelligenz,e ganz allgemein nicht religiös, sondern Anhänger der polftischen Freiheit sind, Enttäuschung hervorgerufen.

INPREKORR: Glauben Sie, daß die Krise dem- nach auf Irrtümer bestimmter Einzelpersonen zurückzuführen ist und nicht auf eine ideologische schwache, die von Anfang an ein Merkmal der Mehrzahl der oppositionellen Gruppen war?

MEDWEDJEW : Sie ist das Ergebnis einer unzureichenden Kenntnis der Geschichte und der politischen Arbeit. So nimmt z. B. Solchenizyn Stellung gegen Marx. Aut einer Presseconferenz in Stockholm brachte er ein Zitat vor und Engels entnermenesar bas bedeuten ers daß es es gelesen hat. Man hatte ihm dieses Zitat -- aus dem Zusammenhang gerissene (an isch terreich, Strie schie team an Auszüge-- in die Hand Das gleiche daß einiger seiner Zitatauszüge überhaupt nicht von Marx stammen, sondern von ander Autoren, die von Marx zitiert und kritisiert wurden. "Marx, Band soundso, Seite soundso" , das ergibt häufig ein absurdes Zitat. Er glaubt, es sei von Marx, aber in Wirklichkeit ist es nicht von Marx, sondern von Duhring oder jemand anderem. Das rührt von einer schlechten phílosophischen Ausbildung her, von einer schlechten Kenntnis dieser Disziplinen, Sie können das feststellen, wenn Sie Schafarewitschs Artikel "Stimmen unter den Trümmem " lesen. Das ist ein völlig absurder Artikel, in dem die sozialistische Gesellschaft mit der Gesellschaft der Inkas in Amerika gleichgesetzt wird, plus allen Fehlern der Gesellschaft des antiken Griechenland und ich weiß nicht, was sonst noch. Er kritisiert alle sozialistischen Ideen, indem er bis Platon zurückgeht... schenizyn kritisiert in seinem Beitrag jede Idee einer Revolution -- angefangen von der tranzosischen Revolution und Marat, obwohl es keine Verbindung zu heutigen Problemen gibt, die solche Analogien erlauben würde. Diese außerordentlich kindischen und primitiven politischen Stellungnahmen und die völfige Unwissenheit über die wirklichen Ursachen der Ereignisse haben über diese Persönlichkeiten, die einen hervorragenden Platz Sandspresse eingenommen haben, herbe Enttäu- wie auch in der Ausschung hervorgerufen. Das hat eine demoralisierende Wirkung ausgeübt.

haben können, wenn Solschenizyn ni cht den veröffentlicht und wenn er die Zahlen nicht übertrieben hätte. In einer Erklärung, die er kürzlich schen in den Lagern gestorben und 44 Millioner behauptete er, es seinen 66 Millionen Menwährend des Krieges. Wohen Tote. Kine as Diat ibertriebene Zahl, die das Problem aufwirft, wie leichtfertig Solschenizyn mit den Tatsachen umgeht. Er hat sogar erklärt, Schljapnikow sei der hauptsächliche Führer de Oktoberrevolution und Lenin sei nicht Gründer der und siniste despen Kalibers z Bien, Fabring sehr schlecht dafür gerüstet ist, über diese Themen zu sprechen. Andere Persönlichkeiten wie etwa Was Sacharov betrifft, so hat er zwar auch viele Maximov haben sich in dieselbe Lage gebracht Fehler begangen und unrichtige Erklärungen abgegeben, aber er hat seine Volkstümlichkeit beibe malten, denn er ist ein sehr viel toleranterer Mensch, viel bescheidener, Er spricht nicht als Prophet, sondern drückt seine persönliche Meinung aus, ohne dies von der Tribüne des Verkünders herab zu tun. Er ruft die Menschen nicht als absoluter moralischer Führer dazu auf, Buße zu tun. Darum begreifen die Menschen auch, daß wenn er eine Idee ausdrückt oder einen Irrtum begeht, dies seine eigenen Irrtümer sind, daß er einfach nicht genug normiert ist, was natürlich nicht sehr gut, abe egreiflich ist. Nicht jedermann kann alles wissen, Die Tatsache, daß er immer bereit ist, Menschen zu verteidigen, für politische Freiheiten, für die Rechte von Minderheiten einzutreten, hat ihm sowohl bei den Menschen in der Sowietunion, als auch bei denen im Ausland große Sympathien eingebracht. Er hat große persönliche Qualitäten. Darum verzeiht man ihm eher. Wenn er sich aber --

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UDSSR verleitet von seinem wachsenden Ruhm -- auf allgemeinere Erklärungen einlast, kann ihm das nur Schaden zufügen. Ich hoffe, daß er weise genug sein wird, diesnicht zu tun. Bereits in seinem letzten Buch "Mein Land und die Welt" (1975 veröffentlicht) zieht er eine Reihe falscher Schlußfolgerungen. Er geht sogar soweit, die Amerikaner anzugreifen, weil sie den Vietnam-Krieg nicht seiner Meinung ist. Er nimmt für die Amerikaner Stellung. Er kritisiert Amerika, weil es Vietnam verlassen und seine Verbündeten im Stich gelassen hat, anstatt eine mächtiges Expeditionsheer hin auszuschicken. Das ist absurd und rührt von einer schlechten Kenntnis dessen her, was in Vietnam geschehen ist und was heute dort geschieht. Ein mächtiges Expeditionsheer hätte nichts geändert. Nur ein Völkermord hatte die Errichtung der amerikanischen Herrschaft in Vietnam ermöglicht. Man muß dar an erinnem, daß Sacharow 1968 und 1970 die Amerikaner wegen ihrer Intervention in Vietnam hettig angegriffen hatte.

INPREKORR : Was halten Sie von den Stellungnahmen Grigorenkos, insbeson dere von dem, was er über die Entartung des sowjetischen Staates sagt?

MEDWEDJEW : Grigorenko spricht heute sehr wenig. Nach den vielen Jahren, die er in einer psychiatrischen Klinik zubrachte -und er ist bereits alt -- entfaltet er keine großen politischen Aktivitäten mehr. Seine früheren Ar- eiten, die bekanntsind, sind meistens äußerst brillant. Sie unterscheiden sich vor allem durch eine starke innere Begeisterung und tiefe Uberzeu Stand die Strukturen des bürokratischen Staates und In sehr vielen Punkten hat er recht. Er verseine Funktionsweise besser. Er war dem in gewisser Weise näher, weil er General und Professor an einer Militärakademie war was bedeutet, daß er dieses ganze System besser kannte. Wenn er also von bildes Krieges spricht, des Krieges spricht hat er zweifelsohne Recht. ene in andem Punkten hat er seine Möglichkeiten überschätzt. Er verstand nicht, daß es unter den Bedingungen, unter denen er seine Tätigkeit entfaltete, unmöglich ware den Lauf der Ereignis. Mitte be- eine aktive, mächtige Organisatior zu schaffen, einflußen können. Er war davon überzeugt, daß es möglich sei. eine Oppositionsbewegung ins Leben zu rufen, die nach den Grundsätzen strengster Disziplin organisiert ist. Er litt noch ein wenig unter dem Komplex des Generals. Es war sehr schwer, mit ihm zu diskutieren. Er bemühte sich, seiner Standpunkt aufzuzwingen. Das hat viele Menschen die Sympathie für ihn emwegen seinem Bestreben nach einer raschen Änderung seine striegelen frank er alger Perpetive endwart, war er daran gehindert, in Ruhe eine vorsichtige politische Arbeit durchzuführen. Er suchte nach einer schnellen Lösung. Er war sehr ungeduldig, sehr unvorsichtig. Darum ging er auch in die Falle. Man mißbrauchte sein Vertrauen und veranlaßte ihn, nach Usbekistan zu gehen, wo man ihn verhaftete, was man in Moskau nicht zu tun wagte. Er hätte vorsichtiger und beharrlicher sein müssen. Grigorenko ist vom politischen Standpunkt aus eine der saubersten Persönlichkeiten, Wenn man sein Werk die Risiken nachzudenken, denen er sich aussetzte. Bei den andern gibt es manchmal eine gewisse Heuchelei. Man spürt, daß sie zu sehr darauf aus sind, Ideen vorzutragen, die im Ausland breites Echo finden, um die Aufmerksamkeit und Unterstützung der intemationalen Presse zu gewinnen Sensation zu verursachen. Nichts von alledem findet man bei Grigorenko. Ihm geht es keineswegs darum, Lärm zu schlagen. Er versuchte, die inneren Kräfte, nicht die äußeren zu mobilisieren. Das ist sein großes Verdienst.

INPREKORR : Als Sie von Grigorenko sprachen, haben Sie die Probleme der Taktik aufgeworfen: was muß man tun, wie muß man es Wenn ich Sie beim Diskussionsgespräch(2) richtig verstanden habe, dann haben Sie gesagt, daß es was von werden kann. Geht es hier um ein taktisches Pro- Ben Rahmen der sowjetischen Legalitat beschränken oder glauben Sie, daß man sich auf den enmuß, so wie ihn die augenblicklichen sowjetischen Führer begreifen, und daß man, um die sowjetische Gesellschaft zu ändem, die Spielregeln einhalten muß, die von den sowjetischen Führem festgelegt wurden? Geht es nur um eine taktische Frage, um die Repression zu vermeiden, oder glauben Sie, daß der einzig richtige Weg der ist, nicht in einen offenen Konflikt mit der Regierung zu geraten?

MEDWEDJEW : Ich glaube nicht, daß man taktische Probleme von den Zielen trennen kann, die man erreichen kann, denn wenn man eine richtige Taktik wählt, bedeutet dies auch, daß man auf der Ebene der Aktion ein bestimmtes Ergebnis erzielt, Jedenfalls ist das niemals ein individuelles Problem. Wenn man das autobiographische Buch von Solschenizyn "Die Eiche und das Kalb" liest, sieht man deutlich, daß Solschenizyn glaubte er könne allein den Charakter der Gesellschaft ändem. Er meinte, es werde das Regime sich nicht mehr lange halten genuge dieses Buch zu veröffentlichen, und dann können. Er glaubte, sein Buch "Archipel Gulag" das zweifelsohne ein sehr starkes Buch ist, werde das ganze Regime zusammenbrechen lassen. Zu glauben, er Könne allein das Regime besiegen, war ein absolut utopischer Standpunkt. Wer aber irgendwelche Anderungen erreichen will, muß für seine Sache nicht ein oder zwei Personen die winnen, sonder eine bedeutendere Gruppe, diese Anderungen wünscht. Die Spitze des Apparats entscheidet nicht allein. Die mittlere Schicht der Bürokratie und der Intelligenz besitzt eine relativ große Macht, die sich natürlich nicht in synchronisierter Weise äußert, die aber dennoch vorhanden ist. Das sind jene Menschen, die Projekte und Pläne ausarbeiten, die die Reden von Breschnew abfassen. Alle diese Menschen, die direkt an solchen Projekten teilnehmen, die in den verschiedenen Komitees arbeiten, fuhren letztenendes bestimmte Änderungen herbei.

So spricht man z.B. dieses Jahr von einer Verschärfung der Repression, Wenn man aber die letzten literarischen Preisverleihungen untersucht dann stellt man fest, daß die beíden Autoren, die die Preise bekommen haben, Fedor Abramow und Tine zur Mannschaft von Twardowsky gehören, alle beide Autoren von Now Mir sind, verfolet waren und deren Werke sich mühselig einen Weg bahnen, Abramov hatte sehr viel Mühe, sein Werk drucken zu lassen. Man hat ihm alle aber in Wirklich- Er ließ es als Tiergeschichte in der Zeitschrift "Wissenschaft und Leben" abdrucken, Nur so konnte er es durch die Zensur schmuggeln. In anderer literarischen Zeitschriften wäre Ihm das nicht gelungen. Und heute hat dieses Werk einen bedeutenden Preis bekommen.

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Auf literarischem Gebiet gibt es einen Fortschritt. Man berücksichtigt die Qualität und das Interesse ler Leser für ein Werk. Hat ein Werk Interesse ge• weckt, stößt es bei den Lesem auf ein breites Ecno, dann wird dies als Vorzug betrachtet. Die ideologischen Aspekte des Werks werden nicht mehr allein berücksichtigt.

Diese Gesellschaftsschicht hat jetzt auch in der Sowjetunion große Bedeutung. Für jede politische oppositionelle Aktivität ist es sehr wichtig, zu dieser Schicht zu wissenschaftlichen Kreisen und zur schöpferischen Intelligenz Kontakte zu haben. Für einen Menschen wie Roy Medwedjew ist es sehr wichtig, die main Bal eigen der der Party sind, Leuten, die im Apparat der Partei arbeiten, damit sie begreihistorische Unzung heiten beschrein, die ic die wirklích vorhanden sind. Damit sie begreifen, daß all dies wahr ist und daß seine Emptehlungen nützlich sind. Das ist ein taktisches Problem, aber es steht in Zusammenhang mit allgemeineren Bedingungen. Venn man plötzlich schreibt, daß man die Wirtschaft entnationalisieren muß, oder wenn jemand sich mit einem Programm wie das "demokratische dessen Verfasser unbekannt ist und worin geschrieben steht, daß das kapitalistische System seine Vitalität bewiesen habe, dann beraubt man sich jeder Möglichkeit eines Kontakts zu jenen, die vielleicht Gleichgesinnte sind, die es aber niemals offen sagen würden. Die ernstesten von ihnen verstehen überdies ohnehin, daß viele gesellschaftliche Veränderungen unvermeidlich sind, daß aber der Sowjetunion nicht alle Entwicklungsmöglichkeiten offenstehen, sondem nur einige und daß man die besten wählen muß. 1969/10 veröffentlichte Roy sein "Politisches Journal" • Beide Bände sind bereits erschienen. Im ersten Band gibt es einen Artikel über Außenpolitik, in dem er offen die sowjetische Politik im Vorderen Orient kritisiert. Er schreibt, Nasser stelle die einzige Garantie für die Stabilität der sowjetischen Politik, ihre alleinige Stütze und die einzige Grundlage für die Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und den Arabern dar. Nasser unterhalte freundschaftliche Beziehungen zur Sowjetunion und vertrete eine solche Politik, und das sei alles. Außer der Sowjetunion mit denen Agyptens verknuser Nasser gäbe es nichts Festes Er kritisierte die Tatsache, daß ein Mann die einzige Grundlage für die Politik bilde und sagte voraus, daß wenn Nasser verschwinden würde, die Verbinduns schehen. Nachdem Nasser verschwunden war, hat als von der sowjetischen Politik ab. Die Analyse von Roy erwies sich in diesem Punkt als absolut richtig.

INPREKORR : Sie sprechen von Experten und von der Notwendigkeit, sie zu beeinflußen. Aber viele Marxisten --jedenfalls im Westen - - glauben, daß die Interessen der Experten sehr eng mit denen der Bürokratie verknüpft sind. Darum würde jede Politik, die den Interessen der Bürokratie schadet auch Gefahr laufen, nicht die Unterstützung der Experten zu gewinnen. MEDWEDJEW : Sie sind sicherlich miteinander verbunden. Man darf jedoch nicht vergessen, daß die Macht in den Händen der führenden Elite liegt. Die Experten haben intellektuelle, materielle und moralische Privilegien. Das ist aber etwas völlig anderes. Darum interessieren den, der sich als Experten ausgibt --nennen wir ihn einmal so-- außer einer schönen Datscha und seiner persönlichen Situation auch bestimmte demokratische Freiheiten. Die Freiheit, seinen Wohnort zu wechseln, zu reisen. Das steht im Mittelpunkt seiner Interessen. Er möchte ins Ausland gehen können. Rom besuchen, Italien, Paris, an allen Güter der westlichen Kultur teiltur zu lesen, im Originaltext oder in Übersetzun- im Originaltext oder in Ubersetzungen. Er möchte Freunde unter seinen ausländischen Kollemochte karate it spest ilsen haben, seine Soziologen, oder wer auch immer. Er Interessen beziehensich nicht nur darauf, der Regierung zu dienen; er möchte auch die Freiheit, eine gewisse Sicherheit, nicht verhaftet oder von seinem Arbeitsplatz verjagt zu werden, weil er eine Idee vertreten hat, die dem offiziellen Dogma widerspricht. Die Experten haben dieselben Interessen, wie alle anderen.

INPREKORR : Das ist richtig. Wie aber glauben Sie werden sie reagieren, wenn in der Sowjetunion, was heute dort eine rein theoretische Frage sein mag, dies aber nicht notwendigerweise morgen sein muß, Arbeiterräte auftauchen würden ? Ich stelle diese Frage nicht aus Dogzeigt hat, chen Jahr, in der Tschechoslowakei 1968, teilweise in Polen Ende 1970-- sich Arbeiterräte gebildet haben. Glauben Sie nicht, daß in solchen Augenblicken, in denen sich der politische und soiale Konflikt aufsäußerste verschärft, die Experten auf der andem Seite stehen werden, auf der Seite der Regierung, der Bürokratier MEDWEDJEW : Die Reaktionen werden unterschiedlich sein. Man darf nicht verallgemeinern. Ich habe bereits gesagt, daß es eine Gruppe liberaler Marxisten gibt, die Kategorie der Experten einstufen kann und die liberale Ideen entwickelt haben. Diese Gruppe könnte sich auf die Seite der Arbeiterräte stellen. Aber in der Sowjetunion können die Arbeiterräte nicht spontan auftauchen, wie es in Polen oder in andem Ländern der Fall war, die nicht die gleichen historischen Traditionen haben wie die Sowjetunion. Außerdem ist die Industrie in der Sowjetunion sehr viel bedeutender. Es ist schwer, sie mit der ungarischen oder rumänischen Industrie zu vergleichen. Ich glaube, daß wenn sich die Idee der Arbeiterräte entfalten würde, dies Hilfsorgane oder beratende Organe der Gewerkschaften sein würDe um Probleme der Normen, der Löhne zu lösen. wachsende Komplexität der industriellen Entwickung hat eine große Anzahl von Problemen autgedie nicht administrativ gelöst werden kön- Arbeiter gelöst werden müssen. die auf kowekte mise er sera das Problem der Arbeitsnormen, der Löhne und Gehälter, der Verteilung der verschiedenen Prämien und senr viele andere Probleme, die man in Großunternehmen nur schwer administrativ lösen kann. irbeiterräte können auftauchen, aber sie werden nicht die Probleme der Produktion lösen, sondem vor allem die Probleme des täglichen Lebens, materiellen und wirtschaftlichen Probleme der Arbeiterfamilien.

INPREKORR : Wenn Sie von besonderen Traditionen der sowjetischen Arbeiterklasse sprechen, dann beziehen Sie sich nicht auf die Tralegen de Traditionen. Das wire das Problem der scheinbaren Passivität der sowjetischen Arbeiterklasse auf. Vom Ausland her gesehen herrscht in Sehr wenige nur ergreifen das Wort. Die Arbeiter- der sowjetischen Gesellschaft klasse weniger. als alle anderen. Was halten Sie von der augenblicklichen Lage 2 Wie erklären Sie

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UDSSR ste und welche Perspektiven sehen Sie? MEDWEDJEW : Man kann schwer sagen, daß die Arbeiterklasse passiv ist. Zumindest nicht in dem Sinn, in dem man diesen Begriff in der Sowjetunion versteht. Man kann von Passivität der Arbeiterklasse in dem Sinne sprechen, daß von ihr keine neuen politischen Ideen, neuen politischen Strömungen in der UdSSR ausneue bete parte ins ne en et ergen in desem Sinn ist die Arbeiterklasse tatsächlich passiv. Aber ie ist keineswegs passiv im Sinne von besiegt -. in dem Sinn, wie man es in der Sowjetunion versteht. Viele ausländische Journalisten haben um die Erlaubnis gebeten, an Gewerkschaftsversammlungen der Arbeiter teilnehmen zu dürfen. Aber das wurde ihnen verweigert. In Gewerkschaftsoder Parteiversammlungen kritisieren die Arbeiter sehr lebhaft die lokale und zentrale Verwaltung. bezirkliche Organe sowie die Führung von Betrieben. Wenn es in einem Betrieb eine ver und vorbereiteter Arbeiter gibt, dann können sie in den periodisch stattfindenden Versammlungen der Gewerkschatt oder der Partei --wenn sie arteimitglieder sind-- intervenieren. Gewöhn lich nimmt das die Form sehr lebhafter Kritik der Unzulänglichkeiten auf der Ebene der Produktion und der Kritik der wirtschaftlichen und politischen Unzulänglichkeiten an, Das schafft eine Atmosphäre ›olitischer Aktivität. Ein Arbeiter, der in einem Betrieb beschäftigt ist, wird niemals anerkennen, daß er passiv ist. Da sie keine sehr weitgehende Bildung auf den verschiedenen politischen, rellen und anderen Gebieten haben, sind die Arbeiter im wesentlichen auf wirtschaftlichem Gebiet aktiv. Ubrigens ist es leicht, die Arbeiter für freiwillige Gruppen (driziny) zum Kampf

Während der Prozesse von Dissidenten ist der Geichtssaal oft mit "Drusinniki" besetzt, von Vertretern der Betriebe und des Komsomol, die im Sinne der Regierung agieren. Die Aktivität der Arbeiter nimmt diese verschiedenen Formen an, die im Westen als Passivität gelten können. INPREKORR: Wie erklären Sie diesen Widerspruch zwischen den Oppositionellen und der Arbeiterklasse, oder genauer, bestimmten Vertretern der Arbeiterklasse ? Aus welchem Grund relang es den Oppositionellen nicht, das Interesse ler Arbeiterklasse zu wecken und dadurch ihre Iso- Hierung zu durchbrechen?

MEDWEDJEW : Es gibt zwischen ihnen kein Kommunikationsmittel. Persönlich und ich glaube, daß mein Bruder damit übereinstimmen würde-- betrachte ich die Migrationsfreiheit, das heißt die Möglichkeit, das Land frei verlassen und wieder zurückkehren zu können, nicht als die wichtigste demokratische Freiheit. Ich glaubefretheit ermöglicht die Kommunikation zwischen die wichtigste ist die Pressefreiheit. Die Presden verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen über ingen Mile in der brietunion eine wien che Pressefreiheit wie in England, dann wären Kontakte zwischen Intellektuellen und Arbeiter, Angestellten oder anderen Gruppen von Intellektuellen möglich. Ein intellektueller Dissident kann nicht in činen Betrieb gehen und dort den Arbeitem eine Rede halten. Erstens wird man ihn nicht hineinlassen. Zweitens wird ihm keiner zuhören. Heute ist es außerdem nicht möglich, mit einer großen Zahl von Menschen zu handeln.

IN PREKORR : In seinem Buch über die sozialistische Demokratie zitiert Roy einen Dissidenten e an der Oppositionsbewegung tell. der erklärt, daß sich bis heute die Intelligenz, nimmt, nur für ihre eigenen Rechte als gesellschaftliche Schicht eingesetzt hat und daß sie kein breiteres Programm entwickelte, das über die intelligenz hinaus auch andere soztale schichten unc Insbesondere die Arbeiterklasse hätte ansprechen können. Mir scheint, daß Roy diese Analyse tellt. MEDWEDJEW : Damit kann man einverstanden sein und Roy hat diese Analyse vertreten. Für einen Arbeiter oder einen Bauern ist das Problem der Emigration absolut zweitrangig. Er wird kein Risiko eingehen, um diese Forderung zu unterstützen. Viele der Forderungen, scheinen rekt. Umgekehrt wird sich die Intelligenz nicht für eine Lohnfrage oder wegen der ungerechten Verteilung des Sozialprodukts engagieren. ES gIbt mehrere Beipiele für Massenmobilisierungen im mit Hunderten von Unterschriften sehr lebhaft auf einen Prozeß gegen X oder Y reagiert. Es ist richgenügt nicht. So hat es z.l rig, gegen die Prozeße zu protestieren. Aber das • bedeutende Schichten der Arbeiterklasse bestimmter Gebiete schwer getroffen, als die Sonderprämien für Schwerarbeit m Femen Osten und im Hohen Norden gestrichen wurden. Aber erst diese Maßnahme zu ete e/Austen, dran die zu niederg bezacht selen te: die glaubten, zwischen der Volkszählung von 1959 und der von 1970 hat Sibirien ungefähr 1 Million Einwohner verloren--, begann man die Gründe für diesen Exodus zu analysieren und man bemerkte, daß die Hauptursache in schlechten wirtschaftlichen Maßnahmen zu suchen war. Das stellte man an der Spitze eindeutig fest. Die Intellektuellen, die Wirtschaftswissenschaftler hätten dies voraussehen, diese Maßnahme kritisieren können, wodurch sie breite Schichten von Arbeitem, die auf brutale Weise sehr viel schwereren Bedingungen ausgesetzt wurden, geschützt hätten.

Wenn es sich um eine Rechtsfrage handelt --wie etwa die Tatsache, daß die Mitglieder der Kolchosen keinen Inlandspass erhalten --, dann gibt es viele Erklärungen und Proteste. In wirtschaftlichen Fragen protestieren die Leute sehr viel weniger. So hat z.B. die Auflösung der MTS (3) eine große wirtschaftliche Unordnung in der Landwirtschaft heraufbeschworen und absolut negative Auswirkunges ha den bereitem der Mts massive Bebegingen ausgelöst hat. Hunderttausende, vielleicht sopar eine Million Menschen mußten anderswo Ar- ›eit suchen, da sie sich weigerten, Kolchosbauem zu werden, weil dies den Verlust von Vorrechten bedeutete, die sie als Arbeiter --insbesondere im Hinblick auf ihre Rente und andere materielle Vortelle-- erworben hatten. Aber niemand hat protestiert. Und auch das hängt mit der fehlenden Pressefreiheit zusammen. Natürlich konnte man reir individuell protestieren. Aber es war unmöglich, in der Prawda einen Artikel zu veröffentlichen oder eine gedruckte Flugschrift zu verteilen. Darum hat gestellt: wozu te dieser Sache protestieren, vor der nicht einverstanden war, sich die Frage ållem wenn mein Protest nicht das geringste Echo im Ausland auslösen wird, weil sich hier niemand dafür interessiert?

INPREKORR : Ich möchte Ihnen eine Frage stellen uber die nationalen Probleme in der UdSSR. Glauben Sie, daß die Gleichschaltung, 1.h. die allgemeine Russifizierung eine unvermeidliche Erscheinung ist, die mit dem industriellen Fort-

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gung in der Sowjetunion und von dem Recht einer nicht-russischen Republik, sich von der Union Loszulösen?

MEDWEDJEW : Wie in den meisten Fragen gibt es zwei Tendenzen. Ich kenne die Lage in Zentralasien nur mangelhaft. Die Site besser, serie eine in der ukraine und in den baltischen Staaten, wo die nationalen kulturellen Traditionen am ältesten sind und wo ein langer Kampf für die Unabhängigkeit nicht nur gegen Rußland, ondern auch gegen die Deutschen, gegen Schwede ınd Dänemark geführt wurde. Es gehört zu den wich• tigsten Mängeln der Zentralregierung, daß sie weder eine besondere Politik für jede Nation auszuarbeiten zu berücksichtigen. Sie hat eine globale Linie eingeschlagen. Aber es ist unmöglich, gegenüber Esten und Baschkiren die gleiche Haltung einzunehmen, obwohl es mehr Baschkiren als Esten gibt. Die Esten möchten ihre nationale Kultur bewahren und kämpfen für estische Schulen und Unterricht in estischer Sprache. Das trifft für die Baschkiren nicht zu. Ein Baschkire wird alles tun, damit sein Kind eine russische und nicht eine baschkirische Erziehung erhält. Er begreift, daß die baschkirische Kultur sehr schwach ist und daß sie keine großen Tradi- Neune Und de Histonen ne tascht besich zu assimilieren: die Baschkiren, die Mordwinen, verschiedene Völker Sibiriens. Es gibt Dutzende, für die das bereits heute der Fall ist. Die Lage ist völlig anders im Fall der Ukraine, Armeniens, Estlands und anderen, die eine ältere Kultur besitzen und die ihre Traditionen bewahren wollen. Es gibt jedoch im Hinblick auf diese verschiedenen Nationen kein spetrich einen unterrechenn es schema gibt spezifisches Herangehen an ihre Probleme. usw. Jedoch kann die Tatsache, daß die Erziehung in der nationalen Sprache beibehalten wird, Hindernis bedeuten beim Eintritt in die Universität von Moskau oder Leningrad oder auf anderen ebenfalls. Darum ist die Assimilation in den bal- Die benoiter wind wange die runerchen: der Unterricht wissenschaftlichem Gebiet. Als man nach dem Platz einräumte, hat die Akademie der Wissenen 'latz einräumte, hat die Akademie der schaften von Armenien begonnen, Arbeiten auf armenisch zu veröffentlichen, die Ukrainer haben dasselbe auf ukrainisch, die Weißrussen auf weißrussisch getan, usw. Das Ergebnis war --ich gehe von meinen eigenen Erfahningen aus-"die auf Artikel der Zeitschrift für Biochemie, ıkrainisch veröffentlicht wurden.

e. Hingegen konnte ich leicht die Zeitschrifter für Biochemie lesen, die in Großbritannien oder in den USA veröffentlicht wurden. Heute veröffentlichen die Polen eine Zeitschrift für Biochemie auf englisch, Die Ungam, Rumänen, Schweden, usw. tun das gleiche. Hingegen setzen die Ukrainer die Veröffentlichung auf ukrainisch fort -- eine Sprache, die ich sehr schlecht beherrsche. Ebenso ist armenisch für mich eine völlig unbekannte Sprache. Ich kann keinen Artikel auf armenisch lesen und sei er noch so wichtig. Außerdem bedeutet ein wissenschaftliches Buch auf armenisch für die sowjetische Kultur einen großen Verlust. Es ist auch unvermeidlich, daß auf der staatlichen Ebene eine Sprache vorherrscht, Als Chruschtschow in die Macht kam ionaler Sprachen in der Verwaltung größere Freiheiten ein. Das hat aber viele Probleme aufgeworten. Roy hat mir folgendes Beispiel erzählt: das tadschikische Institut für Erziehungswissenschaften an der Akademie der Wissenschaften schickte an das Erziehungswissenschaftliche Institut der Ukraine ein Schreiben auf tadschikisch. Die Antwort erfolgte auf ukrainisch... Die Lage ist noch absurder, wenn es um die Korrespondenz zwischen einem armenischen und einem tadschikischen Institut geht. Man braucht eine einheitliche Sprache für die Verwaltung. Das erleichtert die Kommunikation. INPREKORR: ••. solange es einen einheitlichen Staat gibt. Wenn es in diesem Staat aber das Recht auf Lostrennung gibt,und wenn die Nationalitäten nationale Unterdrückung erlitten haes in gewisser leise ein insporn tur die Lostren- MEDWEDJEW : Das ist wirklich so. Übrigens legende Problem, Verfassung noch nicht verkündet worden ist. daste nevionale Frage de grund- das bewirkte, Es aber das zentrale ist die nationale Frage. Die Anerkennung des Rechts man dieses Recht verwirklichen kann. sowjetische Verfassung hatte in Wirklichkeit den Charakter einer Erklärung. Die Verfassung als Grund-

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UDSSR gesetz muß jedoch --wenn sie bestimmte Rechte einräumt-- auch ein bestimmtes Verfahren vorsehen, das die Inanspruchnahme dieser Rechte ge- Das ist die hauptsächliche Schwierigkeit, wenn die neue Verfassung nicht eine einfache Ersoll. Sie muß auch die Bürgersch nichtber dae- bleiben, sondern zum Grundgesetz werden tieren. Die alte Verfassung sagte nichts über die Bürgerschaft, also darüber, wer Bürger der UdSSR sein kann, wie man die sowjetische Bürgerschatt erwerben oder verlieren kann. Es heißt dort nur daß alle Probleme diesbezüglich vom Präsidium des Obersten Sowjet der UdSSR geregelt werden das nach Gutdünken entscheidet. Die Bürger haben keine institutionalisierte Beschwerdemöglichkeit. Sie können weder beim Präsidium selbst Klage eines sich hier cheine raning und nicht um ein noch irgendwo anders. juristisches Dokument handelt, schafft für die An- Ten. Es ist nur normet, sane Versing weel- ten. Es ist nur normal, sie das Recht auf Lostrennung zugesteht, die Verfassung, wenn auch bestimmte entsprechende Mechanismen garantieren mus, es umzusetzen. Ob diese Mechanismen dann in der Praxis angewandt werden oder nicht, das ist ein anderes Problem. Vielleicht würde eine Volksabstimmung für die Lostrennung Weißrußlands von der Sowjetunion z. B. keine Mehrheit finden. Aber diese Frage müßte durch ein Referendum entschieden werden, und man kann es nicht dem Präsidium des Obersten Sowjet überlassen, über die Lostrennung von Weißrußland zu entscheiden. Man muß eine Volksabstimmung durchführen, Das ist elementar.

INPREKORR : Wie schätzen Sie die politische Lage in der UdSSR am Vorabend des XXV. Parteitags ein? Glauben Sie, daß nach Breschnew eine neo-stalinistische Reaktion möglich wäbefurchtet wirdy wie es von vielen sowjetischen Intellektuellen MEDWEDJEW : Die Intellektuellen befürchten es, aber es ist schwer zu sagen, was nach dem 25. Parteitag sein wird. Nach dem KXV. Kongreß werden zweifelsohne Suslow, Pelsche und Gretschko in Pension geschickt werden, denn der erste wird 77 Jahre alt, der zweite 74 und litbüro verlassen.

vom Politbüro zurückzutreten, entschied man, Jahre sei die Altersgrenze für die Mitgliedschaft im Politbüro. Die älteste Gruppe muß sich also zurückziehen, und das ist die konservativste. Icl glaube nicht, daß Kirilenko an die Stelle Breschnews treten wird, wenn dieser allein aus Gesundheitsgründen in Pension gehen müßte. Kirilenko ist keine sehr gewichtige Persönlichkeit, er besitzt weder Unabhängigkeit noch Perspektive. In seinem besonderen Fall ist es so, daß er auch aus Altersgründen nicht der wichtigste Führer für eine lange Periode werden kann. Das sowjetische System erfordert es, daß die Führung für eine relativ lange Dauer stabil bleibt. Man kann nicht irgendwen für ein oder anderthalb Jahre bestimmen und dann das Problem emeut stellen. Man muß darum jemand in den Vordergrund stellen, der die Führung für eine längere Periode übemehmen kann. Wenn Breschnews Gesundheitszustand gut ist und die Gerüchte über seine Krankheit falsch, dann glaube ich, daß er der Führer bleiben wird, weil es im Augenblick keinen anderen Ausweg gibt. Wenn jedoch Breschnew aus medizinischen Gründen eine ehrenhafte Pension wünscht und eine jüngere Gruppe nach vore gelangen läßt, dann sehe ich nicht, wer dies sein könnte: Grischin, Masuro w, Andropow ? Schelepin, der Konservativste der "Jungen" , ist bereits aus dem Politbüro entfernt worden. Grischin, eines der relativ jungen Mitglieder des Politbüros, ist sehr reaktionär, sehr konservativ und soweit ich weiß,nicht sehr intelligent. Andropov ist der fähigste. Aber die Menschen haben Angst vor ihm, denn er ist der Sekretär oder vielmehr der Chef des KGB. Und die Ideenassoziationen mit dieser Funktion sind immer schlecht. Es ist schwer vorauszusehen. Bin Mensch kann aut einem bestimmten Posten bestimmte Charkterzüge entwickeln, auf einem anderen Posten andere. Als Andropov Sekretär des Zentralkomitees war, wurde er als liberal eingestuft. Liberaler jedenfalls, als andere. Als er eine Stelle im KGB bekam, hatte er sofort den Ruf eines Konservativen. Es ist schwer zu sagen, bis zu welchem Grad dieser Ruf begründet ist, weil wir nichts von ihren politischen ihren Plänen.

diese Grippe mehr mit der nachfolgenden Führungsgruppe verbunden sein wird. Mit einer Schicht also lie eine Erweiterung der intemationalen Beziehungen und eine weniger starke Isolierung der UdSSR wünscht. Diese Führungsschicht ist davon überzeugt, daß man nicht mehr mit rein repressiven Methoden führen kann und daß man zu Regierungsmethoden der Uberzeugung greifen muß. Ich glaube nicht, daß sich die Repression verschärfen Wird. Wie bei jedem Machtwechsel wird sich am Anfang der neue Führer nicht sehr sicher fühlen. Er wird dazu neisen mit Bre inter, bis zur chechoSlowakischen Affäre. In den letzten Jahren ist er liberaler geworden. Das kann man an seiner Politik feststellen. Er fühlte, daß er die Macht besser kontrollierte und mehr Aktionsfreiheit gewonnen hatte. Bis zum Jahr 1968 war er eine unstabile Figur und es gab Leute, die ihm trotzten, Schelest Schelepin, Egorytschew und andere traten offen gegen seine führunsgmethoden, gegen seine politischen Entscheidungen auf. Er war sich seiner eigenen Unstabilität bewußt, machte Konzessionen und griff zu sehr unpopulären Maßnahmen. Er hat enorm gezögert, als es um die Tschechslowakei ging. Er hat "Harten" eine sehr zögernde Haltung eingenommen, als sie eine rasche Aktion forderten. Nach der Besetzung verriet er lange, monatelang, Unentschiedenheit. Dubcek blieb Sekretär der tschechoslowakischen KP. Das bezeugt das Zögern innerhalb der sowjetischen Führung. In Ungam hat Chruschtschow viel brutalere Methoden angewandt.

INPREKORR : Welche Rolle kann Ihrer Meinung nach die intemationale Solidarität für den Kampf der Opposition in der UdSSR spielen? Was sind insbesondere die Aufgaben der Linken und der extremen Linken?

MEDWEDJEW : Roy hat geschrieben, daß die Oppositionellen in der Sowjetunion -venn sie an eine Unterstützuns außerhalb der UdSSR appellieren-- sich mehr auf die Linke als auf di Rechte stützen müssen. Denn die Linke ist mehr interessiert an einer wirklichen Verbesserung der wirtschaftlichen und pulitischen Lage und des allgemeialle politischen schwierigkeiten in der tasSE, dainstrument gegen die Sowjesunion darstellenn - Unterdrückungsmaßnahmen, usw Dieser Standpunkt ist teilweise richtig, teilweise aber unzureichend. Die Unterstützung, die gewisse Regierungskreise im Westen den sowjetischen Oppositionellen gewähren, hat objektiv eine bestimmte Bedeutung. Die sowjetische Regierung ist gezwungen, in einem gewissen Ausmaß die Unterstützung "einfußreicher Kreise" des Westens --um den Ausdnick aufzugreifen, den sie selbst verwendet-- zu berücksichtigen. Aber die Verteidigung von Opposiionellen durch diese "einflußreichen Kreise ist sehr selektiv. Man kann beobachten, daß wenn jem and entlassen wird, weil er ein Gesuch eingereicht hat, nach Israel auszuwandem, dieser Fall der Repression im Westen sofort große Publizität

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erhält und eine Welle von Protesten anslöst. Zeitungen wie die "Times" widmen dem einen Arti- Wenn aber jemand entlassen wird, weil er z.B. daß die Politik der Sowjetregierung nicht wirklich sozialistisch ist, oder weil er eine nicht-orthodoxe Meinung gegen die Einmiscnung der sowjetischen Regierung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes geäußert hat, anåers ausgedrückt: wenn jemand wegen ottener Linksideen entlassen wird, dann findet er sich isoliert und kann keine große Publizität im Westen erwarten. Das ist eine etwas paradoxe Situation. Darum ist es zwar richtig zu sagen, daß man jeden unter- stützen muß, aber man muß auch ein bestimmtes Gleichgewicht in dieser Unterstützung herstellen. Es ist richtig, jene zu unterstützen, die ohnehin starke Unterstützung erhalten -- selbst wenn unsere Stimme im Chor der Protestierenden nur wenig Aussicht hat gehört zu werden. Aber es ist noch notwendiger, jene zu unterstützen, die keine breite Publizität genießen und die wegen der richtigen Ideen leiden, selbst wenn diese 'Ideen im Westen nicht als richtig angesehen werden. Die westliche Linke muß auch intervenieren, um die Rechte jedes Einzelnen, seine Meinung frei zu äußernaie zu verteidizen und ebenso alle zu verteidigen, wegen ihrer Schriften oder ihrer Stellungnahmen verfolgt werden. Aber sie kann sich nur mit denen solidarisieren, deren Meinungen sie tellt. Die Presse der Linken muß die sozialistischen Strömungen der Opposition in der Sowjetunion unterstützen und ihnen die Möglichkeit einräumen sich zu äußer, indem sie ihnen die Pressefreiheit einräumt, die ihnen in der UdSSR verwehrt wird. Unter diesem Gesichtspunkt sind bestimmte Differenzierungen unvermeidlich.

ANMERKUNGEN :

(1) NTS (narodno - trudowoi sojus -- Völkischer Arbeiterbund). Das ist eine Organisation der extre• men Rechten in der Emigration, die 1930 in Franknachir den desichen Nazis in den bese ten Gebieten der Sowjetunion zusammengearbeitet und bildete die ideologische Truppe der Armee von A. Vlassow, die zur deutschen Armee gehörte. Nach dem Krieg hat der NTS terroristische unterstützt. Später ist er im wesentlichen zu einer nti-sowietischen Propagandagruppe geworden leren Zentrum in Frankfurt am Main in der Bun dserepublik ist. Er hat Sektionen in andern Ländern. Die sowjetische Gesetzgebung betrachtet den NTS als kriminelle Vereinigung (Anm. d. Ubers.). (2) Es handelt sich hier um die Diskussionsrunde über die Opposition in der UdSSR anläßlich einer von der englischen Zeitschrift "Critique" am 22. und 23. November 1975 organisierten Konfe- renz. Auf dieser Konferenz hat das hier wiedergegebene Interview stattgefunden. (Anm, d, Ubers.). (3) Jaures Medwedjew spielt hier auf eine sowjetische Landwirtschaftsreform unter Chruschtschow im Jahre 1958 an. Die wichtigste Maßnahme dabei war der Verkauf der landwirtschaftlichen Maschinen und Traktoren an die Kolchosen, die sie vorher von den staatlichen Maschinen-und Traktoren-Staionen (MTS) gemietet hatten. Dieser Verkauf der Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen ar die Kolchosen bedeutete, daß diese Produktionsmittel aus dem nationalisierten Bereich der Wirtschaft in den nicht-staatlichenBereich übergingen. Die Aufhebung der MTS hat tatsächlich fur die Arbeiter, die dort beschäftigt waren, ernste Probleme aufgeworfen, Viele weigerten sich. wegen der schlechten Lebensbedingungen de Kolchosen auf den Kolchosen herrschten, einzutreten. (Anm, d. Übers.).

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Leo Sedow war einer der Sohne Trotzkis, ein aktiver Auflage. 120 Seiten, Revolutionăr und Führer der linken Oppoer den Mos- kurz nach Erscheinen seines "Rotbuch kauer Prozess von 1936" von der GPU in Frankreich ermordet wurde. Aus dem Inhalt : Wozu braucht Stalin diesen Prozeß? Kirows Ermordung. Hat ein "Vereinigtes Zentrum existiert? Marxismus und individueller Terror, Attentate den Angeklagien, Staatsanwalt die es nicht gab. Trotzkis "Verbindung"

Wyschinski. Nach dem Prozess.

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interview mit FRAGE : Was halten Sie von den Reaktionen der sowjetischen Bürokratie auf ihre Befreiung wie sie besonders, wenn auch in Form von Anspielungen, von einigen Rednern auf dem XXV. Partelkongres geaußert wurden?

PLUSCHTSCH : Ich weiß fast nichts von diesen Reaktionen, aber man kann vorhersagen, was sie gesagt haben und sagen werden: Pliuschtsch ist schizophren, an die CIA, an die Zionisten, russischen und ukrainischen Faschister verkauft.

FRAGE : Was muß man Ihrer Meinung nach für die Betreiung der politischen Gefangenen in der Sowjetunion und in andern osteuropäischen Ländern tun? Welche Parolen 2 Welche Organisationsformen PLIUSCHTSCH : Die westliche öffentliche Meinung kann enorm viel für die Befreiung der politischen Gefangenen tun, wenn sie systematisch eine breite Kampagne entfaltet. Aber dazu muß man den Kampf um die Befreiung der politischen Gefangenen von moralischen Positionen aus führen. Das wird dazu beitragen, in diesem Kampf die Menschen der verschiedensten Überzeugungen zusammenzuschließen und das Gezänk zwischen den Organisationen zu überwinden. Die westliche öffentliche Meinung versteht, Viele Artikel der Menschenrechtserklärung könner als Parole dienen. Zu diesen sollte man die beiden nachstehenden hinzufügen:

- die Menschenrechtserklärung muß für jeden UNO-Mitgliedstaat Gesetzeswert haben: - alle politischen Gefangenen aller Länder mussen freigelassen werden.

Bei den Terroristen und Saboteuren ist es juristisch widersprüchlich, ihre Befreiung zu fordern: das von den keglerungen ihren Ricktritt zu fordern. Aber es ist möglich und notwendig. gegen die unmenschliche Behandlung zu kämpfen, die ihnen beschieden ist, und gegen die Anwendung der Todesstrafe, wen sie auch immer treffen mag. Heute gibt es eine große Zahl von Organisationen, die gegen die Verfolgungen kämpfen, denen Oppositionelle ausgesetzt sind. Aber nur Amnesty International kämpft für die Befreiung der politischer Gefangenen in allen Ländem. Aber Amnest Intemational tut dies von einem moralischen und rechtlichen Standpunkt aus. Es bedarf einer internation alen Organisation, die für die Demokratisierung aller Länder kämpft, für die konkrete Verwirklichung des Rechts der Menschen auf politische, religiöse, wirtschaftliche und nationale Freiheit. Auf der Veranstaltung vom 6/7.Marz die auf der Veranstaltung zugegen waren. Wir mussen ein breite internationale Kampagne entfalten für die Gründung einer solchen Organisation. FRAGE : Welches sind die wichtigsten Strömungen innerhalb der Opposition in der Sowjetunion ? Gibt es marxistische Strömungen 2 Welches sind ihre Merkmale ? Was halten Sie von den Positionen Roy Medwedjews> L.PLIUSCHTSCH

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ETZKY-BUCHHANDLUNG, LUSCHISCH : Die wichtigste spaltung innerhalb der sowjetischen Opposition ist die zwischen der demokratischen und der anti-demokratischen Bewegung. Die anti-demokratische Bewegung setzt sich zusammen aus Chauvi nisten aller Schattierungen (bis hin zu den Faschisten) und aus extrem rechten Christen. Aber man muß hinzufügen, daß diese Fraktion innerhalb der Opposition zahlenmäßig sehr schwach ist. Die demokratische Bewegung umfaßt die Demokraten, die nur für die Achtung der sowjetischen Gesetze über die individuellen Freiheiten kämpfen, die religiösen Strömungen, die Gewissensfreiheit fordern, die noch wenig zahlreichen sozialistischen Strömungen. Diese Bezeichnungen sind jedoch sehr allgemein und herkömmlich.

Die Neo-Marxisten bemühen sich, den Ursachen für die Niederlage der Oktoberrevolution und anderer sozialistischer Revolutionen auf den Grund zu gehen, die Veränderungen in der Welt seit dem Tod enıns zu untersuchen und ein neues Aktionsprogramm für die Marxisten in der UdSSR zu erarbeiten. edoch konnte ich im Samizdat kein einziges ernsthattes programmatisches marxistisches Dokument lesen. Als ich noch in der UdSSR war, dachte ich auf der Grundlage dessen, was ich lesen konnte, daß die Brüder Medwjedev aufrechte und konsequente sitionen des XX. end XXI1. Kongresses der KPdSU Chruschtschowisten seien daß die Brüder Medwedjew aufrechte und konsequente Chruschtschowisten seien, d. h. daß sie auf den Posotionen des XX. und XXII. Kongresses der KPdSU beharrten. Ihre jüngsten Werke habe ich noch nicht gelesen und ich weiß auch nichts über die Entwicklung ihrer Positionen.

FRAGE : Glauben Sie, daß man von einer Krise der Opposition sprechen kann , und wenn ja, welches sind ihre Gründe?

PLUSCHT SCH : Es gibt tatsächlich einige Anzeichen für eine Krise der Opposition. Ich sehe zwei Gründe datur: erstens die sehr harte Repression des KGB gegen die Opposition; sie hat 1968 begonnen und wurde 1972 sehr verschärft. Heute ist der ukrainische Widerstand praktisch zerschlagen (aber ich glaube, nicht tür lange Zeit). Der Zweite Grund ist die Kluft, die zwischen einigen Strömungen in der Oppositior und den Arbeitem und Bauern existiert. Doch glaube ich, daß sich dies ändern und in relativ kurzer Zeit bessem wird.

FRAGE : Welches war und ist die Haltung der demokratischen Opposition gegenüber der Arbeiterklasse › Kann man von einer Kluft zwischen der Opposition und der Arbeiterklasse sprechen ? Welches sind Ihrer Meinung nach die Perspektiven der Opposition?

PLIUSCHTSCH : Insgesamt ist sich die demokratische Opposition der Notwenligkeit bewußt, die materielle Lage der Arbeite ınd Bauern zu bessem und die Privilegien der Bürokratie abzuschaffen. Aber im demokratischen Samizdat wird der Schwerpunkt viel zu sehr auf lie Forderungen nach Achtung der Legalitat unc auf die individuellen Freiheiten gelegt. Das ist der wesentliche Mangel der Bewegung, auch richtig ist zu meinen, die Demokratisierung des Landes sei die Hauptautgabe. Die Menrnelt der Demokraten, mit Ausnahme der Neo-Marxisten, macht sich über den Glauben in die heilbringende Rolle der Arbeiterklasse lustig. Es wird immer schwieriger, von Perspektiven zi sprechen, und noch mehr, über die ukuntt del einen oder anderen politischen Strömung zu urteilen. Ich habe keine Lust, die undankbare Aufgabe eines Propheten zu übemehmen. Sollen die sich darum kümmern, denen das gefällt.

FRAGE : Kann man von sozialer und politischer Passivität der Arbeiterklasse sprechen, und wenn ja, warum? Steht dies nicht in Widerspruch zu den Informationen über die Streiks und die Zusammenstöße mit der Polizei, die wir manchmal aus der UdSSR erhalten?

PLIUSCHTSCH : Doch, die Arbeiterklasse in der Sowjetunion ist sehr passiv. Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Der erste und wichtigste ist das Fehlen von Organisationen, die die Interessen und das Bew ußtsein der Arbeiterklasse ausdrücken. Der zweite ist das Fehlen von einer Tradition des Kampfes um ihre Interessen. Der dritte und der ist allen Klassen in der Sowjetunion ingen sam, ist die Angst um die Famille, die den Arbeitsplatz zu verlieren, ins Gefängnis oder ins Lager zu kommen. Der vierte ist ein tiefes Mißtrauen gegenüber jeder Propaganda und Agitation. Streiks und Arbeiterdemonstrationen sind in der Sowjetunion sehr selten; sie sind Zeugnis der Unzufriedenheit gegenüber dem regime, nicht der Aktivität der Arbeiter.

FRAGE : Im Westen steht die Jugend in der vor- dersten Front der revolutionären Bewegung. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation der sowjetischen (Arbeiter- und studentischen) Jugend ein ? Wie ist ihre Haltung gegenüber dem bürokratischen Regime?

PLIUSCHT SCH : Die Jugend stellt einen bedeutenden Teil der religiösen und nationalen Bewegungen dar. Das gilt leider auch die eine Logik, eine Analyse, Programme beinhalten. Der größte Teil der Jugend steht der bürokratischen Herrschaft entweder mit Abscheu (bewußt oder unbewußt) oder mit Gleichgültigkeit gegenüber.

FRAGE : Der Sozialismus, das ist auch die Befreiung der Frau. Kann man in der Udssk von einer Befreiung der Frau sprechen? Kann man von besonderen Formen der Unterdrückung der Frau sprechen? PLIUSCHT SCH : Über die besonderen Formen der Ausbeutung der Frauen in der UdSSR gibt es einen sehr bemerkenswerten Ar-

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UDSSR tikel eines ukrainischen Patrioten, Jevgenji Sver- "Für das Fest der Frau" (gegenwärtig befindet sich J. Sverstiuk in einem Lager in Mordovia). Ich kann kurz seine Meinung zu dieser Frage darlegen. Am Arbeitsplatz ist die Frau dem Mann reichgestellt. Sie erhalt den gleichen Lohn wi der Mann und hat auch alle Aufstiegsmöglichkei- Bet plan er kentect, bie Fragen wet en auchen für physische Schwerarbeit angestellt. Die Alltagsprobleme, die Kinder rauben der Frau fast ihre ganauf die Mire lichkeiten geistiger Beidune stellt sus, auf die Möglichkeiten geistiger Bildung stellt in der Praxis als Ungleichheit heraus. Auch unter diesem Gesichtspunkt sind die Frauen benachteiligt. FRAGE : Man gewinnt den Eindruck, daß die nationale Frage heute einer der Hauptwidersprüche der bürokratischen Gesellschaft ist. Was halten Sie davon 2 Welches sind die Gründe dafür? Welche Perspektiven sehen Sie? Welches ist Ihrer Meinung nach das Bindeglied zwischen der nationalen Frage und dem Kampf gegen die Bürokratie?

PLIUSCHTSCH : Die nationale Frage ist eines der schwierigsten Probleme in der UdSSR. Man muß unterscheiden zwischen der reistigen und der materiellen Unterdrückung der nationalen Minderheiten. Auf geistigem Gebiet kann man sagen, daß die sowjetische Regierung bewußt und unbewußt die Politik des Zarentums fortsetzt. Die Russifizierung der Kultur, die Falder Geschichte aller Völker (selbst des russischen Volkes) sind Aspekte dieser Politik. Hiner dem phrasenhatten Internationalismus verbirg sich der großrussische Chauvinismus. Eine der wi derwärtigsten Außerungen dieses Chauvinismus ist der Antisemitismus (unter Stalin wurde das "Kampf de De pen kin der tim-Tataren, genannt), aber auch der Meshketen und der Griechen; diese Deportation hat Stalin unter dem Vorwand des "Vaterlandsverrats gerechtfertigt. Kann ein ganzes Volk Verräter sein? Wen hat es verraten Das russische Volk? Auf materiellem Gebiet scheint es mir keine besondere nationale Unterdrückung zu geben. abgeschen von den Juden, die Schwierigkeiten haben, zu höheren Schulen und verantwortungsvollen Posten zugelassen zu werden. Im Gegenteil: einige Völker leben besser als das russische Volk. Die Grinde für den russischen Großmacht-Chauvinismus sind vielfältig und es ist unmöglich, sie in einem Interview zu analysieren. Lenin hat schon die Keime dieses Chauvinismus denunziert. Die Bürokratie ist die wesentliche Quelle dieses Großmacht-Chauvinismus' . Der Nationalismus und Chauvinismus der nicht-russischen Völker ist eine Reaktion darauf. Die nicht-russischen Patrioten verstehen die Rolle der Bürokratie in der chauvinistischen Politik immer besser und ich glaube auch, daß der Kampf der Nationalitäten für ihre Selbstbestimmung einen immer deutlicher antibürokratischen Charakter annehmen wird und daß er sich mit der demokratischen Bewegung verbinden wird. Ich möchte noch eines hinzufügen. Der bürokratische Nationalismus spiegelt ich im Bewußtsein der breiten Volksmassen. Eine der Argumente des engstirnigen sowjetischen Nation alísmus ist : "Wir ernähren sie alle, wir vertei- Ist en st der ere de and viere den en harsch aber es sind undankbare Wesen" in die Tschechoslowakei begrüßt haben. Der Glaudaß "wir die Besseren sind" , erregt Abscheu und mündet in nationalen Messianismus. FRAGE Auf welche Weise wird sich der neue Fünfjahresplan auf das Lebensniveau der Volksmassen auswirken?

LIUSCHTSCH : Ich glaube daß die Schwierigkeiten der bürokratischen Lei tung der Wirtschaft zunehmen werden und das wird natürlich Folgen für das Lebensniveau der Volksmassen haben.

FRAGE : Wie stellen Sie sich die Beziehungen zwischen den Menschen in der künftigen sozialistischen Gesellschaft vor?

PLIUSCHTSCH: Ich glaube nicht sehr an Futurologie, obwohl dies eine notwendige Wissenschaft zu sein scheint. . Es ist schwie- Kontineisehen Cela ne mie sich baret kompliziert und lakonisch.

sellschaft wird ein Zwischending sein zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen in dieser Gesellschaft werden Züge der alten und Züge der neuen Gesellschaft aufweisen. FRAGE : Glauben Sie, daß eine progressive Demokratisierung der sowjetischen Gesellschaft möglich sein wird?

PLIUSCHT SCH : Ich hoffe es.

FRAGE : Glauben Sie, daß ein Flügel der sowjetichen Bürokratie einer Demokratisieruns ler sowietischen Gesellschaft wohlæesonnen ist und sie durchsetzen kann?

PLIUSCHTSCH : Nein, ich glaube nicht. FRAGE : Glauben Sie, daß der XXV. Parteikongreß die aktuelle Führungsmannschaft stärken wird?