Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Sahara

Jenseits vom 'Grünen Marsch'

· Inprekorr Nr. 46, 27. November 1975 · S. 11-14 · 2.409 Wörter

Maghreb BRD und DDR Ökologie und Atomkraft Spanischer Staat

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Jenseits vom ›Grünen Marsch‹ Bis zur Entdeckung sagenhafter Erzreichtümer auf seinem Gebiet zu Anfang der 60er Jahre war West-Sahara ziemlich uninteressant. Das änderte sich, als bekannt wurde, daß hier, in der Region von Bu-Crâa das größte Phosphatvorkommen der Welt liegt. Es bedeckt eine Obertläche von 250 km und der größte Teil davon kann unter freiem Himmel gefördert werden. Das Bergwerk ist nicht nur außerordentlich reich, sondern hat auch eine sehr günstige Lage: kaum hundert Kilometer vom Atlantischen Ozean entfemt. Mit der Förderung wurde 1972 begonnen, nachdem die Gesellschaft Fos-Bu-Crâa gegründet wurde, in die die Banque de Paris et des Pays-Bas, die Banque Rothschild und Krupp investierten. Die Gesellschaft hat technisch sehr hochwertige Fördermittel zur Verfügung gestellt. 2500 Leute sind in ihr beschäftigt, da von arbeiten nur 1000 im Bergwerk. Nur eine Minderheit dieser Arbeiter kommt von den Saharui; die andern kommen von den Kanarischen Inseln oder aus der spanischen Metropole. • Eine breitangelegte Ausbeutung der Phosphatvorkommen würde West-Sahara ein fast absolutes Phosphat-Monopol auf dem Weltmarkt verleihen und Marokko, heute der Landes gelegen ist, das ihnen dann für die Jahrzehnte brutalen Kolonialismus und kaltblütiger Aufrechterhaltung des Elends eine hohe Rechnung präsentieren könnte. Die Mißgeschicke in der Erdölfrage sind ihnen eine Lehre. So verbergen die USA und der westdeutsche und französische Imperialismus nicht ihren Wunsch, Marokko möge dieses Gebiet annektieren.

Aber die Phosphatminen sind nicht der einzige Reichtum West-Saharas. Außerordentlich reiche zur Plünderung überlassen. Ebenso haben Bohrungen ergeben, daß hier bedeutende Erdölvorkommen lagem, die bisher von den mit der Erforschung solcher Vorkommen beauftragten großen Erdölgesellschaften willkürlich unterbewertet wurden. Aber die Eile, mit der sie in der letzten Zeit Förderverträge mit Spanien abgeschlossen haben, spricht Bände über diese Vorkommen, die bisher als strategische Reserven betrachtet wurden. Außerdem verfügt West-Sahara nicht nur über bedeutende Eisen- und Uranvorkommen; unter seiner Erdoberfläche breitet sich auch ein richtiggehender unterirdischer See aus, eine enorme Süßwasserfläche, die es erlauben würde, den Rio de Oro (den südlichen Teil West- Saharas) in einen riesigen Garten inmitten der Wüste zu verwandeln. Man braucht nicht weiter nach Gründen für den Gebietsanspruch Mauretaniens auf diese Region zu suchen.

Aber über seine entscheidende wirtschaftliche Bedeutung hinaus ist West-Sahara auch eine wichtige Figur im politischen und militärischen Spiel der umso mehr, als sich mit der Erlangung der Unabhängigkeit der alten portugiesischen Kolonien das Kräfteverhältnis in Afrika stark geändert hat. Der US-Imperialismus ist eifrig danach bestrebt, seine Präsenz in dieser Region zu festigen und unterstützt daher die Annexionswünsche Marokkos und, in zweiter Linie, auch Mauretaniens, Ein unabhängiges Sahara, in dem der F. Polisario (Volksfront zur Befreiung Saharas) unterstützt von Algerien eine bedeutende Rolle spielte, wird vom Imperialismus sehr ungern gesehen, da es die amerikanischen Militärbasen auf den Kanarischen Inseln gefährden könnte. Seit dem Sturz des Caetano-Regimes in Portugal sind die Basen auf den Azoren kein besonders sicheres Element in den Militäreinrichtungen der NATO mehr. Der Aufschwung der M. P.A. 1. A. C. (Bewegunges für die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit Kanarischen Archipels) und die brüderlichen Bande, die sie mit dem F. Polisario geknüpft hat, bestätigen die Berechtigung solcher Befürchtungen. Als wichtige Schachfigur ist West-Sahara Gegenstand komplierter Verhandlungen und heikler Initiativen, von denen der "Grüne Marsch" nur die letzte darstellt. Seit einem Jahr hat sich der spanische Kolonialismus, selber zum Rückzug gezwungen, in eine Politik der Pseudo-Entkolonialisierung eingelassen, bei der er weit davon entfernt ist, alle Faktoren zu kontrollieren. Spanien hat versucht, seine wirtschaftlichen und militäri -

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WEST SAHARA schen Interessen in dieser Region in der Hauptsache zu retten, indem es gleichzeitig Verhanlungen auf mehreren Fronten eröffnete. Sein erstes Ziel war, den Rhythmus der Entkolonialiserung zu verzögem, indem es mit brutaler Gewalt gegen die ersten Aktionen des F. Polisario vorging und im juni 1970 in El Alour das Feuer aul die Demonstranten eröffnete: das Ergebnis waren Dutzende von Toten, Hunderte von Verletzten, zusätzlich zu den zahlreichen Folterungen. Aber die Repression konnte die Stärkung des F. Polisario nicht aufhalten; dieser hat im August 1973 seinen Gründungskongreß abge halten. Der Sturz der Caetano-Diktatur in Portugal und die Verschärfung der Krise der Francosch es eine bei sekant, ein den "

zu organisieren, das über den künftigen Status dieses Gebiets entscheiden sollte. Parallel dazu förderte es die Gründung der P. U.N. S. (Partei der Nationalen Union Saharas), eine legale Partei saharischer Notabeln, die bereit sind, mit dem Franco-Regime zusammenzuarbeiten. Der Partei ist die Aufgabe zugedacht, einen neokolonialen Übergang zu sichem, der die wichtigsten Interessen Spaniens bewahren soll.

Die Kolonialverwaltung hat zur Vorbereitung Referendums eine Volkszählung durchgeführt, nach der die Bevölkerungszahl der Einheimischen in Westsahara 75. 000 beträgt. • so gros ist wie halb für ein Gebiet, das praktisch so chen von viel höheren Zahlen, von 250-300.000. Es stimmt, daß der überwiegende Teil der Sahara-Bevölkerung aus Nomadenstämmen besteht, die sich sehr wenig um die künstlichen Grenzen kümmem, die das Gebiet unter spanischer Verwaltung von Algerien, Marokko und Mauretanien Der Großteil dieses Nomadenvolkes konnte von der Volkszählung gar nicht erfaßt werden, da es oft vor dem Elend und der Unterentwicklung in die der spanische Kolonialismus dieses Gebiet Rezenten mite, in dielse Voistenme sind (1) Diese Volksstämme sind si cher bereit, sich in ein freies und unabhängiges West-Sahara einzugliedem, wie die massive Unterstützung zeigt, die sie dem F. Polisario ent- Seiden nen Aktivaten auf seinem cebiet zu indem sie sogar Mauretanien zwin- Die spanischen Manöver scheiterten bald am Untergang der PUNS, die trotz ihrer Möglichkeiten legaler Tatiskeit unfähig war, die Massenunterstützung für den F. Polisario einzudämmen, wie die Demonstrationen anläßlich des Besuchs einer UNO-Delegation im Frühjahr 1975 gezeigt haben, Zudem hat der Generalsekretär der PUNS, als er merkte, der Wind nun aus einer anderen Ecke pfiff und Spanien den Boden unter den Füßen verlor, es vorgezogen, mit Sack und Pack und der Organisationskasse dazu sich nach Marokko davonzumachen und dem marokkanischen Regime seine Untertänigkeit zu beteuem. Der F. Polisario hat sich daher als der unbestrittene Vertreter der Saharui und ihres Willens behauptet, einen unabhängigen Staat zu bilden. Sowohl die Morehob (Bewegung der blauen Männer) als auch die FLU (Front der Einheit und Freiheit, beide direkt vom marokkanischen Regime bewaffnet und unterstützt, verteidigen die Angliederung an Marokko, aber sie haben keinen emsthaften Einfluß in der Bevölkerung der Sahara. =ILES:CANARIES MAROC

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MAURITANIE = Routes revitues - - Pistes

Guera col 2. 100. 200 kilomitres Mit dem raschen Untergang der PUNS ist Spanien Franco-Regimes, und die marokkanische Offensive die Regierung gezwungen, sowohl das Gebiet zu răumen, als auch auf mehreren Fronten Verhandlungen einzuleiten. Spanien muß auf die Wahrung einiger seiner Privilegien verzichten, vor allem auf die Stationierung eines bedeutenden militärischen Kontingents, das in letzter Zeit 55. 000 Soldaten und 4. 500 Mitglieder der bewaffneten Polizei umfaßte. Man kennt die ausschlaggebende Rolle der spanischen Truppen in Marokko im faschistischen Juli-Aufstand 1936 zu genau, um nicht zu verstehen, welch großes Interesse das Regime daran hatte, in Übersee Streitkräfte zu die sicher und bereit sind, auch ein zweites Mal als Speerspitze der Konterrevolution auf der Halbinsel einzugreifen. Aber das Ziel, das Spanien in den momentanen Verhandlungen mit Marokko und Mauretanien einerseits, mit Algerien und dem F. Polisario andererseits verfolgt, beschränkt sich auf die Erhaltung einer militärischen Präsenz in El Aioun, das als Stütze für den Luftstützpunkt auf den Kanarischen Inseln dienen soll, wo ca. 35. 000 Soldaten sta tioniert sind, Es sind jedoch eher wirtschaftliche als militärische Gründe, die die Politik des Franco-Regimes mehrmals und im Abstand von wenigen Tagen in Schwanken gebracht haben. Die Blitzreise nach Marokko des sehr Franco-treuen Ministers Solis vor 15 Tagen hat zur Ankündigung eines in Balde bevorstehenden Abkommens mit diesem Land geführt: andererseits gab die faktische Anerkennung des F. Polisario als einzigen wirklichen Vertreter der Saharui Anlaß zur Erwartung, daß das Gebiet rasch von der spanischen Verwaltung und der spanischen Armee geräumt werde und ein unabhängiger Staat gegründet werden könne . Aber nur wenige Tage später hat die Reise des stellvertretenden Staatschefs Juan Carlos nach El Aioun das Steuer herumgedreht: unter dem energischen, aber eher wirtsclaftlichen als militärischen Druck Algeriens bezog Spanien Marokko gegenüber eine härtere Haltung.

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In der Tat versuchte Spanien einerseits, sich durch ein Abkommen mit Marokko einen bedeutenden Anteil an der Ausbeutung der Phosphatvorkommen von Bu-Crâa zu sichem (vorläufige Abkommen sahen einen 60%igen Anteil vor). Andererseits ist Algerien mit Abstand der erste Handelspartner Spaniens in Afrika und so scheint die algerische Resolution bei der spanischen Regierung schwer gewogen zu haben. Laut Angaben des panischen Handelsministerium decken 1974 bei einem Gesamtexport nach Afrika im Wert von 36 590 Millionen Pesetas allein 10 000 Millionen Warenkäufe aus Algerien. Seinerseits hat Spanien für mehr als 20 000 Millionen Pesetas allein aus Algerien importiert (fast ausschließlich Erdöl), bei einem Gesamtexport aus dem afrikanischen Kontinent im Wert von 70 680 Millionen, Die Wirtschattsverträge mit Algerien sind wichtiger als die mit den USA und Marokko bleibt weit dahinter zurück.

Die Haltung der algerischen Regierung erklärt sich sowohl aus wirtschaftlichen, als auch aus politischen Interessen. Algerien kommt es zunächst darauf an, seinen politischen Einfluß zu vergrößer durch die Gründung eines unabhängigen Staates in West-Sahara unter der Führung des F. Polisario, Marokko und Mauretanien zu isolieren und die politische und militärische Präenz des US-Imperialismus in dieser Region ückzudrängen. Aber Algerien sucht auch nach einem Zugang zum Atlantik, um das Erdöl und Erdgas, das es in dem Teil der Sahara gewinnt, der in sein Gebiet fällt, rasch abführen zu kön- Die Kosten für den Bau von Pipelines zum Mittelmeer sind enorm hoch, und die Verhandlungen mit Marokko darüber, die Pipelines durch marokkanisches Gebiet zu führen und damit den schnelleren Zugang zum Atlantik zu gewinnen, sind bald gescheitert.

Aber Marokko spielt eine ebenso wichtige, nicht noch wichtigere Rolle. Man kann die Fol gen der Entscheidung Hassans II., die 300,000 Marokkaner des "Grünen Marsches" zum Rückzug zu bewegen, noch nicht abschätzen. Selbst wenn diese Entscheidung die Möglichkeit für ein Abkommen mit Spanien eröffnet, bedeutet sie für Hassan II. eine politische Niederlage, ein gescheitertes Abenteuer.

In der Tat war der "Grüne Marsch" nicht einfach geplant und organisiert gewesen als Mittel, um auf die spanische Regierung Druck auszuliben, sondem als eine regelrechte Invasion, die die sofortige Annexion dieses Territoriums durch Marokko ermöglichen sollte. Ein bedeutender Teil der 300. 000 Teilnehmer am Marsch war unter anz bestimmten Schichten der aktiven Bevölerung gewonnen worden, von denen man wollte, daß sie sich als neue Siedler niederließen. Ebenso waren Techniker, Spezialisten in der Ausbeutung des Phosphats mobilisiert worden, um einen Ersatz für die spanische Verwaltung in Bu-Crâa bereit zu haben. Zudem verfolgte das kriminelle Abenteuer von Hassan II. genaue innenpolitische Ziele: die Opposition gegen das Regime zu unterdrücken, eine Opposition die sich, mit der marokkanischen KP an der Spitze, Hals über Kopf in diesen Kreuzzug gestürzt hat, und eine nationale Einheit wiederherzustellen, die für ein so schwankendes Regime nicht mehr zu erhoffen ist: die feste Basis des Regimes in den Volksmassen zu beweisen und schließlich einer sehr unsi cheren Armee einen leichten "Krieg" zu bieten. Diese innenpolitische Operation Hassans II. war weitgehend von den USA angeregt und unterstutzt worden: sie verfolgte das Ziel, die inneren Schwierigkeiten des Franco-Regimes für sich auszuschlachten. Nun ist diese Operation zu einem völligen Fiasko geraten und es kann gut sein, daß sie die Krone ins Wanken bringt. Der Rückzug Hassans ist umso heikler, als er nicht nur die Frage der westlichen Sahara offen laßt, wo die Forderungen Marokkos ganz und unberechtigt sind (2), sondern auch das Problem der spanischen Enklaven Ceuta und Melilla, die aber integraler Bestandteil des marokkanischen Territoriums sind und sofort wieder zurückgegeben werden müßten. Nur die sofortige Verkündung eines spanisch-marokkanischen Abkommens, eine Annexion der westlichen Sahara durch Marokko billigt, könnte die Stellung Hassans II. noch retten. Aber damit ein solches Abkommen Wirklichkeit werde, müßte Marokko in das Gebiet eindringen; es würde dann auf den erbitterten Widerstand der Mehrheit der Saharui und ihrer Fuhdes F. Polisario stoßen, die dazu noch von Algerien unterstützt werden, das von allen in Frage kommenden Länder die stärkste Armee hat. Im Falle eines solchen Abkommens würde Spanien so schnell wie möglich das Feld räumen und wenig Neigung zeigen, seine Armee in einen schwierigen Konflikt zu verwickeln, in dem es unmittelbar keine eigenen Interessen zu verteidigen hat, der aber bestürzende Folgen haben könnte. Die Zukunft West-Saharas lastet im Wesentlichen auf den Schultem des F. Polisario. Diese Organisation, die man nur schwer politisch umreißen kann, genießt offensichtlich eine massenhafte Unterstützung in der Bevölkerung, deren soziale Strukturen vorkapitalistisch geblieben sind. Das Proletariat, das in den Bergwerken arbeitet und das Lumpenproletariat in den Städten, das von alarmierender Arbeitslosigkeit bedroht ist, haben heute ein zu geringes soziales Gewicht. Die Führung des F. Polisario liegt in der Hand einer kleinen intellektuellen Elite von Saharhui, die sich an den spaniśchen oder marokkanischen Universitäten herausgebildet hat. Sie steht offensichtlich unter dem Druck ler algerischen Führung, mit der sie sich weitgehend identifiziert. Unter diesen Bedingungen ist es mehr als unsicher, ob sie den Befreiungskampf in Westsahara bis zur vollständigen nationalen und sozialen Emanzipation der Sahara-Bevölkerung und bis zur Gründung eines sozialistischen Staates führen kann. Aber sie kann zumindest energisch den Weg zu einer baldigen Ausrufung eines unabhängigen Staates einschlagen. In diesem Kampf gegen die militärischen Drohungen Marokkos, gegen eine mögliche Intervention der spanischen Armee oder gar der USA muß sie die Unterstützung aller Revolutionäre und in erster Linie unserer Genossen in Spanien selbst erhalten. So haben es auch die Genossen der LCR-ETA (VI) verstanden, die ihren Militärdienst in Westsahara leisten und sich mit dem F. Polisario verbrüdern. (1) In West-Sahara gibt es im Ganzen 2 Oberschulen und 350 Krankenhausbetten, Von denen 50% für die spanischen Siedler reserviert sind. (2) Marokko benift sich darauf, daß vor der Kolonialzeit Verbindungen bestanden zwischer Sahara-Stämmen und dem Sultan von Marokko, dem die ersteren Huldigungen entgegenbrachten, die jedoch nur symbolischen Charakter hatten.

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