Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Rezession und Perspektiven der internationalen kapitalistischen Wirtschaft

Inprekorr Nr. 35/36, 15. Juni 1975 · S. 17-20 · 1.721 Wörter

Weltwirtschaft und Krise USA und Kanada

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Die allgemeine Rezession von 1974/75 ist kein Produkt des Zufalls noch ein "Mißgeschick" der internationalen kapitalistischen Wirtschaft. Sie ist das Ergebnis aller grundlegenden Widersprüche der kapitalistischen Proluktionsweise, die nach und nach wieder an die Oberfläche gestiegen sind, nachdem sie dank der Inflation zwei Jahrzehnte lang (in den USA sogar zweieinhalb Jahrzehnte) in den Hintergrund gedrängt worden waren. Jm herauszubekommen, ob die gegenwärtige Rezession von einer neuen langen Phase eines gesteigerten Wachstums gefolgt wird, oder ob, im Gegenteil, sie die Bestätigung für eine langfristige wirtschaftliche Tendenzwende ist, muß man ihre Auswirkungen auf die wesentlichen Faktoren untersuchen, die die langfristige Entwicklung der Profitrate in den imperialistischen Ländern beeinflussen. 1) Eine neue Abwertung der Rohstoffpreise scheint für die nächsten Jahre sehr unwahrscheinlich. Besonders auf dem Gebiet der Energiepreise ist es das gemein same Interesse des imperialistischen Kapitals (mit Ausnahme vielleicht von Japan und einiger kleinerer Länder) und der Bourgeoisien der halbkolonialen Länder, zu verhindern, daß die Preise für aus den OPEP-Ländern exportiertes Erdöl unter ein gewisses Niveau sinken. Jede übertriebene Senkung dieses Preises hätte die Wirkung, daß die Ersatzenergiequellen (Erdöl in der Nordbituminöse Schichten in den USA, Erdöl in Alaska, Kernenergie) konkurrenzunfähig würden, und daß die notwendigen enormen Kapitalinvestitionen zur Entwicklung dieser Energiequellen rausgeschmissenes Geld würden, oder daß deren Entwicklung nur ungenügende Profite einbringen würden.

(2) Die Auswirkungen, die die dritte technologische Revolution auf die Verringerung des Werts der Elemente les fixen Kapitals gehabt hat -- und die dazu führten. daß trotz der Ausweitung der Halbautomation die organische Zusammensetzung des Kapitals in der Periode 1945-67viel weniger rasch angestiegen ist als man auf den ersten Blick hätte vermuten können -- scheinen langfristig schwächer zu werden, Das Tempo der Steigerung der Arbeitsproduktivität wird sich verlangsamen in der Abteilung I wie in der Abteilung II, was zugleich eine wachsende Verteuerung der angestiegenen Masse der durch das Industriekapital in Gang gesetzten Maschinen nach sich zieht, sowie eine Verlangsamung des Wachstums des relativen Mehrwerts (dieses Wachstum war ein wesentliches Charakteristikum für die dritte technologische Revolution).

(3) Die Rezession von 1974/75 hat keine Auslöserrolle gespielt -- und in einem inflationistisch angeheizter Klima kann sie diese Rolle auch nicht spielen -- für eine massive Abwertung von Kapital, was normaler-

Seite 18

REZESSION weise die Funktion einer Überproduktionskrise ist, um die Kapitalverwertung wieder auf gesunde Füße zu stellen, das heißt, um eine kurzfristige Erhöhung der durchschnittlichen Profitrate zu erlauben. Sicher, es gab einige spektakulare Bankrotte und einige wichtige Geschäftszusammenschlüsse und Konzentrationen. Aber die wichtigen Firmen, die am Ende ihrer Finanzkraft angelangt waren, wurden durch massive staatliche Subventionen gerettet. Die Befreiung der Investitionen von Steuer, eine andere Form von Subventionierung, wurde in praktisch allen kapitalistischen Länder angewandt. Es kam also eher zu einer Neuverteilung der Mehrwertmasse einer gleichbleibenden Kapitalmasse als zu einer massiven Verringerung von Kapitalien bei leicht reduzierter Mehrwertmasse. Offenbar werden viele dieser Probleme durch die Inflation verdeckt. Aber ein positiver Effekt der Rezession auf die Profitrate. durch massive Abwertung und Zerstörung von Kapital, erscheint bereits heute als unwahrscheinlich. (4) Das Wachstum der Mehrwertrate durch dem Produktionsprozess inhärente Mechanismen ist ein normales Ergebnis jeder Überproduktionskrise und jeder Periode, in der es massive Arbeitslosigkeit gibt. Dies zeigt sich auch heute wieder. Die Arbeitslosigkeit und die Angst vor Arbeitslosigkeit erhöhen die "Arbeitsdisziplin", vermindern die Abwesenheitsrate der Arbeiter vom Arbeitsplatz und andere Fluktuationserscheinungen der Arbeitskraft, was wiederum eine Beschleunigung des Arbeitstempos und die Intensivierung des Arbeitsprozesses erlaubt. All diese Maßnahmen kapitalistischer "Rationalisierung" zeit in Branchen wie dem Automobilsektor, der Stahlnausule, bei der Herstellung von elektrischen Gerăen, in der Chemie usw. gang und gabe sind, führer zu einer Erhöhung der Wachstumsrate, was wiederun positive Auswirkungen auf die Profitrate haben wird. (5) Dennochwird eine Kombination dieser oben angeführten vier Faktoren kaum zu einem wirklichen Aufschwung" der Profite führen, vor allem wenn man in Rechnung stellt, daß die Zirkulation des Kapitals sich eher verlangsamt als beschleunigt hat. Diese Verlangsamung ist typisch für eine Periode der Rezession, auf die ein eher langsamer Aufschwung folgt.

Unter diesen Bedingungen ist die Schlußfolgerung die gleiche, die wir seit mehreren Jahren immer wiede betont haben: die Möglichkeit für einen Neubegint einer Periode eines beschleunigten Wachstums vom typ der wachstumsphase in den füntziger und Anrang der sechziger jahre ist in letzter Instanz abhängig von einer radikalen Erhöhung der Mehrwertrate, mithilfe einer radikalen Verringerung der dírekten und indirekten Lohnmasse. Allein eine solche Veränderung könnte zu einer ernsthaften Steigerung der Profitrate und zu einer ernsthaften Steigerung der ziert werden fuhren, (d.h.,e dasie diese invest nan- ziert werden fuhren, (d. h., titionen finanzieren, ohne daß sie massive Zuflucht zur Inflation nehmen). Und eine solche spürbare Steigerung der Profite ist eine Voraussetzung dafür, daß es zu einer neuen Ara kapitalistischer Prosperität kommt (in diesem Zusammenhang ist es wohl nicht nötig zu betonen, daß im Rahmen einer sozialistischen, selbstverwalteten und demokratisch geplanten Wirtschaft Vollbeschäftigung und rationales Wirtschaftswachstum mithilfe von anderen Mechanismen erreicht werden können als durch eine Vermittlung über das Wertgesetz!) Wenn man eine erste Bilanz der Auswirkungen der allgemeinen Rezession was die Ebene des Kratteverhaltnisses zwischen Kapital und Arbeit- bezogen auf die Gesamtheit der imperialistischen Länder•-angeht, • zieht, so ist klar, daß dieses Kräfteverhältnis sich für die Arbeiterklasse keineswegs so verschlechtert hat, daß man von der unmittelbar bevorstehenden Möglichkeit einer vernichtenden Niederlage der Arbeiterklasse sprechen könnte. Und allein eine solche historische Niederlage, vergleichbar mit dem Sieg des Faschismus, dem zweiten Weltkrieg oder dem "kalten Krieg" der vierziger Jahre, wäre in der Lage, eine solche Wirkung auf die Mehrwertrate auszuüben. Sicher, die westdeutsche Arbeiterklasse und die japanische Arbeiterklasse haben dieses Jahr beide Nominallohnerhöhungen akzeptiert, die den durch die Inflation verursachten Kaufkraftverlust nicht wettmachen. Die Veränderung des Kräfteverhältnisses zuungunsten der Arbeiterklasse auf dem "Arbeitsmarkt" hat dort also eine Auswirkung auf die Neuverteilung des Nationaleinkommens gehabt, und zwar nicht aus mechanischen oder automatischen Gründen, sondern aufgrund der Klassenkollaborationistischen Haltung der Gewerkschaltsbürokratien, und autgrund der starken Kontrolle, die sie immer noch über die arbeitenden Massen ausüben. Aber es handelt sich hier nur um marginale Veränderungen in der Verteilung des Nationaleinkommens, um Veränderungen übrigens, die bereits dann neutralisiert werden können, wenn es zu einem neuen kämpferischen Aufschwung der Arbeiter kommt, und der wird nicht lange auf sich warten lassen -- wenn auch auf einer Stufenleiter, die von Land zu Land verschieden sein kann. Was Nordamerika angeht, so beweisen die Arbeiter von Quebec eine solch hohe Kampfbereitschaft, daß sich die Regierung gezwungen sah, Anti-Gewerkschaftsund Anti-Streikgesetze vorzuschlagen. Seit Jahrzehnten hat man in diesem Land der sogenannten bürgerlich-parlamentarischen Demokratie ähnlich harte Maßnahmen nicht mehr gekannt. Gleichzeitig häufen sich die Anzeichen für ein Wiedererwachen, sicher recht langsam aber doch real, von Sektoren der amerikanischen Arbeiterklasse.

Unter diesen Bedingungen wird deutuch, daß der Kampf für eine substanzielle Erhöhung der Mehrwertrate, der kennzeichnend sein wird für die siebziger und den Beginn der achtziger Jahre, wie er kennzeichnend für das Europa der zwanziger und dreißiger Jahre war, erst begonnen hat. Es wird in einer Reihe von imperialistischen Ländern zu immer härteren Kraftproben zwischen Kapital und Arbeit kommen. In mehreren dieser Länder wird es zu vorrevolutionären und revolutionären Situationen kommen.

Die kapitalistische Welt wird von ihrer jetzigen Phase, die von einer globalen sozialen Krise gekennzeichnet ist, und von einer allgemeinen Wirtschaftsrezession, nicht zu einer dauerhaften und langen Phase der Expansion übergehen können, ohne daß sie vorher der Arbeiterklasse eine vernichtende Niederlage beigebracht hat. Ohne, daß es vorher zu Katastrophen für die gesamte Menschheit gekommen ist, in Form von schrecklichen Hungersnöten, in Form von neuen blutigen Diktaturen und von neuen mörderischen Kriegen. Die gegenwär tige imperialistische Krise als Ausgangspunkt fül einen Ansturm gegen die Macht des Kapitals nehmen, heißt nicht nur, eine außergewöhnlich günstige Gelegenneit zur Ausdehnung der sozialistischen Revolutior im internationalen Maßstab auszunutzen, sondern heißt auch und vor allem dafür zu kämpfen, daß die Menschheit nicht erneut in Barbarei versinkt. 1. Juni 1975

Seite 19

Anmerkungen:

(1) Über unsere eigenen Voraussagen und eine erste Analyse und Erklärung der verallgemeinerten Rezesion siehe die engl., rz. und span. Ausgabe voi Inprecor" Nr. 16/17 vom 16. Januar 1975: "Di allgemeine Rezession der interationalen kapitalistischen Wirtschaft" (auf deutsch in: "Rote Hefte" Nr. 9, ISP-Verlag, Frankfurt, Koblenzerstr. 43). (2) Die OECD hat für die erste Halfte des Jahres 1975 folende Erhöhungen des Bruttosozialproduktes vorgesehen: USA 3%, Japan 1,2%, Frankreich 5, Westdeu Westdeutschland 4%, Italien 3,5%, Großbritannien 1% und Kanada 5,5%. (3) Die großen monopolistischen Trusts planen ihre Investitionen mittelfristig im voraus. Sie müssen daher jährlich eine bestimmte, mehr oder weniger bereits im vorhinein festgelegte, Summe vonGewinnen erreichen (Erneuerung des fixen Kapitals und Neuinvestitionen). Wenn diese Summe aus dem Verkaufserlös einer geringeren Summe von verkauften Einheiten abgezogen werden soll, dann werden die Verkaufspreise pro verkaufte Einheit einfach erhöht. Die Monopolsituation erklärt, warum sie so handeln können. Aber die Grenzen sind nicht beliebig gesteckt und man wird dies nicht über einen unbegrenzten Zeitraum hinweg tun können.

(4) Siehe die interessante Polemik zu diesem Thema in "Business Week" vom 2. Juni 1975 (5) Siehe besonders das Kapitel 14 unseres Buches "Der Spätkapitalismus".

(6) Martin Mayer: "The Bankers" Weybright & Talley, 1974. (7) Siehe unseren Artikel "Die Krise der Automobilindustrie" in "Inprecor" nr. 4 (frz., spanische und englische Ausgabe), vom 18. Jull 1974. (8) Zum Thema der Auslandsinvestitionen der OPEP- Länder siehe unseren Artikel "Die Entstehung eines iranischen und arabischen Finanzkapitals" in "Inprecor" Nr. 10 vom 17. Oktober 1974 (siehe frz., spanische und englische Ausgabe).

9) Die Gründe, aus denen die Monopole, die heute n den imperialistischen Ländern eine Vormachtstelstehen, wurden von uns bereits 1960 in unserer tischen Wirtschaftstheorie" (Ende des Kapitels 13) an- "Marxisgeführt.

: unterstützt und abonniert «bresche» Jahresabonnement für 22 Nummern

Erscheint zweimal im Monat (Juli und August monatlich) in unverschlossenem Couvert Fr. 24.in verschlossenem Couvert Fr. 35.- Auslandsabonnement Fr. 40.- Unterstützungsabonnement Fr. 50. - Ich bestelle ein Jahresabonnement

Ich möchte mit der RML Kontakt aufnehmen Name

Adresse

Beruf

Ort Datum

Einsenden an: RML, Postfach 299, 8031 Zürich Postcheckkonto 80-44457 Beginn der Auslieferung der «bresche» nach Geldeingang breache Organ der Revolutionären Marxistischen Liga Schweizer Sektion der 4. Internationale AZ 8031 Zürich

Adressänderungen an Postfach 299, 8031 Zürich

Seite 20

FRANKREICH

AUF DER TALSOHLE