S C H W E I Z : ERSTE BILANZ DES KAMPFES BEI PAILLARD ++*++++ *++++++++++++++++++++++++++ +414 +++ Seit Dienstag 23. März sind die Ar eiter der Fa. Paillard in Yverdon, Orbe und Sainte Croix (französische Schweiz) im Kampf. Zur Stunde erwarten sie das Resultat eines "Schiedsspruches" , der über Erfüllung oder Nichterfüllung ihrer Forderungen entscheiden soll; folgende Frage bleibt in der Schwebe: werden die Arbeiter es sich gefallen lassen, Spielzeug der Entscheidung irgendeines Bundesrichters 2u sein?
DIE BILDUNG EINES "ARBEITERKOMITEES"
Bei einer Versammlung, die am 24. März im "Arbeiterkreis" von Yverdon stattfund , w.rceein provisorisches Komitee für die Arbeiter von Paillard-Yverdon bestimmt. Dieses Komitee beschloß, die Arbeiter von Paillard-Yverdon aufzurufen, am Donnerstag 25. März um 9 Uhr eine Vollversammlung abzuhalten.
Am Donnerstag 25. März kamen im Fover von Paillard-Yverdon mehr als 700 Arbeiter zusammen - und nicht 200, wie die bürgerliche und die gewerkschaftliche Presse schreiben - , gegen den Willen der Vorgesetzten des Unternehmens, die im Werk das Maul so groß aufreißen. Während dieser Versammlung wurde auf der Basis eines Forderungskatalogs ein Arbeiterkomitee ernannt, das fat 20 Arbeiter und Arbeiterinnen, Schweizer ebenso wie Ausländer, vereinigte.
Dieser Katalog enthielt folgende Punkte:
- Jahresprämie für alle ohne Ausnahme; - Anhebung des Ecklohns um 10 %, um der Erhöhung der Lebenshaltungskosten Rechnung zu tragen; - schnellstmögliche Einführung der monatlichen Lohnzahlung - keine Repressionsmaßnahmen gegen die kämpfenden Arbeiter. Man muß die Bedeutung dieses Arbeiterkomitees unterstreichen, das zum autonomen und repräsentativen Organ aller Arbeiter - mit Ausnahme der Vorgesetzten und der direkten Vertreter der Gewerkschaftsbürokratie wurde. Nur dieses Komitee konnte eine bestimmende Rolle gegenüber allen gemeinsamen Manövern der Direktion von Paillard und der Gewerkschaftsbürokratie spielen.
EINE VERSAMMLUNG, DIE OFFEN WAR FÜR ORGANISIERTE? UNORGANISIERTE UND REVO- LUTIONÄRE GENOSSEN
Am selben Donnerstag 25. März rief die FOMH (Gewerkschaft), und zwar die Sektion von Yverdon, einer Versammlung auf. Die Direktion von Paillard hatte nämlich beschlossen, die Jahresprämie ausfallen zu lassen, ohne die FOMH und die vollständig von der Gewerkschaftsbürokratie kontrollierte Arbeiterkommission davon zu unterrichten. Von nun an wollten die Bürokraten einerseit. demonstrieren, daß sie nicht zuließen, daß die Direktion von Paillard, ohne sie auch nur zu benachrichtigen, den Wegfall der Jahresprämie beschließt; andererseits wollten sie die Dinge wieder in ihren Griff bekommen angesichts der spontanen Kampfbewegung (Arbeit .ederleradikale Produktionssenkung), die sich seit Dienstag morgen entwickelt hatte.
Um die Arbeiter zu spalten und um die Kontrolle der Versammlung leichter handhaben zu können, lud die Direktion der FOMH nur gewerkschaftlich organisierte Arbeiter ein. Am Eingang der Kantine hatte sie ihren Ordnungsdienst aufgestellt, der die "guten" von den "schlechten" scheiden sollte, die Organisierten von den Unorganisierten.
Die Gewerkschaftsführer hofften folgende Forderungen durchzubringen: - Lohnerhöhungen von 5 %, was in Wirklichkeit nichts anderes als die in der Vereinbarung vorgesehe Angleichung an die Lebenshaltungskosten bedeutete; - Verlagerung des Kampfes weg aus dem Betrieb in die zentrale Schlichtungskommission, das heißt in den Verband Vaudoiser Metallindustrieller (GMV) und die kantonale FOMH- Direktion. Wenn dort eine Einigung zwischen den beiden "Sozialpartnern" (Gewerkschaftsbürokraten und Unternehmer, nicht Arbeiter und Kapitalisten) nicht möglich sein würde, würden die beiden Parteien das Schiedgericht anrufen, das heißt die Entscheidung des Bundesgerichtshofes, also der bürgerlichen Justiz.
Nun akzeptieren aber die Arbeiter nicht, daß die Versammlung nur auf die gewerkschaftlich Organisierten beschränkt sein sollte, und mehr als 200 Nichtorganisierte drangen in den Saal ein. Martin, Sekretär der Sektion der FOMH von Yverdon, ehemaliges Mitglied der Arbeiterkommission bei Paillail, versuchte einige beschwichtigende Sätze zu sprechen und bewies sehr bald, daß Ausländerfeindlichkeit neiht nur das besondere Attribut von Schwarzenbach ist. Angesichts der Reaktion der Arbeiter rief er doch tatsächlich: "Ruhe, wir sind hier nicht in Italien oder Spanien, wir sind hier in der Schweiz!" Augenblicklich leerte sich das Foyer. Die eingewanderten wie die Mehrzahl der Schweizer Arbeiter bewiesen, daß sie nicht bereit waren, solche Provokationen zuzulassen, und der Kampf, den sie seit 2 Tagen führten, zweifellos eine Einheit unter ihnen geschaffen hatte. Die Gewerkschaftsführer, die ohne ihre"Basis" nicht existieren können, mußten also zugestehen, daß alle Arbeiter ohne Ausnahme an der Versammlung teilnehmen können. Weiterhin mußten sie unter dem Druck der gesamten Versammlung zulassen, daß die Revolutionäre der 'Ligue Marxiste Révolutionaire' (Trotzkisten) nicht nur an der Versammlung teilnehmen, sondern acuh das Wort ergreifen konnten.
VON DER DEMAGOGIE ZUM SPALTUNGSVERSUCH
Damals erbrachte der "junge Waf" Chanex, Gewerkschaftsfunktionär und ehemaliges Mitglied der Arbeiterkommission bei Paillard, den Beweis dafür, daß die Bürokraten unter dem Druck der Arbeiter extrem opportunistische Schwenkungen vollführen. So hörte man Chanex bestätigen, daß eine Lohnerhöhung um 10 % das Mindeste sei, daß die mon atliche Lohnzahlung sich ohne Schwierigkeit durchsetzen lassen würde. In Wirklichkeit hatte Chanex nur ein Ziel: einen Vorschlag zur Abstimmung vorzu? gen, damit die Versammlung vor die zentrale Schlichtungskommission zu bringen. Aber die Gewerkschaftsführer fielen auf ihren Trick herein, durch weitgehendere Forderungen die Arbeiter wieder in den Griff zu bekommen. Die Versammlung, auf der rund 600 Arbeiter waren, beschloß schließlich 1- Mindestjahresprämie von 100 Franken für alle. Das bedeutet, daß diekeine Jahresprämie oder eine unter 100 Franken bekommen hätten nach der früheren Regelung, mindestens 100 Franken erhalten müssen. Diejenigen, die anbetracht ihres Dienstalters mehr bekommen, müssen ihre normale, d.h. im Verhaltnis zu 1970 erhöhte Prämie erhalten. 2- Gleiche Lohnerhöhung von 80 Rappen pro Stunde für alle. Mit dieser Forderung kann man die Lohnhierarchie verkleiner, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Lohngruppen verringern und den weniger Begünstigten eine größere Lohnerhöhung geben, als sie durch eine prozentuale Erhö-: hung erreicht hätten. Dies ist ein Beispiel wirklicher Solidarität, die alle Arbeiter einigt.
2- Monatliche Lohnauszahlung für alle, ohne Untershied zwischen den Lohngruppen.
4- Keine Repressionsmaßnahmen gegen die streikenden Arbeiter. Die Gewerkschaft muß diese Forderung garantieren; das ist übrigens ausdrücklich vom Sekretär der FOMH, Chanex, auf der Versammlung zugesagt worden. ARBEITERKOMITEES
Angesichts der Einmütigkeit der Versammlung sahen sich die Gewerkschaftsführer gezwungen, diese Forderungen zu übernehmen, und am nächsten Morgen verteilten Martin und Co. ein Flugblatt mit der Bestätigung, daß die FOMH diese Forderungen vorbringen würde...
Nun versuchte aber im selben Augenblick der Sekretär der FOMH von Orbe und von Sainte Croix, Eduard Paillard, bei Versammlungen der Arbeiter dieser beiden Betriebe Forderungen durchzusetzen, die einen vollständigen Bruch mit den am vorhergehenden Tag in Yverdon aufgestellten Forderungen bedeudeten. Die Politik der FOMH wurde klar, und die Arbeiter konnten sich ein Bild vom Opportunismus der Chanex und Co. machen...
Er schlug also folgende "Forderungen" vor:
- Anhebung des Lohnes um 5 % (wie nach der Vereinbarung); - monatliche Lohnauszahlung ab 1973, gemäß den Plänen der Direktion; - Versuch, in Sachen Jahresprämie zu einer Einigung zu kommen. In Sainte Croix hinderte Eduard Paillard die Arbeiter daran, das Wort zu ergreifen, und er ließ auf diese Art ohne irgendeine Abstimmung die "Forderungen" annehmen. In Orbe lief die Sache anders. Zum einen konnte ein Arbeiterkomitee, dessen Delegierte in jeer Abteilung gewählt worden waren, dem Gewerkschaftsbürokraten eine schnelle Antwort geben. Zum anderen wurde eine Arbeiterversammlung abgehalten, die einmütig beschloß, die bei der versammlung von Yverdon vorgebrachten Forderungen zu übernehmen. Die Spaltungspolitik der FOMH war gescheitert. Darauf mußten die Bürokraten zugeben, daß die von den Arbeitern von Yverdon vorgebrachten Forderungen "natürlich" (!) für alle drei Paillard-Betriebe gültig seien. DER SCHIEDSSPRUCH - UND DIE ALTERNATIVE
In dieser Situation übernahm die Gewerkschaftsbürokratie sehr schnell die "Strategie des Schiedsspruchs" entsprechend der Logik des "Arbeitsfriedens". In der Tat hat der Schiedsspruch den doppelten Vorteil, daß er einerseits glauben macht, daß die FOMH sich wirklich um die Forderungen kümmert, und daß er andererseits die Sache verschleppt und den Kampf entschärft. nichtorganisierten Arbeiter einzuberufen, damit je nach der Haltung der Direktion entschieden werden könne, was zu tun sei. Hier erhielt das Arbeiterkomitee seine volle Bedeutung. Der Beweis für die opportunistische Haltung der Gewerkschaftsbürokraten reichte aus; man mußte der Gewerkschaft mißtrauen und die Arbeiter mobilisiert halten. Dasheißt ziemlich regelmässige Argeiterversammlungen abhalten, wie diejenige des "Arbeiterkreises" vom 23. März, um über die künftige Politik zu entscheiden und um die Bilanz der Haltung der Gewerkschaftsführung und der Direktion zu ziehen. Das war das einzige Mittel, um die Arbeiter nicht hilflos den Provokationen der Direktion und der Gewerkschaftsführung auszusetzen. Weiterhin konnten nur solche Versammlungen dem Arbeitekomitee eine genaue Politik vorschreiben, und so hätten die Mitglieder des Komitees im Betrieb klar aufzeigen können, was zu tun sei, und nicht ohne Antwort bleiben müssen auf die vielen Fragen derjenigen, die sie gewählt hatten. Es ist jedoch leicht zu verstehen, daß man die Logik des Schiedsspruches nur erschüttern konnte, wenn man dem Arbeiter die führende Rolle gab und sich nicht hinter der Gewerkschaftsbürokratie verste cte.
Aber das Komitee, das unter dem Einfluß der örtlichen KP stand, gab die Parole aus: "Unterstützt die Gewerkschaften" und entmachtete sich damit prak-. tisch selbst.
In dieser Situation zeigten die Genossen der Ligue Marxiste Révolutionnaire, die sehr regelmäßig in den drei Betrieben intervenierten, die Sackgasse, in die eine solche Politik die Arbeiter führen mußte. So schrieben sie am 31. März in ihrer Betriebszeitung 'Brè de Usine': "All diejenigen, die uns heu te glauben machen wollen, daß man nur ganz einfach die Gewerkschaften unterstützen müsse, oder noch genauer die Politik der Gewerkschaftsführer, führen die Arbeiter direkt in die Niederlage... HEUTE MÜSSEN DIE ARBEITER DIE HERREN IHRER EIGENEN BEWEGUNG SEIN! SIE DÜRFEN DEN GEWERKSCHAFTSBÜ- ROKRATEN NICHT ERLAUBEN, MASSMAHMEN NACH EIGENEM GUTDÜNKEN ÜBER IHRE KÖPFE HINWEG ZU ERGREIFEN!"
Sie betonten mit Nachdruck, daß heute jede bedingungslose Unterstützung der Politk der Martin und Co, jedes optimistische Warten auf die Ergebnisse des Schiedsspruches nur zur vollständigen Niederlage führen kann, zur Entgültigen Liquidierung der vor drei Wochen einheitlich von den Arbeitern vorbrachten Forderungen.
DIE ARBEITER LASSEN SICH NICHT DURCH DIE MANÖVER DER DIREKTION UND DER GE- WERKSCHAFTSBÜROKRATIE HEREINLEGEN! MAN MUSS DIE DEMOKRATISCHE UND AUTONO- ME ORGANISATION DER ARBEITER WIEDER MIT LEBEN FÜLLEN: DIE VERSAMMLUNGEN IN DEN FOYERS VON PAILLARD IN ORBE UND YVERDON WAREN SCHON ERSTE BEWEISE DA FUR. 25. März 1971 DIE ERGEBNISSE DES SCHIEDSSPRUCHES - ERSTE KOMMENTARE
Am Dienstagnachmittag haben die Vertreter der FOMH die Arbeiter von Orbe im College von Orbe und die Arbeiter von Yverdon im Foyer zusammengerufen, um ihnen die Ergebnisse des Schiedsspruches mitzuteilen. Die Lohnerhöhungen:
Die Löhne der Arbeiter werden ab Mai um 45 Rappen je Stunde für die Männer und um 40 Rappen je Sture für die Frauen erhöht. Diese Lohnerhöhungen beinhalten die 5 % für die Wiederangleichung an die gestiegenen Lebenshaltungskosten seit der letzten Lohnerhöhung vom 1. ovember 1970. Für die am meisten benachteiligten Lohngruppen bedeuten diese Lohnerhöhungen eine wirkliche Aufwertung (über die Angleichung an das Lebenshaltungsniveau hinaus), für einengroßen Teil, vor allem der männlichen Lohngruppen, bedeuten sie dagegen nur eine lächerliche Erhöhung. Die ursprüngliche Forderung von 80 Rappen für alle hätten eine massive Lohnerhöhung für die niedrigsten Gruppen bedeutet, während gleichzeitig die Kaufkraft der höheren garantiert wäre. Die erreichten Lohnerhöhungen bleiben jedoch weit unter den von den Arbeitern geforderten. Der "Kollege" Chanex hatte während der Versammlung im Foyer selbst gesagt, daß Lonerhöhungen von 10 % lächerlich wären, wenn man sie mit den Steigen der Lebenshaltungskosten vergleiche. Er scheint seine Demagogie für die Arbeiter reserviert zu haten! Abschaffung der Jahresprämie und "Erhöhung" der Weihnachtsgeldzulage: Die Jahresprämie wird also nicht gewährt. Als "Ausgleich" bietet man mehr Weihnachtsgeld. Aber dieses Weihnachtsgeld bekam man vorher unabhängig von der Jahresprämie. In der Tat, wenn das Gericht cine Zulage um 100 Franken bewillig', so haben diejenigen, die eine Jahresprämie von 200 Franken bekamen, jetzt nur noch die Hälfte. Der für den 30. Juni gewährte Vorschuß auf die Zulage ist in der Tat nur ein Stück Zucker, damit die bittere Pille besser geschluckt wird!
Die Garantien gegen die Repressionen:
Sie sind lakonisch und begrenzt. Sie lassen der Direktion, wenn sie es geschickt anfängt, einen zieilich weiten Spielraum, um diejenigen zu bestrafen, die im Laufe dieser zwei Wochen ihre Unzufriedenheit gezeigt haben. Drohungen sind schon gegen verschiedene Genossen laut geworden, und wenn die Direktion versucht, die "Anführer" zu treffen, kann nur die schnelle und solidarische Antwort aller Arbeiter sie daran hindern. Die ersten Lehren eines Kampfes:
Der Kampf der Arbeiter von Paillard zeigt, daß heute der Unternehmer nicht mehr selbstherrlich seinen Angriff auf die Löhne der Arbeiter führen kann und daß der Wall der FOMH-Bürokraten nicht mehr genügt, die wachsende Unzufriedenheit in der Arbeiterklasse einzudämmen. Die allererste Lehre, die die Arbeiter von Paillard ziehen müssen, kann man in zwei Fragen zusammenfassen:
- Verteidigt die Politik der FOMH-Führer, der Martin, Eduard Paillard usw. wirklich die Interessen der Arbeiter?
- Welche Rolle spielt die Arbeiterkommission in diesem Kampf, und was müßte die Aufgabe einer wirklichen Arbeitervertretungskörperschaft sein? Der Kampf von Paillard war zusammen mit anderen Kämpfen der Genfer Metallindustrie in diesem Frühjahr der erste Streik in der Schweiz nach fünfzig Jahren "sozialem Frieden" • Und was die Organisatio des Kampfes durch die Arbeiter betrifft, so entstanden in der Schweiz ähnliche Formen (Arbeiterkomitees) wie in Italien oder Spanien, wo die Arbeiterschaft auf langjährigen Kampftraditionen aufbaut.
28.4. 1971 (Aus LA BRECHE und Flugblättern der IMR)
FRANKREICH: RENAULT BESE TZT!
++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++ ++*++++ Seit Donnerstagabend (6. Mai) ist das Renault-Hauptwerk von Paris-Billancourt besetzt, zum ersten Mal seit dem Mai 1968.
DER KAMPF EEGANN IM WERK LE LANS
Die spontane Auslösung des Streiks bei Renault in Le Mans könnte im relativ heiteren sozialen Klima Frankreichs als Überraschung erscheinen. In Wirklichkeit hat die Unzufriedenheit der Arbeiter, die lange Zeit durch die von den Gewerkschaften organisierten Mini-Streiks kanalisiert worden war, schließlich den Riegel gesprengt. Seit Oktober 1970 hat sich die Unzufriedenheit bei Renault in Le Mans aufgestaut.
Die Direktion hatte nämlich beschlossen, die Arbeiter der DMA (Traktorenherstellung) kurzarbeiten zu lassen (nur vier Arbeitstage in der Woche). Sie teilte diese Entscheidung den Arbeitern in einem Brief an jeden einzelnen mit, wo sie erkärt, "daß es ihr unmöglich sei, anders zu verfahren" aber daß sie "großzügigerweise" als finanziellen Ausgleich...50 % des verlorenen Lohns zugestehen würde. Zusätzlich zum Beschäftigungsproblem sahen sich die Arbeiter mit dem ungerechten System der Arbeitsplatzbewertung konfrontiert, das diejenigen Arbeiter bestraft, die den Arbeitsplatz wechseln (der Lohn hängt vom Arbeitsplatz ab: wenn ein Arbeiter einen weniger gut bewerteten Platz einnimmt, verringert sich sein lohn). 1969 begannen die Arbeiter der Abteilung G.G. und 1970 die der "Thermiques" den Kampf gegen Sofort nahm der Kampf eine ixemplarische Rolle für die gesamte Belegschaft der "O.S." (angelernten Arbeiter) der ganzen Regie Renault an, die alle von diesem System der Aufspaltung durch die Unternehmer betroffen waren: - Die Arbeiter kämpften lange für ihre Forderungen.
- Die Direktion wollte nicht nachgeben, um nicht ihr System der Arbeitsplatzbewertung grundsätzlich infrage zu stellen.
Neue, harte Kämpfe wurden in verschiedenen Abteilungen von Le Mans geführt. Die Abteilung 85 hatte die Solidarität der Arbeiter der Werke von Flins und Billancourt, die sich weigerten, gewissen Arbeiten anstelle der Arbeiter der 85 von Le Mans auszuführen. Die Direktion stimmte schließlich nach 5 Wochen begrenzter kurzer Arbeitsniederlegungen einer Lohnerhöhung zu, aber nicht der Übernahme in die Lohngruppe 7, die die Arbeiter gefordert hatten. Die Gewerkschaftsführungen, die die einzelnen Kämpfe unterstützt hatten, weigerten sich jedoch, den Kampf auf die anderen "O.S." auszudehnen, die ebenfalls von diesem Problem betroffen waren.
Da die Direktion aus der Arbeitsplatzbewertung eine prinzipielle Frage machte, mußte der Kampf ausgeweitet werden. 4 Wochen lang traten 82 Arbeiter des Baus FF abwechselnd in kurze Streiks, um eine Anhebung ihrer Einstufung zu erreichen. Um den Kampf zu unterstützen, hatten die CFDT und die CGT für den 29. April zu einem einstündigen Streik aufgerufen. Im Anschluß an diese Arbeitsniederlegung beschloß die Spätschicht, bis zur Erfüllung a ba o 5 dor lien en trotion ne bereiten die Fabrikhallen!
Am Freitag 30. April fanden im Werk Cléon aus Solidarität mit den Streikenden von Le Mans Arbeitsniederlegungen statt. Am 2. Mai stimmten die "O.S." von Le Mans für unbefristeten Streik. Solidaritätskundgebungen fanden in den Werken von Billancourt, Cléon und Flins statt. Am Dienstag schlug die Direktion zurück. Sie kündigte die Aussperrung an. Am Mittwoch streikte Cléon. Das Werk Flins wurde besetzt. Am Donnerstag stimmte Billancourt für Besetzung, und am Abend begannen . die Arbeiter von Renault-Billancourt, ihre Fabrik zu besetzen.
IN PREKORR 15.5.71 S. 21
RASCHE AUSWEITUNG
Am 28. April waren es 82 Streikende in einer kleinenWerkstatt von Le Mans. Heute sind praktisch alle Renault-Werke besetzt.
Damit ein Funke einen Steppenbrand auslöst, muß das Terrain vorbereitet sein. Das war bei Renault der Fall. Seit Ende 70 sieht sich die Renault-Direktion mit zahlreichen Problemen konfrontiert. Die Lohnerhöhungen, die sie wegen ler Arbeiterkämpfe zugestehen mußte, die Erhöhung des stahlpreises haber ihre Gewinnquoten stark reduziert. Nun müssen aber in der Automobilproduktion enorme Investitionen gemacht werden. Um sie zu finanzieren, ist die Direktion von Renault auf : ci Fronten zum Angriff übergegangen. Sie hat versucht, sich der "unrentablen" Sektoren zu entledigen ("technische Arbeitslosigkeit" im DMA-Traktorenwerk als erster Schritt zur Stillegung), und sie hat die Ausbeutung auf den rentablen Sektoren verschärft, was sie "Rentabilisierung" nennt.
Übersetzt für die Arbeiter heißt das: höheres Arbeitstempo und wachsende Unsicherheit des Arleitsplatzes. Denn Rentabilisierung heißt weniger Neumehr Entlassungen. Die Unzufriedenheit war also groß, und einstellungen und alle Arbeiter von Renault waren bereit, für ihre Forderungen zu kämpfen. DIE TAKTIK DER DIREKTION
Es ist klar, daß die Direktion von Renault es auf eine Kraftprobe ankommen lassen wollte. Eine Aussperrung von einigen Tagen ermöglicht es, die Lager wieder freizumachen. Und bei der Wiederaufnahme der Arbeit werden die "schwarzen Schafe" ausgesondert. Außerdem wollte Renault-Direktor Dreyfus die Bourgeoisie erpressen: wenn sie nicht will, daß die Kämpfe bei Renault sich verlängern mit allen Risiren, die das mit sich bringt, dann muß die Regierung Renault große Subventionen zugestehen.
Aber dieses Kalkül hat einen schweren Fehler: es rechnet überhaupt nicht mit den Arbeitern. Damit die Direktion ihr Ziel erweicht, darf die Produktion nicht länger als ein Dutzend Tage stillstehen; solange reichen die Vorratslager. Die Arbeiter wissen, daß der kommende Kampf hart sein wird. Sie werden nicht auf das Spiel der Direktion hereinfallen. Die Haltung der. KP
Die KP-Fraktion in der CGT tut alles, um eine Weiterentwicklung der Kämpfe zu verhindern. In Le Mans fordert sie, daß die Streikabstimmung geheim stattfinden soll und somit den "Celben" dasselbe Gewicht zukommt wie den Streikenden. 1500 Arbeiter verlassen daraufhin empört die Versammlung. In Cléon stimmt eine massive Mehrheit für den unbefristeten Streik. Die CGT-Führer lassen die Abstimmung wiederholen. Eine noch größere Mehrheit ist für den unbefristeten Streik. Die CGT-Bürokraten versprechen der Spätschicht, daß sie die Frühschicht informieren und den Streik organisieren werden. Am nächsten Morgen ist keiner der CGT-Führer da; nur die Genossen der Ligue Communiste informieren die Arbeiter.
In Billancourt organisiert die CGT eine Informations- und Solidaritätsversammlung für die Streikenden von Le Mans. Sylvain, der neue Generalsekretär der CGT Renault, reitet eine halbe Stunde lang hysterische Attacken gegen die "ultralinken Faschisten", indem er den Schmutz aus den Gräbern von Cachin und Thorez aufwühlt. Nach einem Angriff auf die CFDT schließt er, indem er den Arbeitern nichts anderes als eine "intensive gewerkschaftliche Aktivität" als Perspektive bietet.
Am Donnerstag erklärt die Kp-Fraktion in der CGT, daß eine Fabrikbesetzung den Interessen der Direktion diene und daß der Streik ein Manöver der Regierung sei. Es handle sich um eine neue Episode des "weiten Komplotts gegen . was wird 1 die nationalisierten Unternehmen". "Bald wird Renault nicht mehr verkaufen können, und wem nützt das? Fiat oder Peugeot!" Und vor allem werden die Arbeiter zur Wachsamkeit gegen "Provokationen" der Linken aufgerufen. Letzter Demobilisierungsversuch: Die Abstimmung am Donnerstag. Die CGT- Führung schlägt vor, in den Werkhallen zu bleiben, ohne sie zu besetzen. Sie hindern die Arbeiter, sich für die Besetzung auszusprechen, da man im Augenblick der Abstimmung noch nicht die Stellung der Regierung kennt.
ABER DIE ARBEITER HABEN VERSTANDEN
Die Arbeiter von Renault haben begriffen, daß die Forderungen der "O.S." von Le Mans - höhere Einstufung, Kampf gegen die Arbeitsplatzbewertung sie alle angehen. Und für gemeinsame Forderungen muß gemeinsam gekämpft werden. Selbst bei der CGT wird die Taktik der KP infrage gestellt. Ein Flugblatt, das von den Kadern der CGT am Donnerstag früh verteilt wurde, erklärt, daß "wenn eine Gruppe von Arbeitern zum Streik entschlossen ist, es nicht die Rolle der Gewerkschaften ist, die Bewegung zu bremsen, sondern im Gegenteil zusammen mit den Arbeitern die wirksamsten Mittel zu suchen sind, um das Ziel zu erreichen. Unter diesen Mitteln zählt besonders die größtmöglichste Ausdehnung des Streiks." :
Die Arbeiter haben ebenfalls begriffen, daß die einzige Antwort auf die Aussperrung die Besetzung ist. Die CGT-Führer haben alles getan, um den Arbeitern die Fabrikbesetzung auszureden. Nach zahlreichen Warnungen haben sie offen vorgeschlagen, gegen die Besetzung zu stimmen. Aber die Arbeiter haben ihre Interessen genau erkannt. Sie haben es Sylvain wohl zu verstehen gegeben, der äußerste Mühe hatte, am Donnerstagmorgen überhaupt zu Wort zu kommen. Unter Pfiffen trug er seine üblichen Phrasen gegen die "Ultralinke" vor. Die Arbeiter von Billancourt haben den Aufruf der Revolutionäre befolgt und massiv für die Besetzung gestimmt.
WIE GEHT ES WEITER ?