Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Interview mit einem griechischen Trotzkisten

Inprekorr Nr. 29, April 1974 · S. 11 · 677 Wörter

IV. Internationale Trotzki und Geschichte Griechenland und Türkei Jugend und Studenten

Unkorrigierter maschineller Text (OCR). Jede Seite verweist auf ihren Scan; vor dem Zitieren bitte dort prüfen.

Ein griechischer Genosse, Arbeitermilitant der IV. Internationale, war zum Zeitpunkt der Massenmobilisierungen in Athen. Er beantwortet hier einige Fragen von "ROUGE"

War die Bewegung der griechischen Studenten vollkommen spontan? Gab es politische Kräfte, die vorher in ihr gearbeitet haben? Ja, die Bewegung war spontan, Sie hat ihre revolutionäre Dimension erst während der Ereignisse selbst bekommen. Die Studenten waren in Komitees organisiert, die an der Basis von unorganisierten revolutionär-marxistischen Elementen geschaften worden waren. Diese Komitees gab es vor der Bewegung. Aber während des Kampfes haben sie einen Massencharakter angenommen, Vorher hatten diese Einheitskomitees folgende Parolen lanciert: Aufhebung des Kriegszustandes! Nein zu den betrügerischen Wahlen der Studentenvertreter! Die Entstehung dieser Komitees erklärt sich aus dem Klima der Politisierung in Griechenland, verstärkt durch die Veröffentlichung von marxistischen Büchern, darunter Werke von Trotzky. Die Studenten waren sehr beeinflußt von den Erfahrungen des Mai 68 in Frankreich, durch den Kampf der revolutionären Kräfte in Frankreich.

Du hast von unorganisierten revolutionärmarxistischen Elementen gesprochen...

Ich will damit sagen, daß sie keiner politischen Gruppe angehörten, aber vor den Ereignissen waren sie als Téndenz in den Komitees organisiert. Es sind Jugendliche, eine neue Generation, die nicht an der Niederlage von 1967 teilgenommen hat, Ihre Entwicklung begann auf einer antibürokratischen, einer antistalinistischen Basis. Viele von ihnen stammen aus der Lambrakis-Bewegung, aus der EDA.

Wie zeigte sich auf dem Gebiet der Orgalisierung der revolutionäre Charakter der Bewegung?

In der Bildung von Arbeiter- und Studentenkomitées, Als sie mit Rufen "Arbeitern und Studenten, gemeinsam" die Arbeiter in das Polytechnikum eindrangen, wurden empfangen. In den Komitees herrschte wirkliche Demokratie, mit Diskussionen an der Basis. Alle Entscheidunen wurden durch Abstimmung mit erhobener Hand getroffen, In diesen Komitees spielten viele Bauarbeiter, spontane Mitglieder einer breiten trotzkistischen Strömung, eine bedeutende Rolle, Früher gehörten sie zur stalinistihatten. schen Bewegung, von der sie sich enttäuscht abgewandt - 1 Genau, was war die Haltung der stalinistischen Bewegung, der traditionellen KP?

Sie hatten dieselbe Analyse wie die bürgerlichen Kräfte: Papadopoulos wird die Bewegung nicht unterdrücken. Noch schlimmer: sie haben die Bewegung als von Provokateurer organisiert denunziert. Die Polizei ist erst interveniert nachdem am Vorabend, freitags, Dracopoulos, Führer der inneren KP die Bewegung als von obskuren Kräften geleitete charakterisierte. Die Zeitung der inneren KP in Rom ist noch weiter gegangen: sie hat geschrieben, daß die Bewegung von Trotzkisten und Anarchisten geführt würde, die das Land in ein Blutbad führen wollten. Nach diesen Erklärungen haben die Studenten und die Arbeiter die Stalinisten aus den Komitees gejagt.

Warum diese abrupte Wendung der Stalinisten am Vorabend der Zusammenstöße, wahrend sie doch bis dahin an den Komitees teilnahmen?

Weil die Bewegung den rein demokratischen Rahmen, in den die KP sie einschließen wóllte, überschritten hatte. Weil die Bewegung den revolutionären Weg gewählt hat, mit der Beteiligung von Arbeitern, die die Mobilisierung von 1965-67 kannten, die also schon erste Kampferfahungen hatten. Die stalinistische Bewegung hat aufgrun Ihrer eingenommenen Positionen sich erneut diskreditiert -- wie in der Vergangenheit, Aber wesentlich ist, daß revolutionäre Marxisten und Trotzkisten es verstanden, auf den Druck der Massen, die teilweise aus der stalinistischen Bewegung herkamen, eine Antwort zu geben, Was die "äußere" KP angeht, so hat sie von ihren Radiostationen aus den Ostblockstationen aus nacheinander drei verschiedene Positionen vertreten: die Polizei provoziert die Studenten, um ein Blutbad anrichten zu können, Dann: provokatorische Elemente errichten Barrikaden, Und schließlich: die Studenten waren verpflichtet, sich zu verteidigen, denn die Polizei war der Angreifer. Werden der Mannschaftswechsel innerhalb der Diktatur und die Repressiondazu führen, daß die Kampfbereitschaft einen beträchtlichen Rückschlag erleidet?

Die neue Diktatur spielt offénsichtlich eine demobilisierende Rolle, Aber was sich ankündigt, das ist keine Periode von Niederlagen. Die jetzige Situation ist nicht zu vergleichen mit der nach 1967, wo die Arbeiter und die Jugend sich in passivem Widerstand befanden. Es wird kurzfristig neue Bewegungen geben. Die wesentliche Aufgabe jetzt ist die Organisierung, die Regruppierung der im Kampf erschienenen Avantgarde.

11,12.73 (aus ROUGE 233 vom 13. Dezember 1973)