ROUGE: Was waren die unmittelbaren Reakti- Was den Charakter der Demonstration anläßlich der Beonen nach der Exekution von Carrero Blan- erdigung angeht, so ist es überhaupt nicht erstaunlich, cor Es scheint, daß innerhalb des Regimes daß das Regime zwanzig oder dreißigtausend Leute auf in den ersten Stunden, die dem Attentat lie Straßen bringen kann, Unter anderem war das ganze eine Mischung von Verblüffung Verwaltungspersonal mobilisiert worden. Das sich dies beginnender Panik vorherrschte. Mobilisierung auf Madrid beschränkte und daß selbst in Madrid die Demonstration nicht größer gewesen ist, Ja, das ist richtig. Die ersten Reaktionen zeigen klar eine zeigt im Gegenteil die enge soziale Basis des Regimes, Lähmung des Regimes, das vollkommen bestürzt ist, und Selbst nach dem Prozeß von Burgos waren die Francoes ist interessant das zu analysieren, weil es einen Vor- freundlichen Demonstrationen größ er... geschmack auf das gibt, was sich in einer aller Voraussicht nach nicht allzu fernen Zukunft beim Tode Francos Noch ein anderer Unterschied zu Burgos: die extreme abspielen wird. Rechte hat sich diesmal nur zaghaft an die Öffentlichkeit gewagt, anläßlich der Beerdigung, als sie den Man muß sagen, daß das Attentat in technischer Hinsicht Erzbischot von Madrid Tarancon, der als Repräsentant von beeindruckender Perfektion gewesen ist und daß es des liberalen Flügels innerhalb der kirchlichen Hierarein Regime in Bestürzung gesetzt hat, gestützt auf dreis- chie betrachtet wird, öffentlich auspfiff und verhöhnte, sig Jahre Friedhofsruhe, unverwundbar glaubte, Schließ- Aber sie hat nicht die Initiative zu einer Antwort ergriflich wies die erste offizielle Reaktion schlicht und einfach fen, wie sie es noch getan hat als ein Polizist bei den die Hypothese eines Attentats zurück: das Kommuniqué Demonstrationen zum ersten Mai dieses Jahres in Madrid behauptete, daß es sich um eine Gasexplosion gehandelt Um auf die Reaktion der Arbeiter und der Volksmassen
In der Folge wurden dann mehrere Hypothesen über die zurückzukommen, so hat die Liquidierung von Carrero Urheber des Attentats aufgestellt und es ist interessant, Blanco keine Straßendemonstrationen gegen die Diktatur daß sich verschiedene Fraktionen innerhalb des Regimes hervorgerufen, Wenn die Exekution im Rahmen einer sogar dazu kamen, sich gegenseitig zu verdächtigen. Massenmobilisierung durchgeführt worden wäre, wie zum is herrscht Vertrauen! Auch die KP Spaniens verbreitete Beispiel während des Prozesses von Burgos, dann hätte die Version, nach der der harte Flügel des Regimes auf diese Aktion zu einem mächtigen Stimulator werden köndiese Weise die Situation in den Griff bekommen wollte. nen. Aber heute ist die Mobilisierung gegen die Prozesse gegen die Führer der Arbeiterkommissionen auf einem sehr ungenügenden Niveau geblieben, was vor allem Aber das entbehrte jeglicher Grundlage: Carrero Blanco Schuld der KP ist. Nur in Barcelona ist es etwas anders. war in keinster Weise ein Liberaler. Im Gegentell, Am Tag der Eröffnung des Prozesses, dem 20. Dezember, erschien als die Garantie für die Kontinuitat des "Franco- hat das Attentat eine solche Polizeikonzentration im Zentismus" auch nach dem Tode Francos. rum von Madrid hervorgerufen, daß in den Arbeitervierteln sehr leicht Demonstrationen hätten stattfinden können, Jedenfalls ist klar, daß der gesamte Apparat der Dikta- Aber nichts derartiges war ernsthaft vorbereitet worden: tur ernsthaft erschüttert worden ist und daß keine Frak- Die KP hat jede wirkliche Mobilisierung sabotiert und die tion des Regimes dazu in der Lage war oder auch nur revolutionären Organisationen waren in der letzten Periode sein konnte, die Initiative zu einer sofortigen Antwort ziemlich hart von der Repression getroffen worden, auf das Attentat zu ergreifen, Aber es wäre falsch zu behaupten, daß das Attentat, Sicher, die Armee wurde als Garant der Situation an- das Carrero Blanco liquidiert worden ist, verhindert hätte, gesehen, aber in den Reihen der Bourgeoisie herrschte daß sich die Mobilisierung gegen den Prozess der 1001 ent dennoch für einige Stunden und sogar für einige Tage wickelt hat, oder daß es überhaupt kein Echo bei den Arbei eine abwartende Haltung vor und man war beunruhigt. tern gefunden hätte.
Einige Anektoden sind interessant: in den bürgerlichen ROUGE: schon am 21. Dezember habt ihr in Stadtvierteln sah man Familienmütter in die Privat- einer öffentlichen Erklärung mit den folgen schulen stürzen, um dort schnell ihre Kinder abzuholen, den Worten Position bezogen: "Sowohl aufeinige Banken mußten ihre Geschäftsräume schlies- Ste Exekution von cartero lanco bedeutet, sen, weil die Leute schnell ihr Guthaben noch abheben wollten oder der Fall jenes Unternehmens, wo die Fuh- als auch aufgrund der objektiven Auswirkun rungskader schlicht und einfach den Betrieb verließen, §enklasse hat, scheinen uns die Folgen post die sein Verschwinden auf die herrsche als sie von der Neuigkeit hörten...
tiv zu sein. Aus diesen Gründen ist unsere Man muß noch das Schweigen Francos erwähnen und sei- Unterstützung für die Aktion total" ne Abwesenheit bei der Beerdigung von Carrero Blanco.
Ja, es ist wichtig, daß wir unsere Position genau erklären.
ROUGE: Man hat von einer mächtigen Franco- Im vorliegenden Fall geht unsere Unterstützung über die freundlichen Demonstration aus bloße bedingungslose Anerkennung des Rechts auf Gewalt- Begräbnisfeierlichkeiten gesprochen. Handel - anwendung hinaus, inbegriffen den Terrorismus, es sich um eine Massenmobilisierung? gegen die Franco-Diktatur, eine der blutigsten Diktaturen, Was war die Reaktion in den Arbeitervier- die die Geschichte gekannt hat, und in der Verteidigung der Militanten gegen die Repression. Das ist nur ein Ausgangspunkt, der absolut notwendig ist, und der unabhängig Die Liquidierung von Carreror Blanco hat die Arbeiter ist von unserer Einschätzung der Aktion, ihrer Konsequenze nicht auf die Straßen getrieben, das ist richtig, aber es und von den Meinungsverschiedenheiten, die wir mit der ist genauso sicher, daß ihnen dadurch die Festtage zum Organisation haben, die diese Aktion durchgeführt hat, Jahresende nicht gerade mit Trauer vergällt worden Das Attentat ist sehr popular gewesen! In den Gegenüber dem Attentat gegen Carrero Blanco nehmen Arbeitervierteln hat jedermann es als einen gewaltigen wir eine Position der positiven Unterstützung ein, indem und spektakulären Schlag gegen die Diktaturaufgefaßt. wir sagen, daß die Folgen dieser Aktion positiv sind und -22-
daß sie die Entwicklung der Massenkämpfe begünstigen, die allein in der Lage sind, die Diktatur durch einen beizutragen und daß sie in die aktuellen Massenkämpfe inte- griert sein müssen. revolutionären Generalstreik zu zerschmettern.
Carrero Blanco war mehr als jeder andere die Inkarnation ROUGE: wir haben soeben erfahren, daß wahrscheinlich Arias Navarro als neuer Regierungsdes Franco-Terrors. Seine Exekution wurde sehr günstig chef nominiert werden wird. Es ist also kein aufgenommen, umsomehr als sie im Rahmen des Kamp- der die Nachfolge von Carrero Blanwurde in den et au der einer mon duen eine - Mo antritt, sondern der Premim ter: Allein schon dasmutet wie ein Programm an...
bildeten Regierung hat Carrero Blanco auf sein Konto schon eine erbauliche Liste von Repressionen verbucht:
lange Gefängnisstrafen gegen die Führer der Arbeiterkommissionen, lie Forderung nach der Todesstrafe für die Ja, Aber das ist nicht genau dasselbe als wenn Marcellin anarchistischen Militanten in Barcelona, die Ermordung als Ministerpräsident von Frankreich nominiert würde. Es von revolutionären nationalistischen Militanten im Bas- unterstreicht die Verhärtung des Regimes, dadurch wird kenland,.. Niemand glaubt daran, daß man die Diktatur zugegeben, dal das einzige Programm des Regimes die besiegt, indem man einen von Francos Ministern líqui- Verschärfung der Repression ist, um den Aufschwung der sie eine militaristische Auffassung vom Zusammenstoß nicht einmal die Genossen der ETA (V), obwohl Massenkämpfe abzustoppen, die für die Diktatur angesichts der direkt auf sie zurollenden Probleme eine mit dem Staatsapparat haben. Aber die Arbeiter haben direkte Gefahr darstellen: "Operation Nachfolge", die diesen Stoß mitten ins Herz des Regimes als eine Ermutí- Perspektive einer internationalen Rezession... gung für ihre Kämpfe angesehen. Dieser Schlag hat die Verwundbarkeit des Regimes aufgedeckt und beraubt es Man darf nicht vergessen unter welchen Schwierigkeiten seines Schlüsselelements bei der "Operation Nachfolge" die "Operation Nachfolge" und die entscheidende Rolle, die Carrero Blanco darin spielen sollte, vorbereitet wor- Das Verschwinden von Carrero Blanco schwächt das Regime den sind, wenn man verstehen will, wie sehr das Regime und verschärft die Reibereien zwischen den verschiedenen überrumpelt worden ist und daß es für den Augenblick kei- Fraktionen der Bourgeoisie, die unfähig ist, eine schmerz- ne Ersatzkarte bereit hat, lose Übergangslösung zum Nach-"Francoismus" zu finden, einen Francoismus ohne Franco -- und das angesichts des Carrero Blanco war seit 33 Jahren auf Kommandoposten, weitergehenden Aufschwungs der Massenkämpfe. ein Mann der Francos Vertrauen genoß; man betrachtete ihn sogar als "francoistischer" als Franco selbst. Da er an Es ist klar, daß sich die Repression verschärfen wird, keine Fraktion der Bourgeoisie direkt gebunden war, schien Das spiegelt nur die beschleunigte Krise der Diktatur er der richtige Mann für die Rolle des Bonaparte zu sein, wieder. Deshalb muß die Antwort der Massen auf die Ver- die nach dem Tode Francos neu besetzt werden muß, Ihm schärfung des Franco-Terrors einen offensiven Charakter traute man zu, daß es ihm gelingen würde, ein gewisses annehmen und den Sturz der Diktatur vorbereiten. Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Fraktionen der Bourgeoisie zu wahren.
ROUGE: indem ihr die Exekution von Carrero
Blanco unterstützt, unterstützt ihr eine Für eine solche Rolle ist Arias Navarro unfähig. Er hat der ETA (V) durchgeführt keine politischen Fähigkeiten, keine Autorität. Er ist nur ist. Nun habt ihr aber nicht nur der erste Bulle des Königreichs.
tiefgehende programmatische Meinungsverschiedenheiten mit diesen Genossen, sondern ihr lehnt auch ihre Konzeption bewaffneten Kampf gegen die Diktatur Man muß jetzt abwarten, welche Regierung eingesetzt ab. wird, Das Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Tendenzen (Phalange, Opus Dei) wird zweifellos beibehalten Sicher, Unser Bruch als ETA (VI) mit den nationalistischen werden, ähnlich wie bei derim letzten Juni nominierten Militanten der ETA im August 1970 beruhte auf einer Regierung. Und die Politik der Repression wird verstärkt tiefgehenden programmatischen Meinungsverschiedenheit und darin, daß wir die Sackgasse erkannten, in die uns Die Wahl von Arias Navårro zeigt im Grunde deutlich, daß sich das Regime auf seine Vergangenheit zurückzieht, seine "sicheren" Werte: die Polizei und die Armee. Es vernicht als ein in die Gesamtheit des Klassenkampfes auf sucht provisorisch alle Probleme beiseitezuschieben, mit der Ebene des spanischen Gesamtstaates integriertes Basis- denen sie seit mehr als 10 Jahren konfrontiert ist und die element für den Sturz der Franco-Diktatur und für die Er- beim Tod von Franco oder sogar schon vorher wiederaufrichtung einer föderativen sozialistischen Republik. tauchen werden, Diese Regierung hat folglich tiberhaupt keine Zukunft. Sie ist nur eine kurzfristige Notlösung.
Die kleinbürgerliche nationalistische Ideologie der ETA hat manchmal dazu geführt, daß sie reaktionäre Positio- ROUGE: in der Frage der Repression wird man nen eingenommen hat und die Klassengegensätze in Eus- nicht lange warten müssen, bis man ihre kadi selbst geleugnet hat, Aber die gewaltige Entwicklung Politik kennt. Das Gerichtsurteil des Proder Arbeiterkämpfe zeigte die gravierenden Widersprüche zesses der 1001 ist gerade bekanntgegeben in ihren Konzeptionen auf, Heute bemüht sich die ETA (V) worden. Die Führer der Arbeiterkommissioihre bewaffneten Aktionen mit Massenkämpfen zu berbinden. nen sind zu enorm hohen Gefängnisstrafen, Aber in der Praxis bleibt ihre Aktivität fast vollständig zwischen 12 und 20 Jahren, verurteilt worauf einer militärischen Ebene. Eine ernsthafte Propaganda-, den. Und der Prozess gegen die anarchisti- Agitations- und Organisierungsarbeit in den Fabriken, den schen Militanten der MIL wird bald eröffnet Universitaten und den Arbeitervierteln wird nicht durchgeführt.
Diese Militanten befinden sich in Todesgefahr. Anläßlich
Die ETA (V) begreift den Sturz der Diktatur als einen Pro- seiner Verhaftung hat einer von ihnen sich verteidigt und zess des direkten Zusammenstoßens zwischen dem Staats- dabei einen Polizisten erschossen. Ihr Prozess war für De• pparat und der revolutionären Organisation, deren mutig zember vorgesehen, aber er ist hinausgeschoben worden. ktionen Sympathien bei den Massen erwecken und derei Der Staatsanwalt verlangt zweimal die Todesstrafe und Mobilisierung hervorrufen, Im Grunde ist dies eine putschis- die Regierung neigt derzeit nicht zur Milde. Diese Militische Konzeption, die die Illusion propagiert, daß die muti- tanten können sicher nur durch eine Massenmobilisierung ge Aktion einer kleinen Gruppe von Revolutionären die Dik- gerettet werden. atur stürzen kann ohne sich auf die organisierte Gewalt der Arbeiterklasse und der Volksmassen zu stützen. Das trifft auch für den Fall der Genossen von der ETA (V) Wir glauben, daß die bewaffneten Minderheitsaktionen der zu, die sich nach Frankreich geflüchtet haben und die Ver- antwortung für das Attentat auf sich genommen haben, Du Avantgarde sich zum Ziel setzen müssen, zur Orgnisierung hast selbst die hysterische Pressekampagne mitverfolgen könler Selbstverteidigung und der Gegengewalt der Massen nen, die ihre Auslieferung verlangt. 00-
Es ist wichtig, daß ihr eine mächtige Mobilisierung in Frankreich entfaltet -- wie ihr es anläßlich des Prozesses von Burgos getan habt -- um die französische Regierung daran zu hindern, daß sie die Militanten der ETA (V) dem Henke ausliefert, und um jede Auslieferungs- oder Ausweisungsnaßnahme zu verhindern.
Wir wollen von dieser Gelegenheit profitieren, um einen eierlichen Appell zu richten an alle revolutionären Organisationen, an alle Arbeiterorganisationen und an alle in tif aschistischen Organisationen, damit sie durch hre Mobilisierung ein neues faschistisches Verbrechen vernindern: man muß die anarchistischen Militanten von Barcelona retten, man muß die revolutionären nationalistischen baskischen Militanten retten!
Wir wissen, daß die Kampftradition gegen den Faschismus in der französischen Arbeiterklasse fest verankert ist und daß sie sich in den entscheidenden Momenten an die Seite des spanischen Proletariats zu stellen wußte. Wir vertrauen daraut, daß sie sich erneut gegen jedes Verbrechen der Franco-Diktatur wendet und daß sie somit für den Sturz der Diktatur zu einer entscheidenden Hilfskraft wird, (aus ROUGE 236 vom 4. Januar 74)