Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Dem Sturz von Papadopoulos entgegen!

Inprekorr Nr. 29, April 1974 · S. 7-8 · 1.571 Wörter

Jugend und Studenten Griechenland und Türkei

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April 1973: Im Vertrauen auf das Ehrenwort der Polizei Keiner konnte eine solche "Öffnung" besser einleiten als raumen 2 000 Studenten die juristische Fakultät (die Bas- Markezinis: eine politische Amnestie, das Versprechen ion der Studentenrevolte). Ein mit Schlagstöcken gespick- freier Wahlen, persönliche Erklärungen zugunsten einer les Ehrenspalier erwartet sie: auf ihre Rücken prasseln die Legalisierung der griechischen KP: und zur Krönung des Hiebe. Ohne Widerstand zu leisten, rufen sie: "Volk, öffne ganzen eine Rundreise der bürgerlichen Menage in Griechendie Augen !" land und im Ausland, Sonntag, 4. November: der fünfte Jahr estag des Todes von EIN FIASKO

Papandreou (1). Mit antiken Marmorbrocken und auf Baustellen zusammengelesenen Material bewaffnet und wenig Diese Maßnahmen nebst wirtschaftlichen Zugeständnissen besorgt um die Seelenruhe des Verstorbenen verlassen Tau- sind weit davon entfernt, den Unmut zu besänftigen: sie sende junger Demonstranten den Friedhof. An mehreren wurden von den Sektoren, die im Kampf stehen oder in Punkten in Athen greifen sie die Polizeikordons heftig an, mit dem Ruf "Thailand, Thailand!" auf den Lippen; so erweisen sie der außerordentlichen Massenmobilisierung der thailändischen Studenten gegen das Regime in Bangkok ei- amte...). Selbst die Leitung der CGTG (einer gelben Genige Wochen zuvor die Ehre. Der Direktor der Athener Po- werkschaft, die unter der Fuchtel der Junta steht fuhlte lizei, die bei dem Ansturm schnell überrannt wird, muß sich verpflichtet, eine Lohnerhöhung von 40% zu fordern. es am eigenen Leib erfahren: er wird durch einen Steinwurf am Kopf verletzt. Vorhaben der Junta war es. die explosiven Widersprüche der griechis chen Gesellschaft einzutrieren. Jetzt ist An den sieben Monaten Abstand zwischen beiden Ereignis- der Bankrott für jedermann offenkundig. Sie selbst hat sich sen kann man die zurückgelegte Wegstrecke messen. Trotz freiwillig oder zwangsweise aufgelöst, der wiederholten Schläge, die die Repression ihren Anfüh- sierung" und die Etablierung eines " Präsidialregimes" zu rern versetzt hat, führt die Studentenbewegung ihren Kampf erleichtern. Die Krise ist also von größeren Ausmaß, weiter fort. Sie hat ihre Lehren aus den Irrtümern der Ver- • und die Wendung: könnte ein plötzliches Ende nehmen. Ein außenab der universit erhandel zu ver ihren. DIE RECHTE SPIELT IHRE KARTEN AUS Der Prozess der "siebziehn" • der "in flagranti" verhaftete In diesem Zusammenhang ist es die bürgerliche Opposition Demonstranten traf (-- nur funf von ihnen waren Studen- (Radikale und besonders die Zentrumsleute des verstorbenen ten), hat eine erneute Kampfdemonstration möglich ge- Papandreou), die die Initiative auf politischer Ebene in macht. Trotz einer Polizei, die diesmal auf der Hut war, den Händen halt. Sie ist sich des Leerraums um den zum gelingt es 2 000 Personen, sich vor dem Gerichtsgebäude "Präsidenten der Republik" gewordenen Ex-Obersten befür unsere Genossen !" Die Studentenbewegung spielt wei- zu versammeln, um in Sprechchören zu rufen: "Freiheit einen institutionellen Rahmen zu setzen, der die Aus- wußt, sie ist darauf bedacht, an die Stelle der Diktatur terhin ihre objektive Avantgarderolle in einer neuen po- übung der bürgerlichen Herrschaft besser gewährleistet, litischen Situation. und hat deshalb das politische Klima durch cine systematische Mobilisierungskampagne aufgeheizt.

DIE "ÖFFNUNG" DES OBRIS TENREGIMES

Die Zentrumsleute benutzen die Parolen der Linken, stelin diesem Sommer gab es eine tatsächliche Wende in ten si voll und ne de studentischen Kampfe, Griechenland: Zunächst die Volksabstimmung im Juli über unterstützen alle möglichen Bewegungen, die mit sozidie "Präsi dialdemokratie", der Versuch einer plebiszitären alen Forderungen verbunden sind, und verschmähen es Bemäntelung der Diktatur: dann eine neue demokratische nicht einmal, sich einen antiimperialistischen Anstrich "Öffnung": die Operation Markezinis. zu geben: so sah man dieser Tage, wie eine große Zeitung des Zentrums in einer Fortsetzungsserie das voll- Markezinis, ein zweifelhafter Streber und Ehrgeizling, ständige Drehbuch des Films "Belagerungszustand" verzudem noch komplexbeladen wegen seiner legendären öffentlichte, obwohl dieser Film verboten ist. Sie gehen Häßlichkeit, wurde von Papadopoulos für die Erforder- soweit, die kürzlichen Schlägereien zu decken, und pronisse seiner Sache auf den Posten des Premierministers ge- fitieren damit vom politischen und organisatorischen Dehievt, bakel der Arbeiterbewegung, um ihre Attacke so zu fuhren, wie sie es vorhaben.

Tand sich im freien Fall: bei bestimmten Nahrungsmitteln Die Situation war in der Tat gespannt: die Kaufkraft be- Ziel dieser bürgerlichen Opposition ist es, gestärkt durch veränderten sich die Preise drei bis viermal am Tag; Löhne, das im antidiktatorischen Kampfes errungene Prestige, die praktisch seit sechs Jahren stagnierten, während an Pro- sich um die Wiedergewinnung der sozialen Basis, die ihr fiten global eine Steigerungsrate von 15% verzeichnet wer- seit Jahrzehnten fehlt, zu bemühen. Sie ist zu diesem den konnte l... Die Unzufriedenheit begann sich breit zu Zweck auch bereit, die KP (besonders die inländische) machen. zu gegebener Zeit zu benutzen. Die Erklärungen der letzteren sind in der Tat für sie kein Anlass zur Beunruhigung.

nelle Strukturen nicht vorhanden waren -- zunächst die Auch versuchte das Regime -- da ständische und institutio- "Eine antidiktatorische Regierung mit geteilter Verant- Mithilfe der Rechtsopposition, und eventuell der Linksop- wortung", "Das heutige Griechenland auf der gegenposition, zu gewinnen. Der Köder: eine parlamentarische wärtigen Höhe der heutigen Staaten" "ju, aber Vertretung ohne jegliche Macht, Wurmförtsatz und zu- gleich Gewähr für einen immer stärker ausgebauten Unter- Beteiligung an den nächsten Wahlen... Da die bürgerli- che Opposition den bedingungslosen Boykott herausstreicht. drückungsapparat, über den der "Diktator-Präsident" herrscht. erscheint sie radikaler und durchhältlerisclier als die KP.

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DAS HERANREIFEN EINER NEUEN REVOLUTIONÄREN GENERATION •Gegenwärtig gibt es einen wesentlichen Pluspunkt, der 1967 nicht vorhanden war: die Radikalisierung und die Kampfbereitschaft einer neuen Generation (allerdings einer noch im wesentlichen studentischen Generation): Produkt der ersten mutigen isolierten Versuche einer sehr beschränkten Zahl von Militanten, die es verstanden haben, die resignierende Ermattung der Niederlage zu überwinden, und sich auf die Suche nach einem wirklichen revolutionären Weg zu begeben.

Die tausende von Demonstranten, die den Bullen besagte Prügel verabreichten, haben die Feigheit der augenblicklichen "Superdemokraten" nicht vergessen: jener demokraten" , die während der vergangenen fünf Jahre sich an die Junta gewöhnt hatten, die auf dem Hönepunkt der Studentenmobilisierung im April 1973 es akzeptierten, nichts darüber zu veröffentlíchen, als Papadopoulos ihnen auf die Finger klopfte, Indem sie zum Friedhof gingen, haben sie wirkliches politisches Gespür gezeigt, einen lobenswerten Willen, die geringste Möglichkeit zur Meinungsäußerung zu nutzen. Einen Monat zuvor hatte ein Konzert revolutionärer kretischer Lieder Anlaß zu einer Demonstration von 20 000 Jugendlichen gegeben. Unter den augenblicklichen Bedingungen ist es nicht unmöglich, daß Papadopulos von der Macht verdrangt wird. Die Zentrumsunion aber hätte in diesem Fall nicht freie Hand: sie weiß, was es sie kosten kann, einer von sechs Jahren Diktatur niedergehaltenen Dynamik freien Lauf zu geben, (zur Vorsicht zog ihre Sektion in Saloniki nach den Athener Zusammenstößen es vor, eine gleichartige Zeremonie zu annulieren...) Sie kann keine Alternative vorschlagen, die imstande wäre, die krasse wirtschaftliche und soziale Instabilität, in der Griechenland steckt, aufzufangen, Unter diesen Bedingungen kann man sich schlecht vorstellen, daß eine Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie nicht rasch in eine stürmische Entwicklung der Klassenkämpfe einmündet. Augenblicklich ist der gewichtigere Tatbestand derjenige, daß eine Avantgarde sich tapter unter den schwierigen Bedingungen einer Diktatur schlägt und Erfolge verbucht, Ihre Aktion besaß eine Enthüllungs- und dann auch eine Beschleunigungsfunktion, die die vorhandene politische Situation gründlich verändert hat, Die revolutionăren Militanten in Europa können dieser Avantgarde durch breitere Popularisierung ihrer Kämpfe dabei helfen, voranzukommen und sich zu behaupten.

Heute sind etwa 50 000 griechische Studenten infolge einer ungeheuren Selektion und wegen einer blockierten Zukunft gezwungen, außer Landes zu gehen. Allein können sie bei Solidaritätsaktionen nicht hervortreten, ohne daß sie Gefahr laufen, den Paß und ihre materiellen Lebens- Stunde en en tie en an testumen. Aufgabe der Revolu- FREIHEIT FÜR DIE 17 GEFANGENEN

UNTERSTÜTZEN WIR DEN KAMPF DER GRIECHISCHEN STUDENTENBEWEGUNG!

(1) Georgios Papandreou hatte einen außergewöhnlichen politischen Lebensweg.

--Werkzeug Churchills während des Bürgerkriegs (1944-49 --in der vorrevolutionären Periode bildet er eine "Regierung der Zentrumsunion". Von der Bewegung des Volkes vorangetrieben, stößt er mit der bonapartistischen Politik des Königs Konstantin zusammen; so wird er entlassen, obwohl er über die absolute Mehrheit im Parlament verfügt. Im Jahre 1968, bei seiner Beerdigung, demonstriert zum ersten Mal eine 500 000 köpfige Menge gegen die Diktatur.

DIE POLITISCHEN KRÄFTE 1.) Die bürgerlichen Parteien --die Union der linken Radikalen von Karamanlis, der die Regierungsmacht bis zum Jahre 1963 innehatte. --die Zentrumsunion von Papandreou, die "liberale" Fraktion der Bourgeoisie: sie äußerte auch nach dem Staatsstreich ihre Meinung in den wichtigsten Presseorganen.

2.) Die Arbeiterbewegung

In Konkurrenz zum Zentrum stehend, das es besser verstand die Revolte des Kleinbürgertums auszudrükken, ist die EDA, die Deckorganisation der vorbotenen Kommunistischen Partei, sehr geschwächt. Zwei Fraktionen machen sich den Namen KP streitig. --die äußere KP ist moskautreu und bewahrt zur Zeit eine sehr harte Haltung gegenüber der Junta, ohne irgendein Mittel zu ihrem Sturz vorzuschlagen. In der Praxis läßt sie die Militanten bei der Kampt allein herumweise von "bewaffneten --die innere K Phat sich von den Auswüchsen des • Stalinismus losgelöst. Gestützt wird sie von der italienischen KP; in ihr sammeln sich die verschiedensten Tendenzen, von Reformisten bis zu revolutionăren Elementen.

--die Extreme Linke: sie ist sehr zersplittert und entstand in einer Periode schwerer Niederlagen, Die gegenwärtigen Mobilisierungen geben ihr Gelegenheit zur Verstärkung.

(aus ROUGE Nr. 229 vom 16,11,7 NEUERSCHEINUNG

Von der sozialen Ungleichheit zur klassenlosen Gesellschaft

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