Inprekorr 1971–1992

Archiv der Internationalen Pressekorrespondenz der IV. Internationale

Die Repression gegen Intellektuelle in der UdSSR. Einige konkreten Fakten

Inprekorr Nr. 28, November/Dezember 1973 · S. 22-23 · 1.695 Wörter

Sowjetunion Stalinismus und Bürokratie Trotzki und Geschichte Tschechoslowakei

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EINIGE KONKRETE FAKTEN "Wenn man mich schlägt, werde ich alles Paradoxerweise herrschte in der abgeschlossenen Welt sagen, was man von mir verlangt, aber sie der Lager die größte Meinungsfreiheit: die Gefangenen wissen, daß das nicht mein wirkliches hatten nichts mehr zu verlieren. Ich ist, was dann aus meinem Munde spricht." Das ist der Sinn des Flugblattes, das den Streik vom Au- Etwas mehr als ein Jahr nach dieser dramatischen vertrauli- gust 1953 im Lager von Workuta auslöste: " Gefange schen Mitteilung. hat Jakir ausgesagt. Um sich selbst der ne, ihr habt nichts zu verlieren als eure schlimmsten Untaten zu beschuldigen. Ketten! Wartet nicht auf ein Wunder... Unsere einzige Waffe ist der Streik.

"Ich bin weder ein Sklave noch ein Leibeigener" protestiert Alexander Solchenytsin, dem der Aufenthalt in Moskau DIE LITERARISCHE OPPOSITION untersagt ist und der soeben einen verzweifelten Aufruf an die Weltöffentlichkeit gerichtet hat. Andrej Amalrik, His- Aber vor allem über den Kanal der Literatur sollte die toriker, ist zurück ins Lager geschickt worden, nachdem Infragestellung der stalinistischen Ordnung eine breiteer gerade seine erste Strafe abgesessen hatte. Andrej Sacha- re Zuhörerschaft gewinnen. rov, der isoliert ist, gibt Erklärungen ab, die -- um es In einem Land, wo Schweigen unerläßlich ist, wo das Se divorsichtig auszudrücken -- der Opposition nieht gera- • ist, nehmen Berichte, die eigentlich nur die gesellschaft- Informationsmonopol der bürokratischen Kaste reserviert Anderen ist es gelungen, auszureisen, Nach sieben Jahren

Konzentrationslager hat Sinjavski das Exil gewählt.

Yossip Brodski, der 1964 zu fünt Jahren Zwangsarbeit ver- in seinem Roman " Das Tauwetter urteilt worden war. schen Methoden an. Im Sommer 1956 wird Jew tuschenko aus der kommunistischen Jugend ausgeschlossen, weil Die jetzige Repressionswelle setzt in einem Moment ein, er in einem Gedicht den "Erben Stalins" vorgeworfen wo sich innerhalb der intellektuellen Opposition, nach hatte, sie hätten dessen Tod abgewartet, um ihn anzuklaeinem langen politischen Reifungsprozeß, ein kommunis- gen. Die Pamphlete, die Broschüren, die die Bürokratie tischer Kern herauszukristallisieren begann, der an die angreifen, vervielfachen sich. Um zu versuchen, die Oktobertradition anknüpfte. literarische Opposition insgesamt einzuschüchtern, wird gegen Pasternak eine hysterische Kampagne gerunrt, al WORKUTA er 1958 den Nobelpreis für seinen "Doktor Schiwago annimmt.

Nach dem zweiten Weltkrieg bildet sich eine kleine Oppositionsgruppe, deren Name symbolhaft steht für den Nach und nach wird die literarische Opposition zu eine Willen, jenseits der stalinistischen Degeneration den Bol- olitischen Opposition. Die Infragestellung des Stalinis schewismus neu zu entdecken. mus kommt klarer zum Ausdruck, Die Frage der Prozes= se der dreißiger Jahre und später, das "warum" der Ge- "Das wirkliche Werk Lenins" hat in der Tat ein ständnisse steht im Zentrum des interesses. Anatol Glasehr klares Programm: " Der Kampf gegen das Re- dilin läßt in seinem Roman " Der erste Tag des neuen ind anissystemmde ssich auf die Bürokratie Jahres" seinen Helden, Sohn eines alten Kommunisten, die Armee stützt, und das nur durch sagen: "Ich frage mich, warum so viele aldie politische Revolution abgeschafft werden te Bolschewiki, Leute die die zaristischen kann. Die Errichtung einer lirekten Demo- Lager und Gefängnisse diese absurden Verbrechekannt haben, alle kratie in Form einer Regierung der Arbeiter- derer man sie und Bauernsowjets, als erste Etappe auf dem anklagte, gestanden haben. Weg zur klassenlosen Gesellschalt. Chruschtschew, der zur Zeit des 22. Kongresses der KPdSU (Dez, 1961) Stalin aus dem Mausoleum entfernen ließ, DER ARBELTERAUFSTAND IN OSTDEUTSCH- nimmt gegenter der intellektue ni en "Ein LAND (von E, Germain). Eine Analyse des eine geschemidige und integrative Haltung ein 17. Juni 1953 in der DDR. Preis: DM 0.30. les Ivan Denissovitch von Solchenytsin wird Bestellungen gegen Vorkasse an Günter Min- veröffentlicht, ebenso die "Erben Stalins" von Jewtuschennerup, PSCHA Frankfurt a. M.; Kto. Nr. ko. Nach der Verdrängung Chruschtschews wird dieser 3281 75-608 Prozess relativer Liberalisierung gestoppt.

Die Organisation entwickelt sich vor allem im universitären Milieu von Moskau, bevor sie durch die Polizei- Aber indem die Bürokratie ihre Haltung gegenüber de repression zerstört wird. Intelligentsía verhärtet, wird diese zu immer politi- Aber der bevorzugte Ort für die Bildung von kleinen Wi- scheren Positionen gedrängt. derstandskernen gegen den Terror sind die Konzentrationsund Arbeitslager, Wie konnte es auch viel anders sein DER FROZESS SINJAVSKI / DANIEL angesichts der Tatsache, daß sich die Lagerínsassen der Im Februar 1966 findet der Prozess gegen Sinjavski und Konzentrationslager zusammensetzten aus den unter- Daniel statt, die angeklagt werden, unter Pseudonymen drückten nationalen Minderheiten, aus allem was irgend- Texte im Ausland veröffentlicht zu haben. In dem Werk wie ein Oppositioneller sein konnte und vor allem aus der Masse von denen, die nicht einmal wußten, "Das Glattels" das Sinjavski unter dem Namen warum sie deportiert worden sind. Abraham Tertz veröffentlichen ließ, schreibt der Held -18-

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Serjoscha: "Ich bin zu der Schlußfolgerung gelang, daß uns jetzt nur noch die Weltrevolution retten kann" • In "Was ist sozialistischer Realismus" schreibt Sinjavskí, immer noch unter dem Pseudonym von Tertz, folgendes: "Wir haben die Revolution gemacht! Wie könnten wir es wagen, zu verleugnen aufzwingen würden (oder uns auch an der westlichen Demokratie beteiligen würden), so bin ich davon überzeugt, daß wir dasselbe wie damals noch einmal beginnen wurden, daß wir wie einst wieder die Revolution machen würden."

Sinjavski, obwohl er doch ein Mystiker ist, wird im Laufe des Prozesses diese schöne Erklärung abgeben: "Ich betrachte den Kommunismus als einziges Ziel, daß sich eine zeitgenössische Intelligenz geben kann und ich sage, daß der Westen zu nichts fähig ist.

Verlorene Mühe, Für den Staatsanwalt, für die Richter, für die bestellten Zeugen, die sich vor dem Gericht prostituieren, sind die beiden Angeklagten Komplizen der Weltreaktion, Dieser Prozess jedoch, weit daven entfernt die Oppositionellen einzuschüchtern, wie es die kleinen diensteifrigen Wichinskys glaubten, gibt der Opposition neuer Slan und sie macht vor allem in der Entwicklung ihres politischen Bewußtseins Fortschritte, Zum ersten Mal naben die Angeklagten in einem Prozess nicht gestanden. Ihr Widerstand wurde als großartiger Sieg geleiert. Martschenko wird später in seinem Werk Meine Aussage" die Preude der im Lager eingeschlossenen Gefangenen beschreiben: " Wir waren uns alle einig darüber, daß der KGB eine zerschmetternde Niederlage erlitten hatte, wie auch immer der Urteilsspruch lauten wurde"

Im März 1966 schreibt eine Gruppe von Wissenschaftlern, darunter Sacharov, einen offenen Brief an Breschnew, um gegen die stillschweigende Rehabilitierung Stalins zu protestieren, Ginzburg schreibt das "Weiß buch der Affäre Siniavski und Daniel"

was seine Verhaftung im Januar 1967 zur Folge hat. Um gegen diese Verhaftung zu protestieren, organisiert Bukovski eine Protestdemonstration. Er wird seinerseits verhaftet.

Zu dieser Zeit beginnt man Solchenytsin, der schon seit mehreren Jahren seine Querelen mit der Zensur hat, offen zu zensieren. Das Manuskript vom "Ersten Zyklus" wird ihm entwendet, ebenso seine literarischen Archive. Seine Werke werden verboten, Man hindert ihn daran, am 4. Kongress des Schriftstellerverbandes teilzunehmen, an den er einen aufsehenerregenden Brief richtet, Während des Prozesses Ginzburg-Galanskov (Chefredakteur der verbotenen Zeitschrift "Phönix") richten Larissa Daniel und Pavel Litwinov im Januar 1968 einen Aufruf an die Weltøffentlichkeit und an die sowjetische Öffentlichkeit.

Zu dieser Zeit auch erscheint, auf dünnem Schreibpa- Pur diele prote ion einer einer einende Rodie spielen sollte: "Die Chronik der laufenden Ereignisse" Auf diese Weise organisiert sich die Opposition, sie ist nicht mehr isoliert, ihre Aufrufe werden in der ganzen Welt bekannt. Besser noch: sie dehnt sich über den Intellektuellensektor hinaus aus. Am 22. Januar 1968 schreibt der junge Präsident der Kolchose "Junge Garde" in Lettland, Ivan Jakimovitsch ans Zentralkomitee: "Die Prozesse des Typs, wie sie gerade vor dem Tribunal der Stadt Moskal ablaufen (Ginzburg-Galanskov) schaden unserer Partei und der kommunistischen Sache sehr... Erinnert Euch: Leninismus: JAl Stalinismus: NEINI"

DIE TSCHECHOSLOWAKEI

Der "Prager Frühling"' sollte einen tiefgreifenden Einfluß auf die Opposition ausüben, Die Bürokraten haben tschechischen KP, in der UdSSR unauffindbar, Zahlreiche Texte aus der Tschechoslowakei zirkulieren dennoch über den Transmissionsriemen Samizdat, Im Juni 1968 schicken Grigorenko, Jakimovitsch und der alte Bolschewik Kosterin einen Solidaritätsbrief an die Kommunisten in der Tschechoslowakei, in dem sie die Erpressungsmanöver der russischen Führer verurteilen. Sofort nach der Invasion organisieren Pavel Litwinov, Larissa Daniel und einige andere eine Protestdemonstration auf dem Roten Platz in Moskau. Eine Demonstration , die symbolisch ist zum einen für die numerische Schwäche der Organisation, zum anderen für seine grosse politische Reife, für die ein Text von Jakimovitsch vom Oktober 1968 ein neuer Beweis ist: "Deshalb hat die kommunistische Welt mit soviel Aufmerksamkeit und soviel Hoffnung den Denokratisierungsprozeb in der Tschechoslowakei verfolgt. Unddeshalb haben die Stalinisten mit soviel Wut die tschechos- Zufall, lowakische KP angegriffen. Es ist kein "daß sie ei tödliche Gefahr für sich selbst gesehen haben. Sie scheren sich einen reck um den Sozialismus und den Kommunismus und alle Prinzipien, um ihre eigene Haut zu retten. "

Soweit jakimovitsch bevor er mit den Worten "Stalinismus: NEIN, Leninismus: JA" schließt, Kurze Zeit darauf wurde Jakimovitsch verhaftet. Im Mai 1969 wurde auch Grigorenko verhaftet, als er sich nach Taschkent begeben wollte, um als Zeuge beim Prozess gegen die Krimtataren auszusagen. Beide gehörten sicher zu den fortgeschrittensten Elementen der kommunistischen Opposition, Es ist kein Zutall, das beide in einer psychiatrischen Klink eingesperrt worden sind, Die drei Ärzte, die damit beauftragt waren, ein ärztliches Gutachten über Jakimovitsch aufzustellen, schrieben in dem Paragraphen "psychischer Zustand" folgendes:

"Er erklärt, daß er niemals, unter keinen Umständen die Ideen des Kampfes fur die kommunistische Gesellschaftsordnung, für den Sozialismus verraten wird, a ber unter ler einzigen Bedingung. daß zahlreiche Personen, die augenblicklich Mitglieder der Partei sind• „Kommunist" zu tragen, und die es nicht verdienen den Namen us der Partei ausgeschlossen werden tin solches Delirium verdient sicher eine Schockbehandlung! Er wird als "Psychopat" katalogisiert, "des- Grigorenko leidet "unter (paranoider) pathologischer Entwicklung ler Persönlichkeit, verstärkt durch die Existenz von Reformideen.

Deportiert, zu Zwangsarbeit verurteilt, ins Exil getrieben, mit Elektroschocks behandelt, isoliert, leidet die kommunistische Opposition unter einer schrecklichen Repression. Seit fast einem Jahr hat die "Chronik der laufenden Ereignisse" aufgehört, zu erscheischweich verurteilt, Aber et unter dienen Begun- sind zum gen hat die Bürokratie weiterhin Angst vor dieser Handvoll Unbeugsamer, Und sie hat Recht mit ihrer Angst. Die antibürokratischen Ideen werden sich ihren Weg auch weiterhin bahnen.

Arthur COLT (aus ROUGE Nr, 219 vom 7, September 1973) .9-