SONDERHEITEN DER KÄMPFE VON 1972 Gegenüber den Kämpfen von 1966 und 1969 tragen die von 1972 besondere Merkmale. Es ist sicher von Nutzen, selbst summarisch die politische Situation zu charakterisieren, die den Tarifkämpfen vorausging, sowie die Veranderungen, die sie während der Kämpfe erfuhr. Die Kapitalisten und die sie vertetende Regierung hatten seit Monaten die Formel von der physiologischen Erneuerung der Tarifverträge" wiedergekäut, um zu Ergebnissen zu kommen die auf die Schwierigkeiten der italienischen Fabriken Rücksicht nehmen. Sie wünschten offen sichtlich, daß sich die Situation von 1966 wiederhole, als man einen Vertrag unterschrieb, der sich von dem von 1963 nur durch den Umschlag unterschied! Es ist indessen unzweifelhaft, da!: daß sie sich des Klimas, das in den Betrieben herrschte, voll bewußt waren, und daß sie aus den Erfahrungen von 1969 gelernt hatten: die Bildung der 'Federmecanica' ( des Metallindustriellen - Unternehmerverbandes) und die "geheimen " Versammlungen (über die aber viel Propaganda gemacht wurde) zur im Herbst einzunehmenden Strategie zeigen, wie ernsthaft ich die Unternehmer zu den Tarifauseinandersetzungen vorbereiteten. Aber natürlich handelle es sich um einen Plan, der die Stärke, die die Arbeiter dann zeigen sollten, unterschätzte, wenn auch in Rechnung stellte. Sonst könnte man sich nicht die Meinungsverschiedenheiten ianerhalb der Federmecanica erklären, die nach Ausbruch der Tarifkämpfe auf der ersten Seite der Presse ausgetragen wurden.
Die KPI hatte ihre ganze Aktion auf eine rigide Trennung zwischen den Kämpfen für neue Ta rifverträge und denen um Reformen aufgebaut. Selbst wenn die KPI-Bürokraten immer die Formel " physiologische Erneverung" vermieden haben (sie bezeichneten die Erneuerung de:
Verträge als "einen normalen, wenn auch wichtigen gewerkschaftlichen Kampf""), so leugnoten sie bis zum Schluß, daß die von den Tarifkämpfen ausgehenden Auseinadersetzungen, die unabhängig von ihrem Willen stattfanden, einen politischen Charakter hätten. Die Verschlechterung der politischen Situation, die Unmöglichkeit, Andreotti nur nach den pare lamentarischen Spielregeln wirkungsvoll Widerstand zu leisten und die Verschärfung der soziolen Widersprüche haben der Führung der KPI zahlreiche Probleme beschert. Die Gewerkschaften der verschiedenen Kategorien, die mit ihren Streitereien um die Gewerkschaftseinheit beschäftigt waren, haben trotz scheinbarer Demokratie beschränkte und widersprüchliche Plattformen durchgesetzt in ihrer Sorge, eine Einheit an der Spitze zu wahren, die in Wirklichkeit schon längst zerbrochen war. Die Ergebnisse sind heute für alle sichtbar: es gibt heute praktisch keine mit den Unternehmern getroffene Vereinbarung, die nicht auf einen hohen Prozen! • satz von ablehnenden Stimmen unter den Arbeitern gestoßen wäre. Diese unterschiedliche Situation macht es sehr schwierig, die Bewegung wieder einzufangen wie 1969. Die Gruppen der extremen Linken wurden ebenfalls von dieser neuen Mobilisierungswelle de. Arbeiterklasse überrascht. Trotz der Tatsache, daß alle Gruppen in der Phase der Tarifausei* nandersetzungen einen entscheidenden Kampf für die Arbeiter sahen, g.ab es doch zu off Schwankungen und Anpassungen, um nicht ihr mangelndes Vertrauen in die Fähigkeit der Ar beiterklasse, wirksam auf die Verschlechterung ihrer politischen und ökonomischen Situation zu reagieren, deutlich werden zu lassen. Das Fehlen einer klaren Strategie mit konkreten Zielen für die Arbeiter in dieser Phase hat dazu geführt, daß die wichtigsten Gruppen vor den Toren der Fabriken praktisch verschwunden sind - abgesehen von den Momenten, wo der Kampf nationale Dimensionen annahm. Diese Bemerkungen unterstreichen nur die subjektiven Schranken der Arbeiterbewegung: d. h. die Unfähigkeit der revolutionären Gruppen oder der reformistischen Führungen, die tatsächliche Bewegung anzuführen, dem tiefen Drang nach Erneuerung Ausdruck zu geben, dieser tiefreichenden antikapitalistischen Tendenz, die die ita lienischen Arbeitermassen noch nach vier Jahren des Kampfes manifestieren.